Haemovigilance Jahresbericht 2013

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Haemovigilance Jahresbericht 2013
Sommer 2014
1
HaemovigilanceBericht
2013
Der Jahresbericht wurde erstellt durch:
Dr. med. Markus Jutzi und
Dr. med. Lorenz Amsler
Clinical Reviewer
Haemovigilance / Swissmedic
[email protected]
[email protected]
Weitere Informationen finden Sie auf der
Haemovigilance-Internet-Seite:
www.swissmedic.ch -> Marktüberwachung ->
Blutkomponenten
2
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungen
1.
Allgemeine Informationen zur Haemovigilance
  3 
 4
1.1Einführung
1.2 Entstehung, Auswirkung und Abklärung von Haemovigilance Ereignissen
 4
 4
2.  5
Eingegangene Meldungen
2.1Übersicht
2.2 Verteilung der Meldungen
2.3 Transfusionsreaktionen (TR)
2.3.1Häufigkeit
2.3.2 Imputability (Zusammenhang mit der Transfusion)
2.3.3Schweregrad
2.3.4 Transfusionsreaktionen nach Blutkomponenten
 5
 5
 5
 5
 6
 7
 8
2.4
Anzahl transfundierter Blutkomponenten und
Risiken in der Schweiz 2013
2.4.1Transfusionszahlen
2.4.2 Melderaten
2.4.3Transfusionsrisiken
2.4.4 Risiken für lebensbedrohliche und tödlich verlaufende Transfusionsreaktionen
 8
2.5 IBCT (Fehltransfusion) und Near Miss Ereignisse
2.5.1IBCT
2.5.2 Near Miss Ereignisse
2.6 Spendernebenwirkungen
10
10
11
13
3.
Präventive Massnahmen und Erkenntnisse
3.1 «Male donor» Strategie für Plasma
3.2 Pathogeninaktivierung von Thrombozytenkonzentraten (TK) mit dem Intercept® Verfahren
3.2.1 Refraktärzustand auf Plättchentransfusionen /
reduzierte Wirksamkeit
3.2.2TRALI
3.3 Massnahmen zur Verhinderung von
transfusionsübertragenen Infektionen
14
14
15
4. Fallbeispiele
4.1Todesfälle
4.2 Transfusionsreaktionen mit Schweregrad 3
4.3 weitere Fallbeispiele von
Transfusions­reaktionen
4.4IBCT-Fälle
19
19
20
21
5.Literaturverzeichnis
25
 8
 8
 9
 9
16
17
18
23
3
Abkürzungen
°C
Grad Celsius
AKAntikörper
AML Akute Myeloische Leukämie
ARDS Acute Respiratory Distress Syndrome
(akutes Atemnotsyndrom)
ASAT Aspartat Amino Transferase
BDBlutdruck
BGBlutgruppe
BNP
Brain Natriuretic Peptide
SRK
Schweizerisches Rotes Kreuz
C3d
Teil des Komplementsystems
CKCreatinkinase
CK-MB Creatinkinase aus Untereinheit M
(muscle Type) und B (brain type), Isoform 2
CO2Kohlendioxid
CPAP Continous Positive Airway Pressure
(Form der apparativen Atemtherapie)
CRP
C-reaktives Protein (Entzündungsmarker)
CTComputer-Tomographie
DAT Direkter Antiglobulintest,
auch direkter Coombs Test genannt
DNADesoxy-Ribonukleinsäure
EKErythrozytenkonzentrat
FGP
Frisch gefrorenes Plasma, auch FGP, fresh
frozen plasma
FGPq Frisch gefrorenes Plasma, quarantäne-gelagert
FGP-SD Frisch gefrorenes Plasma,
(Solvent-Detergent) virus-inaktiviert
FNHTR Febrile Nicht Hämolytische Transfusionsreaktion
G/l
Giga / Liter = 109 / Liter
g/l
Gramm / Liter
GOT Glutamat-Oxalacetat Transferase
Hb Hämoglobin
HBV Hepatitis B Virus
Anti- Antikörper gegen Hepatitis B Virus core Antigen
HBc-AK
HBs-AgHepatitis B Virus surface Antigen
HCV Hepatitis C Virus
HI-TR High Imputability Transfusions Reaktionen
HIV
Humanes Immundeffizienz Virus
HLA Human Leucocyte Antigen
HNA Human Neutrophil Antigen
HPA Human Platelet Antigen
HTR
Hämolytische Transfusionsreaktion
i.R.
im Rahmen
IBCT Incorrect blood component transfused
IDIdentifikation
IgA
Immunglobuline der Klasse A
IgE
Immunglobuline der Klasse E
IgG
Immunglobuline der Klasse G
IgM
Immunglobuline der Klasse M
IHImmun-Hämatologie
ivintravenös
kTK
konventionelle Thrombozytenkonzentrate
LDHLaktat-Dehydrogenase
MELD Model for End-stage Liver Disease
mlMilliliter
mm Hg Millimeter Quecksilbersäule,
Masseinheit für (Blut)Druck
negnegativ
ng/lNanogramm/Liter
NM
Near Miss
O2Sauerstoff
Peni/ Resistent gegen Penicillin und Ampicillin
Ampi R
PI-TK Pathogen-Inaktivierte Thrombozyten
Konzentrate
pos
Positiv, (Z.B. BG 0 pos = Blutgruppe 0,
Rhesusfaktor positiv)
RFIDRadio-Frequenz-Identifikation
Rh
Rhesus (Faktor)
SIRS Systemic Inflammatory Response Syndrome
St. n. Status nach
TACO Transfusion Associated Circulatory Overload,
Transfusions-assoziierte Volumenüberlastung
TAD Transfusions-assoziierte Dyspnoe
TK
Thrombozytenkonzentrat (Tka : Thrombozytenkonzentrat aus Apherese)
Tkb
Thrombozytenkonzentrat aus Vollblutspende, hergestellt mit der buffy-coat Methode
TR Transfusionsreaktion
TRALI Transfusion Related Acute Lung Injury, Transfusions-assoziierte Akute Lungen Insuffizienz
TTI
Transfusion Transmitted Infection
(transfusionsübertragene Infektion)
T&S
Type and Screen (Blutgruppenbestimmung
und Suche nach irregulären AK)
U/l
Unit(s) / Liter
umol/lMicromol/Liter
Vd. a. Verdacht auf
VPVerträglichkeitsprobe
whswahrscheinlich
z.B.
zum Beispiel
4
1. Allgemeine Informationen zur
Haemovigilance
1.1 Einführung
1.2 Entstehung, Auswirkungen und Abklärung
von Haemovigilance Ereignissen
Im aktuellen Haemovigilance Jahresbericht präsentieren wir die Auswertung der 2013 eingegangenen
Meldungen über vermutete Transfusionsreaktionen
(TR), Near Miss Ereignisse (NM) und inkorrekt transfundierte Blutkomponenten (= IBCT, Incorrect Blood
Component Transfused).
Veränderungen gegenüber dem Vorjahr werden ausgewiesen und wo möglich und sinnvoll deren Ursache
und Bedeutung erklärt. Basierend auf den aktuellen
Zahlen weisen wir die Risiken der Transfusion aus.
Im Kapitel Präventive Massnahmen und Erkenntnisse
analysieren wir die Wirkungen getroffener Massnahmen und evaluieren einzelne potentielle Risiken. Weiterführende Informationen bieten die referenzierten
Arbeiten und die Internetseite von Swissmedic wie
angegeben auf Seite 1 des vorliegenden Berichts.
Die schematische Darstellung der Transfusionskette illustriert, welche Berufsgruppen Handlungen in
welcher Reihenfolge ausführen um eine Transfusion durchzuführen. Jeder durchgeführte oder unterlassene Schritt kann Auslöser eines unerwünschten
Ereignisses sein. Near Miss Ereignisse können prinzipiell jederzeit entdeckt werden, während Fehltransfusionen und Transfusionsreaktionen erst am Ende
der Handlungsabläufe, also während oder nach der
Transfusion bemerkt werden. Entsprechend erfolgt
deren Analyse retrospektiv und daraus abgeleitete
Massnahmen sollen die Diagnose beim betroffenen
Patienten sichern, zu einer Schadensminderung beitragen und im Rahmen des nationalen Haemovigilance Systems Erkenntnisse über aktuelle Risiken und
Optimierungspotential ermöglichen. Daher ist eine
kontinuierliche und hohe Meldebereitschaft weiterhin von zentraler Bedeutung.
Grafik 1
Transfusionskette
-Transfusionsentscheid
- Verordnung
- Spenderrekrutierung
- Blutspende
- Spenderscreening
- Produktherstellung
- Produktlagerung
- Produktauslieferung
Blutspendedienst
- Evaluation Effekt
- Follow-up Patient
- Blutentnahme für T&S
- Prätransfusionelle
Untersuchung an
Patientenproben
- Auslieferung
↔
IH-Labor
- Empfang, Handling BP
- Kontrolle Produkt/Pat ID
- Verabreichung Produkt
- Überwachung Patient
↔
Pflege
↔
Arzt
1
5
2. Eingegangene Meldungen
2.1Übersicht
2.3
Insgesamt sind 2013 bei Swissmedic 2031 Haemovigilance Meldungen eingegangen, von denen sich 16 bei
der Prüfung nach Eingang als Doppelmeldungen herausstellten. Zur Auswertung verbleiben 1175 Transfusionsreaktionen, 26 Fehltransfusionen, 799 Near Miss
Ereignisse und 15 Spendernebenwirkungen.
Nach einem leichten Rückgang im letzten Berichtsjahr hat die Anzahl der gemeldeten Transfusionsreaktionen im Jahre 2013 weiter zugenommen. Es sind
1175 Meldungen eingegangen. Im mehrjährigen Verlauf hat die Anzahl der Meldungen (mit Ausnahme
des Jahres 2012) stetig zugenommen. Die Analyse der
aktuellen Meldungen ergab, dass in 8 Fällen keine
Transfusionsreaktion vorlag. Die Verteilung der 1167
in die Auswertung einbezogenen Meldungen auf die
Kategorien von Transfusionsreaktionen zeigt Grafik 3.
Tabelle 1: Anzahl Haemovigilance Meldungen 2013
Kategorie
Anzahl
Transfusionsreaktionen
1175
Fehltransfusionen / Incorrect blood product
transfused (IBCT )
Near Miss Ereignisse
26
799
Spende-Nebenwirkungen
15
Ausgewertete Meldungen total
2015
Anzahl Ereignisse 2013 nach Typ
1000
799
500
0
275
34
798
2009
337
41
938
2010
38
57
1068
1010
2011
2012
Grafik 3: gemeldete TR 2013
TR 2013 nach Klassierung und Häufigkeit
46.2%
2000
619
2.3.1Häufigkeit
14.0%
Grafik 2: gemeldete Ereignisse 2013
467
0.5% 0.3% 0.3% 0.3%
1.7%
0.2%
2.2%
3.2%
2.2 Verteilung der Meldungen
1500
Transfusionsreaktionen (TR)
NM
26
IBCT
1175
TR
2013
Die Zunahme der Gesamtzahl Meldungen 2013 beruht auf einer Zunahme der gemeldeten Transfusionsreaktionen um 16% und der Near Miss Ereignisse
um 29%. Die Meldungen von IBCT gingen um 54%
zurück (Grafik 2).
31.0%
FNHTR
Allo-AK
Allergische TR
TACO
Andere
Hypotensive TR
Infektion
TRALI
HTR
TAD
Platelet refractoryness
Weiterhin machen Allo-Immunisierungen, Febrile
Nicht-Hämolytische Transfusions-Reaktionen (FNHTR) und allergische TR zusammen ca. 90% der gemeldeten Transfusionsreaktionen aus. Die grösste
Zunahme lässt sich bei den Allo-Immunisierungen
feststellen. Deren Meldungen haben von 280 um 259
auf 539 zugenommen (von 28% im Vorjahr auf aktuell 46% aller TR-Meldungen), im Wesentlichen weil
ein Zentrum 2013 angefangen hat, diese Ereignisse zu
melden. Daraus haben sich gegenüber dem Vorjahr
Verschiebungen der Proportionen bei den verschiedenen Klassen von Transfusionsreaktionen ergeben.
Dementsprechend hat der Anteil von FNHTR gegenüber dem Vorjahr von 43.5 auf 31.0% (439 bzw. 361
Meldungen) und derjenige der allergischen Reaktionen von 18.1 auf 14.0% (182 -> 163 Meldungen) abgenommen.
