Nachhaltiger Konsum – gemeinsam statt einsam

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Freie Seminararbeit an der Universität Basel, im BA, Soziologie
Frühlingssemester 2013
Eingereicht bei Frau lic. phil. Claudia Heinzmann
Nachhaltiger Konsum – gemeinsam statt einsam
Eine qualitative Untersuchung der Vergemeinschaftungsprozesse in der
Lebensmittel Gemeinschaft Basel.
Zoé Beutler
Matr. -Nr. 07-060-31
Elsässerstr. 3, 4056 Basel, Tel-Nr. 079 590 68 90
[email protected]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
S. 2
2. Thematischer und theoretischer Kontext
S.
2.1. Das Konzept „Nachhaltiger Konsum“ & die Individualisierungskritik S.
2.2. Die Praxis des Nachhaltigen Konsums in Lebensmittelkooperativen
S.
2.3. Individualisierung und Vergemeinschaftung
S.
3. Methodisches Vorgehen
S.
3.1. Ausgangssituation des Forschungsprozesses
S.
3.2. Methodischer Zugang I: Teilnehmende Beobachtung
S.
3.2.1. Beobachtungsmomente
S.
3.2.2. Teilnahmemomente
S.
3.3. Methodischer Zugang II: Fokussiertes Interview
S.
3.4. Datenaufbereitung und Methode der Analyse
S.
4. Analyse
S.
4.1.
4.2.
4.3.
4.4.
4.5.
4.6.
5. Fazit
6. Literatur
7. Anhang
S.
1. Einleitung
Nachhaltiger Konsum - die seit einigen Jahren immer beliebter werdende Strategie gegen die
Umweltkrise – wird von einigen Sozialwissenschaftler und Analysten der Umweltpolitik unter
anderem aufgrund seines individualisierenden Charakters kritisch diskutiert. Unter den
Stichworten „Privatisierung der Nachhaltigkeit“ oder „Individualisierung der Verantwortung“
problematisieren sie1, dass im Kontext der Leitidee des nachhaltigen Konsums der einzelne
Konsument zum alleinstehenden Schlüsselakteur gemacht wird und damit das Individuum
davon abgehalten bzw. darin eingeschränkt werden würde, die Umweltprobleme kollektiv zu
betrachten und anzugehen. Der Politik und Umweltwissenschaftler Michael F. Maniates bringt
diese Sorge in folgender Aussage auf den Punkt: „Individualization, by implying that any
action beyond the private and the consumptive is irrelevant, insulates people from the
empowering experiences and political lessons of collective struggle for social change.“2
Während Maniates sowie andere Beobachter der Privatisierung oder Individualisierung der
Nachhaltigkeit in erster Linie darum bemüht sind anhand diverser Argumente aufzuzeigen,
wieso der einzelne Konsument alleine nicht effektiv gegen die eigentlich kollektiven
Umweltprobleme vorgehen kann, möchte ich in vorliegender Arbeit, die dahinter steckende
Annahme, dass eine konsumorientierte Herangehensweise an die Umweltprobleme, die
Individuen daran hindern würde sich zusammen zu schliessen und die Umweltprobleme
kollektiv zu bearbeiten, näher unter die Lupe nehmen.
Dabei werde ich den Fokus auf die praktische Umsetzung des Nachhaltigen Konsums setzen,
da dieser Aspekt in der Argumentation der kritischen Umweltanalysten eher vernachlässigt
wird. In ihren Artikeln und Arbeiten analysieren die gemeinten Umweltanalysten in erster Linie
Beispiele
des
öffentlichen
Diskurses
über
Nachhaltigen
Konsum
oder
politische
Nachhaltigkeitsinstrumente und erfassen somit nur eine abstrakte von aussen ausgeübte
Verantwortungszuschreibung auf das Individuum. Meine Beobachtung ist, dass auf der Ebene
der konkreten Handlung der Individuen seit einiger Zeit verschiedenste Formen und Praxen des
nachhaltigen Konsums am Gedeihen sind, welche in ihrer Konzeption besonderes Gewicht auf
die kollektive, gemeinschaftliche Dimension legen. Gemeint sind Projekte wie community
supported agriculture, Ökodörfer, Foodcoops, und/oder Gemeinschaftsgärten, die betreffend
der Frage nach Nachhaltiger Entwicklung eine bottom-up Strategie verfolgen und sich im
Alltag auf privater, aber – und das entgegen der Sorge der Kritiker - auf gemeinschaftlicher
Basis für einen nachhaltigen Konsum stark machen. Mein Ziel ist es, heraus zu finden, wie in
1
2
z.B. Armin Grundwald , Michael F. Maniates oder Gill Seyfang
Maniates 2002, S. 27
der Praxis des Nachhaltigen Konsums soziale Verbundenheit zwischen den umweltengagierten
Individuen hergestellt wird.
Als konkretes Untersuchungsfeld für diese Frage wähle ich die Lebensmittel Gemeinschaft
Basel (LGB), eine im März 2012 gegründete Food-cooperative in der Stadt Basel. Die LGB
definiert sich selbst als ein Zusammenschluss von qualitätsbewussten Menschen, die
gemeinsam und aktiv ihrem Wunsch nach gesunden und regional hergestellten Lebensmitteln
nachgehen.3 Konkret kaufen die Mitglieder der LGB in Selbstorganisation ökologisch und
regional hergestellte Lebensmittel direkt beim Produzenten ein und teilen diese einmal
wöchentlich unter sich auf. Zusätzlich treffen die Mitglieder sich für Kochworkshops,
Einmachaktionen, oder Vorträge zu Themen wie biologisch (-dynamische) Landwirtschaft,
Fleischkonsum und seine Effekte auf das Klima und ähnliches in ihrem „Lager und Treffraum“.
Die LGB ist also ein Ort, wo regelmässig Menschen zusammen kommen, die aktiv dem Ruf
nachgehen ihr privates Konsumhandeln nachhaltig zu gestalten und damit folglich ein idealer
Ort, wo die Herstellung von sozialer Verbundenheit zwischen den umweltengagierten
Individuen in der Praxis des Nachhaltigen Konsums direkt untersucht werden kann.
Die Datenerhebung erfolgt durch teilnehmende Beobachtung an verschiedenen LGBVereinstreffen über drei Monate hinweg und durch zwei qualitative Experteninterviews mit
ausgewählten Vereinsmitgliedern. Inspiriert von der Grounded Theory, dessen Spezialität es
ist, den empirischen Daten gegenüber einer vorgeschriebenen Theorie Priorität zu gewähren,
versuche ich bei der Datenanalyse möglichst induktiv vorzugehen4. Dennoch dienen mir zur
soziologischen Konkretisierung und Begriffsklärung meiner Fragestellung bezüglich der
sozialen Verbundenheit einige soziologisch-theoretische Vorüberlegungen zu dem Themenfeld
Individualisierung und Vergemeinschaftung. Dabei spielt insbesondere der Kerngedanke des
Ansatzes der posttraditionalen Vergemeinschaftung eine wichtige Rolle, welcher beschreibt,
dass Individualisierungsprozesse heute mit neuen Formen von Vergemeinschaftungsprozesse
einhergehen, welche den Individuen dazu dienen (wieder) soziale Sicherheit und
Verbundenheit zu gewinnen.5
Meine forschungsleitende Frage nach der Herstellung von sozialer Verbundenheit präzisiere ich
basierend auf diesen theoretischen Grundgedanken mit folgenden Unterfragen: Wie gehen die
Mitglieder der Lebensmittel Gemeinschaft Basel mit der Individualisierung der Verantwortung
3
Vgl. Konzept der LGB im Anhang. Oder auf der Website:
http://expressinfo.ch/List_cmpns.aspx?fr_def=c&any_word=lebensmittel%20gemeinschaft%20basel#selected=c
ompanies&radius=
4
5
Vgl. Hitzler, Honer, Pfadenhauer, 2008. Posttraditionale Gemeinschaften. Theoretische und Ethnographische
Erkenntnisse.
des Nachhaltigen Konsums um? Versuchen bzw. wie versuchen sie der Individualisierung der
Verantwortung entgegen zu wirken? Und schliesslich welche Formen der Vergemeinschaftung
werden dadurch in Gang gesetzt?
