Das Einkommen-Ausgaben Modell und das IS - FH

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Makroökonomik
Prof. Dr. rer. pol. Martin Ehret
Fachhochschule Südwestfalen, Standort Meschede
Wintersemester 201617
Inhaltsverzeichnis:
12. Analyse von Nachfrageschwankungen: Das Einkommen-Ausgaben-Modell
(E-A-Modell)
3
12.1. Merkmale von Wirtschaftsschwankungen
3
12.2. Messung der wirtschaftlichen Aktivität
5
12.2.1. Bruttoinlandsprodukt
5
12.2.2. Auslastungsgrad des Produktionspotentials
5
12.3. Der Unterschied zwischen kurzfristiger und langfristiger Entwicklung
6
12.4. Die Definitionsgleichung als Ausgangspunkt
7
12.4.1. Die Konsumfunktion
8
12.4.2. Gleichgewicht auf dem Gütermarkt
9
12.4.3. Ein numerisches Beispiel:
10
12.4.4. Stabilität des Gleichgewichts auf dem Gütermarkt
11
12.4.5. Der Einkommensmultiplikator
11
12.5. Wirkung der Fiskalpolitik auf die aggregierte Nachfrage
14
12.5.1. Die Instrumente der Fiskalpolitik
14
12.5.2. Auswirkungen veränderter Staatsausgaben für den Kauf von
Konsum- und Investitionsgütern
15
12.5.3. Veränderungen der Steuern
15
12.5.4. Die Wirkungen von Transferzahlungen
17
12.5.5. Das Haavelmo Theorem
18
12.5.6. Der Multiplikator einer einkommensabhängigen Steuer
19
12.6. Politische Eingriffe zur Stabilisierung der Volkswirtschaft: Pro und Contra
19
12.6.1. Pro: Aktive Stabilisierungspolitik
19
12.6.2. Contra: Gegen eine aktive Stabilisierungspolitik
20
12.6.3. Automatische Stabilisatoren
21
12.7. Hat die Staatsverschuldung negative Wirkungen?
22
12.7.1. Begrifflichkeiten
22
12.7.2. Zinsen, Steuern, Staatsausgaben
24
12.7.3. Linke Tasche, rechte Tasche
25
12.7.4. Negative Effekte der Staatsverschuldung auf das Wachstum
26
12.8. Wiederholungsfragen
Version vom 21.12.2016
27
13. Ansatzpunkte für die Konjunkturpolitik: Das IS-MP Modell
13.1. Die Herleitung der IS-Kurve
28
28
13.1.1. Die Investitionsfunktion
28
13.1.2. Die Wirkung einer höheren Staatsnachfrage
32
13.2. Geldpolitik und MP-Kurve
34
13.2.1. Die MP-Kurve als Ausdruck der Zielsetzungen der Zentralbank
34
13.2.2. Die Taylor-Regel
35
13.3. Das IS-MP Modell zur Analyse politischer Maßnahmen
38
13.3.1. Eine Zunahme der Staatsausgaben
39
13.3.2. Der Übergang zu einer restriktiveren Geldpolitik
40
13.3.3. Policy Mix: Gemeinsame Geld- und Finanzpolitik
40
13.3.4. Eintrübung des Konsumentenvertrauens
42
13.4. Der Notenbankzinssatz und der Kreditzinssatz
43
13.4.1. Die Risikoprämie der Banken
43
13.4.2. Änderungen der Risikoprämie für Kredite
44
13.4.3. Der Transmissionsmechanismus der Geldpolitik
45
13.5. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 – 2010 (Die große Rezession)
49
13.5.1. Warum der Finanzsektor eine Regulierung braucht
49
13.5.2. Asset Backed Securities
50
13.5.3. Von der Immobilien- zur Finanzkrise
53
13.5.4. Sind Finanzkrisen vermeidbar?
54
13.5.5. Die Finanzkrise als Beispiel für Minskys Krisentheorie
56
13.6. Wiederholungsfragen
58
Symbolverzeichnis
59
Literatur/Quellen
62
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Kapitel 12 & 13
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12.
12.1.
Analyse von Nachfrageschwankungen: Das EinkommenAusgaben-Modell (E-A-Modell)
Merkmale von Wirtschaftsschwankungen
In den ersten Kapiteln dieses Studienbuchs wurde dargelegt, wie sehr sich der wirtschaftliche
Wohlstand in den letzten Jahrzehnten erhöht hat. Diese Entwicklung ist aber nicht kontinuierlich
verlaufen, sondern hat sich in Wellen entwickelt. Auch wenn die Wirtschaft insgesamt gewachsen ist, so schwankt doch die wirtschaftliche Aktivität von Jahr zu Jahr, sinkt manchmal sogar:
In Deutschland ist das Sozialprodukt nur in den Jahren 1967, 1975, 1982, 1993, 2003 und 2009
geschrumpft. Die Wellenbewegungen und den Rückgang des Sozialprodukts kann man am
besten erkennen, wenn man die relativen Veränderungen betrachtet, also die Wachstumsrate
des BIP.
2500
7%
Reales BIP
2000
5%
3%
1500
1%
1000
1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015
500
0
-1 %
Wachstumsrate BIP
-3 %
-5 %
Abbildung 12.1: Die Schwankungen des BIP-Wachstums in Deutschland 1960 – 2015
Ein Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität stellt für Politik und Gesellschaft immer wieder eine
große Herausforderung dar, da er u. a. mit einer Zunahme der Arbeitslosigkeit verbunden ist.
Die Auswirkungen führten in Deutschland durchaus schon zu einem Regierungswechsel.
Diese wiederkehrenden, wellenförmigen Veränderungen der wirtschaftlichen Aktivität werden
als Konjunktur bezeichnet.
Ein Konjunkturzyklus setzt sich aus einem Aufschwung und einem Abschwung zusammen. Bei
einem Aufschwung nehmen die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts zu, während sie bei
einem Abschwung zurückgehen.
Es ist üblich, den Konjunkturzyklus in vier Konjunkturphasen einzuteilen, wobei mit der Erholung begonnen wird:
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In der Erholungsphase kommt es am Anfang zu einer mäßigen Zunahme der Produktion, die
Arbeitslosigkeit sinkt, Preise und Löhne steigen allmählich. In der Folge nimmt die Konsumnachfrage zu, vermehrte Investitionen und steigende Gewinne sind weitere Folgen.
In der Hochkonjunkturphase wird annähernd Vollbeschäftigung erreicht, die Produktion erreicht
die maximale Höhe, die Löhne und Gehälter steigen stärker. Am höchsten Punkt der Konjunktur, im Boom, übersteigt die Nachfrage das Angebot, die Wachstumsraten liegen über dem mittelfristigen Durchschnitt. Dadurch steigen die Preise immer rascher, so dass es zu sinkenden
Reallöhnen kommt. Hohe Gewinne kennzeichnen diese eher kurze Phase. Die volkswirtschaftlichen Kapazitäten werden vollständig genutzt. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt und es kann sogar zu Überbeschäftigung kommen.
Ein beginnender Abschwung kündigt sich durch wirtschaftliche Verzögerungen an: Die Einkommen hören auf zu steigen und auch die Gewinne nehmen nicht mehr zu. Zwar ist das Konsumverhalten noch unverändert und stützt weiterhin die Nachfrage, aber die Investitionsdynamik lässt merklich nach: Die Wirtschaft „stagniert“. In der anschließenden Rezession kommt es
zunehmend zu Unterbeschäftigung, zu sinkender Nachfrage und zu sinkendem Volkseinkommen. Insbesondere der Rückgang bei den Investitionen verschärft die Abwärtsbewegungen, die
schließlich in die wirtschaftliche Krise (Depression) führen.
Abbildung 12.2: Die Phasen des Konjunkturzyklus
Die Depression ist geprägt von einem starken Produktionsrückgang und einer hohen Arbeitslosigkeit (in Extremfällen, wie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den Dreißiger Jahren, erreichte
die Arbeitslosenquote in Deutschland Werte von über 40 %). Ein absoluter Rückgang der Investitionen gekoppelt mit einem rapiden Preisverfall gefährdet die gesellschaftliche und wirtschaftliche Existenz. Die Nachfrage stagniert und beschränkt sich auf geringsten Konsum. Konkurse
sind an der Tagesordnung. Gelingt es nicht, die pessimistischen Erwartungen abzubauen, bleiben Investitionen trotz niedrigstem Zinsniveau aus.
Aufgrund der verschiedenen Erfahrungen mit konjunkturellen Zyklen haben sich Ökonomen
immer wieder die Fragen gestellt, wo die Ursachen dieser Schwankungen liegen und was man
dagegen machen kann. Zu welchem Schluss gelangten sie nun?
Auffällig: Die Lehrmeinungen unterscheiden sich erheblich bei ihren diversen Erklärungsversuchen dieser kurzfristigen Schwankungen. Diese Erklärungen, die auch durch die Medien verbreitet werden, lassen gerne den Eindruck entstehen, die Ökonomen seien ein einziger zerstrittener Haufen, weil sich gerade bei diesem Thema die Geister scheiden.
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Um dennoch eine einigermaßen befriedigende Antwort auf diese Fragen geben zu können,
wurde ein grundlegendes Modell der aggregierten Nachfrage und des aggregierten Angebots
entwickelt. Dabei handelt es sich um das Standardmodell der Makroökonomik.
Zusammengefasst gibt es drei wichtige Befunde zu den konjunkturellen Schwankungen:
Befund 1: Wirtschaftliche Schwankungen wiederholen sich. Sie sind aber unregelmäßig und
daher nicht exakt prognostizierbar (siehe Abbildung 12.1).
Befund 2: Die meisten makroökonomischen Variablen schwanken gleichzeitig und in Abhängigkeit voneinander. Betrachtet werden meist die Schwankungen des Bruttoinlandsprodukts. Aber
auch die anderen Variablen wie Investitionen, Auftragseingänge, Produktion und Gewinne verhalten sich ähnlich.
Befund 3: Mit dem Rückgang des Produktionswachstums ist ein Anstieg der Arbeitslosigkeit
verknüpft.
12.2. Messung der wirtschaftlichen Aktivität
Die wirtschaftliche Aktivität wird durch Messgrößen wie das Volkseinkommen oder den Auslastungsgrad gemessen. Im weiteren Verlauf wird die wirtschaftliche Aktivität als Messgröße näher
erläutert.
12.2.1. Bruttoinlandsprodukt
Das Einkommensmaß des Bruttoinlandsprodukts ist eine häufig verwendete Näherung zur Bestimmung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität. Da die Veränderung des BIP durch Preissteigerungen für die Messung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität keine Relevanz besitzt, wird das
reale BIP verwendet.
Zu beachten ist auch, dass das Bruttoinlandsprodukt das im Inland erwirtschaftete Einkommen
misst, nicht jedoch, wie viel von diesem Einkommen auch tatsächlich an die Einwohner des
Landes fließt. Zum einen erhalten Inländer Faktoreinkommen aus dem Ausland und zum anderen fließt ein Teil des BIP an Kapitaleigentümer im Ausland oder an ausländische Arbeitnehmer,
die im Inland arbeiten. Soll die Produktion der Inländer gemessen werden, also die Produktion
all derjenigen, die dauerhaft in einem Land wohnen, dann spricht man vom Sozialprodukt.
Die Verwendung des BIP ist insofern nicht voll befriedigend, als dass es gar keine große
Schwankungen aufweist (vgl. Abbildung 11.1). Daher werden meist die Wachstumsraten verwendet. Dadurch entsteht das Problem, dass sich die Konjunkturphasen verschieben. Denn in
seinem Maximum hat eine Zeitreihe bekanntlich eine Steigung von Null. Besser ist daher aus
theoretischer Sicht der Auslastungsrad geeignet.
12.2.2. Auslastungsgrad des Produktionspotentials
Die Konjunkturtheorie versucht zu erklären, warum es keine gleichbleibend hohe Auslastung
der Produktionsfaktoren gibt.1 Daher kann die Konjunkturbeobachtung zum einen an der Auslastung der Arbeit ansetzen und zum anderen an der Auslastung des Kapitals (oder Produktionspotentials), oder schließlich an der Auslastung beider Faktoren in dem über eine Produktionsfunktion ein potentielles BIP geschätzt wird. Der Auslastungsgrad wird als Quotient aus tatsächlicher Produktion und potentieller Produktion definiert und kann so als Indikator der Überbzw. Unterauslastung der Produktionskapazitäten einer Volkswirtschaft im Konjunkturverlauf
angesehen werden:
Auslastungsgrad (ALG) = Ytat / Ypot
1
Vgl. Gerold Blümle, Wolfgang Patzig: Grundzüge der Makroökonomie, 4. Auflage, Freiburg 1999, S. 508.
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Alternativ wird häufig auch die Produktionslücke verwendet. Sie kann einmal als absolute Differenz zwischen dem tatsächlichen und dem potenziellen Produktionsniveau definiert werden:
Absolute Produktionslücke = Ytat – Ypot
Alternativ kann man die Produktionslücke auch in Prozent messen:
Relative Produktionslücke =
Y tat − Y pot
Y pot
Das potentielle BIP ist eine rein theoretische Größe. Sie gibt an, welches Einkommen eine Wirtschaft erzielen könnte, wenn alle Produktionsfaktoren voll beschäftigt werden. Es entspricht
einem Punkt auf der Produktionsmöglichkeitskurve. In Deutschland wird diese Methode von der
Deutschen Bundesbank angewendet. Sie verwendet dazu eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion. Da nur für den Faktor Arbeit Daten über aktuellen Einsatz (Beschäftigung) und Potential (Arbeitslosigkeit) vorliegen, müssen für den Faktor Kapital diese beiden Größen geschätzt
werden. Da die Bundesbank den durchschnittlichen Auslastungsgrad mit 100 % normiert, sind
in diesem Konzept auch Werte über 100 % Auslastung möglich.
