Thema: Umgang mit Stereotypen als globale Herausforderung

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Unterrichtsmaterial zum Thema
„Umgang mit Stereotypen als
globale Herausforderung“
von
Carlos R. S. dos Santos F.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort ................................................................................................................. 1
2. Zum Aufbau des Materials ................................................................................... 2
3. Vorschläge für Unterricht und Bildungsarbeit ....................................................... 6
3.1.
Phase I – Erkennen I ........................................................................................ 6
3.2.
Phase II – Erkennen II ...................................................................................... 7
3.3.
Phase III – Bewerten ........................................................................................ 8
3.4.
Phase IV – Handeln I ........................................................................................ 9
3.5.
Phase V – Handeln II ........................................................................................ 9
4. Literaturverzeichnis ............................................................................................ 11
5. Anhang............................................................................................................... 12
Anhang 1: Infokarte zu den Ländern ........................................................................ 12
Anhang 2: Interviews ................................................................................................ 21
erstellt :
Im Rahmen des Seminars Theorie und Praxis Globalen Lernens (WS 2011/12)
am Institut für Bildung und Kultur - Friedrich-Schiller-Universität Jena
Seminarleiter: Benjamin Bunk, M.A.
im WS 2011/12
vorgelegt von:
Carlos R. S. dos Santos F.
Studiengänge: Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und Erziehungswissenschaft (B.A.)
carlos.santos[at]uni-jena.de
1. Vorwort
Stereotype werden als mentale Repräsentation über eine soziale Gruppe von Menschen verstanden. Viele von unseren Stereotypen werden durch elterliche Erziehung
sowie durch unsere Sozialisation innerhalb einer Kultur erlernt. Eine der wichtigsten
Funktionen von Stereotypen ist, uns ein vereinfachtes Bild unserer Umwelt geben.
Daher gelingt es uns, uns in fremden Situationen schneller zu orientieren und Verknüpfungen zu bekannten Sachverhalten herzustellen. Zudem sind Stereotype Kultur
geprägt und werden unbewusst aktiviert.
Globalisierungsprozesse haben die Welt und unsere Art und Weise zu leben stark
geändert. Durch diese ‚neue‘, ‚buntere‘ und ‚gemischtere‘ Welt werden wir globalen
Herausforderungen auf politischen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Ebenen gegenüber gestellt. In diesem Zusammenhang kann unser ‚Umgang mit Stereotypen‘ in einer globalisierten Welt eine wesentliche Rolle spielen. Dies geht über die
‚einfache‘ Vorstellung der Länder-Stereotype hinaus. Im Vordergrund steht nun unsere Haltung, besonders während interkulturellen Begegnungen, die sowohl zur Verschärfung von Stereotypen und Vorurteilen als auch zur Sensibilisierung gegenüber
Angehörigen anderer Kulturen führen können.
Aufgrund ihrer kognitiven Funktionen lassen sich Stereotype nicht komplett abbauen,
sondern eher verändern bzw. relativieren. Ein bewusster Umgang mit Stereotypen in
einer globalisierten Welt setzt von uns ‚neue‘ Haltungen voraus. Daher steht im Mittelpunkt des vorliegenden Unterrichtsmaterials die Rolle des Stereotyps als Voraussetzung für einen respektvollen Umgang mit anderen Kulturen und ein friedliches
Zusammenleben in einer globalisierten Welt.
Das vorliegende Unterrichtsmaterial bietet nicht die ‚richtigen‘ und ‚endgültigen‘ Anweisungen zur Behandlung dieses Themas im Unterricht. Dieses Material besteht
aus Vorschlägen, die je nach Lernzielen und Rahmenbedingungen angepasst werden sollen.
Jena, den 11.03.2012.
Carlos R. S. dos Santos F.
1
2. Zum Aufbau des Materials
Dieses Unterrichtsmaterial wurde im Rahmen des Seminars ‚Theorie und Praxis Globalen Lernens‘ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Wintersemester
2011/2012 entworfen und gehört zur in diesen Seminar entworfenen Ausstellung
zum Thema ‚Globales Lernen‘.
Das vorliegende Unterrichtsmaterial besteht aus fünf Unterrichtseinheiten. Jede Unterrichtseinheit dauert ca. 90 Minuten. Neun Infokarten über verschiedene Länder
gehören zu den Arbeitsmaterialien der Unterrichtseinheiten. Jede Infokarte besteht
aus zwei Seiten, eine Seite mit verschiedenen Informationen über ein Land und die
andere Seite mit einem Interview eines Einwohners dieses Landes.
Dieses Material richtet sich an jugendliche Schüler und wird aufeinander aufgebaut.
Infolgedessen wird vom Verfasser dieses Unterrichtsmaterials darauf hingewiesen,
dass alle Unterrichtseinheiten in der hier dargestellten Reihenfolge durchgeführt werden sollen, um das in diesem Unterrichtsmaterial vorgeschlagene Bildungsziel zu
erreichen. Jedoch ist es auch möglich, je nach Lernziel, nur einige Teile der Unterrichtseinheiten zu benutzen. Zudem ist zu ergänzen, dass die Erfüllung technischer
Voraussetzungen, wie z.B. Zugang zu Rechnern für die Durchführung einiger Phasen der Unterrichtseinheiten, erforderlich ist.1
Als wissenschaftliche Grundlage für die Entwicklung dieses Unterrichtsmaterials gelten das Seminar ‚Theorie und Praxis Globalen Lernens‘ an sich und die von der Kultusministerkonferenz (KMK) und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) herausgegebene Publikation ‚Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung‘.2 Das übergeordnete Bildungsziel des
vorliegenden Materials lautet ‚Veränderung und Relativierung von Stereotypen‘. Um
dieses Bildungsziel zu verfolgen, werden die Unterrichtseinheiten in Anlehnung an
die Kompetenzbereiche der oben genannten Publikation, nämlich erkennen, bewerten
und
handeln,
aufgebaut.
In der kommenden Tabelle sind die innerhalb der Unterrichtseinheiten geförderten
Kompetenzen und Fähigkeiten sowie die Lernziele jeder Phase zusammengefasst zu
finden.
1
Im Kapitel 3 des vorliegenden Unterrichtsmaterials werden alle erforderlichen Arbeitsmaterialien
detailliert dargestellt.
2 Andere angewendete Literaturen sind im Literaturverzeichnis dieses Materials zu finden.
2
3
Übergeordnetes Bildungsziel der Unterrichtseinheiten: Veränderung und Relativierung von Stereotypen
Unterrichtseinheiten zum Thema „Umgang mit Stereotypen als globale Herausforderung“
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
ERKENNEN I
ERKENNEN II
BEWERTEN
HANDELN I
HANDELN II
Fähigkeit zur Orientierung
Fähigkeiten zum Perspektivenwechsel
Fähigkeiten zur Mitverantwortung
in komplexen Themenfeldern
und zur Empathie
und Partizipation
Lernziel der Phase:
Lernziel der Phase:
Lernziele der Phase:
Lernziel der Phase:
Lernziele der Phase:
o Stereotype über
o Auseinandersetzung o Kritische Auseinandersetzung mit eigenen
o Kritische Reflexion o Das Erkennen der
bestimmte Länder
mit dem Begriff
Stereotypen, die in den zwei vorherigen
über die vorherigen
eigenen Rolle als
aktivieren und Ste„Stereotyp“ auf der
Phasen dargestellt wurden. Der Versuch,
Phasen und mögliIndividuum bzw.
reotype „erleben“.
kognitiven Ebene.
einen „Vergleich“ herzustellen  Was ich
che veränderte
als Angehöriger eidachte (denke), wie es eigentlich ist.
Einstellungen,
ner Gesello Das Erkennen der Rolle eines bewussten
Meinungen hinschaft/Kultur beUmgangs mit Stereotypen in einer globalisichtlich des Thezüglich des Thesierten Welt.
mas „Umgang mit
mas „Umgang mit
Stereotypen als
Stereotypen als
globale Herausforglobale Herausforderung“ darzustelderung“.
len.
o Die erworbenen
Kenntnisse über
das Thema „Umgang mit Stereotypen als globale
Herausforderung“
an andere Schüler
/ an die Gesellschaft weiterzuleiten.
4
5
3. Vorschläge für Unterricht und Bildungsarbeit
3.1. Phase I – Erkennen I
Bereich: Erkennen I
Thema: Umgang mit Stereotypen als globale
Herausforderung
Zeit: 90 Minuten.
Kurzbeschreibung: Diese Phase dient für
als Einstieg in das Thema. Zunächst werden
die Schüler mit ihren eigenen Stereotypen auf
der Ebene der „Länder-Stereotype“ konfrontiert. Anschließend setzen sich die Schüler
mit Stereotypen aus der Sicht eines Angehörigen eines anderen Landes bzw. einer anderen Kultur auseinander.
Lernziele: Stereotype über bestimmte Länder aktivieren und Stereotype erleben (Rollenspiel).
Sozialform: Je nach Anzahl der Schüler
kann diese Phase in Einzelarbeit, Partnerarbeit oder Gruppenarbeit durchgeführt werden.
Die Lehrperson muss dafür sorgen, dass ausreichend Kopien der Infokarten zur Verfügung
stehen.