Nach diesem einleitenden Kapitel ist meine Arbeit in vier Hauptteile unterteilt. Im ersten
Hauptteil beleuchte ich die thematische und theoretische Kontextualisierung meiner
Fragestellung. Dazu gehe ich erst auf das Konzept des Nachhaltigen Konsums und die
Individualisierungskritik daran ein, dann beschreibe ich die mir dienenden theoretischen
Überlegungen aus dem Ansatz der posttraditionalen Vergemeinschaftung und schliesslich
erläutere ich was unter einer Foodcooperative im Allgemeinen und unter der Lebensmittel
Gemeinschaft Basel im Speziellen zu verstehen ist. Im zweiten Hauptteil präsentiere und
diskutiere ich mein methodisches Vorgehen, welches sich einerseits aus dem methodischen
Zugang der teilnehmenden Beobachtung und andererseits aus zwei fokussierten Interviews
zusammensetzt. Der dritte Teil widmet sich dann der Analyse meiner erhobenen Daten und
präsentiert die entwickelten Kategorien, welche gemäss den forschungsleitenden Unterfragen in
drei Oberkapitel untergliedert sindErsteres nimmt eine Typisierung der Mitglieder anhand
ihrer Aktivitäts- und Integrationsform in der LGB vor. Hier zeigen sich im Umgang mit dem
mit der Individualisierung der Verantwortung unterschiedlich starke Grade und Formen der
sozialen Verbundenheit zwischen den Mitgliedern: Es gibt die aktive, sich freiwillig
verpflichtende Kerngruppe, die gegenseitig unterstützenden, gelegentlich partizipatorisch
beteiligten Mitglieder und die eher passiven, aber im Geiste voll dahinter stehenden Kunden.
Das zweite Oberkapitel nimmt dann die Prozesse der Herstellung der sozialen Verbundenheit in
den Blick, wobei einerseits bewusst eingesetzte und andererseits beiläufig entstandene
Gegenprozesse der Individualisierung der Verantwortung beschrieben werden. Während in
diesem zweiten Oberkapitel Ereignisse und Handlungen exemplarisch dargestellt werden, und
die Frage Im letzten Oberkapitel werden dann die im zweiten Oberkapitel exemplarisch
illustrierten Ereignisse und Handlungen einer Analyse der Individualisierung widerlaufende
Prozessewird diese Prozesse auf der Ebene der verschiedenen Mitgliedertypen zu
charakterisieren
und
.
Im
Dritten
Oberkapitel
…………………………………………………………………..
Zu guter Letzt schliesse ich die Arbeit mit einem Fazit ab, in welchem ich die gefundenen
Resultate bezüglich meiner Fragestellung zusammenbringe und meine Erkenntnisse reflektiere.
2. Thematischer und theoretischer Kontext
In diesem Kapitel werde ich den thematischen Kontext sowie den theoretischen Hintergrund
meiner Fragestellung erläutern. Dabei gehe ich zunächst auf das Konzept des nachhaltigen
Konsums im Allgemeinen und die Individualisierungskritik der Umweltpolitikanalysten Gill
Seyfang,……………………… daran ein. Dann führe ihre stelle ich meine Fragestellung in
den Kontext der soziologischen Debatte zu den Begriffen Individualisierung und
Vergemeinschaftung.
2.1. Nachhaltiger Konsum und die Individualisierungsthese
Das Konzept des nachhaltigen Konsums ist schon seit einigen Jahrzehnten auf der
internationalen politischen Agenda. Schon der Report Limits of Growth des Club of Rome s
von 1972 weist auf den Einfluss des steigenden Wohlstandes auf wichtige ökologische
Probleme wie Ressourcenknappheit und Umweltdegradierung hin. Der steigende Ölpreis zu
dieser Zeit schien zu bestätigen, dass „business-as-usual consumption level“ nicht mehr
weitergeführt werden kann. Die konkrete Verbindung von Konsumgewohnheiten und
Umweltproblemen wie Klimaerwärmung, Ozonschicht Abbau, und das Management von
übermässiger Verschwendung und Abfall, wurde ab den 1990er Jahren vermehrt untersucht
und thematisiert.6
Der Begriff „Nachhaltiger Konsum“ setzte sich dann wohl mit der Agenda 21, das aus der RioKonferenz 1992 resultierende Leitpapier zur nachhaltigen Entwicklung, durch. Darin wird
unter dem Kapitel 4 „Changing Consumption Patterns“ im internationalen Diskurs über
Umweltschäden erstmals nicht nachhaltige Verbrauchergewohnheiten und übermässiger
Konsum als direkter Anlass zur Ressourcenverknappung und Umweltbelastung postuliert. Im
Kapitel 4 werden deshalb „new concepts of wealth and prosperity which allow higher
standards of living through changed lifestyles and are less dependent on Earth’s finite
resources“ gefordert.7 Auf das Leitpapier der Rio Konferenz folgten auf internationaler sowie
nationaler Ebene etliche Initiativen zur Konkretisierung und Umsetzung des Ziels des
nachhaltigen Konsums.
Dabei macht die Umwelt-Sozialwissenschaftlerin Gill Seyfang eine generelle Orientierung an
einem liberalen Marktsystem aus und problematisiert unter anderem die damit verbundene
Verantwortungsprojektion auf das einzelne Individuum. Sie beschreibt ein „mainstream
6
7
Jackson, Michaelis, 2003, S. 13.
Agenda 21, zit. nach Jackson, Michaelis, 2003, S. 13.
sustainable consumption“-Modell, das hauptsächlich „politically and socially acceptable and
economically rational, tools for changing consumption patterns (…)“ fokussiert.8
Das bedeute nach Seyfang, dass statt eine Neukonzeption des herkömmlichen Verständnisses
von Wohlstand und Prosperität anzustreben – wie unter anderem in der Agenda 21 empfohlen
wird, vielmehr an den derzeitigen Wachstumskonzepten der liberalen Marktwirtschaft
festgehalten würde. Am Beispiel der Politik Grossbritanniens illustriert Seyfang, dass unter
diesen Konzepten vornehmlich marktbasierte Werkzeuge, wie die Einführung von
Verursacherkosten, Öko-Steuern, Konsumenten-Aufklärungskampagnen, oder das Aufgleisen
von freiwilligen Öko-Labelsystemen, eingesetzt werden. Alles Werkzeuge die, wie Seyfang
feststellt, nachhaltiger Konsum als die Konsumption von effizienter hergestellten Produkten
definieren und der „grüne“ oder „ethische“ Konsument zur treibenden Kraft für die nötige
Markttransformation erklären.9 Im Essay „Shopping for Sustainability: Can Sustainable
Consumption Promote Ecological Citizenship?“ problematisiert die Umweltwissenschaftlerin
dann diese Verantwortungszuschreibung auf den einzelnen Konsumenten, unter anderem weil
sie eine kollektive Herangehensweise an die Umweltprobleme vernachlässigt: „Sustainable
consumption as defined in mainstream policy relies upon the summation of many small acts of
atomised consumer sovereignty to shift the market. However, the environmental problems
which this strategy seeks to address (such as climate change) are global in nature and require
negotiated, collective efforts to resolve.“10
Ähnlich sorgt sich auch der Politik- und Umweltwissenschaftler Michael F. Maniates in seinem
Aufsatz „Individualization. Plant a tree, ride a bike, save the planet“ um die Eindämmung des
kollektiven
Zusammenschlusses
betreffend
Nachhaltigkeitsbestrebungen
durch
die
zunehmendeIndividualisierung der Verantwortung. Er erklärt, dass mit der Projektion der
Verantwortung auf den einzelnen Konsumenten, der Raum zur Bildung einer „collective
imagination“ in „a dangerous way“ eingeengt würde.11 Die collective imagination sieht
Maniates als wesentliches Werkzeug, mit welchem die Menschen sich verschiedene produktive
Antworten auf die komplexen ökologischen Probleme vorstellen und damit erst entwickeln und
umsetzen können. Er schreibt dazu: Confronting the consumption problem demands, after all,
the sort of institutional thinking that the individualization of responsibility patently undermines.