Wie in den Vorjahren stehen an vierter und fünfter Stelle bezüglich Häufigkeit Meldungen über die
transfusionsassoziierte Volumenüberlastung (Transfusion Associated Circulatory Overload, TACO) und
6
die hypotensive Transfusionsreaktion. Im Vergleich
zu den Vorjahren ist der Anteil an TACO erneut zurückgegangen (von 3.9 auf 3.2%), bei nahezu unveränderter absoluter Zahl (39 vs 37 Meldungen). Die
Verteilung der übrigen vermuteten Transfusionsreaktionen hat sich gegenüber dem Vorjahr nicht geändert, mit Ausnahme der hämolytischen Transfusionsreaktionen (HTR) mit einer Abnahme von 1.0 auf
0.3% (10 und 4 Meldungen). Die Bedeutung dieser
Häufigkeiten im Hinblick auf das Risiko unerwünschter Transfusionswirkungen beurteilen wir unter Einbezug der Imputability im Kapitel 2.4.3 Transfusionsrisiken.
HTR in der abschliessenden Beurteilung die Transfusion eine unter mehreren möglichen Ursachen und die
Imputability wird als möglich angegeben.
Im Folgenden werden nur noch die Fälle mit hoher
Imputability dargestellt, um ein möglichst spezifisches Bild der Haemovigilance-Daten in der Schweiz
wiederzugeben.
Tabelle 2: Anzahl Ereignisse 2013 nach Klassierung
und Imputability
Imputability
alle
niedrig
möglich
hoch
Allergische TR
163
2
34
127 (78%)
FNHTR
361
37
218
106 (29%)
2.3.2Imputability
(Zusammenhang mit der Transfusion)
Allo-AK
539
5
534 (99%)
HTR akut
3
2
1
Im Berichtsjahr 2013 wurde 815 Ereignissen (70% der
gemeldeten TR) eine hohe Imputability zugeordnet,
d.h. sie wurden als wahrscheinlich oder sicher auf
eine Transfusion zurückzuführen beurteilt. Der prozentuale Anstieg dieser Reaktionen gegenüber dem
Vorjahr (von 59 auf 70%) ist auf die höhere Anzahl
gemeldeter Fälle mit Allo-Antikörpern zurückzuführen, welche im Labor nachgewiesen werden und somit
praktisch immer eine hohe Imputability aufweisen.
HTR verzögert
1
Hypotensive
TR
20
1
Infektion, viral
2
2
bakteriell
4
2
Tabelle 2 zeigt, dass bei 96% der gemeldeten Transfusionsreaktionen nach abschliessender Beurteilung
von einer hohen oder ‚möglichen‘ Imputability ausgegangen wird. Dass bei allergischen Reaktionen in
nahezu 4 von 5 Fällen abschliessend von einem kausalen Zusammenhang mit der Transfusion ausgegangen
werden kann, liegt sicher auch daran, dass allergische
Reaktionen vom sofort-Typ in der Regel klinisch gut
zu erkennen sind und sich alternative potentielle
Auslöser wie erstmals verabreichte Medikamente im
relevanten Zeitraum meist zuverlässig ausschliessen
lassen. Es erscheint auch plausibel, dass FNHTR lediglich in 29% der Meldungen eine hohe Imputabilität
zukommt, weil für die unspezifischen Symptome neben der Transfusion zahlreiche andere mögliche Ursachen wie die Grundkrankheit (beispielsweise bei
vorbestehenden Infektionen), Komplikationen der
Behandlung unabhängig von der Transfusion (z.B.
Fieber in Neutropenie) oder neu aufgetretene Infekte (Harnwegsinfekt, Pneumonie, Katheterassoziierte
Bakteriämie) vorliegen können. Diese sind bei transfusionsbedürftigen Patienten relativ häufig und der
Beweis oder Ausschluss einzelner unter den verschiedenen möglichen Ursachen ist meist nicht zuverlässig
möglich. Deshalb bleibt bei 60% der gemeldeten FN-
1
10
9
1
1
TACO
37
12
25 (68%)
TAD
4
1
3
TRALI
5
1
4
Refraktärzustand auf TKTransfusion
2
Andere
Anzahl
Ereignisse
2
26
11
13
2
1167
55
(4.5%)
297
(26%)
815
(70%)
Niedrige Imputability: Zusammenhang mit Transfusion ‚ausgeschlossen‘ oder ‚unwahrscheinlich‘
Hohe Imputability: Zusammenhang mit Transfusion ‚wahrscheinlich‘ oder ‚sicher‘
7
2.3.3Schweregrad
Tabelle 3: Ereignisse mit hoher Imputability 2013 nach
Klassierung und Schweregrad
Schweregrad
alle
Allergische TR
127
Grad 1 Grad 2 Grad 3 Grad 4
116
mild
99
99
anaphylaktoid
19
anaphylaktisch
2
9
16
1
2
9
1
1
7
FNHTR
106
105
1
Allo-AK
534
534
HTR akut
1
1
HTR verzögert
1
1
Hypotensive
TR
9
7
Infektion
bakteriell
1
1
TACO
25
14
TAD
3
3
TRALI
2
6
5
4
1
3
Refraktärzustand auf TKTransfusion
2
2
Andere
2
2
815
250
548
17
100%
31%
67%
2.1%
Anzahl
Ereignisse
Prozent
fusionsreaktion zu vermeiden. Je nach Anzahl und
Spezifität der Antikörper kann der Anteil geeigneter
Blutkomponenten im 1-stelligen Prozentbereich liegen, was deren Bereitstellung im klinischen Alltag
schwierig werden lässt.
Der Anteil lebensbedrohlich (Schweregrad 3) oder
tödlich (Schweregrad 4) verlaufender Transfusionsreaktionen liegt 2013 mit 2.1% (17 von 815 TR) erneut
tiefer als im Vorjahr (2.8%, 17 Ereignisse von 599). In
absoluten Zahlen haben hier allerdings keine Änderungen stattgefunden und in Anbetracht der Rückläufigen Anzahl transfundierter Blutprodukte ist das
Risiko für Transfusionsreaktionen mit Schweregrad 3
oder 4 gegenüber dem Vorjahr nicht gesunken.
Die zeitliche Entwicklung der absoluten Zahlen von
2008 – 2013 ist in Grafik 4 dargestellt.
Von den 17 Fällen mit lebensbedrohlichen Transfusionsreaktionen im 2013 traten 6 im Zusammenhang
mit Erythrozytenkonzentraten (EK), 3 mit Plasma, 7
mit Thrombozytenkonzentraten (TK) und einer mit
einer Produktekombination (EK und Plasma) auf.
2013 wurden keine Transfusionsreaktionen mit tödlichem Verlauf und hoher Imputability gemeldet. Vier
Meldungen über Todesfälle in zeitlichem Zusammenhang mit einer Transfusion gingen ein. Diese werden
im Kapitel 4 erläutert.
Grafik 4: Verteilung der lebensbedrohlichen oder
tödlichen Ereignisse
Verteilung TR Grad 3&4 2008-2013
0%
35
1
1
1
1
1
2
2
2
30
Die Anteile der verschiedenen Schweregrade haben
sich gegenüber dem Vorjahr verändert. In Tabelle 3
sind die Verteilungen der Schweregrade pro Reaktionstyp dargestellt. Als nicht schwerwiegend (Grad 1)
wurden 2013 31% (Vorjahr 47%) der gemeldeten
Transfusionsreaktionen eingestuft, 67% (Vorjahr
50%) verliefen schwerwiegend oder hinterliessen
eine bleibende Schädigung (Grad 2). Diese Erhöhung
der Grad 2 Reaktionen gegenüber dem Vorjahr sind
vorwiegend auf Meldungen von Allo-Antikörpern
zurückzuführen, welche per definitionem als Grad 2
eingestuft werden. Wir betrachten diese als bleibende Schädigung bzw. ein permanentes Risiko, weil für
Patienten mit transfusionsmedizinisch relevanten
Allo-Antikörpern bei künftigen Transfusionen kompatible Produkte ausgewählt werden müssen, um
eine Allo-antikörpervermittelte hämolytische Trans-
25
20
1
1
2
1
1
1
1
1
6
7
4
15
4
10
20
18
1
1
1
3
6
5
8
9
18
12
5
0
1
2
2
1
1
2008
2009
Andere
Hyperkaliämie
HTR verzögert
TAD
Hypotensive TR
Infektion bakteriell
TRALI
HTR akut
2010
2011
2012
TACO
Allergische Reaktion
2013
2013 wurden als lebensbedrohliche Reaktionen allergische Transfusionsreaktionen, Volumenüberlastungen sowie TRALI gemeldet.
8
2.3.4 Transfusionsreaktionen nach
Blutkomponenten
2.4 Anzahl transfundierter Blutkomponenten
und Risiken in der Schweiz 2013
In der prozentualen Verteilung der 815 High Imputability TR nach Blutkomponente zeigt sich, dass der
Anteil der Meldungen mit Erythrozytenkonzentraten
(EK) gegenüber dem Vorjahr leicht zugenommen hat
(von 75 auf 84%). Dies ist auf die höhere Anzahl gemeldeter Fälle mit Allo-Antikörpern zurückzuführen.
Eine Abnahme des Anteils ist bei den Thrombozytenkonzentraten aus Apherese (Tka) zu verzeichnen, von
16 auf 9% (Tabelle 4).
2.4.1Transfusionszahlen
Die Jahresstatistik von Blutspende SRK Schweiz zeigt
die Anzahl ausgelieferter Blutkomponenten in der
Schweiz im Verlauf über die letzten 6 Jahre (Tabelle 5).
Tabelle 5: Transfusionszahlen
Blutkompo-
2008
2009
2010
2011
2012
2013
Erythrozytenkonzentrate
313’587
311’521
308’670
308‘627
297‘582
279‘510
FGP (therap.
Einheiten)
65’800
70’300
61’500
50‘063
49‘832
44‘083
TK
(Produkte)
27’600
29’600
29’900
33‘068
34‘265
34‘750
Total
Blutkomponenten
407’079
411’528
400’070
391‘758
381‘679
358‘343
nenten
Tabelle 4
Erythrozytenkonzentrat
84% (681)
Frisch Gefrorenes Plasma (FGP)*
3% (23)
Thrombozytenkonzentrat aus Apherese
9% (76)
TK aus Buffycoat / Vollblut
2% (15)
Verschiedene Blutkomponenten
2% (20)
*Frisch gefrorenes Plasma Quarantäne gelagert (FGPq) oder
Solvent-Detergent virus-inaktiviert (FGP-SD)
Die Gesamtzahl ausgelieferter Blutkomponenten ist
gegenüber dem Vorjahr erneut rückläufig. Es wurden
ca. 6% weniger EK und ca. 9% weniger FGP ausgeliefert als 2012. Der Verbrauch von TK ist gegenüber
dem Vorjahr um 1.5% gestiegen. Der Anteil aus Vollblutspenden gewonnener TK beträgt 35%, was dem
letztjährigen Anteil entspricht (34%).
2.4.2 Melderaten
Die Gesamtmelderate ist 2013 erneut angestiegen
und beträgt aktuell 5.6 Meldungen (inkl. NM) pro
1000 Transfusionen (Grafik 5).
Grafik 5
Meldungen pro 1000 Transfusionen
Bei Betrachtung der absoluten Zahlen haben sich
wesentliche Häufigkeiten lediglich bei der Anzahl
gemeldeter Alloimmunisierungen nach Erythrozyten
Transfusionen (Aktuell 529, im Vorjahr 267) ergeben.
Zusammen mit den FNHTR (aktuell 91 Meldungen,
Vorjahr 103) machen sie wie üblich den Hauptanteil
(77%) der gemeldeten TR nach EK-Transfusion aus.
Danach kommen die allergischen Reaktionen (27,
Vorjahr 44 Meldungen) und transfusionsassoziierte
Volumen-Überlastungen (21, Vorjahr 23 Meldungen).
Im Zusammenhang mit Plasmatransfusionen wurden
neben einer FNHTR 22 allergische Reaktionen gemeldet, (Im Vorjahr 30 Meldungen). Internationale Daten
zeigen für quarantänegelagertes frisch gefrorenes
Plasma (FGPq) und solvent-detergent inaktiviertes
frisch gefrorenes Plasma (FGP SD) keine wesentlichen
Unterschiede im Risikoprofil [1].
Auch bei den TK standen allergische Reaktionen mit
69 Meldungen (im Vorjahr 65) im Vordergrund, gefolgt von FNHTR (aktuell 10, im Vorjahr 22), TACO
und TRALI (je 3 und im Vorjahr je 1) sowie Alloimmunisierungen (3, im Vorjahr 8). Seit Einführung
des Intercept Verfahrens zur Pathogeninaktivierung
wurden keine Transfusionsreaktionen aufgrund einer
bakteriellen Kontamination von TK mehr gemeldet.