Medien/Arbeitsmaterial: Infokarte über die
Länder – Teil ‚Allgemeine Informationen‘, Papier und Stift.
Lehraktivität: (1) Die Lehrperson zeigt den
Schülern Infokarten über verschiedene Länder. Die Länder sind: Bolivien, Neuseeland,
Fidschi, China, Türkei, Norwegen, Malawi,
Kirgisistan und Curaçao. Die Schüler sollen
sich ein Land bzw. eine Karte aussuchen und
ausgehend von den Informationen, die auf
dieser Karte stehen (Fläche, Einwohner,
Hauptstadt, Währung usw.), die folgenden
Fragen beantworten.
o Wie leben die Einwohner dieses Landes?
o Sind sie fröhlich, streng, kommunikativ
usw.?
o Gibt es in diesem Land ausreichende
Arbeitsmöglichkeiten für alle?
o Ist es dort gefährlich?
o Was habe ich von diesem Land schon
gehört/gesehen?
o Usw.
(2) Wenn die Schüler fertig mit der ersten
Aufgabe sind, bekommen sie die folgende
Aufgabe: Du bist jetzt ein deutscher Journalist und interviewst Leute aus der ganzen
Welt.
Dein Interview soll sich auf die Leitfrage „Was
denken Sie über das Leben“ beziehen.
(Die Schüler sollen sich sowohl in die Rolle
des Journalisten als auch in die Rolle des
Einwohners des Landes – Bezug auf die Infokarte – hineinversetzen)
o Was bezeichnen Sie als Heimat?
o Haben Sie schon einmal daran gedacht, auszuwandern?
o Was haben Sie zuletzt geschenkt bekommen?
o Was braucht Ihre Nachbarschaft?
o Haben Sie eine Lieblingserinnerung?
o Wofür sind Sie dankbar?
Lernaktivität: (1) Zuerst sollen die Schüler
ihr eigenes Bild über das Land beschreiben.
Die Leitfragen dienen nur als Beispiel. Die
Schülersollen weitere Informationen über das
Land sammeln bzw. sich ausdenken.
(2) Die Schüler sollen auf die Fragen antworten, als wären sie tatsächlich ein Angehöriger
des Landes bzw. dieser Kultur. Es ist auch
notwendig, die Frageliste zu erweitern.
Weitere Kommentare: In dieser Phase ist es
nicht unbedingt wichtig zu überprüfen, ob die
von den Schülern aufgeschriebenen Informationen oder die Information aus den Interviews richtig sind. Die Antworten werden in
der kommenden Phase präsentiert und diskutiert.
6
3.2. Phase II – Erkennen II
Bereich: Erkennen II
Thema: Umgang mit Stereotypen als globale
Herausforderung
Zeit: 90 Minuten.
o Wäre es möglich Stereotype komplett
abzubauen? Würde dies zu großen
Veränderungen in unserem Alltag führen?
o Stereotype abbauen oder relativieren?
Kurzbeschreibung: In dieser Phase präsentieren die Schüler ihre Interviews. Zudem beschäftigen sie sich mit dem Begriff ‚Stereotyp‘
auf einer kognitiven Ebene.
Lernaktivität: Die Schüler sollen eine Präsentation (ihre Interviews) für die anderen
Schüler vorbereiten, sich an den Diskussionen aktiv beteiligen und sich gegenseitig Fragen stellen.
Lernziele: Auseinandersetzung mit dem Begriff „Stereotyp“ auf der kognitiven Ebene.
Weitere Kommentare: Bei der Präsentation
der Interviews gibt es keine „richtige“ oder
„falsche“ Antwort. Wichtiger ist an dieser Stelle, dass die Ergebnisse der Interviews mit
schon bekannten Informationen über die Stereotypenforschung in Bezug gesetzt werden.
Sozialform: Einzelarbeit oder Partnerarbeit.
Je nachdem wie die Aufgabe der vorherigen
Phase bearbeitet wurde. Die Präsentation
und Diskussion finden im Plenum statt.
Medien/Arbeitsmaterial: Projektor (Folie),
Computer (Powerpoint).
Lehraktivität: (1) Die Präsentation der Interviews und die Diskussion nach jeder Präsentation moderieren. Frage an die Schüler stellen.
o Wieso fällt es uns so schwer, für einige
Länder eine Antwort zu finden?
o Wieso kommen in einigen Fällen ähnliche Antworten vor und in andere
nicht?
o Wären wir nicht in Deutschland bzw.
hätten wir einen anderen kulturellen
Hintergrund, hätten wir andere Antworten gegeben? Warum, ja/nein?
o usw.
(2) Mit den Schülern diskutieren:
o Was ist eigentlich ein Stereotyp?
o Welche Funktionen haben Stereotype?
o Wie wirken sich Stereotype auf unser
alltägliches Leben aus?
o Worin unterscheiden sich Stereotype
von Vorurteilen?
7
3.3. Phase III – Bewerten
Bereich: Bewerten
Thema: Umgang mit Stereotypen als globale
Herausforderung
o
Zeit: 90 Minuten.
Kurzbeschreibung: In dieser Phase erhalten
die Schüler Interviews der Zeitschrift ‚Geo‘
zum Durchlesen. Zudem wird der Begriff
„Stereotyp“ bzw. „Umgang mit Stereotypen“
als globale Herausforderung betrachtet/präsentiert.
o
o
o
Lernziele: Kritische Auseinandersetzung mit
eigenen Stereotypen, die in der zwei vorherigen Phasen dargestellt wurden. Der Versuch,
einen „Vergleich“ herzustellen  Was ich
dachte (denke), wie es eigentlich ist.
Das Erkennen der Rolle eines bewussten
Umgangs mit Stereotypen in einer globalisierten Welt.
immer möglich, diese Begriffe genauer
zu unterscheiden?
Wieso können Vorurteile gefährlich
sein? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Vorurteil und Gewalt,
wie z.B. Fremdfeindlichkeit?
Wieso ist es heutzutage wichtig, einen
bewussten Umgang mit Stereotypen
zu fördern?
Kann ein bewusster Umgang mit Stereotypen einen Beitrag für eine bessere Welt leisten? („Gerechtere“ Welt?)
Kann ein bewusster Umgang mit Stereotypen einen Beitrag für ein friedliches Zusammenleben leisten? Inwiefern?
Lernaktivität: Die Schüler sollen sich an den
Diskussionen aktiv beteiligen und sich gegenseitig Fragen stellen.
Weitere Kommentare:
Sozialform: Plenum (Stuhlkreis).
Medien/Arbeitsmaterial: Infokarten über die
Länder – Teil ‚Interview Geo‘.
Lehraktivität: Die Lehrperson zeigt den
Schülern die Interviews der Zeitschrift Geo
und moderiert eine Diskussion.
Einige Beispielfragen für die Diskussion.
o Was ich (wir) in der ersten Phase geschrieben habe(n), stimmt mit dem,
was in den Interviews geschrieben
steht, überein (oder teilweise)?
o Wie gehe ich damit um, wenn ich in
meinem Alltag Leuten begegne, die
aus diesen Ländern kommen oder einen ähnlichen kulturellen Hintergrund
haben?
o Wie gehe ich mit Schülern mit Migrationshintergrund um?
o Wird in den Interviews über Stereotype
oder Vorurteile geschrieben? Ist es
8
3.4. Phase IV – Handeln I
Bereich: Handeln I
Thema: Umgang mit Stereotypen als globale
Herausforderung
o
Zeit: 90 Minuten.
o
Kurzbeschreibung: In dieser Phase stellen
die Schüler die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema „Umgang mit Stereotypen als globale Herausforderung“ dar.
Lernziele: Kritische Reflexion über die vorherigen Phasen und Darstellung von möglicherweise veränderten Einstellungen und Meinungen hinsichtlich des Themas „Umgang mit
Stereotypen als globale Herausforderung“.
Sozialform: Einzelarbeit
Medien/Arbeitsmaterial: Papier und Stift.
Lehraktivität: Ausgehend vom Wissen und
von der Erfahrung, die in den vorherigen
Phasen gelernt/gesammelt wurden, sollen die
Schüler einen Aufsatz zum Thema „Zur Rolle
des Stereotyps als Voraussetzung für einen
respektvollen Umgang mit anderen Kulturen
und ein friedliches Zusammenleben in einer
globalisierten Welt“ verfassen.
Die Lehrperson unterstützt die Schüler beim
Aufbau ihres Textes mit Hilfe einiger Fragen,
die die Schüler in ihren Aufsätzen beantworten können:
o Was ist eigentlich ein Stereotyp?
o Welche Funktionen haben Stereotype?
o Wie bin ich mit meinen eigenen Stereotypen umgegangen und was hat sich
jetzt möglicherweise geändert?
o Werde ich von den anderen stereotypiert? Betrachte ich die anderen mit
einem stereotypierten Blick? Wieso
kommt es dazu?
o Wird die Rolle des Stereotyps (des
Umgangs mit Stereotypen) in unserer
o
o
Gesellschaft immer wichtiger? Ja/Nein
– Warum?
Inwiefern können Stereotype und Vorurteile gefährlich sein?
Was können wir als Individuum einer
Gesellschaft/Kultur machen, um einen
bewussten Umgang mit Stereotypen
zu fördern?
