Kinder körperlich kranker Eltern

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M E D I Z I N
ZUR FORTBILDUNG
Peter Riedesser
Michael Schulte-Markwort
Kinder körperlich
kranker Eltern
Psychische Folgen und Möglichkeiten der Prävention
ZUSAMMENFASSUNG
Eine schwere körperliche Erkrankung einer Mutter oder eines Vaters greift auf vielfache Weise in die Beziehung zwischen Eltern und Kind ein und kann die weitere Entwicklung des Kindes nachhaltig beeinträchtigen. Kinder körperlich kranker Eltern sind als eine Risikopopulation im Hinblick auf die Entwicklung psychiatrischer Störungen zu betrachten. Man kann spezifische Belastungen dieser Kinder
und Jugendlichen nach entwicklungsspychologischen Gesichtspunkten, Art und Verlauf der Erkrankung der Eltern
(akut, chronisch, letal) und dem Fehlen oder Vorhandensein
protektiver Faktoren (zum Beispiel
kompensatorische Bezugsperson) differenzieren. Unter präventiven Gesichtspunkten ist es erforderlich, die alters- und krankheitstypischen Belastungen
der Kinder körperlich kranker Eltern weiter zu erforschen
und in ein familienorientiertes Behandlungskonzept zu integrieren.
Schlüsselwörter: Elterliche Erkrankung, Coping,
Prävention, psychische Störung im Kindes- und Jugendalter, Risikogruppe
Children of Physically Ill Parents: Mental Health
Development and Prevention
Severe physical illness in a mother or father influences the
relationship between parents and child in many ways and
may profoundly affect the development of the child. Children of physically ill parents have to be classified as a risk
group since they are susceptible for the development of
psychiatric disorders. Specific stress factors can be differentiated according to aspects of developmental psychology, type and course of the parents’ disease (acute, chronic,
lethal) and the absence or presence of protective factors (such as a compensatory reference
person). Considering preventive aspects, it is essential to
further investigate the age- und disease-related stress factors to which children of physically ill parents are exposed
and to integrate them into a family-oriented therapeutic
plan.
Key words: Parental disease, coping, mental
health prevention, child and adolescent psychiatric
disorder, risc population
D
ie schwere körperliche Erkrankung einer Mutter oder
eines Vaters greift auf vielfache Weise in die Beziehung zwischen
Eltern und Kind ein und kann die
psychische und soziale Entwicklung
des Kindes nicht nur erschweren,
sondern auch nachhaltig beschädigen. Kinder von körperlich kranken
Eltern werden seit der Untersuchung von Rutter (1966) als Risikogruppe für die Entwicklung einer
kinder- und jugendpsychiatrischen
Erkrankung eingestuft.
Genaue Zahlen über die Prävalenz der betroffenen Kinder und Jugendlichen sind bislang nicht bekannt, analog zu Schätzungen in den
Vereinigten Staaten kann jedoch davon ausgegangen werden, daß auch
in Deutschland 5 bis 15 Prozent aller
Kinder und Jugendlichen einer solchen gravierenden Belastung einmal, mehrfach oder chronisch ausgeliefert sind.
Es handelt sich also um ein millionenfach auftretendes Phänomen, das
in unserem Versorgungssystem bislang weder klinisch oder wissenschaftlich, noch im Hinblick auf präventive Konzepte ausreichend berücksichtigt worden ist und als ein Querschnittsthema für die gesamte klinische Medizin erhöhter Aufmerksamkeit bedarf.
Schon die frühe Beschäftigung
mit schädigenden und protektiven
Faktoren in der kinder- und jugendpsychiatrischen Forschung (beispielsweise in der Kauai-Studie) hat
gezeigt, daß elterliche Erkrankungen
einen Risiko- oder Belastungsfaktor
für die Ausbildung einer kinder- und
jugendpsychiatrischen Störung bedeuten (56).