(…)Grappling with the consumption problem, moreover, means engaging in conversation both
broad and deep about consumerism and frugality and ways of fostering the capacity for
8
Seyfang, 2009, S. 293.
Vgl. Ebd. S.295.
10
Ebd. S.297.
11
Maniates, 2002, S. 48.
9
restraint. But when responsibility for environmental ills is individualized, space for such
conversation disappears: the individually responsible consumer is encouraged to purchase a
vast array of “green” or “eco-friendly” products on the promise that the more such products
are purchased and consumed, the healthier the planet’s ecological processes will become. »12
An einer anderen Stelle in seinem Essay formuliert Maniates die Sorge, dass die
Individualisierung der Verantwortung in einen individualisierten Lebensstil mündet, welcher
die Menschen daran hindert die kollektiven Kräfte zu bündeln, noch weiter. Er erklärt, dass
während dem Bemühen die Brücke zwischen ihrer Moral und Praxis zu schlagen die Menschen
„busy“ bleiben. „But busy doing that with which we’re most familiar and comfortable:
consuming our way (we hope) to a better (…) world.“13 Er interpretiert folglich, dass die
Individualisierung der Verantwortung dazu führe, dass das umweltbesorgte Individuum sich
primär als alleinstehender Konsument versteht, der umweltfreundliche Produkte kaufen soll,
statt sich als Bürger einer gemeinsamen Demokratie zu sehen, der mit den anderen
zusammenkommt und gemeinsam institutionelle Rahmenbedingungen hinterfragt.14
Ebenso problematisiert der Physiker und Philosoph Armin Grundwald in seiner Arbeit
„Ökologie der Individuen“, dass die Bemühungen des einzelnen Konsumenten ohne
zusammenkommende kollektive Ausrichtung nicht effektiv gegen die Umweltkrise wirken
könnten. Er erklärt wie Maniates, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert
werden müssen und dazu kollektive Verbindlichkeiten durch politisches Umwelthandeln
erarbeitet werden müssen.15 Grunwald sieht folglich gleichartig wie Maniates das Problem,
dass sich die Individuen primär als einzelne Konsumenten für die Umwelt engagieren, statt sich
als Bürger zusammenzutun, um durch das politische System eine Veränderung Richtung
Nachhaltiger Entwicklung zu erreichen.
gehen in ihrer kritischen Argumentation davon aus, dass Individuen, die sich im Privaten
darum bemühen nachhaltig zu leben, getrennt voneinander bleiben und wie ein „Hamster im
Laufrad“16 jeder für sich und für sein Gewissen individuellen Lösungen nacheifert. In den
Texten der Kritiker werden zur Herleitung dieser These lediglich der öffentliche Diskurs über
die Umweltkrise oder die Ausgestaltung von politischen Nachhaltigkeitsinstrumente
analysiert.Damit werden nur die abstrakten, von aussen an das Individuum herangetragenen,
12
Maniates 2002, S.34
Ebd. S.37
14
Vgl. Ebd., S. 37
15
Vgl. Grunwald, S.238 (Ökologie der Individuen
13
16
Erwartungen herausgearbeitet.17 Wie die Individualisierung ger Verantwortung in der Praxis
des Nachhaltigen Konsums spiegelt Auskunft über empirische Hinweise über Auswirkungen
des Nachhaltigen Konsums auf die soziale Verbundenheit wird damit kaum gegeben. Dazu
müsste die praktische Umsetzung des Nachhaltigen Konsums auf der Ebene der konkreten
Handlung der Individuen analysiert werden und dabei die Frage gestellt werden, inwiefern die
Praxis des Nachhaltigen Konsums auf die soziale Verbindung zwischen den umweltbesorgten
Individuen wirkt. Meine Annahme ist, dass gerade in der Praxis des Nachhaltigen Konsums,
der Raum geöffnet wird, in dem die Individuen in Kontakt treten und sich miteinander
verbinden können und dabei ein Bewusstsein für die von allen drei Autoren als bedroht
betrachteten Kollektivität entstehen kann.
2.2. Individualisierung und Vergemeinschaftung
Die drei oben vorgestellten Autoren sprechen mit ihren Sorgen über die Individualisierung der
Verantwortung in der Behandlung der aktuellen Nachhaltigkeitsbestrebungen eine in der
Soziologie seit ihren Anfängen - wenn auch in anderen Zusammenhängen - geführte
Diskussion über die gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu einer individualisierten
Gesellschaft, an. Unter dem Leitwort der Individualisierung beschreiben viele renommierte
Soziologen, wie in der Moderne das gemeinschaftliche Handeln durch individuelles Handeln
abgelöst und das Individuum immer mehr zum zentralen Bezugspunkt für sich selbst und die
Gesellschaft wird. Ulrich Beck erfasst diese Entwicklung der Individualisierung mit den
Worten: „Der oder die Einzelne wird selbst zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des
Sozialen.“18 Er versteht unter der Individualisierung, dass einerseits eine Freisetzung von den
historisch vorgegebenen Sozialformen und -Bindungen innerhalb traditionaler Herrschafts- und
Versorgungszusammenhängen, und andererseits auch eine Entzauberung, welche den Verlust
von kollektiven Sicherheiten und Orientierungsrahmen wie Handlungswissen, Glauben und
leitende Normen, geschieht. Beck schliesst daraus: „Durch den säkularen Trend der
Individualisierung (…) wird der Sozialkitt porös, verliert die Gesellschaft ihr kollektives
Selbstbewusstsein und damit ihre politische Handlungsfähigkeit.“19
In seinem prominenten Werk „Risikogesellschaft“ beschreibt er dann, wie im Zuge der
Individualisierung soziale Risiken auf das einzelne Individuum heruntergebrochen werden oder
17
Seyfang analysiert die politischen Implementierung des Nachhaltigen Konsums in der UK. Maniates
veranschaulicht die Individualisierung der Verantwortung an verschiedenen Beispielen aus dem politischen
Diskurs in Amerika. Grunwald analysiert den deutschen mainstream Mediendiskurs sowie die
Konzeptualisierungen von Nachhaltigem Konsum in den wissenschaftlichen Disziplinen der Sozial-ökologischen
Forschung und Sustainability Science.
18
Beck, 1986, S.209.