Kann ein bewusster Umgang mit Stereotypen einen Beitrag für eine bessere Welt leisten? („Gerechtere“ Welt?)
Inwiefern?
Kann ein bewusster Umgang mit Stereotypen einen Beitrag für ein friedliches Zusammenleben leisten? Inwiefern?
Lernaktivität: Die Schüler sollen ihre Aufsätze schreiben und falls möglich, den anderen
Schülern vorstellen.
Weitere Kommentare: Die Schüler könnten
die Frage „Welchen Beitrag kann ich als Individuum bzw. als Angehöriger einer Gesellschaft/Kultur leisten, um einen bewussten
Umgang mit Stereotypen zu fördern?“ als
Hausaufgabe bearbeiten, da sie eine wesentliche Rolle in der kommenden Phase dieses
Unterrichtsmaterials spielt.
3.5. Phase V – Handeln II
9
Bereich: Handeln II
Thema: Umgang mit Stereotypen als globale
Herausforderung
„einen respektvollen Umgang mit anderen
Kulturen“ hervorheben. Der Zusammenhang
zwischen Stereotypen und Vorurteilen oder
zwischen Vorurteilen und Gewalt kann ebenfalls dargestellt werden.
Zeit: 1 oder 2 Wochen
Kurzbeschreibung:
In dieser Phase fassen die Schüler die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem
Thema „Umgang mit Stereotypen als globale
Herausforderung“ in Form von Bannern zusammen.
Lernziele: Das Erkennen der eigenen Rolle
als Individuum bzw. als Angehöriger einer
Gesellschaft/Kultur bezüglich des Themas
„Umgang mit Stereotypen als globale Herausforderung“.
Die erworbenen Kenntnisse der vorherigen
Phasen an andere Schüler / an die Gesellschaft weiterzuleiten.
Sozialform: Gruppenarbeit (Drei oder mehr
Schüler – Je nach Anzahl der Schüler in der
Klasse).
Es gibt keine Vorlage für die Gestaltung der
Banner. Die Schüler können ihre Banner mithilfe von Bildern, Texten (Aufsätze), „Was ist
typisch-Listen“, usw. gestalten. Es wäre auch
möglich, anstatt eines Banners, ein anderes
Medium zu benutzen, oder auch, die Banner
mithilfe eines Rechners zu entwerfen. Diese
Entscheidung hängt mit anderen Faktoren
zusammen, deswegen beschränkt sich der
Verfasser dieses Unterrichtsmaterials auf das
Medium „Banner“, um vorerst auf technischen
Aufwand zu verzichten.
Die Banner können erstmals im Schulgebäude ausgestellt werden. Je nach Ergebnissen
der Banner wäre es ebenso vorstellbar, die
Banner in öffentlichen Einrichtungen wie z.B.
das Bürgerbüro oder das Ausländerbüro einer Stadt auszustellen.
Medien/Arbeitsmaterial: Banner A1, Stiften.
Lehraktivität: Die Lehrperson unterstützt die
Schüler beim Entwurf eines Banners zum
Thema „Stereotyp als globale Herausforderung“.
Für diese Phase soll die Lehrperson mit noch
einer oder zwei Sitzung(en) für die Entwicklung eines Konzepts und für die Übertragung
dieses Konzepts auf das Banner rechnen.
Lernaktivität: Die Schüler sollen ein Banner
entwerfen.
Weitere Kommentare: Auf den Bannern sollen die Schüler den Zusammenhang zwischen dem „Umgang mit Stereotypen“ und
10
4. Literaturverzeichnis
Bierhoff, Hans-Werner; Frey, Dieter (2011): Sozialpsychologie - Individuum und soziale
Welt.
Göttingen: Hogrefe.
BMZ/KMK (2007): Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung im
Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung.
EWIK - Eine Welt Internet Konferenz (2010): Umgang mit Stereotypen und Vorurteilen in
der
Bildungsarbeit. Online verfügbar unter
http://www.ewik.de/coremedia/generator/ewik/de/Newsletter/Ausgabe_20Dezember_20201
0/Ausgabe_20Dezember_202010,templateId=as__html,isArchiv=true.html [11.02.2012].
IIKD – Institut für interkulturelle Kompetenz & Didaktik: Stereotyp und Vorurteil –
Definitionen & Begrifflichkeit. Online verfügbar unter http://www.ikud.de/Stereotyp-undVorurteil.html [07.01.2012].
Jank, Werner/Meyer Hilbert (2009): Didaktische Modelle. 9. Aufl. Berlin: Cornelsen Scriptor.
Krämer, Georg (2006): Entwicklungshindernis Gewalt. Ein Arbeitsbuch über neue Kriege
und
erzwungene Armut - für Oberstufe und Erwachsenenbildung ; [mit CD]. 1. Aufl. Wuppertal:
Hammer.
Krämer, Georg (2007/2008): Was ist und was will "Globales Lernen"? In: VENRO (Hg.):
Jahrbuch Globales Lernen. Globales Lernen als Herausforderung für Schule und Zivilgesellschaft. Bonn: VENRO, S. 1–3.
Lin-Klitzing, Susanne (1999): Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe.
Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Weinheim u.a: Beltz (Studien zur
Schulpädagogik und Didaktik, 17).
Nicklas, H./Ostermann Ä. (1993): Friedensfähigkeit. Aspekte der bisherigen
friedenspädgogischen Diskussion und Perspektiven für die Zukunft. In: Johan Galtung
(Hg.):
Gewalt im Alltag und in der Weltpolitik. Friedenswissenschaftliche Stichwörter zur
Zeitdiagnose. Münster: Agenda-Verl (Agenda Frieden, 1), S. 59–70.
Thomas, Bernd (2009): Rollenspiel. In: Karl-Heinz Arnold (Hg.): Handbuch Unterricht. 2.
Aufl. Bad Heilbronn: Klinkhardt, S. 243–246.
VENRO (Hg.) (2007/2008): Jahrbuch Globales Lernen. Globales Lernen als Herausforderung für Schule und Zivilgesellschaft. Bonn: VENRO.
Welthaus Bielefeld (2012): Das „Globale Lernen“ als Bildungskonzept. Bildungsbereich:
Globales Lernen. Online verfügbar unter http://www.welthaus.de/bildungsbereich/globaleslernen/ [21.11.2012].
11
5. Anhang
Anhang 1: Infokarte zu den Ländern
Bolivien
Bolivien
Süd- Amerika
Fläche:
Einwohner:
Hauptstadt: Sucre
Regierungssitz: La Paz
Amtssprache: Spanisch, Ketschua,
Aimará
Währung: 1€ = 8,70 Bs (Boliviano)
Religionen: 78% Katholiken, 16% Protestanten oder Evangelikale, 3% andere Religionen, 2,5% religionslos
Regierungsform: Präsidialrepublik
Unabhängigkeit: 6.8.1825 (ehem. Spanische Kolonie)
Wirtschaft:
BIP 2009 – 17,6 Mrd. US-$
Arbeitslosigkeit: 8,5% (2009)
Quelle: Der Fischer Weltalmanach 2011.
12
Neuseeland
Neuseeland
Ozeanien
Fläche:
Einwohner:
Hauptstadt: Wellington
Amtssprache: Englisch, Maori
Währung: 1€ = 1,84 NZ$ (NeuseelandDollar)
Religionen: 32% religionslos, 14% Anglikaner, 13% Katholiken, 10% Presbyterianer, 3% Methodisten, 1,7% Maori-Kirchen,
10% k. A.
Regierungsform: Parlamentarische Monarchie
Unabhängigkeit: 26.09.1907
Wirtschaft:
BIP 2008/98 – 117,8 Mrd. US-$
Arbeitslosigkeit: 6,2% (2009)
Quelle: Der Fischer Weltalmanach 2011.
13
Fidschi
Fidschi
Ozeanien
Fläche:
Einwohner:
Hauptstadt: Suva
Amtssprache: Fidschianisch, Hindi, Englisch
Währung: 1€ = 2, 51 $F (Fidschi-Dollar)
Religionen: 64% Christen (davon 54%
Methodisten, 14% Katholiken), 28% Hindus, 6% Muslime u. a.
Regierungsform: Präsidialrepublik
Unabhängigkeit: 10.10.1970 (ehem. Britische Kolonie)
Wirtschaft:
BIP 2008 – 3,590 Mrd. US-$
Arbeitslosigkeit: 8,1% (2007)
Quelle: Der Fischer Weltalmanach 2011.
14
China
China
Ost-Asien
Fläche:
Einwohner:
Hauptstadt: Beijing
Amtssprache: Chinesisch
Währung: 1€ = 8,40 RMB (Renminbi
¥uan)
Religionen: 100 Mio. Buddhisten, 20 Mio.
Daoisten, 20 Mio. Muslime, 15 Mio. Protestanten, 13 – 14 Mio. Katholiken, Konfuzianismus weit verbreitet
Regierungsform: Einparteiensystem
Unabhängigkeit: Ausrufung der Volksrepublik durch Mao Zedong
Wirtschaft:
BIP 2009 – 4900 Mrd. US-$
Arbeitslosigkeit: 4,3% (2009)
Quelle: Der Fischer Weltalmanach 2011.