Über die Beschäftigung mit Kindern sterbender Eltern (18, 19) hat
das Thema vereinzelt Eingang in die
empirische Forschung gefunden.
Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie
des Kindes- und Jugendalters (Direktor: Prof.
Dr. med. Peter Riedesser), Universitäts-Krankenhaus, Hamburg-Eppendorf
SUMMARY
Neuere Überblicksarbeiten über die
noch spärliche, erst in langsamer
Entwicklung befindliche Forschung
auf diesem Gebiet (2, 40, 59) kommen zu dem Ergebnis, daß die Auswirkungen elterlicher körperlicher
Erkrankungen auf Kinder entscheidend abhängen von der Art der Erkrankung (akuter oder schleichender Beginn, kontinuierlicher oder rezidivierender Verlauf, gute oder
schlechte Prognose) und ihrem Einfluß auf die elterliche Beziehungsfähigkeit zum Kind (unter anderem
reale und emotionale Verfügbarkeit).
Von zentraler Bedeutung ist
außerdem der kognitive, emotionale
und soziale Entwicklungsstand des
Kindes und das Vorhandensein oder
Fehlen protektiver Faktoren.
Unsere Kenntnisse über die spezifischen Reaktionen von Kindern
kranker Eltern sind bislang unzureichend. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten wird in Zukunft zu
klären sein, ob die elterliche Erkran-
Deutsches Ärzteblatt 96, Heft 38, 24. September 1999 (41) A-2353
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ZUR FORTBILDUNG
kung eine spezifische oder unspezifische Belastung darstellt und mit welchen individuellen Bedingungen auf
Seiten des Kindes und seiner psychosozialen Umwelt Wirkzusammenhänge bestehen.
Sinnvoll ist eine Unterteilung
nach der Art der körperlichen Erkrankung. Bislang liegen Ergebnisse
zu den nachfolgenden somatischen
Störungen von Eltern vor.
Krankheitsbild
der Eltern
Krebserkrankung
Untersuchungen von Kindern
brustkrebskranker Mütter zeigen, daß
sich die Beziehungen zwischen Müttern und Kindern in 25 Prozent der
Fälle verschlechtern (30). Die Kinder
krebskranker Eltern, die sich im Präterminalstadium befinden,
sind signifikant depressiver, ängstlicher und zeigen
mehr Verhaltensauffälligkeiten (45).
Selbstwert und soziale
Kompetenz sind erniedrigt. Töchter krebskranker
Mütter sind belasteter als
Söhne oder Töchter krebskranker Väter (21), wahrscheinlich weil sie familiäre Pflichten stärker übernehmen und in besonderer
Weise identifiziert sind (6).
Dadurch werden oftmals Probleme der Verselbständigung
deutlich
(54). Jugendlichen gelingt
es besser als Kindern, ein angemessenes Coping zu leisten (10), wobei Eltern häufig die Belastung ihrer Kinder unterschätzen (53).
Dialysepatient
Kinder von dialysepflichtigen
Eltern reagieren häufig mit einem
Leistungsabfall in der Schule (26),
mißlungenem Coping (57) im Sinne
von Aggressionsbildungen (16), Eskapismus oder Somatisierungstendenzen, depressiven und hypochondrischen Verhaltensmustern (5, 50).
Innerhalb der Familien kommt es
vermehrt zu Verleugnung und massi-
ven Spannungen (48), Kommunikationsstörungen (32) mit Verschiebungen von Aggression und Empathiemangel (31).
Neurologische Erkrankung
Kinder von Eltern, die an multipler Sklerose erkrankt sind, zeigen
signifikant mehr Ängste als Kontrollgruppen mit Kindern gesunder
Eltern (3) und eine Tendenz zu vermehrten Körperbildstörungen (34,
48). Die Familien halten weniger
zusammen als Familien aus nicht klinischen Kontrollgruppen (35), zeigen weniger Außeninteressen und
bewältigen die Erkrankung eines
Elternteils zu 50 Prozent maladaptiv (37).