Abbildung 12.3: Produktionspotenzial, Bruttoinlandsprodukt und Kapazitätsauslastung 1995 –
2013
Quelle: Jahresgutachten des Sachverständigenrates 2012/13, S. 11.
Im Unterschied zur Bundesbank berücksichtigt der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ lediglich die Auslastung des Kapitals und legt dabei eine
höchstmögliche Auslastung zugrunde.
12.3.
Der Unterschied zwischen kurzfristiger und langfristiger Entwicklung
Der wesentliche Unterschied zwischen der kurzfristigen und der langfristigen Entwicklung besteht darin,
dass kurzfristig die klassische Dichotomie nicht gilt. Diese Tatsache hat weit reichende Konsequenzen.
Kurzfristig, das heißt für eine Zeitdauer von 1 – 2 Jahren, ist Geld nicht neutral und Veränderungen der
Geldmenge wirken nicht nur auf das Preisniveau. Wenn man die Veränderungen der Volkswirtschaft von
Jahr zu Jahr untersucht, dann sind die nominalen Größen und die realen Größen stark miteinander verflochten.
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Kurzfristig wird ein neues Modell benötigt, das diese Verflechtungen berücksichtigt. Dabei gelten einige
Faktoren, die in den zurückliegenden Kapiteln bereits erarbeitet wurden. Nicht angewandt werden kann
dagegen die klassische Dichotomie.
langfristige Betrachtung
kurzfristige Betrachtung
Die klassische Dichotomie
trifft zu.
Die klassische Dichotomie
nicht trifft zu.
Das monetäre Gleichgewicht:
Das monetäre Gleichgewicht:
P⋅Y = M⋅V
L = f (i, Y )
P⋅Y
L=
=M
V
L = f ( i,Y ) = M
Wirkung der Geldmenge
Wirkung der Geldmenge
M→P
M → i → I(i ) → Y NE
Die Geldmenge bestimmt lediglich das Preisniveau:
Die Geldmenge beeinflusst
den Realzins, der Realzins
wirkt auf die Investitionspläne
und die Investitionen verändern die Nachfrage:
Geld ist neutral
Geld ist nicht neutral
Die Kosten spielen keine Rolle
Die Kosten sind wichtig
Völlige Preisflexibilität: Alle
Preise haben sich angepasst
Starre Preise: Preise haben
sich (noch) nicht vollständig
angepasst
Bedeutung der Symbole:
L = Geldnachfrage
M = Geldangebot
P = Preisniveau
I = Investitionen
Tabelle 12.1:
i = Realzins
V = Umlaufgeschwindigkeit
Y = (Volks-)Einkommen
YNE = Gesamtwirtschaftliche Nachfrage
Vergleich von kurz- und langfristiger Analyse
12.4. Die Definitionsgleichung als Ausgangspunkt
Um die kurzfristigen Schwankungen zu untersuchen, beschränken wir uns auf die Nachfrageseite. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage besteht aus dem Konsum der privaten Haushalte C,
der Investitionen der Unternehmen und des Staates2 I, dem Staatsverbrauch G und den Nettoexporten NX3.
YNE = C + I + G + NX
Um aus dieser Definitionsgleichung eine Theorie zu machen, werden im nächsten Schritt diese
vier Nachfragekomponenten durch Verhaltensannahmen beschrieben.
2
In der VGR sind in den Investitionen auch die privaten Wohnungsbauten enthalten. Von dieser Besonderheit
wird im Weiteren aber abgesehen.
3
Die Nettoexporte sind der Saldo aus Exporten minus Importen
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12.4.1. Die Konsumfunktion
Der Konsum hängt auch gesamtwirtschaftlich vom Einkommen ab. Die einfachste Form einer
Konsumfunktion lautet:
C = C0 + c ⋅ Y
Das heißt, es gibt einen Teil des Konsums, der nicht vom Einkommen abhängig ist (C0), den
sog. autonomen Konsum. Der größte Teil des Konsums wird jedoch nach Maßgabe der marginalen Konsumneigung c vom Einkommen bestimmt. Die marginale Konsumneigung gibt an,
welcher Teil des Einkommens bei einer Einkommenssteigerung zusätzlich konsumiert wird und
liegt zwischen 0 und 1. Ein c von 0,75 bedeutet, dass von einem zusätzlichen Einkommen in
Höhe von 10 Einheiten 7,5 Einheiten in den Konsum fließen. Die übrigen 2,5 Einheiten werden
gespart.
Der autonome Konsum C0 ist der Konsum, der auch bestehen bleibt, wenn das Einkommen
Null ist. Daher wird er häufig aus didaktischen Gründen als Existenzminimum bezeichnet. Diese
Interpretation ist allerdings bei einer makroökonomischen Betrachtung nicht sonderlich überzeugend, da es einer Volkswirtschaft als Ganzes nicht möglich ist, ohne jedes Einkommen den
Konsum über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Denn wenn eine Volkswirtschaft
kein Einkommen erzeugt, kann sie auch nicht konsumieren.
Die zweite Komponente, von der der Konsum abhängt, ist c ⋅ Y. Sie beschreibt den einkommensabhängigen Teil der Konsumnachfrage. Darin ist der Parameter c die marginale Konsumneigung, die mit dem Einkommen Y multipliziert wird. Die marginale Konsumneigung liegt zwischen 0 und 1, d. h. 0 < c < 1.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen der marginalen Konsumneigung und der durchschnittlichen Konsumquote:
•
Die Konsumneigung gibt an, welcher Anteil des zusätzlichen Einkommens konsumiert
wird.
•
Die Konsumquote ist dagegen ein Durchschnittswert. Er gibt an, welcher Anteil des Einkommens insgesamt konsumiert wird.
In der Regel sind Konsumneigung und Konsumquote nicht gleich groß.
Sowohl eine nach rechts gekrümmte Kurve als auch eine Gerade mit einem positiven Achsenabschnitt als Konsumfunktion erfüllen das sog. fundamental-psychologischen Gesetz von Keynes. Nach dieser Konsumhypothese nimmt der Konsum mit steigendem Einkommen zwar absolut zu, aber relativ sinkt er. Daraus ergibt sich ein mit steigendem Einkommen sinkender
Durchschnittskonsum. Veranschaulicht wird diese Tatsache in der untenstehenden Zeichnung,
in der der Durchschnittskonsum als Tangens (tan α) des Ursprungfahrstrahls veranschaulicht
werden kann. Je höher das Einkommen, desto geringer der Durchschnittskonsum.
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Abbildung 12.4: Die Konsumfunktion
12.4.2. Gleichgewicht auf dem Gütermarkt
Der Einfachheit halber soll zunächst davon ausgegangen werden, dass die übrigen Nachfragekomponenten Investitionen, Staatsausgaben und Nettoexporte nicht vom Einkommen abhängen, sondern autonom sind.
Das heißt:
I = I0
G = G0
NX = NX0
Für das gesamtwirtschaftliche Angebot YAT gilt, dass die gesamte Produktion Y angeboten wird.
YAT = Y
Der Gütermarkt sei geräumt, das heißt, Angebot und Nachfrage sind gleich groß bzw. auf dem
Gütermarkt herrscht Gleichgewicht. Diesen Zustand beschreibt die folgende Gleichgewichtsbedingung:
YAT = YNE
Solange die Gleichgewichtsbedingung nicht erfüllt ist, treten ungeplante Größen in Form von
ungeplanten Veränderungen der Lagerbestände bzw. ungeplanten Investitionen auf. Stellen die
Unternehmen fest, dass sich die Lager stärker füllen als geplant, drosseln sie die Produktion.
Umgekehrt erhöhen sie die Produktion, falls sich die Lager stärker als geplant leeren.
Damit haben wir das Modell komplett. Es soll nun dadurch vereinfacht werden, dass sämtliche
die Bestimmungsgleichungen in die Nachfragegleichung eingesetzt werden. Dann ergibt sich
für die Nachfrage:
YNE = C0 + c ⋅ Y + I0 + G0 + NX0
Unter Verwendung dieser Gleichgewichtsbedingung, wird der Punkt gesucht, an dem sich Angebots- und Nachfragekurve schneiden. Das Aus YAT = Y und YAT = YNE ergibt sich YNE = Y,
wobei das Gleichgewichtseinkommen mit einem Sternchen markiert wird.
Y* = C0 + c ⋅ Y* + I0 + G0 + NX0
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Gesucht wird das Einkommen, das gerade so hoch ist wie die Nachfrage. Dabei wird impliziert,
dass sich das Angebot der Nachfrage anpasst. Die Gleichung kann nach Y* aufgelöst werden:
(1 – c) ⋅ Y* = C0 + I0 + G0 + NX0
Y* =
1
⋅ ( C0 + I0 + G0 + NX0 ) = Y1 *
1− c
Das Gleichgewichtseinkommen Y* ergibt sich aus der Multiplikation von 1/(1 – c) mit der Summe der autonomen Komponenten. Die nachfolgende Grafik zeigt die grafische Lösung: Das
gleichgewichtige Einkommen ergibt sich aus dem Schnittpunkt von makroökonomischem Angebot und makroökonomischer Nachfrage.
Abbildung 12.5: Gleichgewicht auf dem Gütermarkt
12.4.3. Ein numerisches Beispiel:
Für die einzelnen Größen werden folgende Werte angenommen:
C = C0 + c ⋅ Y = 40 + 0,75 Y
I = I0 = 50
G = G0 = 20
NX = NX0 = 25
In die Nachfragegleichung eingesetzt, erhält man:
YNE1 = 40 + 0,75 ⋅ Y* + 50 + 25 + 30
Und unter Berücksichtigung der Gleichgewichtsbedingung kann man nach Y* auflösen
Y *1 =
1
⋅ ( 40 + 50 + 20 + 25 ) = 4 ⋅ 135 = 540
1 − 0,75
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Das Gleichgewichtseinkommen Y*1 beträgt 540 Geldeinheiten.
12.4.4. Stabilität des Gleichgewichts auf dem Gütermarkt
Bei einem Einkommen, das kleiner als das Gleichgewichtseinkommen ist, übersteigt die Nachfrage das Angebot. Die Unternehmer könnten also mehr verkaufen als sie ursprünglich geplant
haben. Nun kann man davon ausgehen, dass die Unternehmen auf diese Auftragslage so reagieren, dass sie ihre Produktion ausdehnen, um die höhere Nachfrage zu befriedigen. Sie
möchten zusätzliche Gewinne erzielen, aber dazu werden sie zusätzliche Arbeit nachfragen
müssen. Im günstigsten Fall werden die Unternehmen weitere Arbeiter einstellen, aber das ist
nicht zwangsläufig notwendig. Sie können auch durch längere Arbeitszeiten (Überstunden)
mehr Arbeit einsetzen. In beiden Fällen steigen die Einkommen aus Arbeit und Profit. Dieser
Prozess setzt sich solange fort, bis das Gleichgewicht erreicht ist. Das sehen wir auch im
nächsten Abschnitt, in dem der Multiplikatorprozess erläutert wird.
Abbildung 12.6: Stabilität des Gütermarktgleichgewichts
Ist dagegen das Einkommen größer als das Gleichgewichtseinkommen, so übersteigt das Angebot die Nachfrage und die Unternehmen können ihre Produktion nicht absetzen. Sie werden
darauf mit einer Drosselung der Produktion reagieren. Dazu müssen sie weniger Arbeit einsetzen, das Einkommen sinkt.
12.4.5. Der Einkommensmultiplikator
Angenommen, durch die guten wirtschaftlichen Aussichten investieren die Unternehmen € 30
Mrd. mehr als im letzten Jahr. Diese Aufträge gehen an die großen deutschen Anlagenbauer4.
Dieser erste Ausgabenimpuls erhöht das Volkseinkommen um € 30 Mrd. und führt gleichzeitig
zu Beschäftigungssteigerungen, zusätzlichen Lohnzahlungen und Gewinnen. Die Leute, die
dieses Geld erhalten, werden natürlich ihrerseits zusätzlich Waren und Dienstleistungen nach
Maßgabe ihrer marginalen Konsumneigung c nachfragen, so dass es zu einer zweiten Runde
kommt. Und auch hier erhalten Menschen wieder Geld, von dem sie einen Großteil wieder ausgeben usw.
4
Vom Ausland haben wir aus Vereinfachungsgründen abgesehen.
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Dieses Gleichgewichtseinkommen sei der Startwert Y1*. Wenn nun die Investitionen um ∆I steigen, dann erhöht sich auch das Gleichgewichtseinkommen Y* um:
Y2 * =
1
⋅ ( C0 + I0 + ∆I + G0 + NX0 )
1− c
∆Y* = Y2 * − Y1* =
Der Ausdruck
1
⋅ ∆I
1− c
1
heißt Ausgabenmultiplikator und gibt an, um wie viel das Gleichgewichtsein1− c
kommen steigt, wenn die Investitionen erhöht werden.
Mit den Zahlenwerten:
Y*2 = 40 + 0,75 ⋅ Y* + 50 + 20 + 30 + 25
Y *2 =
1
⋅ ( 40 + 50 + 20 + 30 + 25 ) = 4 ⋅ 165 = 660
1 − 0,75
Zur Erinnerung: Der Parameter c in diesem Ausdruck ist die sogenannte marginale Konsumneigung. Im Beispiel oben wurde c = 0,75 verwendet. Der Ausgabenmultiplikator beträgt dann
1/0,25 oder 4. Steigen die Investitionen beispielsweise um € 30 Mrd., so würde sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf das Vierfache, also € 120 Mrd., erhöhen. Wie ist dieser Effekt
zu erklären?