Nach der Transfusion von mehreren verschiedenen
Blutkomponenten traten vorwiegend allergische Reaktionen (9) und FNHTR (4) auf.
Entwicklung der Melderate
6.0
5.0
4.0
3.0
2.0
1.0
0.0
0.8
1.1
1.5 1.6
2.0
2.4
2.7 2.7
3.3
5.6
3.9
4.4
2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013
9
2.4.3Transfusionsrisiken
Die Darstellung der Transfusionsrisiken dient dem
behandelnden Arzt als Grundlage für die NutzenRisiko-Abwägung bei der Indikationsstellung zur
Transfusion sowie für die Aufklärung des Patienten
über mögliche unerwünschte Wirkungen. Aufgeführt werden sowohl die nicht vermeidbaren als auch
die prinzipiell vermeidbaren Risiken der Transfusion.
Bei potentiell vermeidbaren Transfusionsreaktionen
gibt die Häufigkeit der Ereignisse Aufschluss darüber,
wo risikomindernde Massnahmen angezeigt sind und
dokumentiert die Wirkung bereits ergriffener Massnahmen.
Anhand der Anzahl Transfusionsreaktionen mit hoher Imputability und der ausgelieferten Blutkomponenten stellen wir die Melderaten für Transfusionsreaktionen 2013 bezogen auf EK, Plasma und TK (im
Format 1 Ereignis pro XXX ausgelieferte Produkte)
dar (Grafik 6). Dabei haben wir uns auf TR mit mehr
als 10 Meldungen beschränkt. Seltenere Ereignisse
lassen sich aufgrund der kleinen absoluten Fallzahlen
nicht zuverlässig auf jährlicher Basis darstellen.
Die dargestellten Melderaten geben Auskunft über
Art und Grössenordnung der Transfusionsrisiken
in der Schweiz zum heutigen Zeitpunkt. Die exakte
Risikoquantifizierung ist mit Hilfe der Melderaten
allerdings nicht möglich, da trotz gutem Meldeverhalten vieler Spitäler nicht damit gerechnet werden
kann, dass 100% aller TR gemeldet werden. Es ist
aber bekannt, dass schwere Reaktionen zuverlässiger
gemeldet werden als mild verlaufende. Es ist davon
auszugehen, dass dies in der Schweiz für alle 3 labilen
Blutprodukte gilt. Somit können die Risiken der einzelnen Produkte auch untereinander verglichen werden (Relatives Risiko). In der Grafik 6 kann abgelesen
werden, dass das Risiko, irgend eine TR zu erfahren,
für Plasma etwa 5 mal kleiner ist als für EK und TK.
Das Risiko einer allergischen Reaktion hingegen ist in
der Schweiz für EK ca. 5 mal kleiner als für Plasma,
und ca. 20 mal kleiner als für TK.
Grafik 6
Melderaten per Produkt 2013
~ 1:380
Total Rate TK
Allergische TR TK
~ 1:500
~ 1:400
Total Rate EK
Allo-AK EK
FNHTR EK
~ 1:500
~ 1:3000
Allergische TR EK
~ 1:10'000
TACO EK
~ 1:13'000
Total Rate FGP
~ 1:2'000
Allergische TR FGP
~ 1:2'000
2.4.4 Risiken für lebensbedrohliche und tödlich
verlaufende Transfusionsreaktionen
In Grafik 7 haben wir die TR der Schweregrade 3 und
4 für die letzten 6 Jahre und bezogen auf alle Blutkomponenten nach Klassierung und Anzahl Ereignisse aufgeführt. Es sind wiederum nur die Fälle mit hoher Imputability dargestellt. Die Fallzahlen sind klein,
sie sind aber dieses Jahr nicht weiter zurückgegangen
(total 17 im 2013, genau wie 2012). Die Risiken lassen
sich im einzelnen Jahr nur ungenau quantifizieren.
Daher berechnen wir die Grössenordnung der Risiken
aus den kumulierten Daten 2008 – 2013.
Grafik 7
TR Grad 3 & 4 2008-2012, alle Blutprodukte
150 / ~ 1:15'000
Total Risiko alle TR
85 / ~ 1:30'000
Allergische Reaktion
TACO
30 / ~ 1:80'000
TRALI
8 / ~ 1:300'000
HTR akut
7 / ~ 1:350'000
Hypotensive TR
6 / ~ 1:400'000
Infektion bakteriell
6 / ~ 1:400'000
TAD
5 / ~ 1:500'000
Total 2008-2013
Hyperkaliämie 1 / ~ 1:2.5 Mio
HTR verzögert 1 / ~ 1:2.5 Mio
In diesem Zeitraum ereigneten sich 4 transfusionsbedingte Todesfälle (2008 ein TACO nach FGP und ein
TRALI nach TK, 2009 eine akute HTR nach EK sowie
2012 ein TACO nach EK).
10
2.5
IBCT (Fehltransfusion resp. Transfusions-
fehler) und Near Miss Ereignisse
Die Anzahl gemeldeter IBCT hat von 57 (2012) auf 26
abgenommen und macht damit 2013 1.3 % aller Meldungen aus (Vorjahr 3.4%). Hingegen haben die Near
Miss Meldungen erneut zugenommen: die 799 gemeldeten Ereignisse entsprechen 39% aller eingegangenen Meldungen (Vorjahr 37%, = 619 Meldungen).
2.5.1IBCT
Die Abweichung, welche zur Transfusion der nicht für
den Patienten bestimmten oder nicht optimal für ihn
geeigneten Blutkomponente führte, ereignete sich
in 5 Fällen bei der Verordnung oder Bestellung und
12 Mal bei der Verabreichung der Blutprodukte. Zwei
Ereignisse gingen auf Fehler bei der Testung der Patientenproben im Labor zurück während für 7 Patienten vorbestehende, aktuell nicht mehr nachweisbare
Allo-Antikörper für die Auswahl der Blutprodukte
nicht berücksichtigt wurden, weil das betreffende
Labor davon keine Kenntnis hatte. Bis auf die letztgenannten 7 Fälle wären also alle gemeldeten Ereignisse allein durch die korrekte Ausführung der Schritte
entlang der Transfusionskette vermeidbar gewesen
(Tabelle 6).
waren aber zufällig kompatibel waren (Tabelle 7).
Wichtig bei der Auswertung dieser Fälle ist nicht
ob und wie schwerwiegend der Patient geschädigt
wurde, sondern die Erkenntnis, welcher fehlerhafte
Vorgang dem Ereignis zu Grunde liegt und wie ein
erneutes Auftreten vermieden werden kann.
Tabelle 7: Fehltransfusionen im engeren Sinn
Fehltransfusion
Anzahl Beschreibung
AB0-System,
inkompatibel
2
A neg EK an 0 pos Pat.,
0-FGP an A-Pat.
AB0-System,
zufällig kompatibel
6
TK statt FGP, 2x TK an
falschen Pat., 3x Patienten-Verwechslung mit
gleicher BG
Allo-AK-Kompatibilität nicht
gesichert
5
3x fehlende VP, 2x fehlende Phänotypisierung
Verabreichung
ungetesteter EK
3
Trotz bereitgestellter
ausgetesteter EK
Tabelle 6: IBCT, nach Lokalisation der Abweichung
Loka­lisation
Anzahl
Vorbereitung
5
Labor
Beispiele
Verordnung/
Bestellung
Verordnung falsches Produkt, Bestellung für falschen Patienten
Auslieferung (7)
Vorbestehende, nicht mehr nachweisbare Allo-Antikörper
nicht berücksichtigt
Testung (2)
Probenverwechslung mit Fehltransfusion A neg EK an 0 pos
Patienten
Verabreichung
Patientenverwechslung
9
Anwendung
12
Total
26
Für die weitere Auswertung berücksichtigen wir lediglich die 16 gemeldeten Fehltransfusionen im engeren Sinne. Darunter verstehen wir die Transfusion
eines Produktes bei welchem die Verträglichkeit bezüglich AB0-, Rh- oder anderer Blutgruppen-Antigene nicht sichergestellt ist (ausgenommen Notfallsituationen). Darunter fallen auch Transfusionen von
Produkten die für einen anderen Patienten bestimmt
11
Die Analyse des Herganges der 8 Fehltransfusionen
im AB0-System ergab die folgenden zugrundeliegenden Abweichungen:
Bei den 4 EK-Transfusionen:
• Patientenverwechslung Blutgruppen-inkompatibel:
Die Verwechslung der Patientenblutprobe im Labor
führte zur Auslieferung und Transfusion von 4 EK der
Blutgruppe (BG) A-neg an einen 0-pos Patienten, mit
Abfall des Hb von initial 9.7 auf 6.0 g/l, aber ohne berichtete klinische Symptome einer akuten Hämolyse
(Beschreibung s. «Fall 12, IBCT» im Kapitel 4)
• Patientenverwechslung BG-kompatibel:
– bei der Verabreichung von 2 Transfusionen bei Patienten mit ähnlichem Namen auf gleichem Zimmer mit zufällig gleicher BG;
– nach patientenferner Kontrolle von Produkt und
BG-Karte nach dem 4-Augen Prinzip;
–bei Entnahme einer falschen Konserve aus dem
Kühlschrank (Verwechslung der Entnahmenummer) (gleiche BG, Type&Screen (T&S) neg) und Versagen der prätransfusionellen Kontrolle
phänotypisierten Produkte zur Verfügung standen.
Ein EK stellte sich im Nachhinein als K-positiv heraus.
In einem weiteren Fall wurde ein EK mit unbekanntem Jkb-Phänotyp transfundiert nach inadäquatem
Hb-Anstieg auf eine Transfusion eines Jkb-negativen
EK am Vortag. Im Verlauf erfolgte auf die Transfusion des EK mit unbekanntem Jkb-Status ein adäquater Hb-Anstieg. Hier sind formal die Kriterien für eine
Fehltransfusion erfüllt ohne dass unmittelbare klinische Konsequenzen beobachtet wurden.
Bei den 4 TK und FGP-Transfusionen:
•Nach Entnahme der FGP im peripheren «Selbstbedienungs-Gefrierschrank» Transfusion von FGP der
BG 0 an Patient mit der BG A
•Nach falscher Bestellung Verabreichung von TK anstelle von FGP
•Nach Bestellung mit falschen Print-Etiketten Verabreichung von TK an den falschen Patienten
• Nach Laborfehler Auslieferung eines TK für den falschen Patienten, Verabreichung ohne Kontrolle der
Verordnung
Definition: Ein Fehler oder eine Abweichung von
Vorschriften oder Richtlinien, die vor Beginn einer
Transfusion entdeckt wird und zu einer Fehltransfusion oder einer Transfusionsreaktion bei einem Empfänger hätte führen können, wenn der Fehler / die
Abweichung nicht entdeckt worden wäre.
In 3 der 5 gemeldeten Fälle von Antikörper-inkompatiblen Transfusionen wurde die Verträglichkeitsprobe
nicht durchgeführt:
•Bei vorbekannten, aktuell nicht nachweisbaren AK
(diese wurden aber berücksichtigt)
•Bei schwach positivem Direktem Antiglobulin Test
(DAT)
•Bei bekanntem Kälte-Autoantikörper Anti-I, mit
negativem T&S; adäquater Anstieg des Hämoglobins (Hb), keine Hämolysezeichen
In zwei weiteren Fällen wurden EKs ohne erweiterten Phänotyp (Phänotypisierung die neben dem AB0
und dem Rhesus-System weitere Blutgruppensysteme umfasst) ausgeliefert. Einmal wurden nicht phänotypisierte Eks zur Notfalltransfusion bei einer Blutung unter der Geburt ausgeliefert für eine Patientin
mit bekannten Anti-Kell Allo-Antikörpern, da keine
Auch wenn weniger IBCT gemeldet wurden im Vergleich zum letzten Jahr, so zeigen die dargestellten
Fehltransfusionen doch, dass effizienten und zielführenden Prozessen weiterhin hohe Aufmerksamkeit
gewidmet werden soll, sowie dass sinnvolle Qualitätssicherungsmassnahmen zur Fehlervermeidung
und -entdeckung weiterhin von grosser Wichtigkeit
sind.