Kinder von epilepsiekranken
Eltern entwickeln etwa zu einem
Drittel psychische Störungen (38).
Zwei Drittel der Kinder von Eltern
Koronarpatient
Übermäßige Besorgtheit bezüglich der eigenen körperlichen Unversehrtheit bis hin zu starken hypochondrischen Ängsten finden sich bei
Kindern von koronarkranken Eltern
(25). Nach einem Herzinfarkt eines
Elternteils reagieren besonders die
sechs- bis zwölfjährigen Kinder mit
Irritationen, während die Jugendlichen verständnisvoll handeln können. Nach drei Monaten hat sich auch
bei den Familien mit jüngeren Kindern das Familienleben wieder normalisiert (12), wobei es positive Korrelationen zwischen der sozialen Integration der Familie und dem intrafamiliären Zusammenhalt gibt (13).
Rheumatoide Arthritis
Analog zu einer Kontrollgruppe
mit Kindern depressiver Eltern zeigen
die Kinder von Eltern mit rheumatoider Arthritis signifikant schlechtere
Selbstwertgefühle und mehr psychische Symptome (24). Später kann es
bei einem Drittel der Familien zu Ablösungsproblemen der Jugendlichen
aus dem „kranken Elternhaus“ kommen (55).
Schmerzpatient
Der Familienzusammenhalt bei
Schmerzfamilien ist signifikant geringer als bei gesunden Familien bei
gleichzeitig gesteigerter Konflikthaftigkeit (14); die Kinder zeigen signifikant häufiger Somatisierungstendenzen (33).
mit Chorea Huntington reagieren
maladaptiv auf die Krankheit, indem
sie von der Angst besetzt sind, dieselbe Krankheit zu bekommen und
daher depressive und hypochondrische Symptome entwickeln (36).
Diabetiker
Bei Kindern diabetischer Eltern wurden Tendenzen der Rationalisierung und Verleugnung gefunden, bei gleichzeitiger Angst, sie
könnten auch eines Tages an Diabetes erkranken (27). Die Eltern bagatellisierten psychische Probleme ihrer Kinder.
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Körperlich behindert
und/oder verunfallt
Obwohl in der Bundesrepublik
Deutschland fast acht Prozent der
Bevölkerung als schwerbehindert
anerkannt sind, findet die Situation
körperbehinderter Eltern kaum Niederschlag in der Literatur. Einzelne
Arbeiten hierzu zeigen, daß behinderte Menschen sich gut in der Lage
fühlen, Eltern zu werden und Kinder
zu erziehen (4).
Auch Hypothesen bezüglich
schlechterer Anpassung von Kindern
querschnittsgelähmter Väter ließen
sich nicht in allen Untersuchungen
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bestätigen (8, 9). Andere Arbeiten
zeigen, daß diese Familien von den
Rollenwechseln ihrer Eltern gekennzeichnet sind, die nicht mehr in allen
Bereichen aktiv am Leben teilnehmen können und dadurch die Familie
belasten (11). Einzelne Kasuistiken
beschreiben schwere Selbstverletzungen im Rahmen identifikatorischer Prozesse (23). Kinder kopfverletzter Eltern sind in vielen Fällen
Kindern psychisch kranker Eltern
gleichzusetzen, da die psychischen
Veränderungen der Eltern zumindest
passager oft erheblich sind (51).
Verstorben
Die Berichte über verwaiste
Kinder zeigen ein breites Spektrum
an möglichen Störungen. Die Ergebnisse reichen von unspezifischen
Verhaltensauffälligkeiten (58), Delinquenz (22), Schulleistungsstörun-
gen (1, 15, 42), Depressionen (28,
52), bis zu Somatisierungsstörungen
(58). Die Belastungen der Kinder
entstehen durch unterschiedliche Belastungsgefüge im Verlauf elterlicher
Erkrankungen (Tabelle).