15
Türkei
Türkei
Südost-Europa/Vorder-Asien
Fläche:
Einwohner: 73914
Hauptstadt: Ankara
Amtssprache: Türkisch, kurdische Sprachen, Arabisch
Währung: 1€ = 1,93 YTL (Türkische Lira)
Religionen: 99% Muslime (davon 70%
Sunniten, 15 – 25% Aleviten, Minderheiten
von Christen und Juden
Regierungsform: Parlamentarische Republik
Unabhängigkeit: 29.10.1923 (Ausrufung
der Republik Türkei)
Wirtschaft:
BIP 2009 – 441 Mrd. €
Arbeitslosigkeit: 12,5% (2009)
Quelle: Der Fischer Weltalmanach 2011.
16
Norwegen
Norwegen
Nord-Europa
Fläche:
Einwohner:
Hauptstadt: Oslo
Amtssprache: Norwegisch
Währung: 1€ = 7,95 nkr (Norwegische
Krone)
Religionen: 86 Christen (81% Lutheraner,
4% andere Protestanten, 1% Katholiken),
1,5% Muslime u. a.
Regierungsform: Konstitutionelle Monarchie
Unabhängigkeit: 27.10.1905 (Austritt aus
der Union mit Schweden)
Wirtschaft:
BIP 2009 – 275,9 Mrd. €
Arbeitslosigkeit: 3,1% (2009)
Quelle: Der Fischer Weltalmanach 2011.
17
Malawi
Malawi
Südost-Afrika
Fläche: 118 484
Einwohner:
Hauptstadt: Lilongwe
Amtssprache: Chichewa, Englisch
Währung: 1€ = 185,81 MK (MalawiKwacha)
Religionen: 86 Christen, 13% Muslime,
7% indigene Religionen
Regierungsform: Präsidialrepublik
Unabhängigkeit: 6.07.1964 (ehem. Britisches Protektorat)
Wirtschaft:
BIP 2008 – 4,269 Mrd. US-$
Arbeitslosigkeit: k. A.
Quelle: Der Fischer Weltalmanach 2011.
18
Kirgisistan
Kirgisistan
Zentral-Asien
Fläche:
Einwohner: 5 278 000 =
Hauptstadt: Bischkek
Amtssprache: Kirgisisch, Russisch
Währung: 1€ = 57,12 K. S. KirgisistanSom
Religionen: 80% Muslime, 10% orthodoxe
Christen, Katholiken, Protestanten, Buddhisten u. a.
Regierungsform: Parlamentarische Demokratie
Unabhängigkeit: 31.08.1991
Wirtschaft:
BIP 2008 – 5,059 Mrd. US-$
Arbeitslosigkeit: 3,3 %
Quelle: Der Fischer Weltalmanach 2011.
19
Curaçao
Curaçao
Mittel-Amerika
Fläche:
Einwohner:
Hauptstadt: Willemstad
Amtssprache: Niederländisch, Papiamentu
Währung: k. A.
Religionen: k. A.
Regierungsform: Parlamentarische Monarchie
Unabhängigkeit: seit dem 10. Oktober
2010 ein autonomer Landesteil im Königreich der Niederlande.
Wirtschaft: k. A.
Quelle: Der Fischer Weltalmanach 2011.
20
abgebrochen habe. Seit ich
sieben war, habe ich nach der
Schule meiner Mutter geholfen,
sie hatte einen Kaffeestand
genau hier an dieser Stelle. Mit
zwölf Jahren habeich dann zu
meinem Vater gesagt: Ich will
nicht mehr zur Schule gehen. Er
hat das akzeptiert. Leider. Ich
habe einen großen Fehler
gemacht. Ich wäre so gern
Krankenschwester geworden.
Anhang 2: Interviews
WELTBÜRGER
Wofür sind Sie dankbar?
Dass mein Sohn, er ist 13,
vielleicht eines Tages studieren
kann.
Was erffüllt Sie mit Hoffnung?
Die Jungfrau von Urkupina.
Zu ihr bete ich, dass wir eines
Tages ein Haus kaufen kann.
Was bezeichen Sie als Heimat?
Achacachi, mein Dorf. Hier
kenne ich alle. Achacachi ist in
ganz Bolivien bekannt: Der
Kampf fürdie Recht der Indígenas
wurde von uns härtesten geführt.
Dass Evo Morales heute
Präsident ist, hat er auch uns zu
verdanken.
Halte Sie sich für eine gute
Freundin?
Ja. Weil ich gut zuhören kann.
Was würden Sie eine Freundin
nicht verzeihen?
Missgunst und Neid. So wie bei
der da. (Sie deutet auf die Frau,
die einen identischen Kaffeestand
auf der anderen Seite der Straße
betreibt). Sie erträgt es nicht,
dass ich mehr verkaufe als sie.
Seit 28 Jahren reden wir kein
Wort miteinander. Nur manchmal
beschimpft sich mich. Eine
„separada“ (Verlassene) nennt
sie mich dann, oder eine
„prestada“ (Geldverleiherin). Aber
ich achte nicht darauf.
Auf was an Ihrer Heimat
können Sie verzichten?
Die Korruption. Gibt es einen im
Bürgermeisteramt, der nicht in die
Kasse greift?
Was haben Sie zuletzt
geschenkt bekommen?
Ein Mobiltelefon, einer meiner
Kunden hat es mir gegeben.
Haben Sie jemals erwogen,
auszuwandern?
Nein. Ich würde umziehen,
wenn unser Sohn studiert. Aber
ins Ausland? Niemals. Was soll
ich da?
Gibt es Tier, das Ihnen etwas
bedeutet?
Ja, mein Hahn Carlito. Ich
hänge sehr an ihm. Ich habe ihn
großgefüttert mit dem, was bei
uns übrig bleibt. Ein herrliches
Tier. Ich beobachte ihn gern.
Wie viel Zeit am Tag gehört
Ihnen?
Überhaupt keine. Um drei Uhr
morgens baue ich meinen Stand
auf. Von elf bis 16 Uhr mache ich
Mittagspause. In ihr kümmere ich
mich um den Haushalt. Zeit für
mich habe ich eigentlich nur auf
Festen. Wenn ich mit meinen
Freundinnen Schnaps trinke und
tanze.
Wer sagt Ihnen die Wahrheit?
Niemand. Mein Sohn flunkert,
mein Mann flunkert. Sie
versprechen Dinge, die sie nicht
halten.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ja. Ich will nicht sterben. Ich
will meinen Sohn nicht alleine
zurücklassen.
Was kommt danach?
Danach komme ich in die
Hölle. Ich bin eine Sünderin. Ich
habe gelogen, ich habe
gestohlen. Gut, es ist lange her,
aber trotzdem. Ich denke nicht,
dass viele Menschen ins
Paradies kommen. Wir kommen
alle in die Hölle. Wie es dort
aussieht? Heiß ist es dort, und
Quelle:
Zeitschrift
GEO,
Ausgabe
man
wird
uns die
Nägel
abziehen,
07/2011.
ehe man uns mit heißen Eisen
verbrennt.
Was war Ihre größte
Enttäuschung?
Dass ich die Schule
21
WELTBÜRGER
Was war das größte Glück Ihrer
Kindheit?
Sonntags fuhren wir immer mit
unserem Motorboot raus auf eine
kleine Insel zum Picknick. Ich
liebe Wassersport und bin froh,
dass meine Kinder hier in der
Südsee auch so aufwachsen
können.
Was sollen Ihre Kinder so machen wie Sie selbst?
Ich hoffe, sie finden ihren
Sport, bleiben dabei und betreiben ihn als Leistungssport. Für
mich ist es das Auslegerkanu.
Eigentlich müsste ich zweimal am
Tag trainieren, um nach der Geburt der Kinder wieder reinzukommen. Meine Tochter Tracey
war gerade als Jüngste bei den
Mini South Pacific Games dabei.
Ich habe geheult!
Was war Ihre größte Enttäuschung?
Als ich mit 17 schwanger
wurde. Ich dachte, mein Leben
wäre vorbei. Ich war gerade mit
der Schule fertig, und Traceys
Vater war mein erster Freund.
Seine Familie wollte, dass wir
heiraten, aber ich wollte studieren
und dann reisen. Ich sah mich
gefangen als Hausfrau. Mein
Leben wäre in die falsche Richtung
gelaufen. Das ist die Normalität
für die meisten Fidschianerinnen.
Du kannst zwar arbeiten, aber du
hast keine Karriere, kein eigenes
Leben. Traceys Vater bestand
sogar darauf, dass ich das Paddeln aufgab. Ich war zwar Mutter,
aber ich war doch erst 18! Zum
Glück haben meine Eltern mich
unterstützt. Ich bin nochmal davongekommen.
Was braucht Ihre Nachbarschaft?
Mehr Sicherheit. Wir haben im
vergangenen Jahr zwei sehr gewalttätige Raubüberfälle erlebt.
Beim ersten Mal drangen fünf
Männer mit langen Messern bei
uns ein. Ich war schwanger und
mit unserem Baby oben im
Schlafzimmer. Als ich die Männer
kommen hörte, sprach ich durchs
Fenster raus auf die Dachterrasse und von dort runter, um Hilfe
zu holen. Während ich davonrannte, hörte ich, wie sie meinen
Mann zusammenschlugen. Ich
habe noch nie so viel Angst gehabt. Ich schrie wie eine Verrück-
te, dann kamen die Nachbarn,
und die Männer verschwanden.