19
Beck 1997, 24.
in seinen Worten: „Aussenursachen in Eigenschuld“ und „Systemprobleme in persönliches
Versagen“ verwandelt werden. Dies entspricht gewissermassen dem, was die oben genannten
Autoren beklagen, dass die eigentlich kollektiven Umweltprobleme so auf die individuelle
Ebene heruntergebrochen werden, dass der Einzelne zum Verantwortlichen gemacht wird, der
die sozialen Probleme alleine tragen bzw. lösen muss. Nach den Darstellungen der erwähnten
Umweltanalysten, lässt die Individualisierung der Verantwortung im Kontext des Nachhaltigen
Konsums, die Menschen tendenziell auseinander driften - jeder meint auf sich allein gestellt die
kollektiven Umweltprobleme lösen zu müssen- man könnte in Becks Begriffen sagen, sie
beklagen, dass der Sozialkitt porös wird.20
Die soziologische Auseinandersetzung mit der Individualisierung behandelt allerdings nicht nur
die
Erosion
der
traditionellen
gemeinschafsbasierten
Integrationsmechanismen, sondern verweist auch auf
Solidaritäts-
und
reintegrierende Dimensionen der
Individualisierung, welche die Menschen auf neue Weise miteinander verbinden. Georg
Simmel fasst dies pointiert folgendermassen zusammen: „Die Individualisierung lockert das
Band mit dem Nächsten, um dafür ein neues – reales und ideales – zu den Entfernteren zu
spinnen.“21
Dieser Aspekt – die neu gesponnen sozialen Bände - scheint mir in der oben aufgeführten
kritischen Sorge über die aktuelle Ausgestaltung der Apellen und Erwartungen an den
einzelnen Konsumenten im Kontext des Nachhaltigen Konsums etwas vernachlässigt, aber
eigentlich wertvoll einer analytischen Betrachtung. Denn wie in der Einleitung erwähnt sind
seit einiger Zeit im Kontext des Nachhaltigen Konsums Initiativen und Entwicklungen zu
beobachten, in welchen, wenn man so will „Entferntere“ (das will heissen nicht familiär
verbundene, sondern zum Beispiel Interessensgesinnte) sich ausdrücklich zusammentun, um
sich auf gemeinschaftlicher Basis den Umweltproblemen anzunehmen.
Der Ausgestaltung dieser (neuen) sozialen Bände gilt das Interesse meiner Erforschung der
sozialen Verbundenheit zwischen den Individuen, die Nachhaltigen Konsum praktizieren.
Ein theoretischer Ansatz, der sich mit dem „neuen Band“ zwischen eben den Entfernteren
auseinandersetzt, ist die Theorie der posttraditionalen Vergemeinschaftung. Diese entdeckt bei
der Analyse der Konsequenzen der Individualisierung für das soziale Zusammenleben, dass die
Individuen aufgrund der Verunsicherung in einer individualisierten Gesellschaft neue Wege
und Prozesse der sozialen Vergemeinschaftung einschlagen, mit der sie (wieder) soziale
20
21
Zumindest in Angelegenheiten der Nachhaltigkeitsbestrebungen.
Sicherheit und Verbundenheit herzustellen versuchen.22 Nach Ronald Hitzler sei das soziale
Band in diesen „neuen“ Gemeinschaften nicht auf Vergangenheit und Tradition
Posttraditionale Vergemeinschaftung : über neue Formen der Sozialbindung - Post-traditional
communization : new forms of social attachmentdie jederzeit kündbare Mitgliedschaft auf der Basis
eines freien Entschlusses. Hinzu kommt, daß man für die Mitgliedschaft in der Regel bezahlt, da
posttraditionale Gemeinschaften vorzugsweise von einer Organisationselite im Zusammenhang mit
Profitinteressen stabilisiert und perpetuiert werden.
Hierzu befassen sich Soziologen zum einen mit neuen soziale Bänden, welche über industrielle
Arbeitsteilung, interstaatliche Verträge und marktbasierter Handel reguliert werden, und zum
anderen auch mit neuen gemeinschaftsbildenden Identifizierungsprozessen
Es werden einerseits neue globalisierte, mediale Vergesellschaftungs- und verbindende
Identifikationssformen beschrieben oder andererseits wiederbelebende Wirft man einen Blick
in die Zeitungen oder ins Web scheint die Gegenwärtigkeit der Erwartungen an den
Konsumenten bezüglich seiner Verantwortungsübernahme gegenüber der Umwelt grösser denn
je.23 Aus der Perspektive der Soziologie stellt die dieArgumentation der oben präsentierten
Autoren eine interessante Entwicklung/ Tendenz in der Behandlung der aktuellen
Nachhaltigkeitsbestrebungen dar: die Individualisierung der Verantwortung bezüglich des
Nachhaltigen Konsums korrespondiert mit der von vielen renommierten Soziologen
beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklung der Individualisierung. Unter dem Leitwort der
Individualisierung wird seit den Anfängen der Soziologie beschrieben wie in der Moderne das
Individuum immer mehr zum zentralen Bezugspunkt für sich selbst und die Gesellschaft wird.
Ulrich Beck erfasst diese Entwicklung der Individualiserung mit den Worten: „Der oder die
Einzelne wird selbst zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen.“24 Er erklärt, dass
einerseits eine Freisetzung von den historisch vorgegebenen Sozialformen und -Bindungen
innerhalb traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhängen, und andererseits auch
eine Entzauberung welche den Verlust von kollektiven Sicherheiten und Orientierungsrahmen
wie Handlungswissen, Glauben und leitende Normen, geschieht. Beck schliesst daraus: „Durch
den säkularen Trend der Individualisierung (…) wird der Sozialkitt porös, verliert die
22
23
24
Beck, 1986, S.209.
Gesellschaft ihr kollektives Selbstbewusstsein und damit ihre politische Handlungsfähigkeit.“25
unserer Gesellschaft. Eine beschriebene Sorge der Kritiker des Nachhaltigen Konsums, dass
dieser zu einer Eindämmung des sozialen Zusammenhalts führe, korrespondiert auf den ersten
Blick bestens mit der von vielen renommierten Soziologen beobachteten Entwicklung der
gesellschaftlichen Individualisierung. - Individualisierung meint nach Ulrich Beck, dass das
Individuum immer mehr zum zentralen Bezugspunkt für sich selbst und die Gesellschaft wird.
Oder in seinen eigenen Worten: „Der oder die Einzelne wird selbst zur lebensweltlichen
Reproduktionseinheit des Sozialen.“26 Dies bedeute nach Beck einerseits eine Freisetzung von
den historisch vorgegebenen Sozialformen und -Bindungen innerhalb traditionaler Herrschaftsund Versorgungszusammenhängen, andererseits aber auch eine Entzauberung welche den
Verlust von kollektiven Sicherheiten und Orientierungsrahmen wie Handlungswissen, Glauben
und leitende Normen meint. Beck schliesst daraus: „Durch den säkularen Trend der
Individualisierung (…) wird der Sozialkitt porös, verliert die Gesellschaft ihr kollektives
Selbstbewusstsein und damit ihre politische Handlungsfähigkeit.“27 …………….. die, oder in
seinen Worten; dass verwandelt werden, ähnliches wie die Kritiker des Nachhaltigen Konsums
mit der Individualisierung der Verantwortung als zentralen Mechanismus der Entwicklung,28
Vor dem Hintergrund der wie bisher vorgestellten soziologischen Individualisierungstheorie
könnte die oben herausgearbeitete Sorge der Kritiker des Nachhaltigen Konsums zur These
verleiten, dass die konsumorientierte Herangehensweise an die Umweltprobleme als ein
(weiterer) Antrieb der sozialen Individualisierung unserer Gesellschaft wirkt. Nach den
Darstellungen der erwähnten Umweltanalysten scheint es, dass Nachhaltiger Konsum die
Menschen auseinander driften lässt – eben der Sozialkitt porös wird - das heisst jeder meint auf
sich allein gestellt die kollektiven Umweltprobleme lösen zu müssen. Die soziologische
Auseinandersetzung mit der Individualisierung behandelt aber nicht nur die Erosion der
traditionellen gemeinschafsbasierten Solidaritäts- und Integrationsmechanismen, sondern
verweist auch auf reintegrierende Dimensionen der Individualisierung, welche die Menschen
auf neue Weise miteinander verbinden. Georg Simmel fasst dies pointiert folgendermassen
zusammen: „Die Individualisierung lockert das Band mit dem Nächsten, um dafür ein neues –
reales und ideales – zu den Entfernteren zu spinnen.“29
25
Beck 1997, 24.