In unserem obigen Beispiel wollen die Unternehmen für diesen Betrag neue Produktionsanlagen errichten. Daher ordern sie bei den Anlagenbauern Waren und Dienstleistungen im Wert
von € 30 Mrd. Die Nachfrage steigt unmittelbar um diesen Betrag. Das ist der Erstrundeneffekt.
Diese Ausgaben der Unternehmen sind gleichzeitig auch Einnahmen der Anlagenbauer, die
davon beispielsweise ihre Arbeitnehmerinnen entlohnen. Deren Einkommen steigt dadurch an
und von diesem Zuwachs werden sie annahmegemäß 75 % für Konsumgüter ausgeben. Bei
den Herstellern von Konsumgütern steigt folglich die Nachfrage nach ihren Produkten um 0,75 ·
€ 30 = € 22,5 Mrd. Diese Mehrnachfrage wird daher auch zu einer Einkommenssteigerung, in
der Konsumgüterindustrie führen. Auch deren Arbeiter geben davon 75 % aus, die Nachfrage
steigt noch einmal um 0,75⋅€ 22,5 = € 16,88 Mrd. Alles in allem summieren sich alle diese Folgeeffekte auf € 90 Mrd. die zum Primäreffekt von € 30 Mrd. dazukommen:
Zunahme der Investitionsausgaben
=
€ 30 Mrd. = € 30,00 Mrd.
+ Zweitrundeneffekt Zunahme der Konsumausgaben
=
c · € 30 Mrd. = € 22,50 Mrd.
+ Drittrundeneffekt Zunahme der Konsumausgaben
=
c2 · € 30 Mrd. = € 16,88 Mrd.
+ Viertrundeneffekt Zunahme der Konsumausgaben
=
c3 · € 30 Mrd. = € 12,66 Mrd.
Anstieg der Nachfrage insgesamt
=
(1 + c + c2+ c3 ...) · € 30 Mrd.
Grafisch lässt sich der Multiplikatoreffekt als Zickzack-Linie zwischen der neuen Nachfragekurve und der Angebotsfunktion darstellen:
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Abbildung 12.7: Der Multiplikatoreffekt
Die Erhöhung der Investitionsausgaben um ursprünglich € 30 Mrd. löst in der Wirtschaft eine
Kettenreaktion aus. Der Gesamteffekt dieser Kettenreaktion erhöht das Bruttoinlandsprodukt
um ein Vielfaches der ursprünglichen Größe: Deshalb spricht man in diesem Zusammenhang
von einem Multiplikatoreffekt oder Multiplikatorprozess. Der Grenzwert der Summe (1 + c + c2 +
c3 ...) lässt sich berechnen, wenn c kleiner als 1 ist:
(
)
Multiplikator = 1 + c + c 2 + c 3 + … =
1
1− c
Die € 30 Mrd. zusätzlichen Investitionsausgaben bewirken somit, dass sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage um das Vierfache, also € 120 Mrd., erhöht. Die Nachfragekurve verschiebt sich entsprechend.
Es gilt: Je größer die marginale Konsumneigung ist, desto größer ist auch der Multiplikator. Wäre c beispielsweise 0,9, dann wäre der Ausgabenmultiplikator 10.
In der Realität ist der Multiplikator kleiner als 10, da eine Reihe weiterer Einflüsse wie Steuern
und das Ausland berücksichtigt werden müssen. Im Allgemeinen wird eine solche Maßnahme
als erfolgreich betrachtet, wenn der Multiplikator in der Nähe von 2 ist. Das heißt, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage würde sich bei Investitionen von € 30 Mrd. um ca. € 60 Mrd. erhöhen.
Der Multiplikatoreffekt tritt auch bei einer Veränderung anderer autonomer Komponenten der
Nachfrage auf, nicht nur bei einer Erhöhung der Investitionsausgaben. Er lässt sich auf jede
Ausgabenänderung anwenden, die eine Komponente des BIP betrifft: Investitionen, Staatsverbrauch, Nettoexporte und autonomen Konsum.
1
1− c
1
∆Y* =
1− c
1
∆Y* =
1− c
1
∆Y* =
1− c
∆Y* =
⋅ ∆G0
⋅ ∆I0
⋅ ∆NX0
⋅ ∆C0
Im oben dargestellten Beispiel hat eine Welle des Optimismus die Unternehmer erfasst und
einen Investitionsschub ausgelöst, Von einer derartigen Welle des Optimismus können auch die
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privaten Haushalte erfasst werden: So hatte man 2006 den Eindruck, dass das „Sommermärchen“ der Fußball-WM in Deutschland auch die Konsumfreude erhöht hat. Es könnten aber
auch Vorzieheffekte aufgrund der angekündigten Mehrwertsteuererhöhung 2007 gewesen sein,
die zu mehr Konsumausgaben geführt haben.
Anstelle der Investitionen der Privatwirtschaft kann der Staat seine Güternachfrage erhöhen,
etwa um einen konjunkturellen Einbruch abzumildern. Auch dies löst einen Multiplikatoreffekt
aus. So geschehen 2009, als die Bundesregierung ihr Konjunkturpaket II auflegte. Darin enthalten waren u. a. rund 10 Milliarden Euro für Investitionen der Kommunen und Länder und 4 Milliarden für Bundesinvestitionen.
Schließlich können auch Einflüsse des Auslands, beispielsweise ein Aufschwung in China, im
Inland einen Multiplikatoreffekt auslösen: Wenn die Chinesen mehr deutsche Maschinen kaufen
und dadurch die Nettoexporte zunehmen.
Was passiert bei einem gegenteiligen Impuls? Der Multiplikatoreffekt tritt auch dann auf, wenn
die Nachfrage sinkt. Schauen die Haushalte mit Sorge in die Zukunft, werden sie wahrscheinlich für schlechte Zeiten vorsorgen wollen und verstärkt sparen. Dadurch geht der Konsum zurück. Auch dieser Nachfragerückgang wird durch den Multiplikator verstärkt und beschleunigt.
Dieses Modell erklärt somit, wie Schwankungen der Nachfrage über den Multiplikatoreffekt zu
Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Aktivität werden. Die keynesianische Konjunkturtheorie sieht vor allem die Nachfrage als Auslöser der konjunkturellen Schwankungen. Im folgenden Abschnitt geht es nun darum, mit welchen Mitteln der Staat eingreifen kann, um die Entwicklung zu stabilisieren.
12.5. Wirkung der Fiskalpolitik auf die aggregierte Nachfrage
12.5.1. Die Instrumente der Fiskalpolitik
Unter Fiskalpolitik werden sämtliche Maßnahmen zusammengefasst, die entweder die Einnahmen oder die Ausgaben des Staates verändern. Zur Einnahmeseite eines Staates gehören
Steuern und die jeweiligen Steuersätze genauso wie die Kreditaufnahme des Staates. Auf der
Ausgabenseite spielt die Verwendung der Gelder eine große Rolle: Investiert der Staat in Straßen und Infrastruktur, verwendet er die Mittel konsumtiv (Abgeordneten-Diäten) oder werden
damit Transferzahlungen wie Sozialhilfe, Subventionen etc. geleistet. Verantwortlich für die Fiskalpolitik sind die jeweiligen Regierungen und Parlamente.
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Expansive Fiskalpolitik
Mittel
(Instrumente)
• Erhöhung der Staatsausgaben
Restriktive Fiskalpolitik
• Senkung der Staatsausgaben
(z. B. weniger Lehrer, geringere Gehälter für Professoren,
weniger Autobahnen)
(z. B. mehr Lehrer, höhere
Gehälter für Professoren,
mehr Raketen, mehr Autobahnen)
• Senkung der Steuern
(z. B. Senkung der Mehrwertsteuer, höhere Freibeträge)
• In der Regel: Höhere Nettoneuverschuldung
(z. B. Erhöhung der Mehrwertsteuer, niedrigere Freibeträge)
• In der Regel: Geringere Nettoneuverschuldung
Folgen
• Nachfrage nach Gütern und
Dienstleistungen steigt an
• Produktion steigt
• (Arbeitslosigkeit nimmt ab)
• Nachfrage nach Gütern und
Dienstleistungen geht zurück
• Produktion sinkt
• (Arbeitslosigkeit nimmt zu)
Beispiele
• Konjunkturprogramme der
Großen Koalition 2005 und
2008, Abwrackprämie
• Sparprogramm der Agenda
2010
Tabelle 12.2:
• Erhöhung der Steuern
Übersicht Fiskalpolitik
12.5.2. Auswirkungen veränderter Staatsausgaben für den Kauf von Konsum- und Investitionsgütern
Wenn der Staat seine Ausgaben für Waren und Dienstleistungen erhöht, steigt dadurch sofort
und unmittelbar die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.
Ein Beispiel: Die neue Bundesregierung plant ein Konjunkturprogramm über € 10 Mrd., wobei
die Gelder zur Verbesserung der Infrastruktur eingesetzt werden sollen. Wenn das Geld nun
komplett im laufenden Jahr ausgegeben würde, um wie viel stiege dann die Nachfrage bei einer
marginalen Konsumneigung von 0,6?
Der Multiplikator sagt es uns:
∆Y* =
1
1
⋅ ∆G0 =
⋅ 10 = 25
1− c
1 − 0,6
Nach der bisherigen Analyse wissen wir, dass sich die Nachfrage gemäß des Multiplikatoreffekts um das 1/(1 – c)-fache erhöht, im Beispiel um das 2,5-fache.
12.5.3. Veränderungen der Steuern
Ein zweiter Anknüpfungspunkt für die Fiskalpolitik ist die Einnahmeseite, und da vor allem die
Steuerpolitik. Mit Steuersenkungen vergrößert die Politik das verfügbare Einkommen Yverf. Dieses ergibt sich aus dem Einkommen, das nach Abzug der Steuern T übrig bleibt:
Yverf = Y – T.
Von dem zusätzlich verfügbaren Einkommen einer Steuersenkung werden die Haushalte sicherlich einen Teil sparen, aber der überwiegende Teil wird in zusätzlichen Konsum fließen.
Geht man davon aus, dass der Konsum vom verfügbaren Einkommen abhängt, erhält man die
Konsumfunktion:
C = C0 + c ⋅ Yverf
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Um die Analyse zunächst möglichst einfach zu halten, geht man von der Annahme aus, dass
die Steuer pauschal erhoben wird. Jeder Bürger muss einen festen Betrag als Steuer entrichten. Man spricht in diesem Fall von einer „Kopfsteuer“5. Die Steuerfunktion lautet dann:
T = T0
Und die Konsumfunktion erhält folgendes Aussehen:
C = C0 + c ⋅ (Y – T0)
Diese Konsumfunktion wird in die Nachfragegleichung
YNE = C + I + G + NX
für C eingesetzt. Zusammen mit den anderen Gleichungen für Investitionen, Staatsausgaben
und Nettoexporten und der Angebotsfunktion
I = I0
G = G0
NX = NX0
YAT = Y
erhält man:
YNE = C0 + c ⋅ (Y – T0) + I0 + G0 + NX0
Unter Berücksichtigung der Gleichgewichtsbedingung YAT = YNE kann man für YNE auch Y
schreiben und die Gleichung etwas umstellen. Da wiederum das Gleichgewichtseinkommen
untersucht wird (wir haben die Gleichgewichtsbedingung YAT = YNE jetzt verwendet), erhält das
Einkommen ein Sternchen:
(1 – c) Y* = C0 – c ⋅ T0+ I0 + G0 + NX0
Damit ergibt sich als Gleichgewichtseinkommen
Y* =
1
⋅ ( C0 − c ⋅ T0 + I0 + G0 + NX0 )
1− c
Gegenüber dem Gleichgewichtseinkommen ohne Steuer ist dieses um c ⋅ T0 / (1 – c) niedriger.
Die Steuern dämpfen also die Nachfrage und damit auch das Gleichgewichtseinkommen. Die
Einkommensänderung aufgrund einer Steueränderung lautet:
∆Y* =
−c
⋅ ∆T0
1− c
Der Ausdruck
−c
heißt Steuermultiplikator einer Kopfsteuer und gibt an, um wie viel das
1− c
Gleichgewichtseinkommen Y* sinkt, wenn die Steuern erhöht werden. Er ist dem Betrage nach
kleiner als der Ausgabenmultiplikator. Bei einer marginalen Konsumneigung von c = 0,6 ergibt
sich ein Multiplikator -0,6 / (1 – 0,6) = -1,5. Der Unterschied ergibt sich daraus, dass bei einer
Erhöhung der Staatsausgaben bereits der Primäreffekt nachfragewirksam ist, weil der Staat für
das Geld selbst Waren und Dienstleistungen kauft. Stellt man sich die Ausgabenerhöhung als
5
Eine Kopfsteuer ist sehr einfach zu erheben. Allerdings gilt sie als ungerecht, weil große Familien mehr Steuern
bezahlen müssen als kleine Familien. Außerdem müssen die Reichen prozentual weniger zum Allgemeinwohl
beitragen als Arme. Auf den ersten Blick scheinen Kopfsteuern aus in modernen Volkswirtschaften verschwunden zu sein. Manche Ökonomen sehen allerdings in den Rundfunkgebühren, die zum 1. 1. 2013 eingeführt
wurden, eine Kopfsteuer. Sie werden pro Haushalt erhoben.
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eine Steuererstattung vor, so hätten diese Ausgaben keine direkten Wirkungen auf die Nachfrage. Denn erst als Erhöhung des laufenden Einkommens führen sie zu einer Steigerung der
Konsumnachfrage nach Maßgabe der marginalen Konsumneigung.
Eine andere Möglichkeit, sich diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, besteht darin, dass zunächst die Änderung der Konsumausgaben ∆C aufgrund der Steueränderung bestimmt wird.