2.5.2 Near Miss Ereignisse
12
Tabelle 8: Einteilung der Ereignisse nach Lokalisation der Abweichung
Lokalisation
Anzahl Konsequenzen, Bemerkungen
Vorbereitung
510
– davon mussten in 363 Fällen die Analysen wiederholt und in 100 Fällen die betroffenen Blutkomponenten vernichtet werden
Prozessabweichungen
111
Keine eigentlichen Near Miss, sondern Abweichungen von zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen (betrifft meist die Vorbereitung)
Labor
88
– davon 24 Auslieferung, 12 Lagerung, 6 Testung, 28 Zustellfehler
Anwendung
16
Andere
74
Total
z.B. erwärmtes EK nicht transfundiert und vernichtet
799
Die Anzahl der gemeldeten NM hat gegenüber dem
Vorjahr (619 Meldungen aus 14 Spitälern) auf 799 Ereignisse aus 30 Institutionen erneut zugenommen.
Tabelle 8 zeigt auf, dass Abweichungen an allen Stellen der Transfusionskette auftreten können, auch
wenn die Mehrheit der gemeldeten Fehler die Vorbereitung betrifft. Meist wurden diese Fehler aus der
Vorbereitung nur wenig später entdeckt, bei der Probeneingangskontrolle im Labor.
Ebenso ist aus Tabelle 8 ersichtlich, dass die Anzahl
der gemeldeten NM von Anfang gegen Ende der
Transfusionskette abnimmt. Je früher ein Fehler passiert, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass
er noch rechtzeitig entdeckt und korrigiert werden
kann. Somit verhält sich gemäss den HaemovigilanceDaten die Auftretenswahrscheinlichkeit im Prinzip
umgekehrt proportional zur Schadenswahrscheinlichkeit. Deshalb ist das Weiterführen oder Verbessern von Qualitätssicherungssystemen an allen Stellen der Transfusionskette sehr wichtig, und nicht nur
in der Vorbereitung, wo die grosse Mehrheit der Meldungen herkommt.
Die NM Meldungen aus der Anwendung der Blutprodukte (16 Fälle, 2% der NM Meldungen) sind im Vergleich zum Vorjahr (45 Fälle, 7%) zurückgegangen. Es
ist bemerkenswert, dass parallel dazu ein Rückgang
der IBCTs und der hämolytischen Transfusionsreaktionen stattgefunden hat. Die Bedeutung dieser auf
kleinen Zahlen beruhenden Beobachtung ist im Moment unklar. Eine Schwankung im Meldeverhalten
als Ursache ist natürlich möglich. Falls sich diese Entwicklung aber als mehrjährig stabiler Trend heraus-
stellen sollte, könnte dies als Hinweis darauf gewertet werden, dass sich durch bereits vorhandene oder
neu eingeführte Qualitätssicherungsmassnahmen
sichtbare Verbesserungen der Transfusionssicherheit
erzielen liessen.
Near Miss im engeren Sinn (506 Fälle, 63 % der NM
Meldungen)
Als «Near Miss im engeren Sinn» bezeichnen wir Abweichungen, die unentdeckt zu einer Fehltransfusion
hätten führen können. Sie sind in Tabelle 9 dargestellt.
13
Tabelle 9
Art der Abweichung
Anzahl
(%)
Bemerkungen
Patienten-ID-Probleme administrativ
8 (2%)
z.B. Namenvarianten, fehlerhafte Erfassung bei Patientenaufnahme, Identitätsmissbrauch, mehrere Patientendossiers lautend auf den gleichen Patienten
Patienten- oder Probenverwechslung i.R.
der prätransfusionellen Blutentnahme
69
(14%)
Ähnliche Namen, fehlende oder fehlerhafte ID-Kontrolle. Häufig erst anhand Blutgruppen-Diskrepanz zu
Vorwert entdeckt, Hergang dann oft nicht rekonstruierbar.
Entnahmefehler
7 (1%)
Probe verdünnt, falsches Röhrli
Beschriftungs- /Etikettier-fehler aller Art
307
(61%)
Proben und/oder Auftrag nicht, unvollständig, diskrepant (z.B. verschiedene Patientennamen) beschriftet
Bestellfehler
Auslieferung
19 (4%) Falsches Produkt oder für falschen Patienten bestellt,
Spezifikation nicht beachtet /angegeben
7 (1%)
Falsches Produkt, diskrepante Beschriftung
Laborfehler
23 (5%) Probenverwechslung im Labor, Fehler bei Übertragung
von Resultaten, Resultat fehlinterpretiert
Kommunikation
11 (2%) Informationen nicht weitergegeben (Transplantationsanamnese); Missverständnisse (Verfall T&S/Produkt)
Andere
Total
55
(11%)
Probenlieferung verzögert (davon 38 in einem Spital
wegen neuem Rohrpostsystem)
506
Der Anteil der «NM im engeren Sinn» an der Gesamtzahl der NM Meldungen ist gegenüber dem Vorjahr
(383 Meldungen = 62%) stabil geblieben. Auch die
nicht korrekte Beschriftung von Patienten-Proben
oder Laboraufträgen als häufigste Abweichungsart
hat sich mit aktuelle 61% gegenüber dem Vorjahr
(66%) nicht wesentlich verändert. Es wird interessant
sein zu beobachten, ob diese Abweichungsart im
Zuge der zunehmenden Einführung Computerassistierter Systeme für die Identifikation der Patienten
und die Zuweisung von Blutproben und Laboraufträgen (Bar-Code oder RFID basiert) an Häufigkeit abnehmen wird. Dies würde, zusammen mit Daten aus
diesen Systemen selbst, die dokumentieren wie viele
Fehlzuweisungen verhindert werden konnten, eine
quantitative Beurteilung der Wirksamkeit und des
Nutzens solcher Systeme erlauben. Entsprechende
Funktionalitäten und Auswertungsmöglichkeiten sollten
bei der Planung und Implementierung solcher Systeme
vorgesehen werden.
Prozessabweichungen (111 Fälle, 22% der NM-Meldungen)
Diese Meldungen betreffen alle (mit einer Ausnahme)
ein einziges Spital, in welchem ein zusätzliches Kontrollsystem für die Patientenidentifikation eingeführt wurde.
Fehlerhafte Zwischenlagerung von Blutkomponenten (182 Fälle, 36% der NM Meldungen)
2013 gingen erneut deutlich mehr Meldungen zum
Umgang mit bzw. der Zwischenlagerung von Blutkomponenten nach Auslieferung ein. Der Anteil hat
von 22% (2012) auf 36% (2013) zugenommen.
98 Meldungen betrafen bestellte oder ausgelieferte
Blutprodukte, die dann nicht transfundiert wurden,
wobei die Blutprodukte meist vernichtet werden
mussten.
2.6 Spendernebenwirkungen
2013 gingen 15 Einzelfallmeldungen zu Spendernebenwirkungen ein. 8 Meldungen betrafen Vollblutspenden, und 7 Apheresespenden (davon 6 im Rahmen einer Thrombozytenspende).
Bei 3 Spendern traten je zwei Ereignisse auf, also
wurden insgesamt 18 Ereignisse berichtet. Einer Meldung wurde der Schweregrad ‚mild‘ zugeordnet, 10
Meldungen der Schweregrad ‚moderat‘, und 4 Meldungen wurden als ‚schwerwiegend‘ beurteilt.
6 der 18 Ereignisse waren lokale vaskuläre Reaktionen, davon die beiden folgenden schwerwiegend:
14
nach einer Vollblutspende wurde eine Thrombo­
phlebitis beobachtet, welche antibiotisch behandelt
werden musste, sowie nach einer Plasmapherese ein
grosses Hämatom (40x15cm). 8 Ereignissen lag eine
vasovagale Reaktion zugrunde, 2 davon wurden als
schwerwiegend beurteilt: Eine 31-jährige Erstspenderin erlitt 80 Minuten nach der Vollblutspende
eine schwere vagale Reaktion mit Bewusstseinsverlust, Urininkontinenz, Konvulsionen und vorübergehendem Sehverlust rechts. Im zweiten Fall blieb
ein 20-jähriger Zweitspender 10 Minuten nach der
Vollblutspende liegen, kollabierte aber im Anschluss
und stürzte heftig; er musste zur Commotio-Überwachung für zwei Tage hospitalisiert werden, worauf er
sich vollständig erholt hat. Die 4 restlichen Ereignisse betrafen 3 Citratreaktionen und 1 anaphylaktoide
Reaktion mit Lidödemen und Bronchospasmus während und nach Apherese.
Von 3 Zentren wurden Spendernebenwirkungen in
kumulierter Form gemeldet. Dabei waren von 268
Ereignissen 228 im Zusammenhang mit Vollblutspenden und 40 mit Apheresen aufgetreten.
Von den 228 Ereignissen bei Vollblutspenden waren
191 (84%) vasovagale Reaktionen (davon 5 schwerwiegend), 23 (10%) lokale Reaktionen (davon 1
schwerwiegend) und 14 (6%) andere (meist Hypotonie). Hingegen waren 19 (48%) der 40 mit Apheresen
assoziierten Ereignisse lokale Reaktionen (davon 1
schwerwiegend). Von den weiteren Fälle mit Apherese wurden 7 (18%) als vasovagale Reaktionen, 13
(33%) als Citratreaktionen (davon 1 schwerwiegend)
und 1 als andere klassiert.
3. Präventive Massnahmen und Erkenntnisse
Neben der generellen Risikoabschätzung gehört die
Auslösung und Evaluation von präventiven Massnahmen zu den Hauptaufgaben des Haemovigilanzsystems. Im Folgenden stellen wir die Evaluation von drei
präventiven Massnahmen dar, welche in der Schweiz
ausgelöst wurden respektive derzeit durchgeführt
werden. Dabei handelt es sich um Zusammenfassungen, ausführlichere Berichte werden referenziert.
3.1 ‚Male donor‘ Strategie für Plasma
Diese Massnahme wurde schon 2007 eingeführt. Die
zu verhindernde unerwünschte Reaktion, die Transfusionsassoziierte Akute Lungenschädigung (TRALI)
ist selten. Deshalb kann die Wirkung der Massnahme
erst nach mehreren Jahren statistisch robust nachgewiesen werden.
In der Pathophysiologie des TRALI werden zwei zugrundeliegende Mechanismen diskutiert:
•immunes TRALI (leukozytenspezifische HNA- oder
HLA-Antikörper reagieren mit Empfängerleukozyten)
•nicht immunes TRALI (Aktivierung neutrophiler
Granulozyten durch biologisch aktive Substanzen
wie z.B. Lipide im Blutprodukt)
Die Strategie der vorwiegend männlichen Spender
(male donor strategy) hat zum Ziel, die Wahrscheinlichkeit zu senken, dass im Plasma zur Transfusion
HLA-oder HNA-Antikörper vorhanden sind. Diese
Antikörper können unter anderem durch Schwangerschaften oder Geburt entstehen. Deshalb werden
seit 2007 in der Schweiz nur noch Spenden von Männern oder von Frauen, welche nie wissentlich schwanger waren oder einen negativen Test für HLA- und
HNA-Antikörper aufweisen, für die Herstellung von
Plasma verwendet.
Für die Evaluation dieser Massnahme wurde die Häufigkeit von TRALI Meldungen im Zeitraum vor Einführung der Massnahme (2002 – 2007) mit derjenigen in
der Zeitperiode nach Einführung (2008 – 2013) verglichen. Die Meldungen wurden gemäss den Definitionen des TRALI consensus panel von Kanada 2004
klassiert[2].
Grafik 8 zeigt die absolute Zahl der in den beiden
Zeiträumen gemeldeten TRALI-Fälle. Zusätzlich zu
den absoluten Zahlen stellt Grafik 9 eine Disproportionalitäts-Analyse dar, bei welcher die TRALI-Fälle ins
Verhältnis zu allen anderen Meldungen (alle Typen
von Transfusionsreaktionen) für Plasma (FGP) gestellt
werden.
Die Anzahl der verabreichten Plasma-Transfusionen
sind für die beiden Zeiträume vergleichbar (435‘000
von 2002 – 2007; 342‘000 von 2008 – 2013). Somit ergibt sich durch den starken Rückgang der Fälle auch
ein klarer Rückgang in der Melderate von 1/21‘000
auf 1/86‘000 Plasmatransfusionen.
15
3.2 Pathogeninaktivierung von Thrombozytenkonzentraten (TK) mit dem Intercept® Verfahren
Grafik 8
TRALI Fälle mit FGP
25
TRALI, möglich
Anzahl Fälle
20
15
TRALI, sicher
oder
wahrscheinlich
10
5
0
2002-2007
2008-2013
Grafik 9
100%
Disproportionality analysis (Vergleich der
Proportionen)
21 (6.9%)
4 (1.4%)
TRALI mit FGP
98%
96%
Alle anderen TR
mit FGP
94%
92%
Relatives Risiko=0.21
(95% VI 0.07- 0.59)
90%
88%
2002-2007
2008-2013
p= 0.001
(Fisher exact - test)
Die TRALI-Meldungen sind signifikant gesunken mit
der Einführung dieser präventiven Massnahme. Verschiedene weitere Vergleiche (TRALI mit anderen
Produkten, Fälle von Volumenüberlastungen) zwischen den beiden Zeiträumen zeigten keine Hinweise auf einen Meldebias oder andere Verzerrungen,
welche den Unterschied im Risiko nur vorgespiegelt
hätten.