Beck, 1986, S.209.
27
Beck 1997, 24.
28
Beck 1986, S. 146, S. 150.
26
29
Ein theoretischer Ansatz der sich bei meiner Untersuchung der Auswirkung der Praxis des
Nachhaltigen Konsums in der LGB auf die soziale Verbundenheit als fruchtbar erwies, ist die
Gemeinschaftskonzeption des Soziologen Matthias Grundmann, welcher das klassische
Verständnis der Gemeinschaft, das diese vor allem mit den traditionellen (oftmals familiären
oder
religiösen)
Sozialformen
in
Verbindung
bringt,
zu
einem
ahistorischen
Gemeinschaftsbegriff weiterentwickelt.
Grundmann beobachtet, dass „Gemeinschaft mit der Etablierung staatlicher Verfassungen ihre
Rolle als zentrale Instanz öffentlichen Lebens [zwar verlor], dennoch sich in der Moderne
durchgängig gemeinschaftliche Beziehungen und Lebensformen [finden].“ Zur Untersuchung
dieser gemeinschaftlichen Beziehungen muss die sich gegenseitig ausschliessende Dichotomie
zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft aufgelöst werden und Gemeinschaft als Teil der
von Ronald Hitzler. Dieser schliesst an Becks Individualisierungsthese an, entwickelt aber aus
empirischen Beobachtungen heraus die These, dass die Menschen, in einer individualisierten
Gesellschaft neue Formen der Vergemeinschaftung suchen, welche ihnen . Dabei
Dabei nehme ich Bezug auf Grundmann erklärt, dass
Meine Frage nach Vergemeinschaftungsprozesse fusst auf dem Grundgedanken des Ansatzes
der
posttraditionalen
Vergemeinschaftung,
Der
Aus
der
Medienforschung
sowie
JugendszenDas kennzeichnende dieser neuen Gemeinschaftsformen seien vor allem die frei
gewählten
Das Konzept der posttraditionalen Gemeinschaft wirft Licht auf die eigentlich schon von Ulrich
Beck angesprochene reintegrierende Dimensionen der Individualisierung, welche im
Individualisierungsdiskurs oftmals hinter der Klage der Gefährdung der gemeinschaftsbasierter
Solidaritäts- und Integrationsmechanismen vergessen geht. Der Soziologe Ronald Hitzler
erklärt dazu, dass die Individuen
Individualisierung nicht
die posttraditionale
Vergemeinschaftung als Antwort auf
3. Die Praxis des Nachhaltigen Konsums in Lebensmittelkooperativen
Um die praktische Umsetzung des Nachhaltigen Konsums zu untersuchen, wurde in hiesiger
Arbeit ein spezielles Handlungsumfeld – eine Lebensmittelkooperative – ausgewählt. In diesem
Kapitel soll erklärt werden, was unter einer Lebensmittelkooperative im Allgemeinen zu
verstehen ist, und die Lebensmittel Gemeinschaft Basel im speziellen kurz vorgestellt werden.
Lebensmittelkooperativen, kurz Foodcoops, sind grob zusammengefasst „ehrenamtlich
organisierte Gemeinschaften, die kostengünstig ökologisch hergestellte Produkte aus der
Region und fair gehandelte Waren aus Übersee beziehen.“30 Die grundlegende Motivation für
die Mitgliedschaft in einer Foodcoop ist die Unzufriedenheit mit der vorherrschenden
Lebensmittelproduktions- und -handelsweise. Auf der Website der Karlsruher Foodcoop heisst
es, dass es darum ginge, gegen die Zerstörung der Umwelt und die Belastung der Lebensmittel
mit Schadstoffen und Gentechnologie Menschen selbst etwas zu unternehmen. dazu bewegte
in einer Foodcoop Mitglied zu werden, denn da ginge es darum „selbst etwas gegen die
herrschende Verhältnisse zu unternehmen.“ und dass mit der In der Foodcoop Mitgliedschaft
wiürde eine Möglichkeit gesehen selbstbestimmt und eigenverantwortlich für einen
nachhaltigen Lebensmittelbezug einzu organisieren.31
Die ersten Foodcoops entstanden in den 1970er Jahren als die Möglichkeiten an biologisch
erzeugte Produkte zu gelangen sehr begrenzt war. Mit dem Boom der
Naturkostläden und der Etablierung des Bioladenmarktes in den 80er Jahren, verschwanden
diese gemeinnützigen Organisationen in Europa grösstenteils wieder von der Oberfläche.32
Nur wenige haben sich mit „Einsatz und Phantasie eine Nische gebastelt“ und überlebten von
den Anfangszeiten bis heute.33 Seit ein paar Jahren aber werden in den urbanen Zentren in
Deutschland und in der Schweiz wieder vermehrt Vereinigungen, die dem Leitgedanken der
ersten Foodcoops entsprechen, gegründet.3435
Es gibt vielfältige (Misch)Formen der Foodcoop; von der Bestell-Foodcoop oder LagerFoodcoop, über ganze Mitglieder-Ladenketten bis zu Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften.
Allen gemeinsam ist die selbstbestimmte, gemeinnützige Struktur. Alle Mitglieder haben
dasselbe Mitbestimmungsrecht, die allfallenden Arbeiten werden auf die Beteiligten aufgeteilt
und es wird nur eine kleine Marge auf die Produkte gesetzt, welche für allfällige
30
31
http://www.foodcoop-karlsruhe.de/coopselbstv.html
In Amerika haben sich die Foodcoops etwas „erfolgreicher“ etabliert und wuchsen in den letzten 10 Jahren bis
zu grossen Einkaufsketten. Als Beispiel: food coop slope park.
33
http://www.foodcoop-karlsruhe.de/coopselbstv.html
32
34
35
Es gibt noch keine statistische Erhebung der Anzahl und Verbreitung von Foodcoops. Als Indiz für die
Wiederverbreitung von Foodcoops dient mir die Website Foodcoopedia, auf welcher sich seit 2004 über 100 in
den Städten Deutschlands situierte Foodcoops registriert haben. Auch ist die Bildung einer nationalen
Dachorganisation wie die Bundesarbeitsgemeinschaft für Lebensmittelkooperativen ein Zeichen dafür, dass es
eine grosse Anzahl von Foodcoops gibt, welche es lohnt zu vernetzen und koordinieren.
In der Schweiz ist die älteste grössere Foodcoop in Zürich zu finden. Das Tor 14 entstand in , nun eine neue
Betriebskosten eingesetzt werden oder für die Förderung von Initiativen für die ökologische
Landwirtschaft eingesetzt werden.36
Die Lebensmittel Gemeinschaft Basel (kurz LGB) funktioniert als Bestell- und Lagerfoodcoop.
