Phil 23 "Achtet einander" HL 8-3-15

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Predigt über Phil 2,3
Einander achten
‚Einander achten‘ ist das Thema der heutigen Besinnung. Ich lese dazu einen
Text aus dem Philipperbrief, einen Teil davon (Phil 2, 3-8) haben wir bereits in
der Schriftlesung gehört.
Phil 2
1 Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft
des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,
2 so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr "eines" Sinnes seid,
gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.
3 Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte
einer den andern höher als sich selbst,
4 und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern
dient.
5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus
entspricht.
„Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte
einer den anderen höher als sich selbst.“
In der Stadt Bern, auf dem Schosshaldenfriedhof steht ein Grabstein, dessen
Inschrift sich einem nicht ohne Weiteres erschliesst:
Diesseitig bin ich gar nicht faßbar.
Denn ich wohne grad so gut bei den Toten
wie bei den Ungeborenen.
Etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich.
Und noch lange nicht nahe genug.
Diese geheimnisvollen Worte stehen im Tagebuch eines Menschen, der es
gewohnt war, nicht oder falsch verstanden zu werden. Das ging so weit, dass
sein Einbürgerungsgesuch an die Schweiz von den Behörden monatelang
verschleppt wurde. Erst einige Tage nach seinem Tod wurde ihm stattgegeben,
als es eigentlich schon zu spät war. Die Grabstätte auf dem
Schosshaldenfriedhof, es ist die letzte Ruhestätte des Kunstmalers Paul Klee.
Klee starb an Sklerodermie, grob gesagt, einer Verhärtung und Verdickung der
Haut und der Schleimhaut, die unter Umständen auch innere Organe betreffen
kann. Viele Fachleute vermuten hinter dieser Krankheit unter anderem
psychische Ursachen. In seinem letzten Lebensjahr hatte Klee kein einziges Bild
mehr verkauft. Seine Einzigartigkeit war zugleich sein Schicksal: Er war seiner
Zeit voraus, in gewisser Weise ein Heimatloser.
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Wenn Heimat dort ist, wo ich verstehe und verstanden werde (Karl Jaspers), so
ist die Liste der Unverstandenen gerade unter Menschen, die von der Norm
abweichen, endlos. Denken wir nur an Van Gogh, der in seinem Leben nur ein
einziges Bild verkauft hatte oder an Robert Walser zum Beispiel, der sein Leben
in einer Psychiatrischen Klinik in Herisau beschloss und gegenüber seiner
Umgebung immer unzugänglicher wurde.
Das nicht verstanden werden kann unter Umständen groteske und amüsante
Formen annehmen wie in einer meiner Lieblingsanekdoten: Sie handelt von
einer Begegnung zwischen Friedrich Nietzsche und Gottfried Keller in Zürich.
Der gemeinsame Bekannte, der die Begegnung in die Wege geleitet hatte, fragte
die Beiden nachträglich nach ihren Eindrücken.
Es sei sehr schön gewesen, erklärte Nietzsche, nur entsetze ihn das fürchterliche
Deutsch, das Keller spreche, und die schwerfällige Art, mit der sich der grosse
Schriftsteller mündlich ausdrücke. Am nächsten Sonntag fragte der Bekannte
dann Gottfried Keller, ob Herr Nietzsche ihn besucht habe. Keller bejahte und
fügte lakonisch hinzu: „Ich glaub’ dä Kerl isch verruckt.“
Es ist schon so. Der zwischenmenschliche Kontakt führt zwangsläufig zu
gegenseitiger Beurteilung. Das ist ja an sich nichts Schlechtes, denn es ist uns
Orientierung im Umgang mit unseren Mitmenschen und bewahrt uns unter
Umständen vor Enttäuschungen, vor Fehlleistungen und ungerechtem Handeln
einem Mitmenschen gegenüber. Doch jedes Urteil birgt unweigerlich eine
grosse Gefahr in sich.