Die präsentierten Zahlen bestätigen die Wirksamkeit der Strategie der vorwiegend männlichen Spender für Plasma zur Transfusion. Das TRALI-Risiko für
Plasma wurde dadurch deutlich gesenkt. Diese Daten
sind in Übereinstimmung mit Publikationen aus anderen Ländern. Der gesamte Bericht (als poster.pdf)
kann bestellt werden unter [email protected].
Nachdem 2011 die Pathogeninaktivierung für TK eingeführt wurde, lassen die Daten der letzten 5 Jahre
einen Vergleich der Transfusionsrisiken konventioneller TK (kTK) mit denen von pathogeninaktivierten
TK (PI-TK) zu. Ein Hintergrundbericht dazu wurde im
Swiss Medical Forum im März 2013 publiziert[3]. Tabelle 10 zeigt den Vergleich der Risiken der Thrombozyten Transfusion zwischen pathogeninaktivierten
TK und konventionellen TK.
Seit der Einführung des Pathogen-Inaktivierungsverfahrens für alle TK in der Schweiz ist keine durch TK
hervorgerufene Sepsis mehr gemeldet worden. Der
angestrebte Hauptnutzen, nämlich die zuverlässige
Vermeidung klinisch relevanter bakterieller Kontaminationen von Thrombozytenkonzentraten, konnte
mit der flächendeckenden Verwendung des Intercept-Verfahrens für alle TK in der Schweiz klar erreicht werden. Die Anzahl transfusionsübertragener
bakterieller Infektionen die durch die konsequente
Anwendung des Intercept-Verfahrens vermieden
werden konnten, lässt sich anhand der eingegangenen Meldungen vor Einführung dieser Massnahme
abschätzen und mit kürzlich publizierten internationalen Daten vergleichen. 2005 bis 2011 wurden
in der Schweiz 16 septische Transfusionsreaktionen
aufgrund bakteriell kontaminierter TK gemeldet,
darunter 3 Todesfälle. Im entsprechenden Zeitraum
wurden 191‘700 konventionelle, (nicht pathogen-inaktivierte) TK transfundiert. Aufgrund der Schweizer
Zahlen beträgt das Risiko für eine transfusionsübertragene Sepsis 1:12‘000 TK, jenes für Todesfälle durch
bakteriell kontaminierte TK 1:65‘000. In Kanada betragen diese Risiken für den Zeitraum 2004 bis 2013
trotz bakteriellem Screening aller TK 1:86‘000 (Sepsis) bzw. 1:600‘000 (Todesfälle). In Frankreich, wo für
TK weder bakterielles Screening noch Pathogeninaktivierung durchgeführt wird, werden Sepsis und Todesfälle für den Zeitraum 2006 – 2012 mit 1:43‘000
und 1:250‘000 angegeben und in einem Transfusionszentrum in den USA quantifizierte ein Überwachungsprogramm zwischen 2004 und 2011 das
Risiko für eine transfusionsübertragene Sepsis auf
1:1‘600 TK. [4] Konkret können wir aus diesen Zahlen die Schlussfolgerung ableiten, dass durch die Anwendung des Intercept Verfahrens für alle TK in der
Schweiz septische Transfusionsreaktionen vermieden
werden, die ohne diese Massnahme zwischen 1:1‘600
und 1:86‘000 TK auftreten würden. Mit Todesfällen
wäre ohne pathogeninaktivierung in 1:65‘000 bis
1:600‘000 TK-Transfusion zu rechnen.
16
Tabelle 10: Gemeldete Transfusionsreaktionen mit konventionellen und pathogeninaktivierten TK
Transfusionsreaktionen
2009 – 2011 kTK
2011 – 2013 PI-TK
Transfundierte Einheiten
66‘000
95‘515
Risiko = 1
Reaktion pro
x TK
Meldungen
Risiko
Meldungen
Risiko
Alle HI Meldungen
223
~ 1:300
251
~ 1:400
HI Meldungen
Grad 3 & 4
23*
~ 1:3‘000
13*
~ 1:7‘000
*p= 0.04 (Fisher exact test)
Tabelle 10 zeigt, dass zusätzlich zur zuverlässigen
Vermeidung septischer Transfusionsreaktionen die
Einführung des Intercept-Verfahrens für alle Thrombozytenkonzentrate mit einer Reduktion von Anzahl
und Schweregrad der nicht infektionsbedingten TR
nach TK-Transfusion einherging.
Als mögliche Nebenwirkungen des Verfahrens werden Refraktärzustand auf Plättchentransfusion resp.
reduzierte Wirksamkeit und respiratorische Reaktionen inkl. TRALI diskutiert. Für beide möglichen
Risiken gibt es in der wissenschaftlichen Literatur
Hinweise. Evidenz, welche deren klinische Relevanz
bestätigt oder ausschliesst liegt bis heute nicht vor.
Im Folgenden diskutieren wir diese beiden möglichen
Risiken vor dem Hintergrund der Schweizer Daten.
3.2.1 Refraktärzustand auf Plättchentransfusion /
reduzierte Wirksamkeit
Mögliche Auswirkungen des PathogeninaktivierungsVerfahrens auf die Thrombozytenstabilität und -funktionalität werden seit langem erforscht. Insgesamt
konnte in den klinischen Studien die Wirksamkeit und
Sicherheit der pathogeninaktivierten Thrombozytenkonzentrate gezeigt werden [5-10]. HaemovigilanceDaten haben auf ein günstiges Sicherheitsprofil von
PI-TK im Allgemeinen und verglichen mit konventionellen Thrombozytenkonzentraten im Speziellen
hingewiesen [3, 11, 12]. Zur Beantwortung der Frage,
ob in Einzelfällen klinisch relevante Einschränkungen
der Wirksamkeit pathogeninaktivierter TK auftreten
könnte, müssen neben den klinischen Studien auch
weitere Datenquellen zu Rate gezogen werden.
Auch die Schweizer Haemovigilance-Daten könnten
hier einen wichtigen Beitrag leisten. Obschon in ers-
ter Linie Transfusionsreaktionen und Near Miss Ereignisse gemeldet werden, sind die Haemovigilanceverantwortlichen und die Ärzteschaft angehalten,
auch vermutete Fälle von fehlender Wirksamkeit von
Blutprodukten zu melden, sofern produktspezifische
Faktoren als Ursache vermutet werden oder die ausbleibende Wirkung nicht erklärbar scheint.
In der Schweiz sind 2013 zum ersten Mal zwei Fälle
eines Refraktärzustandes auf Plättchentransfusionen
gemeldet worden. Allerdings wurden beide Ereignisse beim gleichen Patienten nach zwei verschiedenen
Plättchentransfusionen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen beobachtet. Am ersten Tag wurde dem
Patienten mit Multiplem Myelom Thrombozyten aus
Vollblutspenden, am 2. Tag Thrombozyten aus einer
Apheresespende transfundiert. Der Patient hatte im
Anschluss an die beiden Transfusionen jeweils Fieber
und Schüttelfrost, war aber hämodynamisch immer
stabil. Die Thrombozytenzahl ist von 7 G/l vor der ersten Transfusion auf 5 G/l 24h später, und von 5 G/l vor
der zweiten Transfusion auf 4 G/l eine Stunde später
abgesunken. Beim Patienten wurden anti-HLA A und
B Antikörper festgestellt, besonders ein ausgeprägter
anti-HLA A2 (bei negativem Anti-HPA Antikörpernachweis). Der Patient hatte 9 Tage vor den Transfusionen
die 3. autologe Stammzellentransplantation erhalten.
Diese beiden Fälle von Refraktärzustand auf Thrombozytentransfusion sind wahrscheinlich auf die nachgewiesenen HLA-Antikörper zurückzuführen. Bei
Swissmedic sind bis anhin keine weiteren Meldungen
von verminderter Wirksamkeit eingegangen. Aus
dem Haemovigilancesystem liegen keine Hinweise
vor auf eine Funktionseinschränkung von Thrombozyten durch die Pathogeninaktivierung. Weitere Untersuchungen zu diesem Thema sind in Arbeit, auch
in der Schweiz.
17
3.2.2 TRALI
In einer klinischen Studie aus dem Jahre 2001 sind
in der Gruppe der Empfänger von pathogeninaktivierten TK (N=318) 5 Fälle von ARDS aufgetreten,
während in der gleich grossen Kontrollgruppe die
konventionelle TK erhielten, keine Fälle von ARDS
beobachtet wurden[6]. Eine detaillierte Nachanalyse derselben Studie zeigte einen Trend in die gleiche
Richtung, aber weniger deutlich und statistisch nicht
mehr signifikant[13]. Bei Lipopolysaccharid-vorbehandelten Mäusen wurde später gezeigt, dass UVBbestrahlte TK zur Entwicklung einer Lungeninsuffizienz beitragen, während dies nach der Transfusion von
nicht UV-bestrahlten TK nicht beobachtet wurde[14].
Seither wird kontrovers diskutiert, ob Thrombozytenkonzentrate, die mit dem Intercept® Verfahren behandelt und daher UVA-bestrahlt sind, ein höheres
Risiko für TRALI aufweisen als konventionelle Thrombozytenkonzentrate.
Vor diesem Hintergrund sind die TRALI-Haemovigilance-Daten aus der Schweiz von besonderem Interesse. Seit Bestehen der Meldepflicht für unerwünschte Transfusionsreaktionen sind Swissmedic 12 Fälle
von zumindest möglichem TRALI nach der Transfusion von Thrombozytenkonzentraten – ausschliesslich
oder in Kombination mit andern Blutkomponenten
– gemeldet worden. Im Verlauf des Jahres 2011 wurde die Pathogeninaktivierung der Thromozytenkonzentrate gestaffelt von allen regionalen Blutspendezentren eingeführt. Entsprechend wurden die 2003
und 2008 gemeldeten TRALI nach der Transfusion
von TK im Zusammenhang mit konventionellen Produkten beobachtet. Auch die zwei Meldungen von
2011 bezogen sich auf konventionelle TK, während
alle seit 2012 gemeldeten TRALI nach TK-Transfusion
Intercept-behandelte Produkte betreffen.
Grafik 10 zeigt die gemeldeten TRALI Fälle aus der
Schweiz im Zusammenhang mit Plättchentransfusionen.
TRALI Fälle mit TK in der Schweiz
4
3
2
4
1
0
2
0
2002
2003
3
2
0
0
0
0
2004
2005
2006
2007
2008
0
0
2009
2010
2011
1
2012
2013
Jahr
2003 (2 Fälle)
2008 (4 Fälle)
2011 (2 Fälle)
2012 (1 Fall)
2013 (3 Fälle)
Imputability
Sicher
Wahrscheinlich
Möglich/unwahrscheinlich
Möglich
Wahrscheinlich
Möglich
Möglich
Wahrscheinlich
Wahrscheinlich
Wahrscheinlich
Wahrscheinlich
Wahrscheinlich
Immunes versus
Nicht-Immunes
TRALI
Immun
Nicht-Immun
Unbekannt
Unbekannt
Immun
Immun
Immun
Immun
Immun
Nicht-immun
Immun
Immun
Produkt(e) erhalten
TK
FGP + TK
TK (Apherese) + EK
TK (Apherese)+FGP+EK
TK (Apherese)
TK (Apherese)
TK + EK
TK (Apherese)
TK (Apherese)
TK (buffy coat)
TK (buffy coat)
TK (Apherese)
Schweregrad
3
3
3
3
4
3
3
3
3
3
3
2
Blau=Konventionelle TK, Grün = Pathogeninaktivierte TK. Schweregrad: 2= schwerwiegend, 3= lebensbedrohlich,
4= Todesfall.
Die Fälle sind pro Jahr aufgelistet, die Reihenfolge innerhalb der einzelnen Felder bleibt sich gleich.
Lesebeispiel: Beim zweiten TRALI Fall in 2003 war die Imputability ‚Wahrscheinlich‘; es handelte sich um ein
Nicht-immunes TRALI, bei welchen der Patient FGP+ TK erhalten hatte, der Schweregrad war 3 (lebensbedrohlich).
