„Gesellschaft Schweiz“

Werbung
„Gesellschaft Schweiz“
Beitrag zum Themenschwerpunkt "Nachhaltige Entwicklung" an der
Pädagogischen Hochschule Aarau, 6. & 13.11.2009
Hanspeter Stamm • [email protected]
1. Was ist Gesellschaft? Was macht Gesellschaft aus und was hält sie zusammen?
1.1. Grundbegriffe der Gesellschaftsanalyse
•
Gesellschaft ist "menschliches Zusammenleben"
•
„Gesellschaft“ wird in der Soziologie i.d.R. umfassender verstanden als in der
Nachhaltigkeitsdiskussion:
Nachhaltigkeitsdiskussion
Gesellschaft
Soziologie
Gesellschaft
Wirtschaft
Wirtschaft
Umwelt
•
Umwelt
Gesellschaften sind durch (funktionale) Differenzierung zwischen verschiedenen
Teilbereichen (Teilsystemen) charakterisiert, die mit spezifischen Strukturen und
Kulturen einhergeht.
• Funktionale Differenzierung: „Aufgliederung eines sozialen Systems in verschiedenartige
Elemente, um die einzelnen Funktionen des Systems durch Aufgabenspezialisierung besser
realisieren zu können.“ Funktionale Differenzierung ≈ Arbeitsteilung zwischen Teilsystemen
• Struktur: „Aufbau“ oder „Gliederung“ einer Gesellschaft; „relativ dauerhafte Gebilde und
Handlungszusammenhänge eines Beziehungsgeflechts“; Strukturen findet man bezüglich:
a) Gliederung der Gesamtgesellschaft in Teilsysteme und deren Beziehungen untereinander;
b) Gliederung und Beziehungen innerhalb der Teilsysteme;
c) Gliederung und Beziehungen der Menschen in der Gesellschaft ( Sozialstruktur,
Ungleichheit).
• Kultur: „[...] das gesamte soziale Erbe, bestehend aus dem Wissen, den Glaubensvorstellungen, den Sitten und Gebräuchen und den Fertigkeiten [der Gesellschaftsmitglieder]“.
(Quelle der Definitionen: Reinhold, G. (Hg.)(1991): Soziologie-Lexikon. München: Oldenbourg.
1.2. Differenzierung der Gesellschaft in Teilsysteme
Die zwölf Teilsysteme in der neueren Systemtheorie (Luhmann u.a.)
Intimbeziehungen
Peripherie
Bildung
Recht
Gesundheitswesen
Sport
Wirtschaft
Politik
Zentrum
Wissenschaft
Religion
Militär
Massenmedien
Kunst
Quelle: Schimank, Uwe (2002): "Gesellschaftliche
Teilsystem und Strukturdynamiken". S. 15-49 in: Ute
Volkmann und Uwe Schimank (Hg.): Soziologische
Gegenwartsdiagnosen II. Opladen: Leske+Budrich.
/1
Codes und Funktionen der Teilsysteme
Teilsystem
Funktion
Code
Medium
Politik
Kollektive
Entscheidungsfindung
Macht/Ohnmacht
Macht
(öffentliche Ämter)
Recht
Konflikte schlichten
recht/unrecht
Recht, Rechtmässigkeit
Wirtschaft
Profit, Herstellung und
Verteilung von Gütern
Gewinn/Verlust
Geld, Eigentum
Wissenschaft
Wissen schaffen
wahr/unwahr
Wahrheit
Gesundheitswesen
Gesundheit erhalten
gesund/krank
Diagnose/Behandlung
Religion
Weltdeutung, Sinn stiften Diesseits/Jenseits
Glaube
Kunst
Erbauung, Reflexion
schön/hässlich
Kunst
Bildung
Qualifikation,
Sozialisation
gute/schlechte Zensuren
Bildung
Sport
Aufstellen von Rekorden, Sieg/Niederlage
Unterhaltung
Medien
Information,
Unterhaltung
Nachricht/Nichtnachricht
Information
Militär
Macht durchsetzen,
Sicherheit
Krieg/Frieden
Waffen
Intimbeziehungen
(Familie)
Beziehungen, Vertrauen
schaffen
Zuneigung/Abneigung
Vertrauen/Liebe
Leistung, Rekord
Quelle: Zusammenstellung M. Lamprecht auf der Grundlage der Angaben bei Schimank (2002).
2. Der Mensch in der Gesellschaft (Ungleichheit und Sozialstruktur)
2.1. Von der gesellschaftlichen Differenzierung zur Sozialstrukturanalyse
• Menschen spielen Rollen und nehmen Positionen in den verschiedenen Teilsystemen ein:

Frage nach unterschiedlichen Rollen in unterschiedlichen Teilsystemen

Frage nach Inklusion und Exklusion in den Teilsystemen

Frage nach Positionen in den Teilsystemen
• Weil eine vollständige Analyse aller Rollen und Positionen in allen Teilsystemen unübersichtlich ist, bedient sich die Forschung eines Kunstgriffs: Sie reduziert die Analyse auf
besonders wichtige Teilbereiche und Merkmale der Gesellschaftsmitglieder:

Arbeitsteilung (im Erwerbsleben) als Basis der Bestimmung zentraler Bereiche

Zentrale Merkmale: Geld und Einkommen aus Erwerbsarbeit als "Generalnenner der
Schichtung" (Volker Bornschier) in modernen, kapitalistischen Gesellschaften

Grundmodell der Ungleichheitstheorie
relevante
Merkmale
• Lebenschancen
• Einstellungen
• Lebensbedingungen
• Wahrnehmungen
• Handlungsmöglichkeiten
• Handlungen
/2
2.2. Ausgewählte Ansätze zur Sozialstrukturanalyse (Ungleichheitstheorien)
a) Vergleich von Schicht- und Klassenansätzen
Klassentheorie
(Konflikttheorie)
Schichttheorie
(Funktionalismus)
Funktion und
Legitimation der
Ungleichheit
Erhaltung von (angestammten)
Privilegien
Optimale Besetzung von Positionen
und Funktionen im Hinblick auf das
Überleben und Wachstum der
Gesellschaft
Bewertungskriterien/
Verteilungsmechanismen
konfliktiv;
Machtprozesse
konsensual;
Marktprozesse
Art und Ziel von politischen Interventionen
interventionistisches Modell:
Gleichheit im Ergebnis
liberales Modell;
Chancengleichheit
Zentrale Ungleichheitsdimsionen
Eigentum, Machtressourcen
Bildung, Beruf und Einkommen
Graphische
Veranschaulichung
„Kapitalisten“
Bildung
(Investitionen,
Prestige)
„Proletariat“
Beruf
(Prestige,
Macht)
Einkommen als
„Generalnenner „
der Schichtung
(Macht, Privilegien)
Quelle: Eigene Zusammenstellung auf der Basis von: Stamm, Hanspeter, Markus Lamprecht und Rolf Nef (2003):
Soziale Ungleichheit in der Schweiz. Zürich: Seismo.
b) Kritik an den konventionellen Schicht und Klassenansätzen sowie Lösungsvorschläge
Kritik...
...Lösungsvorschläge
Das Bild vertikal übereinanderliegender
Schichten/ Klassen stimmt nicht
• Statusinkonsistenz
• soziale Lagen
Die tatsächliche Struktur ist komplizierter
• zusätzliche Merkmale und „neue“ Ungleichheiten*
• soziale Lagen, Lebenslagen
Die Struktur hat sich verändert
• „Neue“ Ungleichheiten*
Die Modelle sind zu arbeitszentriert; NichtErwerbstätige werden vergessen
• Zentrum-Peripherie-Ansatz
Verhalten lässt sich nicht korrekt oder nur
unvollständig voraussagen
• komplexere Modelle
• „struktureller und kultureller Relativismus“
• Milieu- und Lebensstilansätze
* Die „neuen“ und zusätzlichen Ungleichheitsmerkmalen umfassen u.a.: Geschlecht; Alter; Stellung im
Lebenslauf; soziale, regionale und nationale Herkunft; Einbindung in soziale Netzwerke; Einbindung in
Netzwerke der sozialen Sicherung (z.B. Altersvorsorge); Risikobetroffenheit (z.B. Arbeitslosigkeit,
Umweltrisiken)
c) Erweiterung I: Erweitertes Schichtmodell
Soziale Herkunft;
Status (Bildung,
Beruf) der Eltern
Bildung
(Investitionen, Prestige)
Beruf
(Prestige, Macht)
Einkommen
(Macht, Privilegien)