Der zweite Überfall war bei den
Nachbarn. Mein Mann wollte helfen. Dabei haben sie ihm mit der
Machete fast den Ellbogen abgehackt. Die Operation hat uns
7000 Dollar gekostet. Danach
sind wir in ein anderes Viertel
gezogen.
Fürchten Sie sich vor den Armen?
Ich fürchte mich vor dem, was
sie mir antun könnten. Ich bin
daher immer überfreundliche zu
ihnen. Wenn sie die Straße entlanglaufen, nehme ich sie im Auto
mit. Ich schenke ihnen abgelegte
Kleidung. Ein paar von ihnen
kampieren am Ende unseres
Grundstücks, aber ich will sie da
nicht vertreiben. Wenn ich sie
verärgere, dann kommen sie und
machen mir das Leben zur Hölle.
Da kann mir auch die Polizei nicht
helfen. Ich will nicht in einem
Gefängnis mit Wachen vor der
Tür leben.
Gibt es ein Tier, das Ihnen etwas bedeutet?
Unser Wachhund Dakota. Er
bellt jeden an, der am Haus vorbeiläuft und dunkle Haut hat. Das
ist eigentlich schlimm, denn ich
bin ja selbst dunkelhäutig. Dakota
konnte bereits zwischen Ethnien
unterscheiden, als wir ihn bekamen. Ich glaube, sie richten die
Hunde darauf ab.
Wenn Sie die Macht hätten –
was würden Sie befehlen?
Dass jeder sein Land bestellt.
Es gibt keinen Grund dafür, dass
in Fidschi Armut herrscht. Wir
haben so viel fruchtbares Land –
steck einen Stock in die Erde,
und er fängt an zu wachsen. Am
liebsten würde ich jedem verbieten, in die Stadt zu ziehen, wenn
er dort keine Arbeit hat. Bleibt in
eurem Dorf und pflanzt etwas an,
dann wird es euch gut gehen!
Quelle: Zeitschrift GEO, Ausgabe
07/2011.
22
23
fiinde, die Gegend von Lijiang ist
eine Umgebung, die einem viel
Frieden gibt. Ruhm und Reichtum
stehen weniger im Mittelpunkt.
Man wird ein friedlicherer und
verzeihenderer Mensch hier. Das
habe ich an mir selbst
gestgestellt.
WELTBÜRGER
Was war das größte Glück Ihrer
Kindheit?
Meine größte Freude war
Zeichen. Aber alles, was ich
hatte, waren ein einziger Bleistift
und manchmal Papierfetzen.
Meine Familie war wirklich arm.
Was war Ihre größte
Enttäuschung?
Meine Eltern konnte uns
Kindern nicht viel bieten. Ich bin
deswegen unzufrieden mit ihnen
gewesen und habe nicht vie für
sie getan. Das habe ich mein
Leben lang sehr bedauert.
Was war Ihr bisher bestes
Lebensjahr?
Als ich 18 war. Damals
wurden viele Leute zur Feldarbeit
rekrutiert. Der Lohn war nicht
sehr hoch. Weshalb ich mich
daran erinnere: Mit den 65 Yuan
konnte ich mir meinen ersten
Pinsel kaufen, meinen ersten Stift
und mein erstes handgeschöpftes
Papier.
Wie viel Zeit am Tag gehört
Ihnen?
Drei Stunden. Während dieser
drei Stunden, morgen,
nachmittags, abends, mache ich
einen Spaziergang durch Lijiang,
ich gehe einfach los, ohne
Richtung, ohne Absicht, ohne
Anlass, um den Ort zu spüren, an
dem ich lebe.
Was beziechnen Sie als
Heimat?
Ich fühle mich sehr zu Hause
in Yunnan, obwohl ich eigentlich
aus der Provinz Sichuan komme.
Dort leben auch viele
Minderheiten, wie hier in Lijiang.
Was fehlt Ihrer
Nachbachschaft?
Dieser Ort braucht mehr
Seele. Die Menschen hier galten
immer als sehr naturverbunden.
Der Tourismus hat diese Gegend
etwas beeinträchtigt, sie hat ein
bisschen an Seele verloren.
Auf welchen Aspekt von Heimt
können Sie nicht verzichten?
Religion. Ich kann mir nicht
vorstellen, an einen Ort zu
ziehen, wo es keinen Budhismus
gibt.
Haben Sie schon einmal daran
gedacht, auszuwandern?
Nein, weil ich mich als
Künstler auf chinesische Kunst
spezialisiert habe. Und ich bin
schon über 50, es würde lang
dauern, bis ich mich an einem
neuen Ort integriert und neue
Inspiration gefunden hätte.
Was würden Sie einem Freund
nicht verzeihen?
Es gibt nichts, was man nicht
verziehen kann. Das liegt an
diesem Ort, an dem ich lebe. Ich
Haben Sie eine
Lieblingserinnerung?
eine meiner liebsten
Erinnerungen ist ein Besuch in
der Region Xishuangbanna an
der Grenze zu Birma. Dort lebt
das Volk der Dai. Ich konnte nicht
ein einziges Wort ihrer Sprache
sprechen, wir konnten uns nicht
verständigen. Ich habe dort eine
Woche mit Zeichnen verbracht.
Sie fragten mich mit einer Geste,
ob ich etwas essen möchte. Als
ich müde war, haben sie mich zu
einem ihrer Häuser gebracht und
mir eine große Decke und ein
Bett gegeben, da viel besser war
als ihre eigenen. Diese
Menschen haben mich sehr
berührt.
Wenn Sie einem Kind nur einen
Ratschlag für sein Leben
geben könnten – welcher wäre
das?
Alles andere ist nicht wichtig,
das hier schon: Ein Mensch muss
in seinem Leben Freundlichkeit
zeigen und eiknen Sinn für
Gerechtigkeit haben.
Wer sagt Ihnen die Wahrheit?
Mein zehjähriger Sohn, aber
nicht einmal bei ihm kann ich mir
sicher sein.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Was gibt es am Tod zu
fürchten? Wenn ich sterbe, wird
es mit einem Lächeln auf dem
Gesicht sein, weil ich den größten
teil meines Lebens damit
verbracht habe, das zu tun, was
ich am liebsten mochte:
Zeichnen, Künstler zu sein. Wenn
es für mich ein Leben nach dem
Tod gibt, dann hoffe ich, dass ich
eins mit der Natur werde und an
24
einen Ort gelange, an dem es
keinen Krieg und keinen
Unfrieden gibt. Wo alle freundlich
sind und im Einklang mit der
Natur leben: das, was die Westler
Shangri-La nennen.
Quelle: Zeitschrift GEO, Ausgabe
01/2012.
25
WELTBÜRGER
überreden, in ihre neuen
Heimatländer zu ziehen, weil das
Zeit Holzstöcke als Gehhilfen
benutzen, wenn ich nur ein paar
Meter vor die Tür in den Garten
gehe. Und die Ärtze haben mir
gesagt, dass es mit meinen Beinen
nicht mehr besser werden wird.
Sind Sie Ihren Freunden eine
gute Freundin?
ich glaube schon – fragen Sie
doch mal in der Nachbarschaft
hereum! Wissen Sie, ich habe
lange Zeit immer das
Hochzeitsmahl für unser Dorf
zubereitet – Pilaw, gegrilltes
Gemüse, Fleisch, Baklava. Ich bin
für alle „die Frau, die das
Hochzeitsmal kocht“ gewesen. Das
habe ich immer sehr gern getan,
und ich glaube, dass die Leute es
auch geschätzt haben.
Leben
Was bedeutet Heimat für Sie?
Mein Häuschen hier oben in den
Bergen ist der Platz, an dem ich
mich am wohlsten fühle. Ich liebe
meine Nachbarschaft, auch eine
meiner Töchter wohnt hier. Und
das Klima ist selbst im Sommer
nicht zu heiß, genau richtig für
meine gesundheit.
dort so gut sein soll, auch für die
Gesundheit. Ich habe auch
tatsächlich mal überlegt, sie
wenigstens zu besuchen, am Ende
fehlte das Geld.
Wofür sind Sie dankbar?
Alles, was wir hier haben – die
Teegärten, die Teefabriken, unsere
Häuser, unser Einkommen -,
verdanken wir dem Umstand, dass
Tee hier so gut gedeiht. Ich habe
60 Jahre lang auf den Plantagen
gearbeitet, von meinem zehnten bis
meinem 70. Lebensjahr, und es
gab immer gut zu tun. Ich bin also
für den Tee dankbar. Ohne ihn
hätten wir hier große Probleme.
Welches Jahr war das bislang
beste Ihres Lebens?
Vor zehn Jahren gab es eine
Zeit, in der eigentlich alles perfekt
war. Mein Mann lebte noch, ich war
gesund, wir haben nicht mehr so
viel gearbeitet, alles war driedlich.
Doch dann gab es ein paar
Todesfälle: Erst starb mein Mann,
dann einer meiner Söhne, dann
starben auch noch andere
Bekannte oder Verwandte; das
Leben wurde schwieriger und
dunkler.
Haben Sie überlegt, in einem
anderen Land zu leben?