Diese Änderung beträgt – c · ∆T0. Setzt man diese Größe für ∆C in den Ausgabenmultiplikator
ein, erhält man genau den Steuermultiplikator:
∆C = −c ⋅ ∆T0
∆Y =
−c ⋅ ∆T0
1
c
⋅ ∆C =
=−
⋅ ∆T0
1− c
1− c
1− c
Wenn nun die Steuern um – ∆T0 gesenkt (!) werden, dann erhöht sich das Gleichgewichtseinkommen Y* um
∆Y =
−c
c
⋅ ( −∆T0 ) =
⋅ ∆T0
1− c
1− c
Auch beim Einsatz der Steuern als Instrument der Fiskalpolitik sind die Folgewirkungen auf den
Zinssatz zu beachten. Wie bei einer expansiven fiskalpolitischen Maßnahme kann das steigende Einkommen eine höhere Kassennachfrage bewirken, so dass es zu Zinssteigerungen
kommt. Diese Zinssteigerungen lassen die Investitionen sinken. Auch hier kann ein Verdrängungseffekt auftreten und der expansiven Wirkung der Steuersenkung entgegenwirken.
Besondere Beachtung verdient noch ein weiterer Aspekt einer Steuersenkung. Das Ausmaß
der Nachfrageänderung hängt auch davon ab, ob die Menschen davon überzeugt sind, dass die
Steuersenkung dauerhaft ist, oder ob sie sie nur für eine vorübergehende halten. Dahinter verbirgt sich die Erfahrung, dass vorübergehende Änderungen des Einkommens nur geringen Einfluss auf die Konsumgewohnheiten haben. Wer zu seinem Geburtstag € 100 bekommt, wird
sich kaum langfristig darauf einstellen und seinen Lebenswandel grundlegend ändern. Erst
wenn die Haushaltsmitglieder überzeugt sind, dass die Steuersenkung andauern wird, werden
sie ihre Konsumgewohnheiten den neuen Möglichkeiten anpassen und ihre Ausgaben erhöhen.
Gehen sie dagegen davon aus, dass die Steuersenkungen einmalig oder nur vorübergehend
sind, so werden sie ihre Konsumgewohnheiten nicht grundlegend anpassen, sondern ihre Ausgaben nur wenig erhöhen. Ein temporärer Steuernachlass hat daher eine viel bescheidenere
Auswirkung auf die aggregierte Nachfrage als eine dauerhafte Steuersenkung.
12.5.4. Die Wirkungen von Transferzahlungen
Eine weitere Ausgabenkategorie des Staates sind die Transferzahlungen (Tr) an die privaten
Haushalte. Dazu zählen solche Leistungen wie Kindergeld, Arbeitslosenunterstützung, Arbeitnehmersparzulage, Grundsicherung usw. Diese Zahlungen erhöhen das verfügbare Einkommen:
Yverf = Y – T + Tr
Der Multiplikator dieser Ausgaben hat die gleiche Höhe wie der Steuermultiplikator, nur mit einem anderen Vorzeichen:
∆C = c ⋅ ∆Tr
∆Y =
1
c ⋅ ∆Tr
c
⋅ ∆C =
=
⋅ ∆Tr
1− c
1− c
1− c
Will der Staat die Konjunktur ankurbeln, macht es daher schon einen Unterschied, ob er die
Gelder für den Staatsverbrauch oder für Transferzahlungen ausgibt.
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12.5.5. Das Haavelmo Theorem
In diesem Abschnitt wollen wir der Frage nachgehen, was passiert, wenn die Regierung beschließt, die Steuern zu erhöhen, um damit zusätzliche Staatsausgaben zu finanzieren. Auf den
ersten Blick würde man sagen, dass davon keine Wirkung ausgehen dürfte: Das, was der Staat
den Bürgern aus der linken Tasche zieht, steckt er ihnen wieder in die rechte hinein. Dem ist
aber nicht so.
Wir untersuchen die Wirkung einer steuerfinanzierten Erhöhung der Staatsausgaben. Somit gilt:
∆G0 = ∆T0
Die Änderung der Staatsausgaben entspricht der Änderung der Steuern. In den vorangegangenen Abschnitten wurden bereits beide Effekte hergeleitet. Durch die Erhöhung der Staatsausgaben steigt das Einkommen um
∆Y *1 =
1
⋅ ∆G0 .
1− c
Durch die Erhöhung der Steuern sinkt das Einkommen um
∆Y * 2 = −
c
⋅ ∆T0 .
1− c
Der Gesamteffekt ergibt sich durch die Addition der beiden Einzelwirkungen:
∆Y *Ges = ∆Y *1 +∆Y *2
Wir setzen ein und berücksichtigen die Bedingung ∆G = ∆T:
∆Y *Ges =
1
c
1
c
1− c
⋅ ∆G −
⋅ ∆T0 =
⋅ ∆G0 −
⋅ ∆G0 =
⋅ ∆G0 = ∆G0
1− c
1− c
1− c
1− c
1− c
Es zeigt sich: Der Multiplikator einer steuerfinanzierten Erhöhung der Staatsausgaben ist Eins.
Die Wirkungen heben sich nicht gegeneinander auf, sondern das Einkommen steigt an! – Das
ist das sog. Haavelmo-Theorem6.
Das heißt im Kern: Zusätzliche staatliche Leistungen kosten die Volkswirtschaft nichts, wenn sie
über Steuern finanziert werden. Da drängen sich zwei Fragen auf:
Erstens: Ist das nicht Voodoo-Ökonomie: Zusätzliches Einkommen entsteht einfach so aus dem
Nichts?
Zweitens: Wenn das so einfach ist, warum wird das dann nicht (in größerem Umfang) durchgeführt? Wenn zusätzliche Kindergärten und bessere Schulen nichts kosten, warum werden sie
dann nicht einfach eingerichtet?
Die Antwort auf die erste Frage ist einfach: Wenn die Nachfrage die Produktion bestimmt und
wenn die Gesellschaft eigentlich mehr produzieren könnte (weil Produktionsfaktoren ungenutzt
bleiben, wie dies bei Arbeitslosigkeit der Fall ist), dann kostet zusätzlicher Output in der Tat die
Gesellschaft als Ganzes nichts. Sie verzichtet nicht auf andere Güter, sondern lediglich auf Arbeitslosigkeit.
Die Antwort auf die Frage zwei beruht auf dem Unterschied zwischen einzel- und gesamtwirtschaftlicher Betrachtungsweise. Die Gesellschaft als Ganzes kostet der zusätzliche Output in
der Tat nichts. Den einzelnen Steuerzahler aber schon: Durch die Steuern wird sein Einkommen umverteilt: Die Nettoeinkommen der Steuerzahler sinken und die Einkommen der bisher
6
Benannt nach Trygve Haavelmo (* 13. Dezember 1911; † 28. Juli 1999), norwegischer Ökonom, Nobelpreis
1989. Vgl. Trygve Haavelmo: Multiplier Effects of a Balanced Budget, in: Econometrica 13, 311 - 318, 1945.
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arbeitslosen Kindergärtnerinnen steigen. Es entstehen zwar zusätzliche öffentliche Leistungen
(bessere Kinderbetreuung) und diese machen das zusätzliche Einkommen aus, aber dies ist
dem einzelnen Steuerzahler egal. Beispielweise weil er gar keine Kinder hat, seine Kinder bereits einen Kindergartenplatz haben oder aus dem Kindergartenalter schon raus sind.7
12.5.6. Der Multiplikator einer einkommensabhängigen Steuer
Anstelle einer Kopfsteuer wäre eine einkommensabhängige Steuer realistischer, schließlich
hängen nicht nur die Einkommensteuer und die Körperschaftsteuer vom Einkommen ab, sondern auch die Mehrwertsteuer.
Wir nehmen also an, dass die Steuern als Anteil vom Einkommen erhoben werden. Dann erhält
die Steuerfunktion folgendes Aussehen:
T=t⋅Y
Darin ist t der Anteilssatz der Steuern vom Einkommen.
Und die Konsumfunktion ist:
C = C0 + c ⋅ (Y – t ⋅ Y)
Mit anderen bekannten Verhaltensgleichungen können wir wieder das Gleichgewichtseinkommen herleiten:
Y*– c ⋅ Y* + c ⋅ t ⋅ Y* = C0 + I0 + G0 + NX0
Damit ergibt sich als Gleichgewichtseinkommen
Y* =
1
⋅ ( C0 + I0 + G0 + NX0 )
1 − c ⋅ (1 − t )
Die Nachfragekurve verläuft flacher, der Multiplikator wird kleiner. Er lautet:
∆Y =
1
⋅ ∆G0
1 − c ⋅ (1 − t )
Wir kommen auf diesen Effekt zurück, wenn wir die eingebauten Stabilisatoren besprechen.
12.6. Politische Eingriffe zur Stabilisierung der Volkswirtschaft: Pro und Contra
12.6.1. Pro: Aktive Stabilisierungspolitik
Wenn der Staat wirklich einen derart starken Einfluss auf die Wirtschaft nehmen kann, taucht
die Frage auf, ob dieser Einfluss nicht für eine Stabilisierung der Wirtschaft eingesetzt werden
sollte: Dämpfung der Schwankungen nach unten und nach oben, Verringerung der nachfragebedingten Unterbeschäftigung, die Vermeidung von Depressionen oder Überhitzungsphasen
könnten dann wirtschaftspolitische Zielsetzungen sein.
Es gibt eine ganze Reihe von Ökonomen, die für eine aktive, staatliche Stabilisierungspolitik
plädieren. Schlittert die Wirtschaft in eine Rezession hinein, so ist nach deren Vorstellungen die
Politik gefordert: Staatliche Ausgabenprogramme (z. B. Ausbau von Glasfasernetzen) ersetzen
gewissermaßen die private Nachfrage und bringen die Volkswirtschaft zur Vollbeschäftigung
zurück. Da damit jedoch gleichzeitig die Gefahr eines zinsbedingten Crowding-out steigt, sollte
7
Bei der Marktlösung ist dem Nachfrager der Zusammenhang zwischen Leistung und Gegenleistung unmittelbar
einsichtig. Er bezahlt einen Preis für den Kindergartenplatz. Bei einer öffentlich angebotenen Kinderbetreuung
hat der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz aber nichts mit der Höhe der Steuerzahlung zu tun. so
dass dieser Zusammenhang in der Wahrnehmung der Steuerzahler zerschnitten ist. Dadurch entsteht ein Anreiz zum Trittbrettfahrer Verhalten: Den Vorteil nimmt man gerne mit, aber zahlen sollen die Anderen.
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die Geldpolitik die Fiskalpolitik alimentieren. Zinssteigerungen, die zu einer Verdrängung der
privaten Nachfrage führen würden, könnte durch eine expansive Geldpolitik entgegengewirkt
werden. In Deutschland ist diese Denkweise in den sechziger Jahren in zwei wichtige Gesetze
eingeflossen, die für eine Globalsteuerung der Wirtschaft konzipiert waren: Zum einen das „Gesetz zur Bildung des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vom 14.8.1963“ und zum anderen das „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des
Wachstums der Wirtschaft vom 8.6.1967“, das auch als „Stabilitätsgesetz“ in die Literatur eingegangen ist.
Aber selbst wenn es nicht gelingen kann, die Wirtschaft dauerhaft auf Vollbeschäftigungsniveau
zu halten, so gibt es gleichwohl einen etwas bescheideneren Grundgedanken: Der Staat sollte
wenigstens nicht zum Verursacher von Konjunkturschwankungen werden. Folglich wenden sich
die Ökonomen gegen heftige und plötzliche Änderungen der Geld- und Fiskalpolitik, da diese
sehr leicht zum Ausgangspunkt von Konjunkturschwankungen werden können.
Einen Grund für die Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität sehen die Verfechter dieses
Ansatzes in mehr oder weniger rationalen Wellen des Optimismus und Pessimismus („animal
spirits“), welche die Wirtschaft und ihre Akteure erfassen. Überwiegt der Pessimismus, so
schränken die Haushalte ihre Ausgaben für Konsumgüter ein und die Unternehmen investieren
nicht genug. Die aggregierte Nachfrage geht zurück (die Nachfragekurve verschiebt sich nach
unten), die Produktion sinkt und es kommt in der Folge zu höherer Arbeitslosigkeit, die nachfragebedingt ist. Würden die Preise sehr rasch reagieren, käme die Wirtschaft leicht aus der Rezession heraus, weil dadurch der Reallohn entsprechend sänke. Da sich die Preise aber nur
langsam anpassen, ist der Reallohn zu hoch und es kommt zu Verlusten und Insolvenzen. Das,
was anfangs nur erwartet wurde, tritt tatsächlich ein, was die trüben Aussichten noch verstärkt,
so dass die Wirtschaft noch weiter in die Rezession abrutschen kann.
Umgekehrt werden die Haushalte und Unternehmen bei einem einsetzenden Optimismus ihre
Ausgaben für Konsum- und Investitionsgüter ausweiten. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage
zieht an und ruft eine steigende Produktion hervor. Eine höhere Produktion ist meistens nur mit
zusätzlichem Personal zu realisieren, so dass die Arbeitslosigkeit sinkt. Dieser Aufschwung
enthält häufig auch inflationäre Tendenzen, da die Preise stärker als erwartet steigen, die Gewinne sprudeln und die Unternehmen höheren Lohn- und Gehaltszuwächsen zustimmen. Sowohl Optimismus als auch Pessimismus haben den Charakter der sich selbst bestätigenden
Prognosen (Self-fulfilling prophecy) und neigen zur Selbstverstärkung.
12.6.2. Contra: Gegen eine aktive Stabilisierungspolitik
Demgegenüber gibt es wahrscheinlich die gleiche Anzahl an Ökonomen, die darauf bestehen,
dass sich der Staat aus der Stabilisierung heraushalten solle. Wenn überhaupt, soll der Staat
sein Instrumentarium zur Erreichung bestimmter langfristiger Ziele einsetzen, wie etwa einer
Förderung des Wirtschaftswachstums oder der Gewährleistung einer niedrigen Inflationsrate.
