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Technische Universität Dortmund, Sommersemester 2008
Institut für Philosophie, C. Beisbart
Kant, Kritik der reinen Vernunft
Antworten auf die Vorbereitungsfragen zum 29.4.2008
Textgrundlage: Anfang der transzendentalen Ästhetik, B33 – B45 (Meiner-Ausgabe:
93–105).
1. Erklären Sie Kants Unterscheidung von Sinnlichkeit und Verstand, indem Sie die
Paarung Sinnlichkeit vs. Verstand im Anschluss an Kant mit anderen Begriffspaaren verbinden.
Kant definiert die Sinnlichkeit als die Fähigkeit (Rezeptivität), Vorstellungen durch die
”
Art, wir wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen“ (A19/B33). In heutiger
Sprache könnten wir diese Definition paraphrasieren, indem wir sagen, die Sinnlichkeit sei das Vermögen, Sinnesdrücke zu erhalten. In der betrachteten Passage aus der
transzendentalen Ästhetik gibt Kant keine Definition des Verstandes. Das ist insofern
verständlich, als ja die Sinnlichkeit im Mittelpunkt der transzendentalen Ästethetik steht.
Eine Definition des Verstandes findet sich erst in der transzendentalen Logik (B75).
Dennoch können wir auch aus der Stelle aus der transzendentalen Ästhetik einiges über
den Verstand lernen.
Kant kontrastiert nämlich Sinnlichkeit und Verstand, indem er sie mit gegensätzlichen
Formulierungen verbindet. Während uns durch die Sinnlichkeit Gegenstände gegeben
würde, dächten wir Gegenstände mithilfe des Verstandes (A19/B33). Die Sinnlichkeit
versehe uns mit Anschauungen, denen Kant die Begriffe entgegensetzt – diese haben ihre
Quelle im Verstand (ibid.).
2. Auf S. B36 spricht Kant von einem Isolationsverfahren. Was wird dabei isoliert?
Kant isoliert erstens die Sinnlichkeit vom Verstand (A22/B36), d.h. er abstrahiert von
allen Begriffen. Zweitens isoliert Kant die Form der Anschauung von deren Materie
oder Inhalt. Er sieht von allem ab, was zur Empfindung gehört (A22/B36). Die Empfindung ist die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit, sofern wir
”
von demselben affiziert werden“ (A20/B34). Das Ergebnis der zweiten Isolation nennt
Kant auch reine Anschauung (A22/B36).
Kant exemplifiziert beide Isolationsschritte anhand der Vorstellung eines (bestimmten) Körpers (A20 f./B35). Der erste Isolationsschritt bedeutet, dass wir von dem absehen, was wir mittels des Verstandes über den Körper denken – dass wir ihn nicht
als Substanz auffassen, ihm keine Kraft und Teilbarkeit zuschreiben. Der zweite Isolationsschritt besteht darin, dass wir vom konkreten Inhalt unserer Sinneswahrnehmungen
absehen, etwa der Farbe, die wir sehen. Nach Kant bleibt dann noch etwas übrig, nämlich
Ausdehnung und Gestalt.
3. Die zentrale Frage für die Kritik der reinen Vernunft lautet: Wie sind synthe”
tische Urteile a priori möglich?“ (B19). Was leistet der Abschnitt Von dem
”
Raume“ in Hinblick auf diese Frage?
In der sog. transzendentalen Erörterung des Raumes erklärt Kant, wie die Geometrie
als synthetische Erkenntnis a priori möglich ist. Grob gesagt werden in der Geometrie
nach Kant Prinzipien entfaltet und angewandt, die unserer sinnlichen Wahrnehmung
als Form zugrundeliegen.
4. Auf S. B37 wirft Kant folgende Fragen auf:
Was sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen [d.h. Substan”
zen]? Sind es zwar nur Bestimmungen [Akzidentien], oder auch Verhältnisse der Dinge [Relationalismus: Raum/Zeit als Inbegriff räumlicher/
zeitlicher Beziehungen], aber doch solche, welche ihnen auch an sich zukommen würden, wenn sie auch nicht angeschaut würden, oder sind sie
solche, die nur an der Form der Anschauung allein haften, und mithin
an der subjektiven Beschaffenheit unseres Gemüts, ohne welche diese
Prädikate gar keinem Dinge beigelegt werden können?“
Wie beantwortet Kant diese Frage? Fassen Sie in wenigen Sätzen zusammen, wie
Kant seine Auffassung begründet.