Sie ist rechtlich als Verein konzipiert, bei dem man als Mitglied Sfr. 10.- im Monat bezahlt und
dafür jede Woche frische Produkte wie Gemüse, diverse Früchte, Milchprodukte, Getreide
und Brot bestellen sowie aus dem Lagersortiment (im Moment der Untersuchung: Apfelsaft,
diverses Öl, vegane Milchersatzprodukte u.Ä.) spontan einkaufen kann. Die LGB sieht sich
selbst neben der Zugangsermöglichung zu nachhaltigen Lebensmitteln
Posttraditionale Vergemeinschaftung : eine 'Antwort' auf die allgemeine gesellschaftliche
Verunsicherung
36
3. Methodisches Vorgehen
Ich habe mich bei der Datenerhebung und dem Analyseverfahren für qualitative
Forschungsmethoden entschieden. Qualitative Forschung zeichnet sich besonders durch ihre
Offenheit und Flexibilität aus, welche gerade bei der Erforschung von noch wenig untersuchten
sozialen
Phänomenen
–
wie
es
die
hier
interessierten
Individualisierungs-
und
Vergemeinschaftungsprozesse im Kontext des Nachhaltigen Konsums bzw. konkret in einer
Food-co-operative sind – von besonderem Vorteil sein können. Sie ermöglichen dem Forscher
auf die noch unbekannten und individuellen Umstände des Untersuchungsfeldes flexibel
einzugehen und die relevanten Zusammenhänge aus ihrem natürlichen Kontext heraus zu
„entdecken“. 37
Da die Gestaltung der qualitativen Forschung sich prozessartig entwickelt und zumeist nur
wenig standardisiert ist, gilt die Nachvollziehbarkeit der einzelnen Entscheidungsschritte im
Forschungsprozess als wichtiges Prinzip in der qualitativen Forschung.38 Um dieses
abzudecken, werden in folgenden Unterkapiteln die gewählten methodischen Zugänge und die
relevanten Merkmale meines Forschungsverlaufs transparent dargelegt und kritisch reflektiert.
3.1.Ausgangssituation des Forschungsprozesses
Mit der „Lebensmittel Gemeinschaft Basel“ wählte ich ein Untersuchungsfeld, dem ich schon
vor dem Forschungsbeginn persönlich vertraut war. Aus eigenem Interesse an gesunden und
fair gehandelten Lebensmitteln bin ich seit der Gründung der LGB im März 2012 aktives
Mitglied des Vereins. Dies bedeutet konkret, dass ich über ein halbes Jahr wöchentlich
Lebensmittel über die LGB bestellte und immer wieder bei den monatlichen Sitzungen dabei
war. Dieser persönliche Bezug zum Untersuchungsgegenstand brachte mir für meine
Untersuchung einige Vorteile: Er vereinfachte mir den Zugang zum Forschungsfeld, die
Bewahrung der natürlichen Situation durch nicht zu starkes Auffallen als Forscher und der
Prozess des Vertrauensgewinns bei den erforschten Individuen. Zudem half das Vorwissen über
die Funktionsweise der LGB mir bei der Auswahl von sinnvollen Datenerhebungsmomenten
und Interviewpartnern. So angenehm diese Vorteile auch sein mochten, war ich mir (speziell
bei der Handhabung des letzteren Vorteils) auch im Klaren darüber, dass der persönliche Bezug
nur mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen war. Als gewöhnliches Mitglied hatte ich bis zum
Zeitpunkt meiner Forschung nämlich nicht mit dem Blick eines Forschers auf die LGB
geschaut und somit womöglich wichtige Details nicht bewusst wahrgenommen. Der Ethnograf
37
38
Vgl. Flick, 2009, S. 26-S. 28.
Vgl. Lamnek 2005. Qualitative Sozialforschung.
James Spradley beschreibt zu diesem Thema in einer Gegenüberstellung des gewöhnlichen und
dem forschenden Individuums, dass während das Erstere in seinem Alltag viele Dinge
ausblenden muss, um nicht von der Komplexität des sozialen Lebens überrollt zu werden, muss
Zweiteres seine Wahrnehmung besonders auch für diese Dinge schärfen. Der Forschende habe
deshalb die Aufgabe „to increase his or her awareness, to raise the level of attention, to tune in
things usually tuned out.“39
Es galt folglich in meiner Untersuchung darauf zu achten nicht nur diejenigen Aspekte (Orte,
Mitglieder, Handlungen) der LGB unter die Lupe zu nehmen, die ich selbst schon kannte bzw.
stark in Erinnerung hatte, sondern den Blick auch auf die mir noch unbekannten Aspekte in der
LGB zu werfen. Ich musste mich folglich zunächst von meinem Untersuchungsgegenstand
persönlich etwas distanzieren, den Blick auf die gewohnte soziale Wirklichkeit verfremden, um
mich ihr dann wieder bewusst und systematisch anzunähern. Um dieser Herausforderung
gerecht zu werden, entschied ich mich ziemlich zu Beginn meiner Forschung das Kernteam (6
aktive Mitglieder der LGB) über mein Forschungsvorhaben zu informieren. Damit konnte ich
mich von den Erwartungen an meine gewöhnliche Rolle in der LGB etwas befreien und ich
mich besser auf meine Forschung konzentrieren. Zudem konnte ich in diesem Gespräch mit
dem Kernteam zusammen einen Überblick über die verschiedenen Aktivitäten und
Handlungsorte der LGB für die Forschungsmonate Dezember 2012 und Januar 2013 erarbeiten,
der nicht nur auf meinen subjektiven Blick basierte.
3.2.Methodischer Zugang I: Teilnehmende Beobachtung
Aus dem methodologischen Spektrum der qualitativen Sozialforschung wählte ich als primäre
Erhebungsmethode die Teilnehmende Beobachtung. Diese Erhebungsmethode eignet sich für
meine Untersuchung besonders gut, da sie vorsieht, dass die Daten zur Beantwortung der
Forschungsfrage über einen längeren Zeitrahmen hinweg (in meinem Fall knapp zwei Monate)
gesammelt werden. Somit wird ermöglicht, dass die Prozesshaftigkeit und Dynamik, die den in
meiner Forschung untersuchten Phänomenen der Individualisierung bzw. Vergemeinschaftung
zu Grunde liegen, zumindest ansatzweise erfasst werden können.
Zudem hat die teilnehmende Beobachtung gegenüber reiner Beobachtung oder Interviews den
Vorteil, dass der Forscher die zu untersuchenden Handlungen aus nächster Nähe beobachten
und anhand der direkten Eigenerfahrung auch möglichst von innen her verstehen kann. „Mit
39
¨Spradley 1980, S.56.
teilnehmender Beobachtung will der Forscher eine grösstmögliche Nähe zu seinem Gegenstand
erreichen, er/sie will die Innenperspektive der Alltagssituation erschliessen.“ 40
Vor dem Hintergrund des im vorherigen Unterkapitel dargelegten persönlichen Bezugs zum
Untersuchungsfeld stellte die teilnehmende Beobachtung ausserdem eine wertvolle
Erhebungsmethode für meine Forschung dar, weil sie eine von wenigen wissenschaftlichen
Methoden ist, die es erlaubt bzw. sogar fordert die persönlichen Erfahrungen des Forschers im
Untersuchungsfeld (seine Handlungen, Gedanken und Gefühle) in den Datenkorpus mit
aufzunehmen. Der Ethnograph James Spradley erklärt dazu, dass die teilnehmende
Beobachtung nicht zum Ziel hat Menschen zu studieren, sondern von ihnen zu lernen.41 Das
heisst der Forschungsprozess wird in der Methode der Teilnehmenden Beobachtung als
Lernprozess verstanden, in den der Forschende sich begibt, wenn er versucht die untersuchte
Situation
zu
verstehen.