Bei den kurzfristigen Schwankungen vertrauen sie auf die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft,
die insgesamt zur Stabilität neigt und Ungleichgewichte mit der Zeit („in the long run“) von alleine beseitigt. Auch wenn diese Ökonomen die Wirksamkeit der Maßnahmen einräumen, so raten sie gleichwohl von einem praktischen Einsatz ab, da ein zielgenauer Einsatz unmöglich sei.
Die Hauptargumente gegen eine aktive antizyklische Geld- und Fiskalpolitik setzen bei den erheblichen Wirkungsverzögerungen (Wirkungs-lags) der Maßnahmen an. Angenommen, der
Staat legt ein Infrastrukturprogramm zur Versorgung des ländlichen Raums mit schnellem Internet auf. Nur wenige Kommunen dürften dafür aber ausgereifte Investitionspläne in der Schublade haben, die sie bei Bedarf nur herausholen müssen. Stattdessen dauert es eine gewisse Zeit,
bis die Planungen abgeschlossen sind und mit dem Ausheben der Kabelkanäle begonnen werden kann. Nun könnte es gut sein, dass sich die Wirtschaft, wenn diese Maßnahmen schließlich
greifen, bereits wieder im Aufschwung befindet. Dann würde die expansive Fiskalpolitik genau
in die falsche Richtung wirken. Statt die konjunkturellen Ausschläge zu glätten, würden die politischen Maßnahmen Wirtschaftsschwankungen eher noch verstärken oder gar zu deren Auslösern werden.
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12.6.3. Automatische Stabilisatoren
Automatische Stabilisatoren (engl. built-in flexibility) sind Mechanismen bei den staatlichen Einnahmen oder Ausgaben, die bei konjunkturellen Schwankungen automatisch dafür sorgen,
dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabilisiert wird. Ihre Wirkung beruht darauf, dass
sowohl Teile der staatlichen Einnahmen als auch der Ausgaben mit der Konjunktur schwanken.
Auf der Einnahmenseite ist es vor allem die progressive Ausgestaltung der Einkommensteuer,
die für eine automatische Stabilisierung sorgt. Dadurch geht das Steueraufkommen in einer
Rezession stärker zurück als das Bruttoinlandsprodukt (vgl. Abschnitt 12.5.6 Der Multiplikator
einer einkommensabhängigen Steuer). Das bedeutet, dass auch die verfügbaren Einkommen
und damit die Konsumausgaben weniger stark sinken. Umgekehrt steigen die Steuereinnahmen
im Aufschwung überproportional an, das verfügbare Einkommen wächst weniger als das BIP,
so dass sie die zusätzliche Konsumnachfrage dämpfen.
Eine progressive Einkommensteuer beeinflusst auch den Einkommensmultiplikator. Der Einkommensmultiplikator 1/(1 – c + c·t) wird umso kleiner, je größer t ist. Da durch die Progression
der Steuersatz t im Aufschwung steigt, dämpft dies die Multiplikatorwirkung, und zwar umso
mehr, je höher das Einkommen bereits ist.
Bei den Ausgaben wirken die Sozialausgaben der Arbeitslosenversicherung stabilisierend, da
deren Umfang in rezessiven Phasen zu und im Aufschwung abnimmt. Auch hierdurch können
Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Aktivität verringert werden.
In der Finanzkrise hat sich gezeigt, dass auch Kurzarbeit8 und Arbeitszeitkonten9 zu den automatischen Stabilisatoren gehören. Durch diese beiden Maßnahmen sinken die Arbeitseinkommen im Abschwung unterproportional und verhindern so ein stärkeres Einbrechen der Konsumausgaben. Hinzu kommt vermutlich auch eine gewisse psychologische Wirkung, die eine Zunahme des Angstsparens deckelt.
Unter Ökonomen besteht eine ziemlich große Übereinstimmung, dass die automatischen Stabilisatoren ein sinnvolles Instrument zur Konjunkturstabilisierung darstellen.
Damit die automatischen Stabilisatoren ihre Wirkung voll entfalten können, muss sicher gestellt
sein, dass die jeweils andere Seite der staatlichen Aktivität nicht prozyklisch wirkt. Das heißt:
•
Im Aufschwung müssen die zusätzlichen Steuereinnahmen stillgelegt werden (Budgetüberschüsse).
•
Im Abschwung kommt es dagegen durch die Steuermindereinnahmen zu Defiziten.
•
Die Beiträge der Arbeitslosenversicherung dürfen nicht nach Kassenlage variiert werden, also keine Erhöhung in der Rezession und keine Senkung im Boom.
•
Der Staat darf die Gehälter seiner Bediensteten nicht prozyklisch anpassen.
Anders ausgedrückt: Die Wirkung der automatischen Stabilisatoren geht verloren, wenn der
Staat beispielsweise zu einem ausgeglichenen Budget gezwungen wird. Damit würden die Konjunktur stabilisierenden Wirkungen neutralisiert. Vielmehr muss die Möglichkeit zu konjunkturbedingten Defiziten für den Staat gegeben sein: Wenn im Abschwung die Ausgaben steigen und die Einnahmen zurückgehen, kommt es zwangsläufig zu Haushaltsdefiziten.
8
Bei Kurzarbeit übernimmt die Bundesagentur für Arbeit unter bestimmten Bedingungen einen Teil der Lohnzahlungen in Form von Kurzarbeitergeld.
9
Auf Arbeitszeitkonten können Überstunden in Zeiten der Überauslastung „angespart“ werden. Bei Unterauslastung können diese Überstunden als Freizeit genommen werden.
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Fallstudie: Der Stabilitäts- und Wachstumspakt der EU und die eingebauten Stabilisatoren
Auf dem EU-Gipfel in Amsterdam am 17.6.1997 trafen die Staats- und Regierungschefs der
EU-Staaten die Übereinkunft, den im Maastrichter Vertrag geregelte Überwachungs- und Sanktionsmechanismus bei Staatsdefiziten beizubehalten. Erreicht das Budgetdefizit bei einem Mitgliedstaat die Grenze von 3 % des BIP, setzt ein kompliziertes Abstimmungsverfahren zwischen
der EU-Kommission und dem Wirtschafts- und Finanzausschuss ein, das schlussendlich zu
Sanktionen in Form einer hohen Geldbuße führen kann.
Zwar wird damit kein ausgeglichener Haushalt gefordert, aber der Spielraum der Neuverschuldung des Staates wird erheblich eingeschränkt und damit auch die Wirksamkeit der eingebauten Stabilisatoren.
Als Deutschland im Jahr 2003 tief in der Rezession steckte, drohte die EU mit Sanktionen. Der
Finanzminister versuchte, den Stabilitätspakt mit einem Sparprogramm einzuhalten und verringerte die Staatsausgaben. Daraus resultierte ein negativer Multiplikatoreffekt, der die Rezession
verstärkte und die Budgetdefizite weiter erhöhte. Erst 2006 verbesserten sich Konjunktur und
Staatsfinanzen.
12.7. Hat die Staatsverschuldung negative Wirkungen?10
12.7.1. Begrifflichkeiten
Eine antizyklische Fiskalpolitik verursacht in der Regel auch eine Verschuldung des Staates.
Häufig findet man in der öffentlichen Diskussion den Einwand, dass diese Schulden von kommenden Generationen getilgt werden müssten und daher für diese eine Belastung darstellen
würden. So einleuchtend diese Überlegung für einen Privathaushalt sein mag, vor allem wenn
man sie mit dem Bild der „Schwäbischen Hausfrau“11 illustriert, so falsch ist sie, wenn man sie
auf den Staat bezieht. Dazu muss man sich verdeutlichen, wie die Staatsverschuldung technisch abläuft: Der Staat verschuldet sich bei seinen Bürgern, indem er ihnen Wertpapiere verkauft. Schuldentilgung bedeutet daher, dass er diese Wertpapiere bedienen, d. h. zurückkaufen
muss. Neben den Schulden werden der nachfolgenden Generation aber auch die Forderungen
in Form eben dieser Wertpapiere vererbt. Die zukünftige Generation hat nicht nur die Verbindlichkeiten, sondern auch die Forderungen in gleicher Höhe, beides hebt sich gegeneinander
auf. Eine Lastverschiebung ist gesamtwirtschaftlich nicht möglich12. Die Frage, ob Staatsschulden positiv oder negativ sind, ist also nicht so einfach zu beantworten.
Als erstes wollen wir einige Begrifflichkeiten klären: Zum einen gibt es das Budgetdefizit (BuD)
oder die Nettoneuverschuldung13. Das ist die jährliche zusätzliche Schuldenaufnahme, wenn
die Staatsausgaben größer als die Steuereinnahmen sind. Diese summieren sich über die Zeit
zum Schuldenstand bzw. den Staatsschulden.
Es gilt:
Budgetdefizit:
BuD = G – T
10
Das folgende Kapitel orientiert sich an Karl Betz: Staatsschulden: Worin besteht das Problem und wie kann
man es angehen? - Erschienen in: Berliner Initiative Initial, 2/2011, Sonderheft: Staatsschulden.
11
Das tat die Bundeskanzlerin Merkel am 1. 12. 2008 in ihrer Rede auf dem Parteitag der CDU in Stuttgart.
12
Anders fällt die Antwort aus, wenn sich der Staat im Ausland verschuldet oder wenn Verteilungseffekte berücksichtigt werden. Weder das eine noch das andere haben allerdings liberale und konservative Politiker im Sinn,
wenn sie mit der Lastverschiebung argumentieren.
13
Die Nettoneuverschuldung ist die gesamte Schuldenaufnahme abzüglich der geleisteten Prolongationen. Die
Schulden, die aufgenommen werden, um alte Schulden zu begleichen, werden also herausgerechnet.
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Schuldenstand: Sst =
−∞
∑ BuDt
t =0
Beim Defizit können das strukturelle und das konjunkturbedingte Defizit unterschieden werden.
Dabei ist das strukturelle Defizit das um konjunkturbedingte Mindereinnahmen und Mehrausgaben bereinigte Defizit. Die weiteren Ausführungen beziehen sich vornehmlich auf das strukturelle Defizit, insbesondere wenn auf die langfristigen Implikationen abgestellt wird.
Als nächstes ist festzuhalten, dass bei den Schulden nicht die absolute Höhe ausschlaggebend
ist: Um die Schulden beurteilen zu können, muss die Höhe des Schuldenstands auf die Kapitaldienstfähigkeit eines Landes bezogen werden, also auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
Ob die Schuldenhöhe ein Problem ist oder nicht, hängt von der Höhe des Einkommens in dem
jeweiligen Land ab. So würde ein Land wie Malta unter den deutschen Staatsschulden zusammenbrechen, während für die USA das Schuldenproblem mit einem Schuldenstand in Höhe der
deutschen Staatsverschuldung gelöst wäre.
Da die Steuersätze vom Gesetzgeber geändert werden können, ist es sinnvoll, die Größen nicht
auf die jährlich anfallenden Steuereinnahmen, sondern auf die Steuerbasis, das BIP (Y), zu
beziehen. Da Budgetdefizit und Staatsschulden in Geldeinheiten gemessen werden, muss auch
das Volkseinkommen, auf das sie bezogen werden, in laufenden Preisen gemessen werden.
Bei der Analyse in diesem Abschnitt verwenden wir daher das nominale BIP (P·Y).
Somit sind die wirklich wichtigen Größen zur Beantwortung der Frage, ob Schulden ein Problem
sind oder nicht, die Budgetdefizitquote (bud, Neuverschuldung in % des BIP) und die Staatsschuldenquote (sst).
Budgetdefizitquote:
bud =
Staatsschuldenquote: sst =
BuD
P⋅Y
Sst
P⋅Y
Bei beiden Quoten kann man sehen, dass sie nicht nur fallen können, wenn der Staat weniger
Schulden macht oder diese gar zurückzahlt (wenn also der Zähler kleiner wird), sondern auch
dann, wenn bei gleichbleibendem Zähler der Nenner wächst - wenn also das reale Volkseinkommen wächst und/oder das Preisniveau steigt.
Man kann nun zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Budgetdefizitquote und der
Staatsschuldenquote gibt14. Langfristig konvergiert die Staatsschuldenquote gegen den Quotienten aus Defizitquote und der Summe aus Inflationsrate (π) und realer Wachstumsrate (gY):
BuD
bud
lim sst = P ⋅ Y =
t →∞
π + g Y π + gY
Langfristige Schuldenquote =
Defizit in % des BIP
Inflationsrate + Wachstumsrate
Beispiel:
14
Dieser Zusammenhang wurde erstmals 1944 von Evsey D. Doma dargestellt, vgl. Evsey D. Doma: The "Burden
of the Debt" and the National Income, in: The American Economic Review, Vol. 34, No. 4 (Dec., 1944), pp. 798827. Eine mathematische Herleitung findet sich auch z. B. in Julio Escolano, A Practical Guide to Public Debt
Dynamics, Fiscal Sustainability, and Cyclical Adjustment of Budgetary Aggregates, IMF Technical Notes and
Manuals 10/2002.
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Die Defizitquote eines Landes betrage jährlich 3,5 %. Das Sozialprodukt wachse mit einer Rate
von 1,5 % und die Inflationsrate liege bei 2 %. Werden diese Relationen eine gewisse Zeit über
beibehalten, dann wird dieses Land eine Staatsschuldenquote von
sst =
bud
3,5%
=
= 100 %
π + gY 2,0% + 1,5%
ausweisen.
Dieser Zusammenhang liefert die Basis für die Kriterien des Maastricht-Vertrags von 1992, die
für eine Beteiligung an der Europäischen Währungsunion eingehalten werden mussten. Der
Vertrag legte u. a. einen maximalen Wert für die Budgetdefizitquote von 3 % und für die Staatsschuldenquote von 60 % fest. Die Budgetdefizitquote ergab sich aus dem Mittel über alle EUStaaten im Jahr 1991. Beim Nenner rechnete man mit einer Inflationsrate von 3 %, das war z.