Ich habe Freunde und
Verwandte in Australien und auch
in Deutschland. Sie haben schon
vor Jahren versucht, mich zu
Welche Hoffnung haben Sie
aufgegeben?
Dass meine Gesundheit
wesentlich besser wird und ich
noch einmal in den Teegärten
arbeiten kann. Ich muss seit einiger
Was war die größte Freude Ihrer
Kindheit?
Auch damals habe ich schon die
Hochzeiten im Dorf geliebt – vor
allem das Singen und Tanzen! Ich
war immer diejenige, die als Erste
getanzt hat. Die Leute haben
darauf gewartet, dass ich anfange,
dann haben sie mitgemacht.
Wenn Sie Ihren Kindern einen
Rat geben könnten, was würden
Sie ihnen sagen?
Seid vorsichtig mit dem Alkohol!
Trinkt nicht zu viel Raki! Alkohol ist
so eine nebensächliche Sache,
aber er kann so viele schreckliche
Probleme bereiten.
Welches ist Ihre schönste
Erinnerung?
Es sind alles Momente, in
dennen ich die Liebe von anderen
menschen zu mir und meine Liebe
zu ihnen spüre. Liebe ist das
Wichtigste, sie ist das, was bleibt in
einem Leben.
Woran erkennt man wahre
Liebe?
Das ist doch nicht schwer zu
erkennen! Die Freude, die
Aufregung, die einen überkommt,
wenn mann sich länder nicht
gesehen hat und dann wieder in die
Arme schließen kann! Dabei denke
ich gar nicht nur an meinem Mann,
sondern auch an meine
26
Nachbarinnen und Freundinnen
hier im Dorf. Es ist dieses Gefühl,
wenn man sich zweit Tage nicht
gesehen hat und denkt: Länger
halte ich das nicht mehr aus. Wir
müssen uns ganz schnell
wiedersehen.
Quelle: Zeitschrift GEO, Ausgabe
08/2011
27
Rechtsanwalt werden. Helen hat
mich quase gerettet. Als ich mich
verliebte, ja das war das beste
Jahr meines Lebens. Und zu
spüten, das ich geliebt werde.
WELTBÜRGER
Wenn Sie die Macht hätten:
Was würden Sie allen anderen
Menschen befehlen?
ich bin eher ein Anarchist. Es
wäre wunderbar, wenn jeder tun
könnte, was er wollte, solange es
nicht die Freiheit der anderen
beschränkt.
Was haben Sie zuletzt
geschenkt bekommen?
Einen gestrickten Aal. Von der
Lehrerin einer Schule, die ich
besucht habe. Ich habe ein Buch
geschrieben, in dem Aale
vorkommen, und es gefiel ihr
wohl sehr. Sie hat einem Monat
an dem Geschenk gearbeitet.
Gibt es ein Tier, dass Ihnen
etwas bedeutet?
Ich ach Schweine. Sie sind
komisch, sie sind superintelligent,
und sie einnern mich an meine
Kindheit auf dem Bauernhof
meiner Familie, die zum Teil
Maori sind.
Was war das größte Glück Ihrer
Kindheit?
Als meine jüngste Schwester
geboren wurde. Wir hätten sechs
Kinder sein sollen, aber drei sind
gestorben.
Haben Sie eine liebste
Erinnerung?
Die Begurt meiner eigenen
beiden Kinder. Als mein Sohn zur
Welt kam, war das solch eine
tiefe Erfahrung – und plötzlich
war mir klar, wie sich meine
Eltern gefühlt haben, als wir
kamen. Da wurde ich endgültig
erwachsen.
Was sollen Ihre Kinder so
machen wie Sie selbst?
Ich hoffe, sie finden eine
Leidenschaft in ihrem Leben,
etwas, das sie begeistert. Als ich
21 Jahre alt war, hatte ich einen
sehr schweren Mottoradunfall.
Hab mich fast umgebracht dabei.
Mein Vater sagte damals zu mir:
Jetzt zeigt sich, ob du
Charakterstärke hast oder nicht.
So habe ich begonnen, aus
meinem Hobbys etwas zu
machen, eine Passion zu finden.
Ich habe immer gerne
geschrieben, Tagebücher,
komische Gedischte, Songtexte.
Was war Ihre größte
Enttäuschung?
Die größte? Dass Helen,
meine Frau, den Glauben an
mich verloren hat. Ich habe leider
eine dunkle Seite.
Was war Ihr bisher bestes
Lebenjahr?
Als Helen und ich
zusammenkamen, 1991. Ich hatte
damals Probleme, nahm Drogen,
dealte. Ich war seit dem Unfall
von Morphium abhängig. Ich
nahm Speed, LSD, die Polizeit
trauchte ständig auf. Aber
gleichzeitig gig ich zur Uni, wollte
Was bewundern Sie an
Frauen?
An Frauen bewundere ich ihr
Mitgefühl. Das klingt furchtaber,
aber ich bewundere an ihnen,
dass sie sich mehr aufopfern als
Männer.
Wer sagt Ihnen die Wahrheit?
Mir fehlt, was ich hatte – eine
Beziehung. Wir sind zwar noch
eine Familie, aber leben nicht
mehr zusammen. Ich würde mich
gern ändern können, damit wir
wieder zusammenkommen.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Damals nach dem Unfall, auf
der Intensivstation, wollte ich
sterben. Der Tod macht mir keine
Angst. Maori leben mit dem Tod,
sie sind ihm näher. Mein
Großvater hat immer mit seinen
Vorfahren gesprochen. Der Tod
war nichts Fremdes. Meine
Mutter hat die Hälfte ihrer Kinder
verloren. Sie ist in den 1940er
Jahren am Waikato River
aufgewachsen, da gab es
Tuberkulose und rheumatisches
Fieber, eine schlimme Epidemie.
Überall waren ständige
Beerdigungen. Der Tod ist der
Tod, und er kommt. Aber ich
habe keine Eile.
Hoffen Sie auf ein Jenseits?
Ich glaube nicht an Goot und
den Teufel. Meine Mutter hat mir
immer erzählt: Wenn ein Maori
stirbt, dann reist seine Seele nach
Hawaiki. Es klang für mich wie
28
ein Urlaub. Kein Himmel, keine
Hölle – aber Hawaiki! Das gefällt
mir.
Quelle: Zeitschrift GEO, Ausgabe
09/2010.
29
WELTBÜRGER
mir geschenkt, und jedes Jahr
kamen ein paar dazu. Jedes
derart zu streiten, dass ich ihm
nicht verziehen könnte, ist mir
zum Glück noch nie passiert.
Darüber will ich nicht einmal
nachdenken.
Was fürchten Sie mehr: Das
Urteil von Freund oder Feind?
Ich bin offen für jede Meinung.
Was war das größte Glück Ihrer
Kindheit?
` Jeden Sommer durfte ich mit
meinen Eltern in die Berge fahren, dorthin, wo unsere Herde die
warmen Monate über weidete
und die Rentierkühe ihre Jungen
warfen. Ich durfte dabei sein,
wenn mein Vater die Kälber markierte, und ich habe gelernt, ein
Rentier mit dem Lasso einzufangen. Da ist das Größte für jedes
Samen-Kind!
Gibt es ein Tier, das Ihnen etwas bedeutet?
Was für eine Frage! Natürlich
das Rentier. Ich bin mit diesen
Tieren aufgewachsen. Sie waren
lange die Lebensgrundlage unseres Volkes, und das sind sie allem Fortschritt zum Trotz auch
heute noch für viele SamenFamilien.
Was erfüllt Sie mit Hoffnung?
Meine Familie, wie Samen
sind Familienmenschen. Das ist
mein Freund Johan Aslak, mein
kleiner Sohn Mate, meine Eltern,
die Geschwister, Cousins und
Cousinen, die auch wie Geschwister sind – eine Familie
kann bei uns Samen richtig groß
sein.
Welche Hoffnung haben Sie
aufgegeben?
Als ich ein Kind war, wollte ich
Rentierhirte werden, genau wie
mein Vater. Ich konnte mir nicht
vorstellen, dass es jemals anders
kommen könnte. Schließlich besitze auch ich seit meiner Geburt
Rentiere. Meine Eltern haben sie
Hirtenkind bekommt von den
Eltern Rentiere geschenkt, um
später eine eigene Herde zu haben. So will es unsere Tradition.
Doch irgendwann wollte ich neue
Erfahrungen machen und Geld
verdienen. Jetzt bin ich Krankenschwester in Karasjok. Meine
Rentieren geht es gut. Sie leben
heute in der Herde meines Vaters.
Haben Sie schon erwogen,
auszuwandern?
Um Himmels willen – nein! Vor
einigen Jahren musste ich für
meine Ausbildung nach Hammerfest ziehen, ganz im Norden, fast
200 Kilometer von meinem damaligen Heimatort entfernt. Selbst
das war mir schon viel zu weit
weg von zu Hause.
Halten Sie sich für einen guten
Freund?
Wenn meine Freunde Hilfe
brauchen, rufen sie mich an. Das
ist doch ein gutes Zeichen, oder?
Wenn Sie einem Kind nur einen
Ratschlag für sein Leben geben könnten – welcher wäre
das?
Sei gastfreundlich! Denn das
kommt immer zu dir zurück.
Was war Ihr bisher bestes Lebensjahr?