„Intervenierende Variablen“
(z.B. Geschlecht, Nationalität, Alter, Wohnregion)
Quelle: Stamm, Hanspeter und Markus Lamprecht (2004): Entwicklung der Sozialstruktur. Neuchâtel: BFS.
/3
d) Erweiterung II: Zentrum-Peripherie-Ansatz
Sozialer Status
1) Zentrum (Erwerbstätige):
49.5% (1970: 45.5%); davon:
1a) vollzeit Erwerbstätige: 34.3%
1b) teilzeit Erwerbstätige: 12.9%
1c) Erwerbstätige ohne Angaben
des Arbeitspensums: 2.3%
3) jüngere Semiperipherie: 23.8%,
(1970: 29.1%)
davon:
3a) Kinder: 17.1%
3b) junge Semiperi
pherie: 6.7%
Soziale Herkunft;
Status (Bildung,
Beruf) der Eltern
Bildung
(Investitionen, Prestige)
Beruf
(Prestige, Macht)
Einkommen
(Macht, Privilegien)
4) ältere Semiperpherie: 16.6%
(1970: 11.4%)
2) abhängiges Zentrum: 5.4%
(1970: 13.0%)
5) Peripherie: 4.8%
(1970: 1.2%)
Alter
Quelle der Zentrum-Peripherie-Typologie für 1970 und 2000 ist die Volkszählung des BFS; vgl. Stamm,
Hanspeter und Markus Lamprecht (2004): Entwicklung der Sozialstruktur. Neuchâtel: BFS.
3. Sozialstruktur, Ungleichheit und Nachhaltigkeit: Zusammenfassende Bemerkungen
1)
Gesellschaft differenziert sich in verschiedene Teilsysteme mit spezifischen
„Funktionslogiken“ und Ansprüchen aus; diese unterschiedlichen Ansprüche gilt es zu
beachten und aufeinander abzustimmen.
2)
Die konkrete Position der Gesellschaftsmitglieder in der Gesellschaftsstruktur ist die
Folge systematischer Zuweisungs- und Zuschreibungsmechanismen (z.B. höhere
Bildung führt zu einem anspruchsvolleren Beruf, der mit einem höheren Einkommen
einhergeht).
3)
Die Position in der Gesellschaftsstruktur beeinflusst die „Weltsicht“ und die Handlungspräferenzen der Gesellschaftsmitglieder (z.B. Lebensstil, politische Präferenzen1).
4)
„Soziale Nachhaltigkeit“ muss diese soziostrukturellen Gegebenheiten berücksichtigen
und auf sie einwirken (z.B. Chancengleichheit, Reduktion der Ungleichheit, Inklusion von
benachteiligten Gruppen)
4. Stichworte zur aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung in der Schweiz
Verschiedene, miteinander verknüpfte Prozesse in verschiedenen Teilsystemen führen zu
einem komplizierten und unübersichtlichen Geflecht von Ursachen und Wirkungen.
Ausgewählte Prozesse und Hinweise:
• Globalisierung als Bedrohung und Chance: Einschränkung autonomer Handlungsspielräume der Politik vs. ökonomischer Effizienzgewinn?
• Sozialstruktur: Auseinanderdriften von hohen und tiefen Einkommen (?), neue Armut und
soziale Sicherung, Herausforderungen an das Gebot der Chancengleichheit (z.B.
"Begabtenförderung" vs. gleiche Bildung für alle)?
• Struktureller Wandel des Wirtschaftssystems: Welche Qualifikationen verlangt die
globalisierte Dienstleistungsgesellschaft?
• Demographischer Wandel: Überalterung vs. "endlich Platz!"?
• Wertewandel vs. Auflösung der Kultur vs. multikulturelle Gesellschaft vs. "Weltkultur"?
1
Zwischen der sozialen Lage und den Einstellungen zur Umwelt finden sich nur geringe Zusammenhänge: eine hohe Umweltqualität gilt unabhängig von der sozialen Lage als wichtiger Zielwert.
/4
Herunterladen