B. die Zielgröße der Deutschen Bundesbank, und einem realen Wachstum von durchschnittlich
2 %, - ein durchaus realistischer Wert für die 80er Jahre. Nach obiger Formel errechnet sich
daraus eine langfristige Staatsschuldenquote von 60 %. Die Werte, die zur Festlegung der
„Maastricht-Kriterien“ benutzt wurden, entstammen eher historischen Momentaufnahmen und
nicht ökonomischen Modellen.
Später wurden die Maastricht Kriterien im Stabilitätspakt dauerhaft für alle EU-Mitgliedsländer
festgeschrieben. Allerdings scheint die Politik vergessen zu haben, wie die Werte zustande gekommen sind. Denn zwischenzeitlich verfolgt die Zentralbank ein Inflationsziel von nur noch 2
%. Um zu einer Staatschuldenquote von 60 % zu kommen, würde man nun eine durchschnittliche reale Wachstumsrate von 3 % benötigen. Dabei lag die durchschnittliche Wachstumsrate in
den 1990ern nur noch bei 1,9 % und in der ersten Dekade des 21. Jh. bei unter einem Prozent15. Selbst wenn die EU-Länder den Stabilitätspakt einhalten, bewegt sich der Schuldenstand damit auf Werte über 100 % - 150 % zu.
12.7.2. Zinsen, Steuern, Staatsausgaben
Eine wichtige Größe, um die langfristigen Wirkungen der Budgetpolitik abschätzen zu können,
ist der sog. Primärsaldo (PS). Mit dem Primärsaldo bezeichnen wir die Differenz zwischen den
Staatsausgaben ohne Zinszahlungen und den Steuern. Sind die Staatsausgaben (ohne Zinsen)
größer als die Einnahmen, haben wir es mit einem Primärdefizit (PD) zu tun, andernfalls mit
einem Primärüberschuss (PÜ)16. Mit Hilfe des Primärsaldo kann man analysieren, wie die Höhe
der Zinsen etwaige Konsolidierungsbemühungen bei den Staatsschulden beeinflusst.
Formal können wir den Primärsaldo wie folgt herleiten:
Die Ausgaben des Staates G setzen sich aus dem Staatskonsum CG, den Investitionen des
Staates IG, den Transferausgaben Tr und den Zinsen Z für die Staatsschuld zusammen:
G = CG+ IG + Tr + Z
Für das Defizit des Staates kann man schreiben:
BuD = CG+ IG + Tr – T + Z
BuD = CG + IG + Tr − T + Z
Pr imärsaldo (PS)
PS = BuD – Z
15
Gerechnet als geometrisches Mittel der Wachstumsraten 1990 bis 1999 und 2000 bis 2009, vgl. Tabelle 1.3.
16
Achtung: Der Primärsaldo ergibt sich aus Ausgaben minus Einnahmen. Daher bedeutet ein negativer Primärsaldo einen Überschuss und ein positiver Primärsaldo ein Defizit.
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Dann kann man zeigen, dass für die Veränderung der Staatsschuldenquote gelten muss:
∆sst =
PS
+ ( i − gY − π ) ⋅ sst
P⋅Y
Damit sich die Staatsschuldenquote nicht mehr verändert, muss gelten:
∆sst = 0 bzw.
PS
= ( gY + π − i) ⋅ sst
P⋅Y
Diese Gleichung zeigt: Ist die Wachstumsrate des nominalen BIP größer als der Zinssatz, so ist
kein Primärüberschuss nötig, um die Schuldenstandsquote zu verringern. Das ist der günstige
Fall.
Die Gleichung zeigt aber auch, dass im anderen Fall (bei gY + π < i) eine Konsolidierung umso
schwieriger wird, je höher die Schuldenquote sst ist. Weiter gilt: Ist der Wert in der Klammer
negativ, so muss bereits zur Stabilisierung der Schuldenquote ein Primärüberschuss (= PS<0)
erzielt werden; eine Rückführung der Schuldenquote erfordert dann noch größere Anstrengungen. Je höher nun die Schuldenquote ist, desto größer wird der Anteil des Steueraufkommens,
der für Zinszahlungen aufgewendet werden muss.
Die Eurokrise hat gezeigt, dass es einen Schwellenwert gibt, ab dem die Vermögensmärkte an
der Bereitschaft eines Landes zu zweifeln beginnen, den erforderlichen Primärüberschuss
durchzusetzen. Dieser Schwellenwert kann von Land zu Land unterschiedlich sein, wenn er
indessen erreicht wird, fordern die Gläubiger eine höhere Risikoprämie.
Die Implikationen lassen sich am besten an einem Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir das
Land Troja mit einer Schuldenquote von 150 %. Aufgrund einer Finanzkrise liegen die Wachstumsrate des BIP bei 1 % und die Inflationsrate bei moderaten 2 %. Allerdings fordern die Finanzmärkte einen Zinssatz von 6 %, weil sie bei Troja ein Insolvenzrisiko vermuten bzw. an der
Durchsetzbarkeit der Konsolidierungsanstrengungen zweifeln.
Damit die Staatsschuldenquote nicht weiter ansteigt, benötigt Troja ein Primärsaldo von
PS
= (1% + 2% − 6 % ) ⋅ 150 % = − 4,5%
P⋅Y
oder besser gesagt einen Primärüberschuss von 4,5 % des BIP. Wenn wir davon ausgehen,
dass die Steuerquote bei 25 % des BIP liegt, muss Troja einen Primärüberschuss von 18 % des
Staatshaushalts erreichen. Gelingt dies nicht, steigt die Staatsschuldenquote weiter an, wodurch die Finanzmärkte noch höhere Zinsen fordern werden, so dass eine Verringerung der
Staatsschuldenquote immer schwieriger wird.
Hier wird nun eine echte Problematik von Staatsschulden deutlich: Die Zinszahlungen schränken den fiskalpolitischen Spielraum ein. Wenn die Finanzmärkte das Vertrauen verlieren, kann
dies einen Teufelskreis von steigenden Risikoprämien und zunehmender Staatsschuldenquote
auslösen, an dessen Ende der Staatsbankrott droht.
Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass die Staatsverschuldung auf das Zinsniveau wirkt. Die
Staatsanleihen müssen von den Bürgern und Unternehmen gehalten werden. Gibt der Staat
zusätzliche Wertpapiere heraus, so muss deren Anteil am Vermögen steigen. Deswegen müssen sie im Vergleich zu anderen Anlageformen attraktiver werden und etwas höher verzinst
werden. Für den zinsabhängigen Teil der Konsum- und/oder Investitionsnachfrage bedeutet
dies, dass sich ein die Nachfrage dämpfender Effekt einstellt (Crowding-out).
12.7.3. Linke Tasche, rechte Tasche
Welche Folgen hätte eine Schuldentilgung des Staates? - Erinnern wir uns daran, dass jeder
Schuld immer auch eine Forderung als Gegenbuchung gegenüber steht. Eine Schuldentilgung
ist daher immer mit einem Rückgang an Forderungen verbunden.
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Man kann jede Volkswirtschaft in vier Sektoren einteilen: Haushalte, Unternehmen, Staat und
Ausland. Baut eine dieser Gruppen ihre Schulden ab, so müssen notwendigerweise die Geldvermögen (Forderungen) einer oder mehrerer anderer Gruppen sinken. Dabei ist zu beachten,
dass der Unternehmenssektor in der Regel Nettoschuldner ist, während der Haushaltssektor
Nettogläubiger ist.
Für einen Abbau der Staatsverschuldung gibt es also folgende Möglichkeiten für eine „Gegenbuchung“:
•
Die Geldvermögen der Haushalte sinken
•
Die Unternehmen verschulden sich höher
•
Erhöhung der Forderungen gegenüber dem Ausland durch Exportüberschüsse (das
Ausland baut Forderungen ab)
12.7.4. Negative Effekte der Staatsverschuldung auf das Wachstum
Sowohl aus neoklassischer (liberaler) als auch keynesianischer Sicht können nachteilige Wirkungen der Staatsverschuldung auf das Einkommen abgeleitet werden.
Die neoklassische Sicht:
In einer neoklassischen Welt sind alle Produktionsfaktoren vollbeschäftigt. Wenn eine Baufirma
den Auftrag bekommt, eine neue Turnhalle zu bauen, dann kann sie daher nicht in der gleichen
Zeit auch noch eine Fabrikhalle bauen. Die Ressourcen, die für staatliche Investitionen oder
Staatskonsum verwandt werden, stehen nicht für Investitionen der Unternehmen oder den Konsum der Haushalte zur Verfügung. Die Staatsnachfrage verdrängt daher die privaten Verwendungen der Ressourcen. Dieser Vorgang wird mit dem Begriff „Crowding-out“ bezeichnet. Das
Crowding-out kann ganz oder teilweise stattfinden.
Im Extremfall könnte die schuldenfinanzierte Staatsnachfrage der Vergangenheit zu 100 % Investitionsnachfrage verdrängt haben. Man kann überschlägig ermitteln, welchen Effekt das
Crowding-out in diesem Fall gehabt hätte17.
Da die Staatsschuld in Deutschland ca. 80 % des BIP beträgt, könnte der Kapitalbestand heute
um 80 % des BIP höher sein, wenn der Staatshaushalt seit 1950 im Durchschnitt immer ausgeglichen gewesen wäre. Um einschätzen zu können, was das für das Einkommen von heute bedeuten würde, muss man diese fiktionale Erhöhung des Kapitalbestandes mit der Grenzproduktivität des Kapitals multiplizieren (also mit dem, was eine weitere Einheit Kapital an Einkommen
hervorbringen könnte). Da - neoklassisch - die Produktionsfaktoren mit ihren Grenzprodukten
entlohnt werden, kann man diese Angabe direkt dem Börsenteil der Wirtschaftspresse entnehmen - das Grenzprodukt des Kapitals muss gleich dem (realen) Zinssatz auf sichere Industrieanleihen sein. Der liegt etwas über dem Zins für Bundesanleihen und daher im Durchschnitt der
letzten 10 Jahre bei 3 – 4 %. Eine Staatsverschuldung von 80% würde nach dieser Rechnung
das jährliche BIP um 80 % · 4 % = 3,2 % senken, was ungefähr dem durchschnittlichen Wachstum von zwei Jahren entspricht. Das ist jedenfalls weniger, als die letzte Bankenkrise bewirkt
hat, und dies ist zugleich eine Obergrenze. Diese Obergrenze wird nur dann erreicht, wenn
17
Diese Berechnung beruht auf der Schuldenfee von Lawrence Ball und Nikolas G. Mankiw: So wie die Zahnfee
einen Milchzahn unter dem Kopfkissen gegen eine Süßigkeit austauscht, so kommt auch die Schuldenfee eines
Nachts und tauscht die gesamten Staatsschulden gegen Ausrüstungen und Anlagen aus. vgl. Lawrence Ball,
Nikolas G. Mankiw: What Do Budget Deficits Do? in: Federal Reserve Bank of Kansas City (Hrsg.): 1995 Symposium Proceedings: Budget Deficits and Debt: Issues and Options, Kansas City, pp. 95 – 119.
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•
erstens die Staatsausgaben überhaupt keine produktive Wirkung entfaltet hätten (für viele Staatsausgaben trifft dies eher nicht zu, so kann man beispielsweise den Ausgaben
für Bildung oder Infrastruktur eine produktivitätssteigernde Wirkung nicht absprechen),
•
zweitens nur Investitions- und keine Konsumnachfrage verdrängt worden wäre und wenn
•
drittens durchgängig Vollbeschäftigung geherrscht hätte, wenn also die Baufirma aus
dem Eingangsbeispiel nicht einfach weitere Maurerinnen hätte einstellen können, um
neben der Turnhalle auch noch die Fabrikhalle hochzuziehen.
Sind diese Annahmen nicht oder nur zum Teil erfüllt, wäre die Schätzung von 3,2 % entsprechend nach unten zu korrigieren.
Die keynesianische Sicht:
Die keynesianische Sicht geht von einem Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung aus. Herrscht
Arbeitslosigkeit, dann wirkt eine zusätzliche Staatsnachfrage expansiv, denn sie erlaubt die Beschäftigung von Ressourcen, die andernfalls mangels Nachfrage arbeitslos geblieben wären.
Es wird daher nicht etwas anderes produziert, sondern es wird mehr produziert, als ohne die
Staatsnachfrage hergestellt worden wäre.
Es bleibt aber das Problem, dass die schuldenfinanzierte Staatsnachfrage einzig in dem Jahr
eine Wirkung zeitigt, in dem sie getätigt wird. Was dagegen als Effekt dauerhaft bleibt, sind die
höheren Schulden. Höhere Schulden wirken jedoch kontraktiv. Wie oben gezeigt, erfordern höhere Schulden einen größeren Primärüberschuss zur Stabilisierung der Schuldenquote. In der
Zukunft müssen also entweder die primären Staatsausgaben reduziert oder die Steuern erhöht
werden, um die Zinsen aufzubringen. Unterstellt man einen Zinssatz von beispielsweise 5 %,
dann werden bei 80 % Staatsverschuldung 0,8 ⋅ 5 % = 4 % des BIP in Richtung der Staatsgläubiger umverteilt. Da das Vermögen in der Regel in den oberen Einkommensgruppen konzentriert ist, und diese einen hohen Anteil des zusätzlichen Einkommens sparen, bedeutet diese
Einkommensumverteilung, dass die Staatsnachfrage (und daher, beim oben unterstellten Multiplikator: das BIP) ebenfalls um rund 4 % niedriger ist als bei einer Schuldenquote von Null.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Diese Überlegungen sprechen nicht gegen ein Deficit
spending in der Krise: Eine schnelle Reaktion ist erforderlich und formal denkbare Alternativen
bräuchten u. a. vermutlich zu viel Zeit. Aber dem Deficit spending in der Krise muss notwendiger der Budgetüberschuss nach der Krise als Ausgleich gegenüberstehen.