Das vergangene Jahr. Da kam
mein Sohn Mate zur Welt.
Wofür sind Sie dankbar?
Dafür, dass ich lebe. Dass ich
draußen auf der vidda, der Hochebene, sein darf. Wenn ich dort
unsere Herde beobachte, weiß
ich: Das ist das Leben, und das
ist auch ein großer Teil meines
Lebens. Dann bin ich dankbar.
Was fehlt Ihnen zum Glück?
(denkt nach) Eigentlich fehlt
mir nichts. Ach ja, ich wollte doch
einmal im Leben Millionär sein.
Quelle: Zeitschrift GEO, Ausgabe
02/2011.
Was würden Sie einem Freund
nicht verzeihen?
(danke lange nach) Ich weiß
es nicht. Mich mit einem Freund
30
Echte Liebe gibt es vielleicht
im Himmel, aber nicht in dieser
Welt. Es gibt Anziehung und Sex,
es gibt Großzügigkeit und Wohlwollen, aber Liebe ist eine Fantasie. Früher dachte ich, zu heiraten wäre die Erfüllung. Heute
kommt mir die Ehe vor wie eine
belagerte Stadt. Die einen kämpfen darum hineinzukommen, die
anderen wollen bloß heraus. Ich
will nicht heiraten, auch wenn ich
als alleinstehende Frau schräg
angeschaut werde. Freundschaft
kommt der echten Liebe vielleicht
noch am nächsten.
WELTBÜRGER
Was war das größte Glück Ihrer
Kindheit?
Als ich bei der christlichen
Taufe meinen eigenen Namen
wählen durfte: Grace. Die traditionellen Namen sind oft schlimm.
Eltern nennen ihre Kinder „Unglück“ oder „Problem“ oder einfach nach dem Wochentag, an
dem sie geboren wurden. Viele
malawische Kinder haben Angst
vor ihren Eltern und fühlen sich
nicht geliebt. Ich habe neulich
einen amerikanischen Film gesehen, da hat eine Tochter mit ihrem Vater getanzt. Ich könnte
niemals mit meinem Vater tanzen.
Was war Ihre größte Enttäuschung?
Ich wollte Journalistin werden
und habe auch die Aufnahmeprüfung bestanden. Aber dann konnte ich die Studiengebühren nicht
bezahlen.
Wofür sind Sie dankbar?
Manchmal sehe ich Menschen, denen fehlt eine Hand
oder ein Bein. Dann bin ich glücklich, dass ich vollständig bin. Ich
trage ein Potenzial in mir, aus
dem ich etwas machen kann.
Ich glaube daran, dass ich
nicht ohne Absicht geboren wurde. Meine Aufgabe ist herauszufinden, was diese Absicht ist.
Haben Sie schon mal daran
gedacht auszuwandern?
Nein, aber mein Traum ist es,
zu reisen. Ich habe Malawi noch
nie verlassen und noch nie das
Meer gesehen. Ich mag Geschichten über Länder, in denen
es kalt ist, wo die Temperaturen
unter null Grad sinken und der
Regen als Eis vom Himmel fällt.
Ich stelle mir vor, dass man mehr
Energie hat, wenn es kühl ist.
Was fürchten Sie mehr: Urteil
von Freund oder Feind?
Ich will nur, dass das Urteil
ehrlich ist. Ein Freund kann mit
seinem Urteil falschliegen, ein
Feind die Wahrheit sagen. Wenn
man ehrlich zueinander ist, liegt
darin die Chance auf Veränderung. Dann kann sogar ein Feind
zum Freund werden.
Woran erkennt man echte Liebe?
Was bewundern Sie an Männern?
Ihre Macht. Die Leute gehorchen ihnen einfach, weil sie Männer sind. Sie strahlen diese natürliche Autorität aus. Wir Frauen
dagegen sind freundliche und
gültig und müssen um Akzeptanz
kämpfen.
Gibt es ein Tier, das Ihnen etwas bedeutet?
Ich mag Zebras. Sie sind elegant und friedlich. Ihre Überlebensfähigkeit lässt mich immer
wieder staunen. Ob wir Regen
haben oder Dürre: Die Zebras
verändern sich nicht, sie sehen
gesund und schön aus.
Was wird Ihrer Meinung nach
überschätzt?
Unsere Armut. Viele Malawier
glauben, dass sie zu arm sind,
um überhaupt etwas zu erreichen. Sie warten auf den großen
Gönner, sie gewöhnen sich daran
zu betteln. In unserem Museumsshop verkaufen wir Körbe,
die in Blinder geflochten hat.
Wenn ein Blinder so etwas machen kann, wie können dann
andere behaupten, sie können
nicht?
Hoffen Sie auf ein Jenseits?
Nein. Das Leben selbst gibt
mir Hoffnung. Solang ich lebe,
habe ich noch Zeit, etwas zu tun.
Ich muss etwas tun, damit die
31
Leute sagen, „Grace war da“,
wenn ich einmal nicht mehr bin.
Ich will, dass nach meinem Tod
etwas von mir weiterlebt.
32
WELTBÜRGER
Was bezeichnen Sie als Heimat?
Am meisten zu Hause fühle
ich mich in den Bergen. Die Kirgisen sind immer Nomaden gewesen, und ich bin mit der Jagd in
diesen Bergen aufgewachsen
und mit dem Schwimmen in ihren
Seen und Flüssen. Große Städte
wie Bischkek mag ich nicht. Sie
sind zu schmutzig und überfüllt.
Zu viele Menschen.
Was lieben Sie an Ihrer Heimat?
Wenn ich in Städte gehe, vermisse ich immer die Seen und
das milde Klima in den Bergen
und die Jagd in den Wäldern.
Aber das Wichtigste ist die Freiheit, die ich hier spüre. Ich könnte
nicht leben ohne die Freiheit, mir
einfach auszusuchen, was ich am
Tag tun werde.
Haben Sie jemals überlegt auszuwandern?
Nein. Ich bin glücklich hier.
Was braucht Ihre Nachbarschaft?
Alles ist einfach hier, es gibt
als nicht viel, was wir von der
Regierung brauchen. Aber wenn
ich mit den Behörden reden könnte, dann würde ich sie nach sauberem Wasser aus Rohrleitungen
fragen und nach ordentlicher
Stromversorgung, weil die oft
unregelmäßig ist. Wir könnten
auch eine gepflasterte Straße
gebrauchen. Zurzeit ist die Straße
zu unserem Haus unbefestigt.
Was bewundern Sie an Männern?
Ich bewundere Männer, die
genug Geld verdienen können,
um für ihre Familien zu sorgen.
Und an Frauen?
Ich bewundere Frauen, die gut
darin sind, ihren Haushalt zu führen. Sie sollten gut kochen können und sauber machen und
Kinder großziehen.
Was sollten Ihre Kinder so machen wie Sie selbst?
Als ich jünger war, bin ich in
die Armee eigetreten, und ich
hoffe, meine Söhne werden auch
Soldaten. Es hat Spaß gemacht,
und es wird ihnen helfen, Disziplin zu lernen. Aber für meine
Tochter habe ich keine Pläne. Sie
kann machen, was immer sie will.
Was ist Ihre liebste Erinnerung?
(Er denkt drei Minuten nach,
bevor er antwortet). Meine beste
Erinnerung ist, als ich Soldat
wurde. Ich hatte mehrere Monate
lang versucht einzutreten, aber
der örtliche Kommandant sagte,
dass meine Augen zu schlecht
seien. Weil ich wusste, dass man
in Kirgisistan alles kaufen kann,
habe ich ihm 9000 Rubel bezahlt.
Das war Bestechung, aber es hat
funktioniert. An dem Tag, als ich
die Nachricht hörte, dass ich angenommen war, spürte ich, dass
ich eine wundervolle Zukunft haben würde.
Wie viel Geld möchten Sie besitzen?
Ich wäre glücklich, wenn ich
jedes Jahr 200 000 kirgisische
Som (umgerechnet gut 3000 Euro) verdienen könnte. Wenn ich
unbegrenzt Geld haben könnte,
dann würde ich ein großes Haus
in den Bergen bauen, und ich
würde reisen. Ich würde gern
Europa sehen und eines Tages
wirklich den Ozean! Ich würde
mehr Kinder bekommen. Es ist
gut, eine große Familie zu haben.
Was tun Sie für Geld nicht?
Ich würde für Geld alles tun,
solange es anderen nicht schadet. Ich würde niemanden töten…. Solange ich nicht wieder in
der Armee bin und es einen Krieg
gibt.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein.
Wer sagt Ihnen die Wahrheit?
Ich vertraue nur mir selber.
Die meisten kirgisischen Männer
vertrauen nicht einmal darauf,
dass ihre Frauen ihnen die Wahrheit sagen. Obwohl Eheleute
zusammenleben, können sie zu
Feinden werden. Also ist es am
besten, nicht einmal der Ehefrau
zu trauen.
Was haben Sie zuletzt geschenkt bekommen?
Das einzige Geschenk meines
Lebens habe ich bei meiner
Hochzeit bekommen. Die Eltern
meiner Frau haben mir ein Pferd
geschenkt.
Und wenn Sie mir etwas
schenken würden, jetzt und
33
hier, was wäre das?