Im Verlauf der akuten oder chronischen elterlichen Erkrankung spielt
das Erleben der betroffenen Kinder
eine zentrale Rolle und sollte auch bei
der Planung und Durchführung der
Behandlung der Eltern berücksichtigt
werden (Textkasten Belastungen).
Bei Kindern aller Altersstufen
erfordern die durch eine schwere Erkrankung eines Elternteils hervorgerufenen Veränderungen eine große
Anpassungsleistung; je nach kognitivem Entwicklungsstand reagiert das
Kind mit alters- und persönlichkeitsspezifischen Überlegungen zur Ätiologie, zur Therapie und zur Gestaltung von gegenwärtigem Alltag und
Zukunft (Textkasten Reaktionen).
Tabelle
Bedingungsfaktoren
Elterliche
Erkrankung
Psychosoziale
Bedingungen
Kindliche
Faktoren
Art:
Reale elterliche
Verfügbarkeit
Alter
akut
schleichend
chronisch
Verlauf:
kontinuierlich
rezidivierend
nicht vorhersagbar
Prognose:
gut
schlecht
infaust
Residuen
Entwicklungsstand
Emotionale elterliche
Verfügbarkeit
Kognition
Verfügbarkeit des
gesunden Elternteils
Psychosoziale
Kompetenz
Kompensierende
Beziehungen
Anpassungsniveau
Einbeziehung in die
elterliche Behandlung
Materielle Bedingungen
Vorbestehende Stressoren
Andere Lebensereignisse
Vererblichkeit
Alter des betroffenen
Elternteils
Gesundheit des
anderen Elternteils
Coping-Strategien
Eigene Berechnungen nach (1)
(Groß-)familiäre
Beziehungsstruktur
Beziehungen zur
Peer Group
Bewältigungsstrategien
Geschwisterbeziehungen
Entwicklungspsychopathologische Aspekte
Je nach Entwicklungsstand und
eventuell schon vor Krankheitsbeginn bestehender individueller und
familiärer Problematik und bei Fehlen protektiver Faktoren (zum Beispiel konstant verfügbare zusätzliche
Bezugspersonen) können massive
Interferenzen mit Entwicklungsaufgaben erfolgen, von der Störung des
Bindungsaufbaus in der frühen Kindheit bis hin zum Ablösungsprozeß in
der Adoleszenz. Als klinisch und wissenschaftlich fruchtbarer Bezugsrahmen für das Verständnis der Probleme der Kinder kranker Eltern soll
hier eine entwicklungspsychopathologische Betrachtungsweise der Eltern-Kind-Beziehung am Beispiel tumorkranker Mütter dargestellt werden.
Erkrankt eine Mutter schon während der Schwangerschaft an einem
Tumor, kann die vorgeburtliche Beziehung auf empfindliche Weise gestört werden, indem die erforderliche
psychische Akzeptierung und „Besetzung“ des Ungeborenen durch schwere depressive Zustände und Zukunftsängste erschwert wird. Ebenso,
wenn eine Chemotherapie und/oder
Strahlentherapie aus Rücksicht auf
den Fetus nicht sofort und in der hinreichenden Dosierung erfolgen kann.
So kann sich ein tragischer Zielkonflikt zwischen dem Recht der Mutter
auf Überleben und dem Recht des
Ungeborenen auf körperliche Unversehrtheit ergeben, mit ausgesprochener oder unausgesprochener Vorwurfshaltung der Mutter gegenüber
dem Kind und beim Kind in einer bewußten oder unbewußten „Überlebensschuld“ gegenüber der Mutter.