18
Zwischen 2002 und 2011 wurden 247‘700 konventionelle TK transfundiert und 8 TRALI (5 Immun TRALI,
2 TRALI mit unbekannter Ätiologie und ein NichtImmun TRALI ) gemeldet, während von 2011 bis 2013
bei 95‘450 transfundierten pathogeninaktivierten TK
4 TRALI-Meldungen (3 Immun TRALI und ein NichtImmun TRALI) eingegangen sind. Das entspricht einer TRALI-Häufigkeit von ca. 1:30‘000 konventionelle
bzw. 1:24‘000 pathogen-inaktivierte TK. Eine potentielle Risikoerhöhung würde sich prinzipiell mit Fällen
von nicht immunem TRALI äussern, da immunes TRALI durch Spenderantikörper ausgelöst wird, auf deren
Auftretenshäufigkeit das Intercept Verfahren keinen
Einfluss hat. Bei lediglich je einem Fall von nicht Immun TRALI nach der Transfusion von konventionellen
bzw. pathogeninaktivierten TK lässt sich basierend
auf Haemovigilance-Daten eine leichte Erhöhung des
relativen Risikos für TRALI weder nachweisen noch
ausschliessen. Die weitere Evaluation dieses potentiellen Risikos unter Einbezug neuer Erkenntnisse und
Vigilance-Daten hat daher einen hohen Stellenwert.
Entsprechend wichtig ist es, dass auch in Zukunft alle
am Transfusionsprozess Beteiligten sich der Möglichkeit schwerer Transfusionsreaktionen mit respiratorischen Symptomen bewusst sind und im Verdachtsfall
Abklärungen einleiten und Swissmedic die Meldungen zukommen lassen.
in der Schweiz bei. Beispielsweise wurde die oben
dargestellte Pathogeninaktivierung bei Thrombozytenkonzentraten von einzelnen regionalen Zentren
im 2013 auch für Plasma eingeführt.
Für Einführung und Umsetzung dieser Massnahmen sind
die Blutspendedienste verantwortlich, welche damit die
Sicherheit der Produkte gewährleisten. Dies geschieht in
Zusammenarbeit mit dem Referenzzentrum für Infektionen durch Blut und Blutprodukte, welches auch im
Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit tätig ist. Swissmedic überprüft im Rahmen der Steuerung und Aufsicht
des Blutspendewesens, ob die getroffenen Massnahmen
dem Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen
und ob die Daten der Marktüberwachung auf zusätzlich
notwendige Massnahmen zum Schutz der Patientinnen
und Patienten hinweisen.
Tabelle 11: Fälle von TTI 2013 und abgeschätzte Risiken
Krankheit
Gemeldete
Fälle 20131)
– Imputability
Abgeschätzte Risiken
4
Bakterielle – 1 wahrscheinlich
– 1 möglich
1:600‘0002)
Infektion
– 1 unwahrscheinlich
– 1 ausgeschlossen
3.3 Massnahmen zur Verhinderung von
transfu­sionsübertragenen Infektionen
Massnahmen an verschiedenen Stellen der Transfu­
sionskette wie Spenderscreening, Spenderausschlüsse
und ‚Look back’ sind die Ecksteine der Prävention von
transfusionsübertragenen Infektionen (TTI). Schon
vor Längerem wurde die Leukozytendepletion und
der Spende-Ausschluss von Transfusionsempfängern
eingeführt, welche auch vor neu auftretenden oder
bislang unbekannten Infektionskrankheiten schützen. Die getroffenen Massnahmen sowie die allfällige Notwendigkeit weiterer Schritte zur Prävention
transfusionsübertragener Infektionen werden laufend überprüft und den aktuellen Gegebenheiten
und Erfordernissen angepasst. Seit 2013 ist das Chagas-Screening bei Risikopersonen vorgeschrieben.
Weiter wurde ein Massnahmenplan für den Fall von
West-Nile-Virus Infektionen in der Schweiz entwickelt, welcher 2014 in seiner ersten Version fertiggestellt wurde. Zusätzlich zu diesen Anpassungen der
Spendetauglichkeitskriterien und Screening Untersuchungen tragen verschiedene produktbezogene
Massnahmen zur hohen Sicherheit der Blutprodukte
1
HBV
– ausstehend
(s. Fall 2 im
Kapitel 4)
1:4‘100‘000 Spenden3)
HIV
HCV
1:400‘000 Spenden3)
1
– ausge­schlossen
1:6‘700‘000 Spenden3)
Syphilis
Theoretisches Risiko4)
Chagas
Theoretisches
Risiko in CH5)
WestNile-Virus
Theoretisches
Risiko in CH6)
1) Die Tabelle zeigt alle Fälle, welche als Hämovigilancemeldungen eingegangen sind. Zusätzlich zu den beiden viralen Verdachtsfälle in der Tabelle wurde vom Referenzzentrum im Rahmen der Look back Verfahren 2 weitere
virale Verdachtsfälle abgeklärt, welche im Rahmen das
Haemovigilance-System nicht gemeldet worden sind:
in 1 weiteren Fall von Verdacht auf HCV-Übertragung
konnte ein Zusammenhang mit der Transfusion ausgeschlossen werden, in 1 weiteren Fall mit Verdacht auf
HBV-Übertragung sind die Abklärungen noch in Arbeit.
19
2) CH-Haemovigilance-Daten 2011 – 2013
3) Nat. Referenzzentrum für durch Blut und Blutprodukte
übertragene Infektionen
4) Keine Meldungen seit Einführung des Haemovigilancesystems in der Schweiz. Treponema pallidum ist sehr
fragil bei in Komponenten aufgeteiltem Blut.
5) Das schon sehr kleine Risiko wurde durch die Einführung des Screenings von Risikopersonen auf praktisch 0
reduziert.
6) Bis zum jetzigen Zeitpunkt (April 2014) sind in der
Schweiz keine autochthonen Fälle beim Menschen entdeckt worden. Das Risiko kann – in Abhängigkeit von
der epidemiologischen Situation – ändern.
Zusätzlich zu den erwähnten patientenbezogenen
Look backs sind 2013 fünf spenderbezogene Look
backs ausgelöst worden (2 für HIV, 1 für Borrelien,
2 für Chagas). Transfusionsübertragene Infektionen
durch die genannten Erreger wurden nicht nachgewiesen. In drei Fällen (1 HIV und 2 Chagas) sind die
Abklärungen noch in Bearbeitung.
Sämtliche TTI Risiken werden laufend evaluiert und
analysiert, damit auf potentielle Veränderungen
rasch und gezielt reagiert werden kann. Dies gilt aktuell besonders auch für neu auftretende oder in der
Schweiz bislang nicht beobachtete TTI, beispielsweise
wie erwähnt für West-Nile-Virus.
4. Fallbeispiele
4.1 Todesfälle
Vier Todesfälle in zeitlichem Zusammenhang mit einer
Transfusion wurden 2013 gemeldet. Keinem der vier
Fälle wurde nach der Evaluation eine hohe Imputability zugeordnet. Eine klinisch als terminal beurteilte
moribunde Patientin ist während der Transfusion verstorben ohne dass Symptome berichtet wurden, die
auf eine Transfusionsreaktion hinweisen. Auch die
Abklärungen zeigten keine Hinweise auf einen ursächlichen Zusammenhang mit der Transfusion.
In einem weiteren Fall zeigte ein Patient mit akutem
anurischem Nierenversagen und symptomatischer Anämie von 5.8 g/l nach Ende der Transfusion von 2 EK
Dyspnoe und einen Anstieg von Temperatur und Blutdruck. Im weiteren Verlauf verstarb der Patient und
die Obduktion zeigte keinen Hinweis auf einen Kausalzusammenhang zwischen der Transfusion und dem
Tod des Patienten. Die beiden weiteren Fälle werden
im Folgenden detaillierter beschrieben:
Fall 1
Ein 1965 geborener Patient in schlechtem Allgemeinzustand am 11. Tag der Induktionschemotherapie bei
einer akuten lymphatischen Leukämie, mit erhöhten
Laktat-Werten, Bauchschmerzen, Vigilanzminderung
und respiratorischer Einschränkung, (Vd.a. Pneumonie bei radiologisch nachgewiesenen pulmonalen
Infiltraten, SIRS) erhält bei einer Thrombozytenzahl
von 6 G/l ein Thrombozytenkonzentrat aus Apherese. Die initiale Überwachung zeigt keine Auffälligkeiten, ca. 10 Minuten später wird der Patient mit
einem Kreislaufstillstand im Bett vorgefunden. Nach
elektromechanischer Reanimation und bei trotz hohen Katecholamindosen mässig stabilem Kreislauf
wird der Patient auf die Intensivpflegestation verlegt.
Dort zeigt sich eine rapide respiratorische Verschlechterung. Die Transfusion des 2. TK aus der gleichen
Apherese-Spende erfolgt ohne erkennbare Veränderung des Zustandes des Patienten. Im weiteren Verlauf stellt sich trotz hoher Pressorendosen eine nicht
beherrschbare Situation ein, worauf die intensivmedizinischen Massnahmen eingestellt werden und der
Patient verstirbt.
Im CT Schädel/Thorax und Abdomen auf der Intensivstation konnten keine Blutungen nachgewiesen werden. Die bilateralen Infiltrate wurden als Verschlechterung der vermuteten vorbestehenden Pneumonie,
als Aspiration und/oder pulmonale Hämorrhagien
nach Reanimation bei sehr tiefen Thrombozytenwerten interpretiert. Im Blut des ansonsten unauffälligen, langjährigen Thrombozytenspenders wurden
HLA-Antikörper der Klasse I nachgewiesen. Die Differentialdiagnose TRALI wurde klinisch als sehr unwahrscheinlich eingestuft, HLA-Antigene beim Empfänger
wurden nicht untersucht. Die vor der Transfusion entnommene Blutkultur des Patienten zeigte Wachstum
von Bacillus cereus, in der Kultur des Restproduktes,
am Folgetag und bei offenem Besteck entnommen,
wurde in Anreicherung ein Koagulase negativer Staphylococcus nachgewiesen. Eine Autopsie wurde abgelehnt.
Kommentar: In dieser komplexen Situation eines
schwer kranken Patienten mit vorbestehenden Komplikationen der Grundkrankheit und ihrer Therapie ist
eine definitive Bestimmung der Ursache sowohl des
Kreislaufstillstandes als auch des weiteren Verlaufs
nicht möglich. Bei der Beurteilung, ob die Transfusion
dabei eine kausale Rolle gespielt hat und ob die im
Anschluss aufgetretene respiratorische Verschlechterung als TRALI gewertet werden soll, halten wir uns
an die Einschätzung der involvierten Kliniker, welche
beides als sehr unwahrscheinlich erachten.
20
Eine primäre bakterielle Kontamination des pathogeninaktivierten Thrombozytenkonzentrates ist unseres
Erachtens in der beschriebenen Situation ebenfalls
wenig plausibel.
Fall 2
Bei einer 88-jährigen Patientin mit paralytischem
Ileus wird am 18. November 2013 eine akute Hepatitis
B diagnostiziert. Die Patientin stirbt am Folgetag an
den Komplikationen des Ileus. Die Ätiologie des konservativ therapierefraktären paralytischen Ileus wird
als multifaktoriell beurteilt, wobei differentialdiagnostisch die akute Hepatitis B als mitverantwortlicher
Faktor in Frage kommt.
Die Patientin ist vorgängig seit dem 26. Juni 2013
hospitalisiert gewesen mit mehreren orthopädischen
Eingriffen. Dabei wurden 3 EK-Transfusionen verabreicht, ausgegeben am 29. Juli und am 05. und 06.
September. Die Diagnose der akuten Hepatitis B wurde mit folgenden Testresultaten bestätigt: Hepatitis B
HBs-Ag Reaktiv (2x), Hepatitis B anti-HBc positiv, Hepatitis B anti-HBc IgM (positiv), Hepatitis B anti-HBe
positiv, Hepatitis B quantitativ DNA positiv, Hepatitis
B viral load > 170‘000‘000 IE/ml. GOT (ASAT) war 1007
U/l. Vom 8. August 2013 existieren von der Patientin
negative serologische Ergebnisse bezüglich Hepatitis
B: HBs-Ag nicht reaktiv, anti-HBc IgG/IgM negativ,
GOT (ASAT) 11 U/l. Sie wurde damals als Indexpatientin getestet, weil sich offenbar Spitalpersonal verletzt
hatte. Der patientenbezogene Look back ist noch
nicht vollständig abgeschlossen. Es wurden bis anhin
keine Hinweise auf eine Transfusionsübertragene Hepatitis B gefunden. 2 der 3 Spender konnten vollständig abgeklärt werden, beim 3. Spender stehen noch
letzte Tests an, die bisherigen Ergebnisse zeigten allerdings keine Hinweise auf eine Infektion mit dem
Hepatitis B Virus. Ebenso wenig haben die spitalhygienischen (chirurgischen) Abklärungen Hinweise auf
den Übertragungsweg ergeben. Ein nicht-iatrogener
Übertragungsweg ist bei einer 88-jährigen Frau nicht
sehr wahrscheinlich, kann aber auch nicht ganz ausgeschlossen werden.