Eine deutsche Arbeitskollegin gebrauchte ein bestimmtes Wort auffällig häufig;
es war das Wort ‚typisch‘. Das sind typisch diese Schweizer, meinte sie, sie
entschuldigen sich beständig: „Entschuldigung, ist dieser Platz noch frei?“ .
„Entschuldigung, könnten sie mir sagen, wo ich hier die Magermilch finde?“.
„Entschuldigung, wie komme ich zum Bahnhof?“ Daneben gab es dann noch in
ihren Augen das typisch Männliche und, quasi als Feintarierung, die
Feststellung „Typisch Lanz“. Und mit der Zeit wurde mir klar: Das Wort
‚Typisch‘ bezeichnete im Grunde genommen eine Schublade. Und ich habe mir
im Geheimen gedacht: „Typisch Rosi.“
Das Denken in Schubladen, es ist weit verbreitet und beliebt, übrigens auch bei
mir selbst!
Es schafft eine scheinbare Ordnung in unsere Gedanken. Es hat einmal jemand
(William James) gesagt: „Viele meiner Mitmenschen glauben, sie denken. In
Wirklichkeit ordnen sie nur ihre Vorurteile neu.“ Schön und humorvoll
ausgedrückt!
Doch kehren wir zum Text aus dem Philipperbrief zurück. Unser Bibelwort hat
in mir zuerst einen verständlichen Widerstand geweckt: „In Demut achte einer
den anderen höher als sich selbst.“
Wenn ich mir vergegenwärtige, was alles auf dieser Welt geschieht, an
Grausamkeit, an Entsetzlichem, an Gottlosem, an Widernatürlichem, wo
Menschen auf grausame Weise umgebracht werden, wo jahrtausende alte
Kulturgüter von primitiven Fanatikern mit dem Vorschlaghammer zerstört
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werden, so frage ich mich zunächst unwillkürlich: Soll ich die Urheber all
dessen höher achten als mich selbst? Diese Frage beantwortet sich von selbst,
wenn wir unser Augenmerk auf den Adressaten dieser Zeilen richten: Das
Pauluswort ist nämlich an die Gemeinde in Philippi gerichtet! Erst mit der
Erkenntnis dieses Adressaten erschliesst sich uns das eigentliche Anliegen
dieses Textes.
Die Gemeinde in Philippi war die erste Gemeinde, die Paulus auf europäischem
Boden gegründet hatte. Die Stadt Philippi war für Paulus mit schmerzhaften
Erinnerungen verbunden, und der Apostel schreibt denn auch (1. Thessalonicher
2,2), dass er in Philippi gelitten hatte und misshandelt worden war. Auch
Zwangsarbeit musste er verrichten. In seinem wohl in Rom geschriebenen Brief
denkt er aber überaus dankbar an die von ihm gegründete Gemeinde, die ihn
nach Kräften, auch finanziell, unterstützte. Dankerfüllt schreibt er: „Ich danke
meinem Gott, so oft ich euer gedenke.“
Wir dürfen jedoch annehmen, dass auch in der Gemeinde in Philippi, ähnlich
jener in Korinth, nicht alles eitel Freude war. Die Gemeindeglieder lebten im
Alltag des ersten Jahrhunderts, in welchem es gewiss mitunter nicht sehr gesittet
zuging. Wir können das gut verstehen denn auch in unserem Alltag geht es
bisweilen ja auch nicht sehr gesittet zu…Und so mag für manchen, wohl für
jeden, der Schritt in die christliche Gemeinde der Beginn eines langen
Lernprozesses gewesen sein. Hinter den Ratschlägen des Apostels an jene
Menschen, die Paulus und seine Gefährten ihrem Herrn, Christus zugeführt
haben, erkenne ich jedoch nicht nur eine Sorge um das Wohl dieser Gläubigen,
sondern ebenso sehr eine grenzenlose Liebe und eine tiefe Menschenkenntnis.