Dieser
Lernprozess
wird
dann
sozusagen
Teil
des
Untersuchungsgegenstandes, es geht darum „den eigenen Prozess des Vertrautwerdens zu
reflektieren und darüber Einsichten in das zu untersuchte Feld zu gewinnen, die bei
aufrechterhaltener Distanz nicht zugänglich wären“. 42
Die Methode der Teilnehmenden Beobachtung setzt sich folglich – wie der Name schon
impliziert – einerseits aus Beobachtungsmomenten der äusseren Situation des Forschers und
andererseits aus der introspektiven Beobachtung der Teilnahmemomente - Handlungen,
Wahrnehmungen und Gefühle des Forschers während er die untersuchten Handlungen selbst
vollzieht - zusammen. Im Folgenden werden die Auswahl und Vorgehensweisen bei diesen
beiden Forschungsmomenten in meiner Untersuchung erläutert.
3.2.1. Beobachtungsmomente
Eine grosse Herausforderung für die wissenschaftliche Beobachtung ist es, sich nicht in der
Vielfalt und Komplexität eines sozialen Phänomens zu verlieren. James Spradley erstellt dafür
einen dreiphasigen Beobachtungsleitfaden, der auf der Idee aufbaut, dass jeder Beobachtung
eine Frage vorausgeht und bei der wissenschaftlichen Beobachtung deshalb der Clue darin
liegt, diese Frage bewusst und systematisch zu stellen. In der ersten Phase der Descriptive
Observation empfiehlt Spradley dem Forscher, sich mit der generellen Frage „What’s going on
here?“ der sozialen Situation langsam anzunähern. Es geht darum einen ersten
unvoreingenommenen Überblick über die Situation zu erhalten, um darauf aufbauend
konkretere Untersuchungsfragen zu entwickeln. In der zweiten Phase die Focused Observation
40
Mayring 2002, S. 81
Vgl. Spradley 1980, S.3
42
Flick, 2009, S.291.
41
soll der Forscher dann im Feld nach verschiedenen Antworten auf diese Fragen suchen. Die
letzte Phase, der Selektive Observation soll nach einer eingehenden Analyse der fokussierten
Beobachtungen folgen und dazu dienen, die ersten herausgearbeiteten Kategorien mit weiteren
detaillierten Beobachtungen sowie mithilfe von kontrastierenden Fragen ausdifferenziert
darstellen zu können.43
Während den zwei Forschungsmonaten fanden vier dreistündige Lebensmittel-Abholtreffen im
Raum der LGB statt. Da diese Art des Treffens die Kernaktivitäten der LGB darstellt, an
welcher ein grosser Teil der Mitglieder regelmässig teilnimmt, wählte ich sie als
Hauptbeobachtungsmomente. Die Treffen verteilten sich über den Zeitrahmen der
Erhebungsphase in regelmässigen Abständen und von daher war eine zunehmende
Konkretisierung der Beobachtung wie Spradley sie vorschlägt gut möglich. Ich begann mit der
generellen Frage, was machen die Mitglieder beim Zusammenkommen für das Abholen ihrer
Lebensmittel? Um Hinweise für die Art und Entstehung der sozialen Verbundenheit zu
erhalten, nahm ich vornehmlich die Handlungen in den Blick, bei denen die Mitglieder in
Kontakt zueinander traten. Dabei stellten sich zwei relevante Beobachtungsaspekte für die
soziale Verbindung im Kontext von Nachhaltigen Konsum heraus: erstens die Verteilung der
Organisations- und Entscheidungsaufgaben des gemeinsamen Lebensmittelbezugs auf die
Mitglieder der LGB und andererseits die direkte Lebensmittelkonsumption (der LGB Raum hat
eine Küche in der während des Abholens häufig eine kleine Gruppe für die anderen Mitglieder
kocht).
In der fokussierten Beobachtungsphase nahm ich diese beiden Aspekte genauer in den Blick
und beobachtete wie die Mitglieder sich zusammen organisierten, damit sie zu ihren gesunden
Lebensmitteln gelangen und andererseits was beim zusammen Kochen und Essen mit den
Beziehungen zwischen den Mitgliedern geschah. Für diese fokussierten Beobachtungen nahm
ich zusätzlich zu den Abholtreffen an einem Produktegruppe-Treffen, einer grossen Sitzung
sowie am Neujahrsessen im LGB-Raum als teilnehmender Beobachter teil. Das Einbeziehen
dieser zusätzlichen Beobachtungsmomente verschaffte mir die Möglichkeit in einem kleineren
Rahmen (jeweils 8-15 Personen, statt 30-40 wie beim Abholtreffen) einen tieferen Einblick in
die genannten Aspekte zu erhalten, sowie die Möglichkeit die „Variationsbreite des tatsächlich
Beobachtbaren zu vergrössern“.44 Die selektive Beobachtungsphase führte ich dann wieder bei
den Abholtreffen durch und ergänzte diese mit zwei fokussierten Interviews mit LGB
Mitgliedern. Dazu mehr im Kapitel 3.3.
43
44
Vgl. Spradley 1980.
Flick, 2009, S.290.
3.2.2. Teilnahmemomente
Nach James Spradley kann sich das Ausmass des teilnehmenden Charakters bei der Forschung
über ein Kontinuum von keiner, über passive, moderate, aktive bis zur kompletten Teilnahme
erstrecken.45 Auch wenn Spradley jene Forscher, die ein Feld untersuchen, in welchem sie
bereits vor Forschungsbeginn gewöhnlicher Teilnehmer waren, dem letzten Teilnahmetyp
zuordnet, würde ich meine Teilnahme während meiner Forschung auf seinem Kontinuum näher
beim moderaten Teilnahmetyp einordnen. Der moderate Teilnehmer ist nach Spradley nämlich
jener, der versucht eine Balance zwischen Beobachtung und Teilnahme zu halten, was genau
mein Bemühen in meiner Forschung widerspiegelt.46 Da ich schon gleich beim ersten
Aufsuchen des LGB Raums mit Forschungsabsicht merkte, dass es schwierig sein wird bei
gewohntem Teilnahmegrad genügend Zeit und Raum zu finden für die Beobachtung und deren
schriftliches Festhalten, befreite ich mich gleich zu Beginn von allen bisherigen Aufgaben in
der LGB und informierte das LGB Kernteam über meine Forschungstätigkeit. Teilnehmend
erforschte ich die LGB dann vor allem insofern, dass ich während den Forschungseinsätzen in
Dialog47 mit den anderen Teilnehmern der untersuchten Situationen trat und Informationen
nicht nur von einem passiven Beobachtungsplatz aus, sondern auch im direkten Gespräch mit
den anderen Teilnehmern aufnahm. Dabei war es nötig, dass ich mich auch unter die Leute
mischte und ebenso wie sie Lebensmittel abpackte, kochte und ass.
Meine Erfahrungen vor dem Forschungsbeginn in der LGB, die mir für meine Forschungsfrage
relevant schienen, arbeitete ich in einem Gedächtnisprotokoll ziemlich am Anfang der
Datenerhebung auf. Dieses Gedächtnisprotokoll diente mir dazu, eine möglichst klare Linie
zwischen den selbst erlebten Ereignissen aus der Vergangenheit und denen, die ich als
Forscherin durch die anderen Mitglieder der LGB erhob, zu ziehen. Dabei ging es mir nicht
darum einen Schnitt zu machen und die eigenen Vorerfahrungen bei der späteren Analyse
meiner Daten auszublenden, sondern diese bewusst in die Interpretation meiner Daten
miteinzubeziehen und sie in ein Verhältnis zu den Erfahrungen der anderen Mitgliedern bzw.
der während der Forschung direkt beobachteten Ereignisse zu stellen.