Kommentar: Bei noch nicht vollständig abgeschlossenem Look back und bisherigen Ergebnissen, die nicht
für eine Transfusionsübertragung sprechen, haben
wir diesem Fall eine tiefe Imputability zugeordnet.
4.2 Transfusionsreaktionen
Lebensbedrohliche Transfusionsreaktionen mit hoher
Imputability wurden 2013 insgesamt in 17 Fällen ge-
meldet. Sie wurden in 9 Fällen als allergische (2 anaphylaktoide und 7 anaphylaktische) Transfusionsreaktionen klassiert, 3 Ereignisse erfüllten die Kriterien
für TRALI und 5 transfusionsbedingte Volumenüberlastungen (TACO) wurden klinisch als lebensbedrohlich eingestuft. Eine Auswahl aus diesen und aus
weniger schwerwiegenden Transfusionsreaktionen
sowie Beispiele von IBCT beschreiben wir im folgenden Kapitel.
Fall 3 Anaphylaktische TR
Eine 1968 geborene Patientin mit AML erhält bei
einer Thrombozytenzahl von 8 G/l ein TK aus Aph­
erese. Nach Transfusion von 90% innerhalb von
45 Minuten treten Dyspnoe, Hypoxie, Tachykardie und
eine Urtikaria auf. Der Blutdruck sinkt von 105/60 auf
90/50 mm Hg, der Puls steigt von 80 auf 120 Schläge pro
Minute. Die Reaktion wird klinisch als lebensbedrohlich
beurteilt, Angaben zur Behandlung und zum weiteren
Verlauf liegen uns nicht vor. Die Dokumentenüberprüfung bleibt unauffällig, auf immunhämatologische und
mikrobiologische Abklärungen wird verzichtet und das
Geschehen als schwere allergische (anaphylaktische)
Transfusionsreaktion klassiert. Die Abklärungen durch
den Blutspendedienst ergeben keine Auffälligkeiten in
der Produktgeschichte und in der Anamnese der Spenderin mit bisher 26 Spenden, die Suche nach HLA I und II
AK bei Spenderin bleibt negativ.
Kommentar: Die beschriebene Symptomatik ist vereinbar mit einer allergischen Reaktion. Aus den vorliegenden Angaben allein können Schweregrad und
Imputability nicht zuverlässig beurteilt werden, die
klinische Einschätzung des behandelnden Arztes sowie des Haemovigilance Verantwortlichen erscheint
plausibel, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass
der Blutspendedienst involviert wurde und dieser
eine HLA-Antikörper Abklärung durchführte.
Fall 4 Anaphylaktische TR
Eine 17-jährige Patientin mit bekanntem allergischem
und Anstrengungsasthma sowie einer Latex-Allergie
wird wegen Infekt mit gastrointestinalem Ursprung
hospitalisiert. Bei klinischem Verdacht auf ein hämolytisch-urämisches Syndrom bzw. eine thrombotischthrombozytopenische Purpura wird sie auf die Intensivstation aufgenommen wo die Indikation für eine
Plasma-Austauschtransfusion gestellt wird. Nach Prämedikation mit Antihistaminika und unter ImipenemTherapie wird die erste Austauschtransfusion mit Verabreichung von insgesamt 20 FGPq komplikationslos
durchgeführt. Am darauf folgenden Tag werden Tavegyl und Solumedrol als Prämedikation verabreicht
und während der Transfusion des 9. FGP kommt es zu
21
einem abrupten Blutdruckabfall mit arteriellem Mitteldruck von 50 mm Hg, einem Sättigungsabfall aufgrund eines Bronchospasmus‘, zu einem Angiödem
des Gesichts und des Halses sowie zu einem generalisierten Hautausschlag. Die Plasma-Austauschtransfusion wird unterbrochen, auf die Behandlung mit
Adrenalin i.v., Solumedrol, Tavegyl und Volumensubstitution folgt ein rascher Rückgang der Symptome.
Am Folgetag stellt sich eine Besserung des Infektionssyndroms und der mikroangiopathischen Manifesta­
tionen ein. Weitere Transfusionen sind nicht erforderlich und die Patientin kann am 6. Hospitalisationstag
nach Hause entlassen werden.
Eine Exposition gegenüber Latex lag nicht vor, gleichzeitig mit der Plasmatransfusion wurden keine Medikamente verabreicht und verdächtige Nahrungsmittel
konnten nicht eruiert werden. Ein IgA- und ein Haptoglobin-Mangel konnten ausgeschlossen werden und
der Tryptase-Wert aus einer Blutentnahme 15 Minuten nach der Reaktion war grenzwertig erhöht. Die
allergologische Beurteilung kam zum Schluss, dass am
ehesten eine IgE-vermittelte Reaktion auf ein nicht bekanntes, spezifisches Antigen, das in einer der transfundierten Plasma-Einheiten enthalten war stattfand.
Für allenfalls in Zukunft erforderliche Transfusionen
wurde empfohlen, die Indikation sehr zurückhaltend
zu stellen, eine aktive Überwachung zu gewährleisten
und eine Prämedikation mit Antihistaminika und Corticosteroiden durchzuführen.
4.3
weitere Fallbeispiele von
Transfusionsreaktionen
Fall 5 TRALI
Eine 72-jährige Patientin mit Polyarthritis erhält wegen Panzytopenie (aufgrund einer chronischer Meto­
threxat-Einnahme ohne Folsäuresubstitution) eine
Transfusion mit 2 Beuteln Thrombozytenkonzentrat
aus Apherese. Fünf Minuten nach Start des 2. Beutels
klagt die Patientin über Schmerzen in der Nierengegend, gegen Ende der Transfusion fällt die Sauerstoffsättigung auf 70% ab und die Patientin erleidet
Dyspnoe, der Blutdruck fällt ab (von initial 122/62 auf
95/60), begleitet von einem Pulsanstieg. Rasselgeräusche über allen Lungenfeldern werden festgestellt.
Die Patientin wird mittels CPAP und Volumengabe
behandelt, im Verlauf pendelt sich die Sauerstoffsättigung bei 85% ein unter 6 l Sauerstoff, die Patientin
erholt sich langsam im Verlauf von mehreren Tagen.
Das Thorax-CT zeigte bilateral ausgeprägte diffuse
ventralbetonte Infiltrate, und keine Zeichen einer
Lungenembolie. Echokardiographisch gab es keine
Hinweise für eine kardiale Dekompensation, die Auswurffraktion war 65%, die Füllungsdrücke tief. Die
arterielle Blutgasanalyse zeigte das Bild einer partiellen respiratorischen Insuffizienz mit metabolischer
Alkalose. Das natriuretische Peptid (NT-Pro-BNP) war
mit 2321 ng/l stark erhöht, es existiert allerdings kein
Vorwert. Das CRP zeigte 102 mg/l (Vorwert vor Transfusion 62). Es bestanden Zeichen einer möglichen
Hämolyse: LDH 830 IE/l (Vorwert 859), Bilirubin total 25 umol/l (Vorwert 21), Haptoglobin < 0.03 g/l,
Coombs Test positiv auf C3d. Die D-Dimere waren mit
1857 mcg/l klar erhöht, CK und CK-MB waren stets
normwertig. Eine HLA-Typisierung bei der Empfängerin wurde durchgeführt und es wurden korrespondierende HLA-B44 Antikörper bei der Spenderin des
zweiten Tka nachgewiesen.
Kommentar: Die meldenden Ärzte hatten als Differentialdiagnosen Volumenüberlastung und TRALI
angekreuzt. Für TRALI spricht das klinische Bild und
der CT-Befund. Zusätzlich lässt die Echokardiographie ohne Hinweise auf eine kardiale Dekompensation, und einer Auswurffraktion von 65% mit tiefen
Füllungsdrücken die Diagnose einer Volumenüberlastung eher unwahrscheinlich erscheinen, auch wenn
das NT-Pro-BNP – bei unbekanntem Vorwert – stark
erhöht war. Ebenso spricht der Blutdruckabfall im
Verlaufe der Reaktion gegen eine Volumenüberlastung. Somit handelt es sich am ehesten um ein TRALI,
der Fall wurde als wahrscheinliches TRALI klassiert.
Aufgrund der nachgewiesenen korrespondierenden
HLA-Antikörpern bei der Spenderin ist von einem Immun-TRALI auszugehen.
Fall 6 TACO Episode 1
Einer 70-jährige Patientin mit AML wird bei Thrombopenie von 4 G/l innerhalb von 30 Minuten ein Thrombozytenkonzentrat aus Apherese (TKa) mit einem Volumen von ca. 250 ml transfundiert. 1.5 h nach Ende
der Transfusion wird ein Temperaturanstieg von 37.4
auf 38.9°C, Schüttelfrost, Dyspnoe, eine Hypoxie sowie ein Anstieg von Blutdruck (170/64 -> 200/120) und
Puls 81 -> 109 festgestellt.
Das TKa stammte aus einer Doppelapherese, die 2. Einheit wurde einem anderen Patienten problemlos transfundiert, der Spender ist ein langjähriger Spender von
Thrombozytenkonzentraten mit bisher über 50 Spenden ohne Auffälligkeiten, HLA-Antikörper konnten im
Blut des Spenders nicht nachgewiesen werden. Blutkulturen der Patientin wurden abgenommen und blieben
ohne Wachstum. Die Reaktion wird klinisch als schwerwiegend aber nicht lebensbedrohlich beurteilt, ohne
weitere Abklärungen wird von einer wahrscheinlichen
Transfusionsassoziierten Dyspnoe ausgegangen.
22
Fall 7 TACO Episode 2 des vorangegangenen Falles
Am nächsten Tag tritt trotz vorgängiger Prämedikation
mit Tavegyl und Solumedrol 45 Minuten nach Ende
einer TKa-Transfusion erneut eine Transfusionsreaktion mit Schüttelfrost, Anstieg von Temperatur (36.4 ->
38.4°C), BD (95/55 -> 190/120) und Puls (66 -> 110) auf.
Die symptomatische Behandlung erfolgt mit Tavegyl
2mg, Solumedrol 80 mg, Pethidin 25 mg und 100% O2.
Das CT Thorax zeigte Pleuraergüsse bds, keine bilateralen Infiltrate. Blutkulturen der Patientin wurden
abgenommen und blieben ohne Wachstum. Immuhämatologische Untersuchungen und Produktekulturen wurden nicht durchgeführt. Dieses TKa stammte ebenfalls aus einer Doppel-Thrombapherese, von
einer Spenderin ohne nachweisbare HLA-Antikörper
und mit über 50 bisherigen Spenden. Auch hier wurde das Parallel-Produkt transfundiert ohne dass Komplikationen gemeldet wurden.
Kommentar: Differentialdiagnostisch kommen eine
anaphylaktische TR, eine TAD, ein TRALI oder ein
TACO in Frage. Die zweite Transfusionsreaktion verlief
heftiger als die vorangegangene und wurde klinisch
als lebensbedrohlich eingeschätzt. Ohne pulmonale Infiltrate und bei relativ raschem Ansprechen auf
symptomatische Therapie und Erholung von beiden
Reaktionen jeweils innert einiger Stunden ist ein TRALI in beiden Fällen unwahrscheinlich. Anaphylaktische
Reaktionen wurden anscheinend klinisch auch in Betracht gezogen, die aufgetretene Hypertonie und
die Latenz erschienen allerdings zumindest atypisch.
Nach einer Rückfrage zum Verlauf und allfälliger weiterer Resultate erfuhren wir, dass der Patientin in der
Zwischenzeit nach einem Myokardinfarkt ein koronarer Stent eingelegt wurde. In der Folge benötigte Sie
bei einer Chemotherapie induzierten Thrombopenie
eine weitere TK-Transfusion. Diese tolerierte sie unter
Prämedikation gut. Abschliessend wurden die beiden
Ereignisse sowohl von den lokalen Verantwortlichen
als auch von den Reviewern Haemovigilance bei Swissmedic als wahrscheinliche Volumenüberlastungen mit
Schweregrad 2 bzw. 3 eingestuft.