Paulus weiss, was das Zusammenleben in der Gemeinde fördert und was einem
erspriesslichen Gemeindeleben im Wege steht: „Denkt nicht immer zuerst an
euch, sondern kümmert und sorgt euch auch um die anderen“ ist einer der
Kernsätze, welcher die Bedeutung, den Sinn der christlichen Gemeinschaft
betont. Mir ist beim Nachdenken über diesen Satz plötzlich etwas klar
geworden, über das ich bis jetzt noch viel zu wenig nachgedacht hatte:
Menschen, die immer zuerst an sich selbst denken, sind im Grunde genommen
keine glücklichen Menschen! Es liegt darin so etwas wie eine ausgleichende
Gerechtigkeit. Wer glücklich sein will, der sucht den anderen, sucht das Du.
Nicht das ich, das Du ist der Sinn, die Erfüllung der Gemeinschaft. Und in
diesen Zusammenhang gehört auch ein weit verbreitetes und zählebiges
Missverständnis: Eine Gemeinschaft wird nämlich nicht aus Gleichgearteten
oder gar Gleichgeschalteten gebildet. Wir müssen uns deshalb stets im Klaren
darüber sein, dass andere Menschen ein Recht haben, anders zu sein als wir!
Was uns verbindet, ist nicht unsere Vorbildung, nicht unsere Klugheit, nicht
unser musikalische Geschmack , sondern es ist unser gemeinsames Ziel,
Christus
Deshalb wird der Schlüssel zum Herzen der Menschen nie unsere Klugheit,
sondern immer unsere Liebe sein. (Hermann Bezzel).
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Und damit kommen wir zu jenem Satz, der für mich der Kernsatz des ganzen
Abschnitt ist: „…sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich
selbst.“
Da sei doch zunächst die Frage gestattet: Kennen wir einander wirklich?
Albert Schweitzer hat dies einmal ganz klar formuliert: “Dass wir eines dem
anderen Geheimnis sind, damit müssen wir uns abfinden.“
Jeder Mensch ist ein ganzes Universum. Und wir können, wie vom wirklichen
Universum, nur jeweils einen Teil davon sehen. Wir sehen von allen Dingen nie
die ganze Wahrheit; jede unserer Erkenntnisse ist Abstraktion, Vereinfachung.
Wir haben eine Perspektive, einen Blickwinkel. Und bei jedem Blickwinkel gibt
es etwas, das verborgen, das nicht sichtbar ist. Antoine de St Exupery hat einmal
geschrieben: Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung
Jeder Mensch hat uns etwas zu sagen. Von jedem können wir etwas lernen.
Und jeder Mensch hat Beachtung, hat Achtung verdient.
Worauf gründen wir unsere Beurteilung eines Mitmenschen? Auf frühere
‚Erfahrungen‘, auf die Gegenwart? Auf seine Möglichkeiten?
Ich habe einmal an mir selbst etwas Merkwürdiges erlebt. Ich traf einen
ehemaligen Klassenkameraden, erstmals nach 50 Jahren. Er war damals
Klassenprimus gewesen und hat es dann entsprechend weit gebracht. Als
Vierzehnjähriger war ich selbst dagegen mehr an Sport als an Grammatik und
Französisch interessiert welches jetzt zu meiner Lieblingsfremdsprache
geworden ist. Der ehemalige Schulkollege zeigte sich völlig erstaunt, dass ich
einen Kurzgeschichtenwettbewerb gewonnen hatte, denn er sah mich im Grunde
genommen immer noch als Vierzehnjährigen, der seinen Deutschlehrer sowie
den Französischlehrer unausstehlich fand und dessen Interessen mit denen seiner
Lehrer in keiner Weise übereinstimmten. Und irgendwie gewann ich während
unseres Gesprächs den Eindruck, dass der gute Mann automatisch annahm, bei
mir habe sich in den vergangenen 50 Jahren nichts, jedenfalls nichts
Erwähnenswertes getan.