Wenn Sie ein sehr guter
Freund wären, würde ich Ihnen
ein Schaf schenken. Aber wir
müssten sehr enge Freunde sein,
weil ich nur 70 Schafe habe, und
Schafe sind teuer.
34
WELTBÜRGER
Wie viel Geld möchten Sie besitzen?
langt ist, an dem es keine Umkehr
gibt – wenn die Natur sie nicht dazu
zwingt. Vor selbst wird sie sich
nicht ändern.
Wie viel Zeit am Tag gehört
Ihnen?
24 Stunden, weil ich das, was
ich mache, gern tue. Und ich kann
tun, was ich immer möchte.
Was fürchten Sie mehr: das Urteil von Freund oder Feind?
Ich fürchte mich nicht vor irgendjemandes Urteil. Aber wenn
ich wählen müsste, wäre es das
eines Freundes. Das ist wichtiger
für mich und schrecklicher.
Was bezeichnen Sie als Heimat?
ich liebe mein Haus, und ich bin
ein sehr religiöser Mensch. Ich bin
Hindu.
Was lieben Sie an Ihrer Heimat?
Religion kann ich zu Hause
ausüben. Es ist nicht notwendig,
Menschen dafür zu versammeln.
Aber ich würde den Garten vermissen.
Haben Sie schon mal erwogen,
auszuwandern?
Ich bin für 15 Jahre in die Niederlande ausgewandert. Wegen
meines Studiums, ich habe Naturmedizin in Haarlem studiert. Dann
Ayurveda, dafür war ich drei Monate in Indien.
Was war das größte Glück Ihrer
Kindheit?
(Lächelt) Ich kann das nicht nur
eines nennen. Aber ich 17, 18 Jahre alt war, war das die schönste
Zeit meines Lebens: Ich war zum
ersten Mal richtig verliebt. Das
Mädchen ist heute meine Frau.
Woran erkennt man wahre Liebe?
` Man kann anfangen, wahre
Liebe zu fühlen, wenn man vier,
fünf Jahre mit jemandem verbracht
hat. Wenn man jemanden auswendig kennt und immer noch liebt, das
ist es wahre Liebe.
Genug zum Leben.
Fürchten Sie sich vor der Armut?
Nein, ich fürchte die Armut nicht.
Wenn man Ayurveda lernt, muss
man ein Gelübde ablegen, dass
man keine Angst davor hat, arm zu
werden: Ein Ayurveda Arzt hat nur
ein Anliegen: Menschen zu helfen.
Wenn man reich werden möchte,
muss man etwas anderes machen.
Was hat man Ihnen zuletzt geschenkt?
Gestern war Vatertag. Ich habe
dieses T-Shirt von meinem Sohn
bekommen.
Und wenn Sie mir hier und jetzt
etwas schenken wollten, was
wäre das?
Ich würde Ihnen etwas Erfrischendes zu trinken geben. Wenn
Freunde mich besuchen, schenke
ich ihnen etwas aus der Natur. Das
braucht jeder.
Welches Tier bedeutet Ihnen
etwas?
für mich ist die Kuh etwas ganz
Besonderes, weil ich Hindu bin.
Aber um ehrlich zu sein: Ich mag
auch Hunde.
Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?
Im Moment denke ich, dass die
Menschheit an einem Punkt ange-
Wovon haben Sie sich befreit?
Ich habe mich von Ängsten
befreit. Als Junge war ich sehr
ängstlich, ich konnte vor großen
Gruppen kaum sprechen, ich hatte
ein sehr geringes Selbstwertgefühl.
Das hat sich geändert.
Was sollen Ihre Kinder so machen wie Sie?
Ich wollte immer, dass sie das
gleiche Verantwortungsgefühl haben, den Wunsch, der Welt zu
helfen.
Wenn Sie einem Kind nur einen
Ratschlag für sein Leben geben
könnte – welcher wäre das?
Zeige Achtung. Gegenüber
Menschen, Pflanzen, der Natur.
Wenn Sie die Macht hätten: Was
würden Sie allen anderen Menschen befehlen?
Ich werde damit anfangen…Oh,
das wird sehr politisch. Hum, ich
würde sagen: Jeder muss sich
bilden, sich um seine Mündigkeit
kümmern.
Was muss Ihnen keiner mehr
sagen?
Mir muss niemand sagen, was
ich zu tun habe.
Was fehlt Ihnen zum Glück?
Manchmal, wenn ich sehe, wie
meine Kinder älter werden und so
sehr an diesen Gameboys interessiert sind, denke ich, dass es mir
35
nicht gelungen ist, ihnen genug
Liebe und Erziehung zu geben.
Quelle: Zeitschrift GEO, Ausgabe
11/2011.
36
verbringen, weit weg vom Fernsehapparat. Sie sollen das Meer, den
Himmel, das Land sehen und es
genießen.
WELTBÜRGER
Wovon haben Sie sich befreit?
Von vielen verschiedenen Arten
von Faulheit. Früher habe ich Arbeit oft aufgeschoben, heute schaffe ich es viel öfter, meinen Schreibtisch leer zu räumen. Stattdessen
stapeln sich die Unterlagen im
Regal. Das liegt aber nicht an meiner Faulheit, sondern daran, dass
der Tag nur 24 Stunden hat. Es
sollten 36 sein.
Was bezeichnen Sie als Heimat?
Dunedin, die Stadt, in der ich
lebe. Aber ich fühle mich an viele
Orten auf der Welt wohl. Ich bin
niemals wirklich nicht zu Hause.
Haben Sie schon einmal daran
gedacht, auszuwandern?
Ich liebe es zu verreisen, ich
habe auch im Ausland gearbeitet.
Aber ich habe niemals auch nur
daran gedacht, irgendwo anders zu
leben als in Neuseeland. Ich bin
absolut zufrieden hier.
Wofür sind Sie dankbar?
Dass ich in Neuseeland geboren
bin. Es ist ein Land, in dem man
frei denken darf und die Menschen
einander fair behandeln.
Worauf können Sie nicht verzichten?
Eigentlich braucht man nicht
viel. Ich habe in Zelten gelebt, das
war auch okay. Aber ich genieße all
die Dinge, die ich nicht unbedingt
brauche, zum Beispiel meine Bibliothek oder das zweite Badzimmer.
Wie viel Geld möchten Sie besitzen?
Wir haben genügend Geld, um
gut zu leben, darüber bin ich glücklich. Wenn ich für irgendetwas
mehr Geld brauchte, dann für Reisen.
Fürchten Sie sich vor den Armen?
Dazu gibt es in Neuseeland
keinen Grund. Aber viele Maori und
Einwanderer werden benachteiligt.
Es ist nicht leicht für sie, eine gute
Ausbildung und einen Job zu bekommen. Das bekümmert mich. Ich
kann nichts sagen, ob man deswegen eines Tages Angst vor ihnen
haben muss.
Was braucht Ihre Nachbarschaft?
Hier in Dunedin sollten wir uns
mit dem steigenden Meeresspiegel
beschäftigen.
Was hat man Ihnen zuletzt geschenkt?
Eine elektrische Kettensäge,
Verwandte haben sie mir geschenkt. Sie funktioniert hervorragend, ich schneide damit die Büsche vor meinem Haus. Meine alte
Kettensäge habe ich vor einigen
Jahren meinem Sohn geliehen.
Jedes Mal, wenn ich ihn danach
frage, macht er die Arbeit selbst
oder findet eine Ausrede, warum er
sie mir nicht zurückgeben kann. Er
denkt wohl, ich sei zu alt für eine
Kettensäge.
Was sollen Ihre Kinder so machen wie Sie?
Sie sollen viel Zeit draußen
Wie viel Zeit am Tag gehört
Ihnen?
Ich bin in Rente, ich kann selbst
entscheiden, wann ich was mache.
Allerdings gehöre ich vielen Organisationen an, zum Beispiel der
Astronomischen Gesellschaft
Dunedins. Die entscheiden etwa
über die Hälfte meiner Zeit.
Was war Ihr bisher bestes Lebensjahr?
Als ich fünf Jahre lang mit meiner Frau verheiratet war und unsere Kinder noch jung waren, wurde
ich zum Berater im Schuldienst für
begabte Kinder befördert. Das war
eine große Ehre. Im selben Jahr
wurde ich als einer der „Hervorragenden jungen Männer Neuseelands“ ausgezeichnet. In unserer
Freizeit arbeiteten meine Frau und
ich an Büchern für die Sonntagsschule. Das war 1957. (Überlegt)
Nein, es muss 1963 gewesen sein,
ich bin nicht ganz sicher.
Was bewundern Sie an Frauen?
Die Menschheit ist auf Frauen
angewiesen, um fortzubestehen.
Ich war immer sehr dankbar, dass
sie die Geburt durchstehen müssen
und mir erspart blieb.
Haben Sie eine Lieblingserinnerung?
Eher eine traurige. Als meine
Urenklelin Phoebe wenige Wochen
alt war, musste sie operiert werden.
Es war nicht sicher, ob sie überleben würde. Ich war bei ihr im Krankenhaus. Nachts lief ich im Flur auf
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Quelle: Zeitschrift GEO, Ausgabe
12/2011.
und ab und wiegte sie in meinem
Arm, damit sie schlafen konnte.
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