In der Säuglings- und Kleinkindzeit kann der frühe Beziehungsaufbau zwischen Mutter und Kind durch
die schwere psychische Belastung der
Mutter und häufige Trennungen infolge von Krankenhausaufenthalten
empfindlich gestört werden. Ältere
Kinder beginnen, realistische Vorstellungen von der Irreversibilität des
Todes zu entwickeln und erleben dadurch ein verstärktes Gefühl für die
Bedrohung des Lebens der Mutter,
zumal, wenn sie Krankheitssymptome und Nebenwirkungen der Thera-
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ZUR FORTBILDUNG
pie, wie Haarausfall, Erbrechen, Amputationen und anderes miterleben.
Weil sie keine realistischen Erklärungen erhalten, bilden sie zum Teil noch
bedrohlichere Phantasien aus als es
der medizinischen Realität im Hinblick auf Diagnose, Ätiologie und
Prognose entspricht.
Jugendliche, deren normale Entwicklungsaufgabe darin besteht, sich
vom Elternhaus zu lösen, können eine schwere Ausbruchsschuld entwickeln, zumal, wenn sie parentifiziert worden sind, das heißt „elterliche“ Verantwortung für die eigenen,
schwerkranken Eltern übernehmen
mußten.
Von besonderer Belastung ist die
Brustkrebserkrankung einer Mutter
für ihre heranwachsende Tochter,
wenn deren Pubertät (mit einem „benignen Brustwachstum“) mit der
Krankheit der Mutter (einem „malignen Brustwachstum“) zusammenfällt. Adoleszente Mädchen können
in dieser krisenhaften Entwicklungsphase, in der ihre Ängste, Wünsche
und Phantasien um die sich entwickelnde Weiblichkeit, um Sexualität und Mutterschaft kreisen, erheblich belastet sein und mit vielfältigen
Symptomen reagieren (6).
Klinische Aspekte
Kinder und Jugendliche können
bei der Bewältigung der schweren
Erkrankung eines Elternteils scheitern und ein breites Spektrum von
Symptomen entwickeln, von vor-
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Reaktionen von Kindern
körperlich kranker Eltern
Phantasien zur Ätiologie (mit
oft magischer Schuldzuschreibung)
Gedanken über die Therapie
(mit oft irrationalen Vorstellungen)
Überlegungen zur Zukunft der
Familie und zur eigenen Lebensperspektive
Bemühungen um funktionale
Alltagsbewältigung (beispielsweise frühe Autonomie, Verantwortungsübernahme für andere Familienmitglieder)
übergehenden Anpassungsstörungen
bis hin zu posttraumatischen Streßsymptomen. Im Textkasten Symptome
sind häufig gefundene Symptome
aufgelistet (2, 19, 40, 44, 59).
Eltern, die selbst schwer erkrankt sind, erleiden oft eine Erschöpfung ihrer empathischen Kompetenz gegenüber ihren Kindern,
können daher Signale der Not, die
von Kindern ausgesendet werden,
nicht wahrnehmen und neigen zur
Unterschätzung der Belastung ihrer
Kinder (53). Häufig leiden sie an
Schuldgefühlen, weil sie ihren elterlichen Funktionen nicht mehr hinreichend nachkommen können. Besondere Gefährdungen, die aus kasuistischen Beobachtungen und auch ersten empirischen Untersuchungen
(29) deutlich geworden sind, ergeben sich für besondere Risikogruppen.
Präventive Ansätze
Kinder kranker Eltern benötigen eine – altersgemäß formulierte,
individuell dosierte – kognitive Orientierung, und zwar über das Krankheitsbild, seine Ätiologie, die mögliche Ansteckbarkeit und Vererbbarkeit und über die geplante Therapie.