Oft scheint es, als wären wir in unserer eigenen Biographie gefangen, (übrigens
eines der Hauptthemen des Schriftstellers Max Frisch) und es ist nicht einfach,
dem Bild zu entfliehen, welches jemand sich über uns gemacht hat. Dabei sind
wir nicht bloss Menschen mit einer Vorgeschichte, sondern auch solche mit
einer Zukunft!
Unter anderem diese ganzheitliche Betrachtungsweise hat Paulus wohl im Sinn,
wenn er schreibt: „Sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich
selbst.“
Das will auch heissen: „Kümmert euch umeinander und geht aufeinander ein!
Betrachtet den ganzen Menschen und nicht bloss einzelne Aspekte, zum
Beispiel einen Versager, der ihm einmal widerfahren ist oder seine
Vorgeschichte, die ihn ja mitunter selbst belastet!“
Wir werden auch in unserer Gemeinde immer wieder Menschen begegnen, die
falsche beziehungsweise irreführende Signale aussenden, sei es, dass sie mit sich
selbst Schwierigkeiten haben oder dass sie zu scheu sind oder einfach deshalb,
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weil sie sich nicht so gut ausdrücken können oder weil sie meinen, ihre
Gedanken seien für andere sowieso nicht besonders interessant.
Von jedem Menschen können wir etwas lernen und jeder Mensch hat etwas zu
sagen und eine Orchidee, selbst wenn sie im Verborgenen blüht, bleibt eine
Orchidee!
Paulus schreibt über die Voraussetzung zur gegenseitigen Achtung ein ganz
wichtiges Wort, es ist das Wort ‚Demut‘.
„In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“ Im Neuen Testament
wird uns diese Demut eindrücklich vorgelebt.
Etwa von Paulus, wenn er schreibt: „ …denn wir predigen nicht uns selbst,
sondern Jesus Christus, dass er sei der Herr, wir aber eure Knechte um Jesu
Willen.“ Und von Jesus schreibt der Apostel:“…er entäusserte sich selbst und
nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein andrer Mensch und an Gebärden
als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum
Tode, ja zum Tode am Kreuz.“
Ja, solches erlitt der, von dessen Name sich unser christlicher Glaube ableitet. Er
erduldete unsagbare Demütigungen, wurde verhöhnt, ausgepeitscht und ans
Kreuz geschlagen. Die entsetzlichen Leiden unseres Herrn lassen uns
verstummen , aber gleichzeitig daran denken, wie vielen Menschen im Verlauf
der Jahrhunderte Ähnliches widerfuhr und bis auf den heutigen Tag widerfährt!
In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.
Die christliche Gemeinde ist es, in welcher Demut gelebt werden muss, und
zwar nicht die zur Schau gestellte Demut, wie sie mancherorten, auch innerhalb
der Kirche, praktiziert wird und die keine wirkliche Demut ist. Wahre Demut
herrscht dort, wo wir uns selbst zurücknehmen, wo wir uns selbst nicht so
überaus wichtig nehmen, wo wir aufeinander zugehen, wo wir Sorge tragen
zueinander, wo uns der andere Mensch ungeachtet seiner Andersartigkeit
wichtig ist. Denn wir haben eine Aufgabe aneinander als Menschen, die auf
einem gemeinsamen Weg gehen, den uns Christus vorgezeichnet hat, indem er
sagte: Folget mir nach. Und wir können diese Aufgabe nicht besser erfüllen, als
uns nach diesen Worten des Apostels Paulus auszurichten:
In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.
Denn leben wir nach diesem Rat des Paulus, dann werden wir einander eine
grosse Hilfe sein.
Ich schliesse mit einer Weisheit von Mutter Teresa:
Das Schlimmste sind nicht Pest und Cholera.
Das Schlimmste ist, von niemandem beachtet und geliebt zu werden.
2.März 2015
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