Kant entscheidet sich für die letzte Alternative, der zufolge der Raum und räumliche
Verhältnisse nicht objektiv, d.h. unabhängig vom Betrachter existieren, sondern mit dem
Betrachter in Zusammenhang zu bringen sind (das wird in A26–28/B42–44 deutlich).
Die Begründung dieser These findet sich vor allem in der transzendentalen Erörterung
des Raumbegriffs. Kurz zusammengefasst lautet Kants Gedankengang etwa wie folgt
(B41): Geometrische Erkenntnis betrifft den Raum. Sie ist erstens synthetisch, daher
muss es etwas geben, das die Synthesis von Subjekt und Prädikat im geometrischen Satz
rechtfertigt. Für Kant folgt, daß unsere Vorstellung vom Raum eine Anschauung ist.
Zweitens ist die Geometrie a priori. Das ist nach Kant aber nur möglich, wenn diese
Anschauung vom Raum nicht empirisch ist. Unsere Vorstellung vom Raum muss daher der Erfahrung vorausliegen, und das kann sie nur als eine formale Bedingung der
Anschauung, die letztlich vom Subjekt herrührt.
5a. Betrachten Sie die metaphysische Erörterung des Raumes. Welches Ziel verfolgt
sie und warum heißt sie metaphysisch?
Eine Erörterung erklärt nach Kant, was eine bestimmte Vorstellung, ein bestimmter Begriff bedeutet (B38). Nach Kant kann man eine Erörterung metaphysisch nennen, wenn
sie auf apriorische Elemente in einer Vorstellung/einem Begriff führt (ib.). Die Bezeichnung metaphysisch“ wird hier offenbar deshalb gewählt, weil ja auch die Metaphysik a
”
priori ist.
5b. Die Erörterung besteht aus vier Teilen. Was sollen die vier Teile jeweils zeigen und
wie lautet jeweils Kants Argument?
1. These: Der Raumbegriff, unsere Raumvorstellung ist nicht empirisch, sie entsteht
nicht durch Abstraktion von der Erfahrung (A23/B38; nach Locke bilden wir Allgemeinbegriffe, indem wir von der Erfahrung abstrahieren). Begründung: Eine Raumbestimmung wird bereits vorausgesetzt, wenn ich einen Gegenstand im üblichen Verständnis
wahrnehmen. Wenn ich zum Beispiel wahrheitsgemäß sage, ich sähe einen Baum, dann
behaupte ich die Existenz eines Baumes als eines Gegenstandes, der außer mir ist.
Ähnlich behaupte ich nach Kant, dass zwei Gegenstände in einem bestimmten räumlichen
Verhältnis stehen, wenn ich wahrheitsgemäß sage, der Baum sei neben dem Haus (ib.).
Kants Argument scheint zu sein, dass eine bestimmte Raumvorstellung von jeder einzelnen Wahrnehmung vorausgesetzt wird und daher nicht aus vielen Wahrnehmungen
abstrahiert werden kann.
2. These: Der Raum ist eine notwendige Vorstellung a priori, die allen äußeren
”
Anschauungen zum Grunde liegt.“ (A24/B38). Wie später klar wird, ist eine notwendige
Vorstellung eine Vorstellung, die wir notwendigerweise haben (B24/B29). Begründung:
Wir können uns nicht denken, daß kein Raum sei, daher ist die Vorstellung vom Raum
notwendig; wir können uns aber denken, dass der Raum vollkommen leer ist; insofern
liegt die Vorstellung vom Raum der Vorstellung von Gegenständen voraus (A24/B38–
39).