Fall 8 Hypotensive TR
Ein 1934 geborener Patient mit Panzytopenie und St.
n. Chemotherapie bei metastasiertem Bronchialkarzinom zeigt nach der Transfusion von ca. 1/3 EK einen
isolierten Blutdruckabfall von 115/65 auf 74/39 mm
Hg, der Puls steigt von 76 auf 92 Schläge pro Minute.
Nach Abbruch der Transfusion und der Infusion von
500 ml Hydroxy-Ethyl-Stärke Lösung steigt der Blutdruck innerhalb von 30 Minuten auf 95/50.
Die Abklärungen zeigten keine Hinweise auf eine Hä-
molyse oder eine immunhämatologische Unverträglichkeit des betroffenen Produktes. Der Patient stand
unter Dauermedikation mit Escitalopram, Irbesartan,
Hydrochlorothiazid, Torasemid und Allopurinol, weitere Medikamente waren nicht verabreicht worden.
Kommentar: Bei passender klinischer Präsentation
(isolierter BD-Abfall von mindestens 30 mm Hg ohne
erkennbare andere Ursache), fehlenden Hinweisen
auf ein allergisches Geschehen, raschem Ansprechen
auf Transfusionsabbruch und Volumensubstitution
und unauffälliger Hämolyseabklärung sowie Immunhämatologie schliessen wir uns der Beurteilung der
lokalen Haemovigilance Verantwortlichen an, dass es
sich am ehesten um eine hypotensive TR handelt. Die
Beurteilung als nicht schwerwiegendes Ereignis ist
vereinbar mit der Annahme, dass die Infusion von der
Hydroxy-Ethyl-Stärke Lösung primär zu prophylaktischen Zwecken und zum Offenhalten eines venösen
Zuganges durchgeführt wurde. Bei therapeutischer
Notwendigkeit der Infusion zur Stabilisierung der hämodynamischen Situation würden wir den Schweregrad mit 2 (schwerwiegend) bezeichnen.
Fall 9 transfusionsübertragene bakterielle Infektion
Am 23.09.2013 erhält eine 93-jährige Patientin mit
microzytärer Anämie von 75 g/l bei erosiver Gastritis
(Hb bei Eintritt 54 g/l) zwischen 20:46 und 22:09 ein
EK transfundiert. Zwischen 21:33 und 06:34 wird eine
Temperaturerhöhung von prätransfusionell 36.9 auf
39.7°C registriert.
Die Patientin habe «von der Reaktion physisch nichts
mitbekommen». Gemäss zusätzlichen klinischen Angaben zeigte die Patientin ausschliesslich eine Temperaturerhöhung, welche nach einmaliger Paracetamolgabe und ohne antibiotische Therapie innerhalb von
9 Stunden seit Beginn vollständig regredient war. In
Blutkulturen der Patientin (Entnahme am 23.09.2013
um 23:35 und am 24.09. 2013 um 00:15) sowie in einem Blutkultur-Set beimpft aus dem Schlauchinhalt
des Transfusionssets am 24.09.2013 um 16:00 (laut
Biomedizinischer Analytikerin vermutlich abgestöpselt, entnommen durch Anstechen des desinfizierten
Schlauchs mit einer sterilen Spritze, bei leerem Beutel, aufbewahrt im Labor im Kühlschrank, Transferzeitpunkt des Beutels von der Station ins Labor unbekannt) wurde Staphylococcus aureus mit identischem
Resistenzmuster (Peni/Ampi R, übrige getestete Antibiotika sensibel) nachgewiesen. Lediglich ein Stamm
aus der Blutkultur der Patientin wurde asserviert. Die
Blutkulturen der Patientin, entnommen am Tag 3 nach
der Transfusion blieben ohne Wachstum, bei der Patientin war keine Quelle für eine spontane Bakteriämie
erkennbar. In einem Nasenabstrich des Spenders des
23
betroffenen Produktes wurde ebenfalls ein Staphylococcus aureus nachgewiesen, beide Isolate (das aus der
Blutkultur der Patientin und das aus dem Nasenabstrich
des Spenders) wurden zur Typisierung nach Basel verschickt und wurden als Staphylococcus-Protein-A-Typ
«t159» typisiert. Der Spender war zu keinem Zeitpunkt
in irgendeiner Art und Weise symptomatisch.
Kommentar: Eine transfusionsübertragene bakterielle Infektion ist nachgewiesen. Obwohl nicht definitiv
erklärt werden kann, wie der Keim in das Blutprodukt
gelangte, erscheint am wahrscheinlichsten, dass der
Spender zeitgleich mit der Spende eine transiente
asymptomatische Staphylococcus aureus Bakteriämie
hatte, der Keim sich im EK im Kühlschrank bei 4°C
vermutlich nicht substantiell vermehrt hat und so in
einer geringen Menge mit der Transfusion in die Patientin gelangt ist. Bemerkenswert erscheint uns die
Tatsache, dass eine betagte Patientin in reduziertem
Allgemeinzustand eine nachgewiesene Bakteriämie
mit Staphylococcus aureus hatte, keinerlei Symptome
zeigte und ohne spezifische Therapie die Infektion
überwinden konnte.
Fall 10 Andere
Einem Patienten wird nach einem Hüftprothesenwechsel ca. 400 ml nicht aufbereitetes Wundblut retransfundiert. Nach ca. 20 ml wird der Patient kaltschweissig und klagt über Übelkeit. Die Transfusion
wird abgebrochen, der Patient erbricht zweimal, die
Vitalparameter bleiben immer stabil und die Symptome klingen ab. Als Ursache werden im WundblutSammelbehälter aktivierte Leukozyten oder von Ihnen freigesetzte Zytokine vermutet.
Kommentar: Wir erhalten selten Meldungen über unerwünschte Ereignisse nach der Rücktransfusion von
postoperativ gesammeltem Wundblut. Auch das Ausmass, in dem solche Systeme eingesetzt werden, kennen wir nicht. Teilweise wird dabei das aus der Wunde
gesammelte Blut nach einigen Stunden direkt aus dem
Sammelbehälter in die Blutbahn infundiert, bei anderen Systemen wird die gesammelte Flüssigkeit zuvor
einem Schritt zur Abreicherung von unerwünschten
Bestandteilen wie Zell-Debris oder Leukozyten unterzogen. Insgesamt gehen wir davon aus, dass bei
der Wundblut Rücktransfusion biologisches Material verabreicht wird, das eher weniger standardisiert
und weniger exakt charakterisiert ist als Blutkomponenten. Daher scheint uns auch beim Einsatz solcher
Verfahren das Bewusstsein wichtig, dass prinzipiell
unerwünschte Wirkungen auftreten können und eine
klinische Überwachung des Patienten, ähnlich wie bei
der Transfusion von «klassischen» Blutkomponenten
notwendig ist.
4.4 IBCT-Fälle
Fall 11 Rh-Phänotyp inkompatible Notfalltransfusion
Eine Schwangere tritt notfallmässig in den Gebärsaal
ein und die Indikation zur dringlichen Transfusion
wird gestellt. Der Rhesus-Phänotyp der Patientin ist
CCee, die Blutbank verfügt lediglich über Erythrozytenkonzentrate deren Rh- Phänotyp ihr nicht bekannt
ist. Vier Erythrozytenkonzentrate aus der Reserve
wurden für die Notfalltransfusion ausgegeben und
deren Rh-Phänotyp wird nachträglich bestimmt.
Es stellte sich heraus, dass alle vier transfundierten EK
das c-Antigen und zwei das E-Antigen aufwiesen. Da
die Entwicklung von Allo-Antikörpern möglich ist und
diese in einer zukünftigen Schwangerschaft zu einer intrauterinen oder neonatalen Hämolyse führen
könnten, wurde dem nachbehandelnden Arzt empfohlen, in ca. 3 Monaten sowie vor einer weiteren
Schwangerschaft einen Antikörpersuchtest durchführen zu lassen.
Kommentar: Wie im Kapitel 8.1.3.2. der aktuellen
Empfehlungen zu Transfusionsmedizinischen Laboruntersuchungen an Patientenproben ist bei Mädchen
und Frauen vor dem und im gebärfähigen Alter wenn
immer möglich die Transfusion von Rh-Phänotyp (und
Kell-) kompatiblen Erythrozytenkonzentraten anzustreben um Alloimmunisierungen in diesen Systemen mit potentiellen Folgen für spätere Schwangerschaften so weit wie möglich zu vermeiden. Formal
betrachtet handelt es sich beim oben beschriebenen
Vorfall um ein IBCT, weil die EK mit unbekanntem
RH-Phänotyp nicht sicher den optimal geeigneten
Produkten für diese Patientin entsprachen. In der
Notfallsituation waren innerhalb der zur Verfügung
stehenden Zeit allerdings keine Produkte verfügbar
die diese Anforderungen erfüllt hätten. Entsprechend
klassieren wir dieses Ereignis nicht als Fehltransfusion im engeren Sinne. Trotzdem weist der Vorfall auf
Optimierungspotential hin. Für ImmunhämatologieLabors die lediglich EK an Lager haben deren RH-Phänotyp nicht deklariert ist, stellen Notfalltransfusionen
bei Frauen eine schwierige Herausforderung dar. Einige Blutspendedienste haben in dieser Konstellation
ihre Möglichkeit genutzt, als Hersteller und exklusiver
Lieferant von Blutkomponenten im ihnen zugewiesenen Gebiet einen aktiven Beitrag für die Transfusionssicherheit zu leisten. Sie deklarieren – falls er ihnen
bekannt ist – den Rh-Phänotyp aller von ihnen ausgelieferten EK. Dadurch stehen in den entsprechenden
Versorgungsgebieten auch für Notfalltransfusionen
von Schwangeren praktisch immer innert nützlicher Frist
optimal geeignete Blutkomponenten zur Verfügung.
24
Fall 12 Fehltransfusion
Im Immunhämatologie-Labor treffen Laboraufträge
und Blutproben für die erste und zweite Blutgruppenbestimmung sowie eine Bestellung von EK für
einen Patienten Jahrgang 1922 (tatsächliche Blutgruppe 0 positiv) ein. Kurze Zeit später trifft eine Bestellung von EK und ebenfalls Blutproben für die erste
und zweite BG-Bestimmung für eine 1960 geborene
Patientin (tatsächliche Blutgruppe A negativ) mit gleichem Nachnamen im Labor ein. Im Laufe der Analysen werden die Proben über Kreuz verwechselt und
den Patienten die falschen Blutgruppen zugeordnet.
In den folgenden 2 Tagen werden dem 1922 geborenen Patienten mit Blutgruppe 0 positiv zwei Mal je
2 EK der Blutgruppe A negativ transfundiert. Da das
Hämoglobin weitere 2 Tage später von 9.7 auf 6.0 g/l
abgesunken ist, werden mit einem neuen T&S erneut
zwei EK angefordert. Der Nachweis von Erythrozyten
sowohl der Blutgruppe A als auch der Blutgruppe 0 in
dieser Blutprobe löst im Labor Abklärungen aus.
Diese zeigen, dass die Aufträge der beiden Patienten
gleichzeitig im Laborinformationssystem eingelesen
und die Blutproben mit zusätzlichen Etiketten für die
Analyseautomaten beklebt wurden. Dabei fand die
Verwechslung statt, welche zur AB0-inkompatiblen
Fehltransfusion führte. Sofort eingeleitete klinische
Abklärungen beim Patienten zeigten Zeichen einer
verzögerten Hämolyse und keine Komplikationen
einer akuten intravasalen Hämolyse. Insbesondere
entwickelte der Patient kein Nierenversagen und es
zeigten sich keine Zeichen einer disseminierten intravasalen Gerinnung. Die Überprüfung der Patienten­
akte ergab, dass während der zwei Tage an denen
die inkompatiblen EK transfundiert wurden erstaunlicherweise keine bedeutsamen Abweichungen der
Vitalparameter festgestellt wurden und der demente
Patient hatte nicht über Symptome berichtet.
Die Arbeitsabläufe im betroffenen Spital und Immunhämatologie-Labor wurden überprüft und angepasst. Neu werden für jeden einzelnen eingegangenen Auftrag alle Arbeitsschritte bei der Erfassung
und Etikettierung vollständig abgeschlossen, bevor
mit der Erfassung des nächsten Auftrags begonnen
wird. Als weitere Neuerung wird auf der Station die
zweite, unabhängige Blutentnahme zur zweiten BGBestimmung bei Patienten mit noch nicht bekannter
Blutgruppe erst durchgeführt, nachdem das Labor
diese – nach erfolgter erster Bestimmung – aktiv anfordert. Diese zwei Massnahmen sollten eine Wiederholung der beschriebenen Verwechslung zuverlässig
vermeiden.
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