3.3.Methodischer Zugang II: Fokussiertes Interview
45
Vgl. Spradley, 1980, S. 58- S.62.
Vgl. Ebd. S.60.
47
Die Dimension des Dialogs spielt bei der teilnehmenden Beobachtung eine wichtige Rolle. Bei der
teilnehmenden Beobachtung wird das Agieren des Forschers nicht als Störung der natürlichen Situation
angesehen, sondern die Reaktionen im Feld als zusätzliche Erkenntnisquelle verstanden. (Vgl. Flick, S.293)
Koepping erklärt dazu: Der Teilnehmende Beobachter „macht das Forschungssubjekt, den anderen nicht zum
Gegenstand, sondern zum dialogischen Partner“. (Koepping in Flick 2008, S.290)
46
Wie bereits weiter oben angesprochen, führte ich gegen Ende des Forschungsprozesses
ergänzend zu der selektiven Beobachtungsphase zwei Interviews mit zwei LGB Mitgliedern
durch. Dabei ging es mir darum, mit konkreten Fragen, die Reflektion der Mitglieder über die
von mir beobachteten Handlungen einzufangen, um meine Erkenntnisse aus der
Teilnehmenden Beobachtung mit den subjektiven Wahrnehmungen der Mitglieder zu
überprüfen, erweitern und vertiefen. Die Interviews wurden in Anlehnung am Entwurf des
fokussierten Interviews von Robert K. Merton und Patricia L. Kendall konzipiert. Dieses sieht
vor mit einem lockeren Leitfaden von Fragen, die subjektive Wahrnehmung einer bestimmten
Stimulussitution, der der Interviewte im Vorfeld des Interviews ausgesetzt war, zu erfassen.48
Auch wenn mit dieser Interviewform die Idee im Zentrum steht Hypothesen zu prüfen, sollte
darauf geachtet werden, dass der Interviewte nicht zu sehr vom Interviewenden beeinflusst
wird. Wie Merton und Kendall zu diesem Zweck vorschlagen, formulierte ich meine
Anfangsfragen eher offen und stellte gegen Ende zunehmend konkretere bzw. geschlossenere
Fragen.49 Meine Fragen wurden aus der Analyse der mit der teilnehmenden Beobachtung
erhobenen Daten abgeleitet und erfragten vor allem, welche Bedeutung die Befragten den
gefundenen Individualisierungs- und Vergemeinschaftungsprozesse gaben und stellten Warum
Fragen, welche mit Beobachtung schlecht zu beantworten sind, ins Zentrum. Aus den Daten der
teilnehmenden
Beobachtung
kristallisierte
sich
beispielsweise
heraus,
dass
Vergemeinschaftung in der LGB bewusst gefördert wird und neben dem Zugang zu
qualitativen Lebensmitteln ein klares Ziel des Vereins darstellt. Aus den Interviews wollte ich
erfahren, wieso sich die Befragten sich bemühten Vergemeinschaftung herzustellen und was für
sie Gemeinschaft bedeutet.
Als Interviewpartner wählte ich ein weibliches aktives Mitglied im Alter von 25 Jahren, das
schon von Anfang an mit dabei war und ein eher passives männliches Mitglied um die 50
Jahre, der erst seit 2 Monaten Mitglied bei der LGB ist. Ich entschied mich bewusst für diese
zwei sehr unterschiedliche Mitglieder, um in den Differenzen die relevanten Gemeinsamkeiten
zu entdecken, welche die interessierten Prozesse in der LGB repräsentieren können. Das erste
Interview dauerte eine 45 Minuten und das zweite eine knappe halbe Stunde.
3.4.Datenaufbereitung und Datenanalyse
48
49
Vgl. Flick, 2009, S.195 – S.202
Vgl. Ebd. S.196.
Als Grundlage für die Analyse dienten mir neben dem weiter oben erwähnten
Gedächtnisprotokoll ein Feldnotizheft und ein Forschungstagebuch, in welchen ich meine
Beobachtungs- und Teilnahmemomente schriftlich dokumentiert hatte. Ersteres beinhaltet die
Deskription von dem was ich im Feld direkt gesehen, gehört und gemacht habe. Und Zweiteres
die Reflektion darüber, wie ich mich bei diesen Ereignissen sowie im Forschungsprozess
allgemein gefühlt habe und was für Probleme, Ideen, Fragen aufkamen. Zur Entstehung dieses
schriftlichen Datenkorpus ist zu erklären, dass ich während meiner Feldaufenthalte jeweils ein
Notizblock dabei hatte, in welches ich stichwortartig die Geschehnisse notierte, um diese dann
gleich nach dem Verlassen des Felds detaillierter zu verschriftlichen bzw. wie Spradley es
nennt zu einem expanded account zu erweitern.50
Nach der Verschriftlichung folgten jeweils die ersten Analyseschritte, bei denen ich die
genannten Daten-Texte thematisch codierte und vergleichend sortierte. Ich orientierte mich
dabei an dem Analyseverfahren der Grounded Theory, welches drei Typen des Kodierens:
offenes, axiales und selektives Kodieren unterscheidet. Die drei Typen des Kodierens sind
weder klar voneinander trennbare Vorgehensweisen, noch zeitlich eindeutig getrennte Phasen.
Vielmehr stellen sie verschiedene Umgangsweisen mit textbasiertem Material dar, zwischen
denen hin und her gesprungen und die miteinander kombiniert werden können.51 Zu Beginn des
Auswertungsprozesses beziehen sich die Kodes unmittelbar auf die Daten, werden im Laufe
des Prozesses differenzierter und abstrakter und können schlussendlich zu einer Kategorie
zusammengefasst werden. Zentral bei diesem Verfahren ist, dass die Interpretation induktiv
geschieht, das heisst die ersten Kodes werden aus den Daten heraus entwickelt und werden in
einem ständigen Vergleich zwischen ähnlichen und differenten Daten geprüft und
weiterentwickelt.
Beim offenen Kodieren werden die Daten zunächst zerlegt und Aussagen in einzelne
thematische Sinneinheiten zergliedert, um diese mit Anmerkungen und Begriffe (Kodes) zu
betiteln. Dabei können x-beliebige Codes entstehen, die Idee ist, diejenigen für die jeweilige
Fragestellung relevanten entdeckten Codes nach Ähnlichkeiten zu gruppieren und wieder mit
abstrakteren Codes zusammenzufassen. Ziel des offenen Kodierens ist ein fundiertes
inhaltliches Verständnis für die Daten-Texte zu erarbeiten und Konzepte in Bezug auf
Eigenschaften und Dimensionen der Daten zu identifizieren. Beim axialen Kodieren geht es
darum, die entwickelten Kodes zu verfeinern und zu differenzieren. Es werden Kategorien und
Unterkategorien entwickelt, deren Beziehungen zueinander herausgearbeitet werden. Das
50
51
Spradley, 1980, S.70.
Flick 2009, S.387- S.388.
selektive Kodieren hat dann zum Ziel eine Kernkategorie herauszuarbeiten, um welchen sich
die anderen Kategorien gruppieren lassen. Dazu ist ein ständiger Vergleich von ähnlichen und
vor allem auch sehr unterschiedlichen Datenmaterial wichtig,52
52
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