Eine Schweigespirale zwischen Eltern, Kind und Arzt erschwert adaptative Vorgänge. Erst vor dem Hin-
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Belastungen von Kindern
körperlich kranker Eltern
Miterleben der körperlichen
Symptomatik durch Krankheit
oder Unfall (inklusive Rückfälle, Chronifizierung, Terminalstadium)
Miterleben von eingreifenden
medizinischen Maßnahmen
(zum Beispiel operative Eingriffe, Bestrahlungen, Chemotherapie)
Erleben der psychischen Reaktionen der Eltern und Geschwister (zum Beispiel Depressivität, Angstzustände)
Erleben von krankheits- oder
unfallbedingten Trennungen
(zum Beispiel durch Klinikaufenthalte)
A-2356 (44) Deutsches Ärzteblatt 96, Heft 38, 24. September 1999
tergrund einer hinreichend vermittelten medizinischen Realität lassen
sich mögliche realitätsverzerrende
Phantasien von Schuld, Bedrohung
und anderem erkennen und bearbeiten. Einzelne Monographien zeigen
inzwischen Wege der Bewältigung
für alle Betroffenen auf und verweisen auf elaborierte Konzepte der
professionellen Betreuung der betroffenen Familien (43).
Bislang beschriebene Interventionsprogramme für Kinder tumorkranker Eltern zeitigen positive Ergebnisse: Jüngere Kinder können ihre Schuldgefühle bewältigen, ältere
sind entlastet durch die Möglichkeit,
Probleme besprechen und lösen zu
können (10, 45, 49) .
Eine Einbeziehung Jugendlicher in die hämodialytische Behandlung stärkt deren Selbstvertrauen
und ist bei der Identitätsfindung hilfreich (20), bei jüngeren Kindern verbessert sie die Auseinandersetzung
mit der elterlichen Erkrankung (17)
und damit die Adaptation (26).
Eine solche Orientierung sollte,
wenn möglich, durch die Eltern
selbst und die behandelnden Ärzte
erfolgen. Da diese jedoch häufig aus
verschiedenen Gründen sich nicht
dazu imstande fühlen, sollten sie dabei unterstützt werden. Es gibt
aber auch andere Möglichkeiten der
präventiven Intervention (43), die
individuell und in Absprache mit
dem kranken Elternteil realisiert
werden sollten. Der Textkasten Intervention zeigt ein paar Möglichkeiten
auf.
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Symptome dysfunktionaler
Bewältigung
Regressive Symptome (zum
Beispiel Daumenlutschen,
Trennungsangst, Enuresis)
depressive Symptome mit/ohne
Suizidalität
Angstsymptome
Konzentrations- und Lernstörungen
Zwangssymptome
Konversionssymptome
Verwahrlosung, Drogenabusus
Überanpassung („pathologische Unauffälligkeit“)
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ZUR FORTBILDUNG/FÜR SIE REFERIERT
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Möglichkeiten der
präventiven Intervention
Rechtzeitige Abklärung der Indikation für eine weiterführende kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik/Therapie
Elternberatung
Familiengespräche
Familientherapie
Einzelgespräche mit dem Kind
Einzeltherapie für das Kind
Gruppengespräche mit betroffenen Kindern/Eltern
Angesichts des Ausmaßes der
Problematik der Kinder körperlich
kranker Eltern entsteht ein dringender Handlungsbedarf, der zum Beispiel zum Aufbau von kinder- und
jugendpsychiatrischen Konsiliardiensten in somatischen Kliniken führen
sollte. Es gilt, auch in Deutschland
systematisch weitere Erfahrungen
auf diesem Gebiet zu sammeln und
wissenschaftlich zu evaluieren. Es
besteht also großer Forschungsbedarf (Textkasten Forschungsbedarf)
(40, 59).
Resümee
Zusammenfassend soll nochmals
betont werden, daß das Bemühen, alle Erkrankungen von Eltern auch aus
der Sicht ihrer Kinder zu betrachten,
in unser ärztliches Denken und Han-
Forschungsbedarf
c Weitere Herausarbeitung
krankheits- und therapiespezifischer Belastungen von Kindern
verschiedener Altersstufen
c Identifizierung weiterer Risikogruppen
c Identifizierung von protektiven
Faktoren (Kind, Familie, soziales Umfeld)
c Entwicklung und Evaluierung
von Interventionskonzepten
c Erforschung der Implementierung entsprechender Konzepte
in das medizinische Versorgungssystem
deln eingehen muß, auch wenn dies
zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher
noch die Ausnahme ist.