12.8. Wiederholungsfragen
1) Erläutern Sie die drei möglichen Interpretationen für den autonomen Konsum.
2) Erläutern Sie, warum das Gleichgewicht auf dem Gütermarkt im Einkommen-AusgabenModell stabil ist.
3) Erläutern Sie, wie es zum Multiplikatoreffekt kommt.
4) Nennen Sie drei Maßnahmen, die zur restriktiven Fiskalpolitik gezählt werden.
5) Welcher Multiplikator ist dem Betrag nach größer: Der Steuermultiplikator oder der
Staatsausgabenmultiplikator? Erläutern Sie, warum das so ist.
6) Was besagt das Haavelmo-Theorem?
7) Was sind die „animal spirits“?
8) Wovon ist die Wirkung der „automatischen Stabilisatoren“ abhängig?
9) Von welchen Größen hängt die Staatsschuldenquote langfristig ab?
10) Was versteht man unter dem Primärsaldo?
11) Erläutern Sie die negativen Wirkungen der Staatsverschuldung mit Hilfe der Schulden-Fee.
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13.
Ansatzpunkte für die Konjunkturpolitik: Das IS-MP Modell
Nachdem wir bisher ausgiebig die Instrumente und Wirkungen der Fiskalpolitik analysiert haben, gilt es nun auch die Geldpolitik mit in die Untersuchung mit einzubeziehen. Dazu wird das
E-A-Modell zum IS-MP Modell18 weiter entwickelt.
13.1. Die Herleitung der IS-Kurve
13.1.1. Die Investitionsfunktion
Zur Erinnerung: Investitionen sind Güter, die zur Erhaltung, Erweiterung oder Verbesserung des
Kapitalstocks bzw. des Produktionspotentials dienen.
Bei der Wirkung von Investitionen können zwei unterschiedliche Perspektiven betrachtet werden. Zum einen erhöhen Investitionen den Kapitalstock. Das ist Gegenstand der Wachstumstheorie. Zum andern sind Investitionen Bestandteil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und
lösen dadurch einen Multiplikatoreffekt aus.
Abbildung 13.1: Die Wirkungen von Investitionen
Bisher galt die Annahme, dass die Investitionen exogen vorgegeben waren. Wir haben uns also
keine Gedanken gemacht, warum die Unternehmen in welcher Höhe investieren wollen. Ob
Investitionen durchgeführt werden oder nicht, hängt maßgeblich davon ab, ob sie sich lohnen.
Diese Frage beantwortet die Investitionstheorie.
Eine Möglichkeit, um die Rentabilität eines Investitionsvorhabens zu ermitteln, ist die Kapitalwertmethode.19 Bei der Kapitalwertmethode werden die zukünftigen, diskontierten Einnahmeüberschüsse den Investitionsausgaben gegenübergestellt. Übersteigen die Einnahmeüberschüsse die Investitionsausgaben, so ist der Kapitalwert positiv, und die Investition ist rentabel.
Formal:
K 0 = − I0 +
x1 ⋅ p1 − Ko1 x 2 ⋅ p2 − Ko2
x ⋅ p − Ko
+
+⋯ + N N N N
2
(1 + r1 )
(1 + r2 )
(1 + rN )
Auf dem Bruchstrich stehen die Einnahmeüberschüsse (EÜ) als erzielter Umsatz (xi pi) abzüglich aufgewandter Kosten Koi der jeweiligen Periode i. Dafür kann man auch kurz EÜi schreiben.
Hierbei ist außerdem zu beachten, dass die Preise, Mengen und Kosten von der Konjunktur
18
In fast allen anderen Lehrbüchern werden Sie an dieser Stelle ein anderes Modell finden, das IS-LM-Modell.
Dieses hat mit dem IS-MP-Modell (wie die Namen schon sagen) die IS-Kurve, also die zinselastische Nachfrage, gemein. Es arbeitet aber mit einer exogen vorgegebenen Geldmenge, in der Realität geben aber die Zentralbanken den Zinssatz vor. Daher wird hier dem Vorschlag von David Romer (David Romer: Short-Run Fluctuations, University of California, Berkeley, First version: August 1999) gefolgt, den Zinssatz zu bestimmen und
die Geldmenge sich endogen anpassen zu lassen.
Ein weiterer Vorteil des IS-MP-Modells gegenüber dem IS-LM-Modell besteht darin, dass sowohl die Geldpolitik
(MP-Kurve) als auch die IS-Kurve den realen Zinssatz als Argument haben. Im IS-LM-Modell ist demgegenüber
für die IS-Kurve der reale und für die LM-Kurve der nominale Zinssatz wichtig, so dass das Modell eigentlich
nur unter der Zusatzannahme funktioniert, dass die Inflationsrate Null ist.
19
Vgl. z.B. Beate Burgfeld-Schächer: Investition und Finanzierung, Studienbuch, Iserlohn 2012, S. 111 – 116.
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und der Konkurrenz abhängig sind. Unter dem Bruchstrich steht der Diskontfaktor ri. Er setzt
sich aus dem risikolosen Zinssatz und einer Risikoprämie zusammen.
Die Rentabilität einer Investition hängt also von mehreren Faktoren ab:
•
den Zinssätzen,
•
den Risikoprämien
•
den Preisen,
•
den Mengen
•
den Kosten. und
•
der Lebensdauer des Produktes,
Verkürzt kann man daher schreiben:
N
EÜi
i=1
(1 + ri )
K0 = ∑
i
− I0
Die Investitionen sind also insgesamt abhängig von den Zinsen und den Einnahmeüberschüssen.
I = I(r, EÜ)
Mit Zinsen sind hierbei die Realzinsen gemeint, denn die Investoren achten bei ihrer Kalkulation
nicht nur auf die nominalen Zinsen, sondern auch auf mögliche Preissteigerungen ihrer Produkte.
Steigen die Zinsen, so erhöhen sich die Refinanzierungskosten20 der Investition. Dadurch sinkt
die Rentabilität und die Unternehmen führen weniger Investitionen durch. Die Investitionsnachfrage sinkt. Wenn die Zinsen dagegen fallen, so wird die Refinanzierung günstiger und die Unternehmen dehnen ihre Investitionen aus.
Die nachfolgende Grafik zeigt, was mit der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und dem Einkommen passiert, wenn die Zinsen sinken. Angenommen, die Zinsen sinken von r1 auf r2. Dadurch
steigen die Investitionen um einen bestimmten Betrag, der mit ∆I bezeichnet werden soll. Die
höhere Investitionsnachfrage erhöht die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Deren Kurve verschiebt sich nach oben von YNE1 auf YNE2. Durch den Multiplikatorprozess (Kapitel 12.4.4) steigt
auch das Gleichgewichtseinkommen von Y1* auf Y2*. Das kann auf der Abszisse abgelesen
werden. Es gilt:
∆Y = Y2* – Y1* = 1/(1 – c) ∆I von Y1* auf Y2*.
20
Bei einer Finanzierung mit Hilfe eines Bankkredits, steigen die Kreditkosten, bei einer Eigenkapitalfinanzierung
steigen die kalkulatorischen Eigenkapitalzinsen (Opportunitätskosten).
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Abbildung 13.2: Die grafische Herleitung der IS-Kurve
Zu jedem Zins gibt es folglich ein entsprechendes Gleichgewichtseinkommen. Werden nun diese Ergebnisse in ein Zins-Einkommen Diagramm (unterer Teil der Abbildung 13.1) übertragen,
so kann man alle Kombinationen von Zins und Einkommen dort eintragen und erhält eine fallende Kurve. Diese Kurve wird IS-Kurve genannt. Der Name rührt daher, das die Bedingung
„Investition gleich Sparen“ ein Gleichgewicht auf dem Gütermarkt bedeutet.
Man kann zeigen, dass die Verwendung der Gleichgewichtsbedingung YNE = YAT in einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne Staat dazu führt, dass Investieren gleich Sparen ist, also
I = S.
Die IS-Kurve ist daher der geometrische Ort aller Gleichgewichte auf dem Gütermarkt, die sich
bei unterschiedlichen Realzinsen ergeben. Das darf man nicht mit einem funktionalen ZusamMakroökonomik Wintersemester 2016/17
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menhang verwechseln. Ein steigendes Einkommen führt nicht zu einem sinkenden Zinssatz,
sondern ein hohes Einkommen ist nur mit einem geringen Zins und einem Gleichgewicht auf
dem Gütermarkt vereinbar. Die IS-Kurve hat einen fallenden Verlauf, weil ein höherer Zins mit
einem geringeren Volkseinkommen verbunden ist.
Da die IS-Kurve aus den Werten des Einkommen-Ausgaben-Modells abgeleitet wurde, bleibt
alles, was über das Einkommen-Ausgaben-Modell gesagt wurde, erhalten. Insbesondere ändert
sich auch nichts an den Multiplikatoren. Die einzige Änderung gegenüber dem EinkommenAusgaben-Modell besteht darin, dass diese Multiplikatoren jetzt nicht mehr direkt das Einkommen liefern, sondern nur die Lage (bzw. die Verschiebung) der IS-Kurve bestimmen.
Um die IS-Kurve zu erhalten muss algebraisch nicht mehr gemacht werden, als das Einkommen-Ausgaben-Modell um eine zinselastische Investitionsnachfrage zu ergänzen.
Bisheriges Einkommen-Ausgaben-Modell (bei Kopfsteuern und exogenen Nettoexporten):
YNE = C + I + G + NX
C = C0 + c ⋅ Yverf
Yverf = Y – T.
T = T0
I = I0
G = G0
NX = NX0
YAT = Y
YAT = YNE
Was jetzt neu hinzukommt, ist, dass die Annahme exogener Investitionen durch eine zinsabhängige Investitionsnachfrage ersetzt wird:
I = I0 – b · r
Die Investitionen hängen also ab von einem unerklärten Teil (in dem könnten z.B. Ersatzinvestitionen stecken oder die erwartete Absatzentwicklung) und dem Realzinssatz - wobei ein höherer Realzinssatz eine geringere Investitionsnachfrage hervorruft.
Setzt man nun die einzelnen Größen in die Nachfragegleichung ein, erhält man:
YNE = C0 + c ⋅ (Y – T0) + I0 – b · r + G0 + NX0
und unter Berücksichtigung der Gleichgewichtsbedingung die IS-Kurve
IS : Y* =
1
1
⋅ ( C0 − c ⋅ T0 + I0 + G0 + NX0 ) −
⋅b⋅r
1− c
1− c
In der wirklichen Welt ist nicht nur die Investitionsnachfrage zinsabhängig – wenn man sich vor
Augen hält, wie viele Firmen in der letzten Krise mit günstigen Finanzierungsbedingungen geworben haben (Autowerbung, 0%-Finanzierung bei Metro ...), dann sollte man vermuten, dass
sie auch die Konsumnachfrage für zinsabhängig gehalten haben. Das könnte man zwar berücksichtigen (in der Konsumgleichung), aber warum noch einen weiteren Buchstaben in die ISKurve einführen, wenn der Effekt schon über die zinsabhängige Investitionsnachfrage eingefangen ist?
Die Konstante I0 ist zunächst einfach mal wieder der Tatsache geschuldet, dass aus Vereinfachungsgründen mit linearen Funktionen gearbeitet wird. Die Auswirkung einer Zinsänderung auf
das Einkommen ist folglich:
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dY
= Multiplikator ⋅ ( −b)
dr
dY = Multiplikator ⋅ (−b) ⋅ dr
Andererseits könnte man I0 aber auch eine inhaltliche Interpretationen geben, indem man es
als Investitionsbereitschaft interpretiert (bei Joan Robinson und Kaldor: "animal spirits" genannt): Ein höheres Vertrauen in die zukünftige Konjunkturentwicklung (und damit die zukünftigen Absatzchancen für die eigenen Produkte) erhöht die Bereitschaft zur Investition. Dadurch
erhöht sich die Investitionsnachfrage bei jedem gegebenen Zinssatz. Es gibt zwar keinen Investitionsklimaindex, aber einen Index der Auftragseingänge oder z.B. den Ifo-Geschäftsklimaindex.
Eine Veränderung von I0 würde dann im Modell durch eine Verschiebung der IS-Kurve widergespiegelt - nach links, wenn die Bereitschaft gesunken ist, nach rechts, wenn sie gestiegen ist.
Diese Verschiebung wird im nächsten Abschnitt genauer analysiert, allerdings am Beispiel einer
Veränderung der Staatsnachfrage.
13.1.2. Die Wirkung einer höheren Staatsnachfrage
In diesem Abschnitt soll untersucht werden, wie sich eine Änderung der Staatsausgaben auf die
IS-Kurve auswirkt.
Die blauen und die roten Kurven unterscheiden sich nur dadurch, dass die Staatsausgeben bei
den roten Kurven niedriger sind, als bei den blauen Kurven. Dadurch verläuft die rote Nachfrage
YNEA1 unter der blauen Nachfrage YNEB1.
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Abbildung 13.3: Verschiebung der IS-Kurve durch eine Erhöhung der Staatsausagaben
Bei einem niedrigeren Zinssatz r2 verschieben sich beide Kurven nach oben. Überträgt man die
Werte wiederum in ein Zins-Einkommen Diagramm, so ist beim Zinssatz r1 das Einkommen in
der Situation mit den geringeren Staatsausgaben kleiner.
Die IS-Kurve verläuft daher weiter links. Bei jedem Zins ist das Einkommen nun größer. Die ISKurve hat sich nach rechts verschoben.