Meiner Ansicht nach ist sowohl die Formulierung der These als auch die Begründung
von Kant missverständlich formuliert. Kant geht in der transzendentalen Ästehtik vom
Gegenstandsbezug der Sinnlichkeit aus (A19/B33). Es kann also nicht darum gehen,
dass die Raumvorstellung absolut notwendig ist, sondern dass sie notwendig ist für die
Wahrnehmung von Gegenständen. Die These müsste also lauten: Der Raum ist eine
notwendige Vorstellung bei der Wahrnehmung von Gegenständen, die Vorstellung liegt
der Wahrnehmung zugrunde. Für die Begründung dieser These reicht es darauf hinzuweisen, daß wir Gegenstände ohne Raum nicht wahrnehmen können – wenn jemand
sagt, ich sehe einen Baum, dann kann man immer fragen: Wo ist der Baum?
3. These: Der Raum ist kein diskursiver, oder, wie man sagt, allgemeiner Begriff von
”
Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung.“ (A24–25/B39).
Das heißt, der Raum ist kein Allgemeinbegriff wie etwa der Begriff des Baumes, sondern eine Vorstellung, die mit unserer Sinnlichkeit zu tun hat (Anschauung), aber unabhängig von aller Erfahrung ist (reine Anschauung). Begründung: Unter einen Allgemeinbegriff fallen viele Gegenstände. Es gibt zum Beispiel viele Bäume – viele Instantiierungen des Begriffs Baum“. Aber wir können uns nicht einmal denken, es gebe mehrere
”
Räume. Der Raum wird immer als einig“, d.h. einzig gedacht. Daher ist der Raum kein
”
Allgemeinbegriff. Kant folgert nun daraus, der Raum sei eine reine Anschauung (alles
A25/B39). Wie genau Kant zu dieser Konklusion kommt, ist nicht zu erkennen. Vermutlich bleibt nur die Alternative, dass der Raum eine Anschauung sei, wenn er kein
Allgemeinbegriff ist. Zur weiteren Begründung dieser Konklusion führt Kant an, daß
der Raum als reine Anschauung synthetische Erkenntnis a priori möglich macht (das
sollte allerdings eigentlich erst in der transzendentalen Erörterung des Raumes erwiesen
werden).
4. These: Der Raum ist eigentlich eine Anschauung a priori und kein Begriff (A25/
B40). Das ist im wesentlichen die dritte These. Allerdings liefert Kant hier eine weitere
Begründung: Unser Raumvorstellung gemäß ist der Raum unendlich. Das heißt, der
Raum besteht aus unendlich vielen Teilen, in Kants Worten enthält die Raumvorstellung
unendlich Vorstellungen in sich. So etwas sei bei Begriffen nicht möglich. Daher könne
der Raum kein Begriff sein und müsse eine Anschauung sein. Dass diese a priori ist,
begründet Kant an dieser Stelle nicht wirklich. Aber das hat er ja schon in den Punkten
1 und 2 getan.
Interpretationsprobleme:
1. Nach Kant ist die ursprüngliche Vorstellung vom Raume Anschauung a priori,
”
und nicht Begriff“ (B40). Auf der anderen Seite spricht Kant oft vom Begriff des
Raumes (ib., Überschrift zu §3). Wie passt das zusammen?
Am besten unterscheidet man an dieser Stelle zwischen Begriffen im weiteren und im
engeren Sinne. Der Raum ist in folgendem weiteren Sinne ein Begriff: Mit Raum“
”
meinen wir etwas; jeder versteht, was das Wort Raum“ bedeutet. Daraus folgt nicht,
”
dass es auch einen Begriff des Raumes in folgendem engeren Sinne gibt: Raum ist ein
Allgemeinbegriff wie etwa der Begriff des Raumes, er kann in einem Urteil die Stelle
des Prädikats einnehmen ( ... ist ein Baum“). Kant leugnet, dass Raum“ in diesem
”
”
engeren Sinn einen Begriff bezeichnet.
2. Kant nennt den Raum eine reine Form[...] sinnlicher Anschauung“ (B36). Auf
”
der anderen Seite bezeichnet Kant den Raum als eine reine Anschauung“ (B39).
”
Auf S. B34–35 sagt Kant explizit, eine reine Form der Anschauung könne man
auch reine Anschauung nennen. Wie genau verhält sich der Raum nach Kant zur
sinnlichen Wahrnehmung?
Das ist ein schwieriges Problem, das hier nicht erörtert werden kann.
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