Ziel muß es sein, durch einen
präventiven Ansatz dafür Sorge zu
tragen, daß Kinder an den Krankheiten ihrer Eltern psychisch nicht dekompensieren und erkranken, sondern durch Vermittlung geeigneter
Hilfen diese Belastungen verarbeiten können, und zwar möglichst
kreativ und entwicklungsfördernd
(2, 40). Wenn unser medizinisches
Versorgungssystem und auch die Öffentlichkeit für die spezifischen Gefährdungen und Bedürfnisse der
Kinder kranker Eltern ausreichend
sensibilisiert werden können, ist zu
hoffen, daß ein solches familienori-
Botulinustoxin oder Nitroglyzerin
bei chronischer Analfissur?
Die laterale interne Sphinkterotomie kann zu einer Stuhlinkontinenz
führen. Um dies zu vermeiden, wird in
zunehmendem Maße auch mit konservativen Maßnahmen versucht, eine
chronische Analfissur zur Ausheilung
zu bringen. In einer prospektiven Studie mit 50 Erwachsenen mit symptomatischer chronischer posteriorer Analfissur wurden entweder zweimal 20
Einheiten Botulinustoxin oder eine
0,2 prozentige Nitroglyzerinsalbe zweimal täglich über sechs Wochen appli-
ziert. Nach zwei Monaten waren die
Fissuren bei 24 von 25 Patienten (96
Prozent) nach Gabe von Botulinustoxin abgeheilt, in der Nitroglyzeringruppe nur in 15 von 25 Fällen (60 Prozent). Eine Stuhlinkontinenz hatte keiner der Patienten entwickelt. Fünf Patienten in der Nitroglyzeringruppe klagten über vorübergehende mäßig bis
starke Kopfschmerzen, während in der
Botulinusgruppe keine unerwünschten
Wirkungen auftraten. Von den zehn
Patienten, die initial nicht auf die vor-
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Risikogruppen
Kinder von Eltern ohne verläßliches soziales Netz
Kinder von Eltern, die zusätzlich psychische Störungen aufweisen
Kinder von Eltern, die in schweren Partnerkonflikten leben
Kinder von Eltern mit infauster Prognose
Kinder, die selbst körperlich
und/oder psychisch erkrankt
oder behindert sind
entiertes Betreuungskonzept in naher Zukunft zu einer Selbstverständlichkeit wird.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1999; 96: A-2353–2357
[Heft 38]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf
das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über die Internetseiten (unter http://www.aerzteblatt.de)
erhältlich ist.
Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Peter Riedesser
Universitätskrankenhaus
Eppendorf
Abteilung für Psychiatrie
und Psychotherapie des Kindesund Jugendalters
Martinistraße 52
20246 Hamburg
gesehene Behandlung angesprochen
hatten, konnten alle zehn nach Wechsel
des Therapieprinzips geheilt werden.
Rezidive wurden während einer 15monatigen Nachbeobachtungsperiode
nicht beobachtet. Die Autoren folgern,
daß die Injektion von Botulinustoxin
unter den nichtoperativen Maßnahmen
die besten Ergebnisse zeigt.
w
Brisinda G, Maria G, Bentivoglio AR et
al.: A comparison of injections of botulinum toxin and tropical nitroglycerin ointment for the treatment of chronic anal fissure. N Engl J Med 1999; 341: 65–69.
Istitutio di Clinica Chirurgica Generale,
Policlinico Universitario Agostino Gemelli, Largo Agostino Gemelli 8, 00168
Rom, Italien.
Deutsches Ärzteblatt 96, Heft 38, 24. September 1999 (45) A-2357
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