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Abbildung 13.4: Verschiebungen der IS-Kurve
Dieses Ergebnis lässt sich verallgemeinern:
•
Die IS-Kurve verschiebt sich nach rechts, wenn die Staatsausgaben, die Nettoexporte
oder der autonome Konsum steigen oder wenn die Steuern gesenkt werden.
•
Die IS-Kurve verschiebt sich nach links bei einer Senkung der Staatsausgaben, der Nettoexporte oder des autonomen Konsums oder wenn die Steuern erhöht werden.
13.2. Geldpolitik und MP-Kurve
13.2.1. Die MP-Kurve als Ausdruck der Zielsetzungen der Zentralbank
Die IS-Kurve alleine sagt jetzt nichts darüber aus, wie hoch der Zinssatz oder die Produktion
sind. Wir wissen nur, dass die Wirtschaft irgendwo auf der Kurve zu liegen kommen muss, aber
wir wissen nicht wo. Um dies zu bestimmen, benötigen wir eine zweite Beziehung zwischen
Zinssatz und Produktion.
Diese zweite Beziehung liefert die Ausrichtung der Geldpolitik, für welche die Zentralbank verantwortlich ist. In der Eurozone ist das die Europäische Zentralbank. Im Mittelpunkt der Geldpolitik steht dabei die Frage, wie die Zentralbank auf Störungen des gesamtwirtschaftlichen
Gleichgewichts reagiert.
Die einfachste Version einer geldpolitischen Regel ist die Annahme, dass die Zentralbank den
Realzins in Abhängigkeit von der Inflationsrate steuert. Diese Annahme beruht auf der geldpolitischen Zielsetzung der Zentralbank. In der Eurozone ist die EZB in erster Linie auf die Wahrung der Preisniveaustabilität verpflichtet21. Wenn die Inflation zunimmt, erhöht die Zentralbank
den Zinssatz. Wenn die Inflation sinkt, senkt die Zentralbank die Zinsen.
Diese Charakteristik kann durch eine Gleichung ausgedrückt werden:
r = r(π)
Wenn die Inflation ein zu hohes Niveau erreicht, erhöht die Zentralbank den Zinssatz. Also hat
r(π) einen ansteigenden Verlauf in einem Zins-Inflations-Diagramm. In einem r-Y-Diagramm hat
21
Dies ist die geldpolitische Zielsetzung für der EZB aus dem Vertrag von Maastricht von 1992.
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diese Funktion allerdings einen horizontalen Verlauf. Diese Kurve heißt MP-Kurve (MP für Monetary Policy).
Abbildung 13.5: Das Geldangebot
Eine horizontale MP-Kurve, die sich bei einer expansiven Geldpolitik nach unten und bei einer
restriktiven Geldpolitik oben verschiebt, ist die einfachste Möglichkeit, die Geldpolitik abzubilden. In diesem Kapitel soll eine etwas anspruchsvollere Version verwendet werden, die sog.
Taylor-Regel.
13.2.2. Die Taylor-Regel
In den meisten Fällen lässt sich das Verhalten der Zentralbank darauf zurückführen, dass sie
neben der Preisniveaustabilität auch das Wirtschaftswachstum als geldpolitisches Ziel verfolgt.
So soll beispielsweise die amerikanische Notenbank die Preisniveaustabilität wahren bei
gleichzeitiger Förderung des Wachstums. Und die EZB darf die Wirtschaftspolitik bei anderen
Zielen wie Wachstum oder Vollbeschäftigung immerhin unterstützen, wenn das Ziel der Preisniveaustabilität nicht gefährdet ist. Alle anderen Größen gleich, ziehen die Zentralbanker eine
höhere Produktion vor. Wenn die Produktion zurückgeht, senken sie den Zinssatz, um die
Nachfrage nach Gütern anzukurbeln und den Rückgang der Produktion aufzuhalten.
Andererseits: Wenn die Produktion zunimmt, steigt auch die Kapazitätsauslastung (also die
Auslastung des Kapitalstocks). Das erhöht die Inflationsgefahr, insbesondere wenn die Unter22
nehmen oberhalb ihrer Normalauslastung (Ypot) operieren. Da die Zentralbanken die Inflationsraten jedoch niedrig halten wollen, erhöhen sie den Zinssatz, wenn die Produktion zunimmt.
22
Das Ypot ist in angebotsorientierten Modellen natürlich das Vollbeschäftigungseinkommen. Die Differenz Y Ypot wird daher auch als Outputlücke (output-gap) bezeichnet: In ökonometrischen Modellen wird häufig die Differenz zwischen der aktuellen und der langfristigen Wachstumsrate verwendet. Die Outputlücke zeigt an, wie
stark die gegenwärtige Produktion von der Produktion abweicht, die bei Vollbeschäftigung möglich wäre. Diese
Lücke kann positiv oder negativ sein. In der Hochkonjunktur fahren die Unternehmen Sonderschichten und
überschreiten ihre normale Kapazitätsauslastung. Die hohe Nachfrage erlaubt steigende Preise. In Deutschland
gab es das schon länger nicht mehr, aber in China ist es sehr gut vorstellbar. Umgekehrt wird in der Krise weniger hergestellt als eigentlich geplant, und die Outputlücke übt einen Druck auf die Preisentwicklung aus.
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Dieses gleichzeitige Verfolgen der zwei Ziele „Wachstum“ und „Preisniveaustabilität“ ist als sogenannte Taylor-Regel23 in die Literatur eingegangen. Die Taylor-Regel besagt allgemein, dass
sich die Geldpolitik an den beiden Zielen Wachstum und Preisniveaustabilität ausrichten soll,
wobei die Zentralbank zwar den Nominalzins setzt, damit aber eigentlich eine Steuerung des
Realzinses beabsichtigt.
Für eine mathematische Formulierung der Taylor-Regel gibt es mehrere Möglichkeiten, häufig
wird die folgende Form verwendet:
 Y − Y pot 
no
rZB
= r Z + π + α ⋅ (π − πZ ) + β ⋅ 

pot
 Y

Nach dieser Gleichung ergibt sich der Zinssatz, den die Zentralbank setzt, aus dem Zins rz zuzüglich der Inflationsrate. Der Zins rz ist der Zins, den die Zentralbank anstrebt, um Vollbeschäftigung zu erreichen24. Darüber hinaus gibt es einen Aufschlag, wenn die aktuelle Inflation π über
der Zielinflation πz liegt oder wenn die tatsächliche Produktion über der Normalauslastung liegt.
Die beiden Parameter α und β sind Reaktionskoeffizienten, die beschreiben, wie stark eine Notenbank auf Abweichungen vom BIP- und vom Inflationsziel reagiert. Sind beide Ziele für die
Notenbank von gleicher Bedeutung, so sind die beiden Parameter gleich groß. Häufig wird der
Wert 0,5 vorgeschlagen. Sie können sich, ebenso wie die Werte der Zielvorgaben, von Notenbank zu Notenbank unterscheiden (die EZB z. B. definiert Preisniveaustabilität als ein πz von
unter, aber nahe bei 2 %).
Die Zentralbank senkt (erhöht) ihre Zinsen gemäß der Taylor-Regel, wenn entweder
•
die Produktion unter (über) dem Produktionspotential oder wenn
•
die Inflationsrate unter (über) der Zielrate liegt.
Um diese Gleichung in unserem Modell verwenden zu können, brauchen wir auf der linken Seite den realen Zinssatz. Daher ziehen wir auf beiden Seiten die Inflationsrate ab. Das bedeutet,
dass die Zentralbank zwar nur den nominalen Zinssatz festlegen kann, aber tatsächlich den
Realzins steuern will:
 Y − Y pot 
rZB = r Z + α ⋅ ( π − πZ ) + β ⋅ 

pot
 Y

Diese Gleichung ist eine Gerade mit einem positiven Anstieg.
23
John B. Taylor (1993): Discretion Versus Policy Rules in Practice, Carnegie-Rochester Conference Series on
Public Policy 39, pp. 195 – 214.
24
Dies ist der „natürliche Zins“.
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Abbildung 13.6: Die MP-Kurve bei unterschiedlichen Inflationsraten
Die Inflationsrate π steht nicht auf einer der Achsen des r-Y-Diagramms. Eine Veränderung von
(π – πz) muss daher als eine Verschiebung der MP-Kurve abgebildet werden: Steigt die laufende Inflationsrate25, so verschiebt sich MP nach oben. Fällt sie, so verschiebt MP sich nach unten. Bei einem gegebenen Inflationsziel ist π also ein Lageparameter der MP-Kurve.
Bei ß handelt es sich um einen Steigungsparameter, da Y auf der Abszisse abgetragen wird. Auf
ein zu niedriges Y reagiert die Notenbank mit niedrigeren, auf ein zu hohes mit höheren Zinssätzen.
Eine expansive Geldpolitik kann hier also auf zwei Arten erfolgen: Geht die Inflationsrate zurück, dann reagiert die Notenbank gemäß einer MP-Kurve, die nach unten geschoben wurde.
Sinkt dagegen das Einkommen (Rezession), dann bewegt sich die Notenbank auf der MPKurve nach unten.
Kontrolliert die Zentralbank den realen oder den nominalen Notenbankzinssatz?
Man könnte glauben, dass die Zentralbank nur den nominalen Notenbankzinssatz steuert, insbesondere, weil sie den nominalen Leitzinssatz verändert. In den Beschlüssen des ESZB-Rats
wird ein Leitzins von z. B. 1,5 % festgesetzt und nicht ein Leitzinssatz von Inflationsrate plus
1,5 %. Langfristig muss die Notenbank aber, wenn die Inflation zu hoch ist, den Zinssatz
wieder anheben, so dass die Geldpolitik letztlich eben doch auf eine Steuerung des Realzinssatzes abzielt.
Nun geht ein höheres Volkseinkommen mit einem höheren Kreditvolumen einher: Um mehr zu
produzieren, müssen die Unternehmen mehr Kapitalgüter einsetzen und mehr Arbeit beschäftigen. Daher benötigen sie mehr Finanzmittel, um Investitionen und Lohnzahlungen zu finanzieren. Eine Ausweitung des Kreditvolumens kann aber (bei einem gegebenen Bestand an anderen Anlageformen) nur dann ohne Inflationsgefahr gelingen, wenn die Notenbank etwas höhere
Zinsen durchsetzt.
25
Da Notenbanken in der Regel Prognose-Modelle benutzen, könnte hier auch die erwartete Inflationsrate stehen.
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Für den weiteren Verlauf des Kapitels soll die MP-Kurve etwas vereinfacht werden: Inflationsrate π ist wie oben beschrieben nur ein Lageparameter, also kann man den von der Inflationsrate
abhängigen Teil der Taylor-Regel auch weglassen26.
Das gleiche gilt für das Einkommen bei Normalauslastung Ypot, das ebenfalls nicht mehr explizit
berücksichtigt werden soll.
Wie oben gezeigt, muss die Zentralbank bei steigendem Kreditvolumen für einen steigenden
Zins sorgen, also steigt r für ein steigendes Y:
Zusammengezogen ergibt sich so als vereinfachte Gleichung der MP-Kurve:
MP: r = i0 + β · Y
wobei der Wert der Konstanten i0 wieder den Einfluss der hier nicht thematisierten Faktoren rz,
πz, π und Ypot widerspiegelt.
Normalerweise wird die MP-Kurve nicht linear verlaufen: Ab einem bestimmten Outputgap wird
die Notenbank ihren Zinssatz auf null senken. Vom Ursprung bis zu diesem Y wird die MPKurve flach (unendlich elastisch) sein und erst ab diesem Punkt wird sie ansteigen. Für die algebraische Darstellung wird aber der Einfachheit halber die lineare Spezifikation verwendet.
Lediglich bei der Erörterung der Finanzkrise, wenn das Modell nur graphisch diskutiert wird,
wird die MP Kurve so gezeichnet, wie sie nach dieser Vorüberlegung plausibel ist.
13.3. Das IS-MP Modell zur Analyse politischer Maßnahmen
Wir können nun die IS und die MP-Kurve in einem Diagramm vereinigen. Der Punkt, an dem
sich die beiden Kurven schneiden, gibt uns den realen Zinssatz und das Produktionsniveau. An
diesem Punkt entsprechen sich geplante Ausgaben und Produktion und die Zentralbank setzt
den Zinssatz nach ihren geldpolitischen Zielsetzungen fest. Das IS-MP Diagramm zeigt auf, wie
Produktion und Zinssatz kurzfristig bestimmt werden. Mit Hilfe dieses Diagramms können wir
untersuchen, wie unterschiedliche ökonomische Entwicklungen und wirtschaftspolitische Maßnahmen diese beiden Größen beeinflussen.
26
Man muss aber im Gedächtnis behalten, dass sich die MP-Kurve sich verschiebt, wenn sich die Inflationsrate
sich ändert.
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Abbildung 13.7: Das IS-MP Gleichgewicht
13.3.1. Eine Zunahme der Staatsausgaben
Wie im vorigen Kapitel bereits angesprochen, sind die Staatsausgaben eine wichtige Größe in
der Wirtschaftspolitik. Ein Anstieg des Staatsverbrauchs bewirkt einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und dieser Anstieg verschiebt die IS-Kurve nach rechts. Die Regel der
Zentralbank, nach der sie den Zinssatz festlegt, wird durch die fiskalpolitische Entscheidung
nicht tangiert. Folglich bleibt die Lage der MP-Kurve unverändert. Diese Wirkungen sind in der
nachfolgenden Abbildung dargestellt:
Abbildung 13.8: Eine Zunahme der Staatsausgaben
Die Abbildung 13.8 zeigt den alten und den neuen Schnittpunkt der IS-Kurve mit der MP-Kurve.
Sowohl Einkommen als auch Realzins sind in Folge der höheren Staatsausgaben gestiegen.
Wir können auch bestimmen, wie die anderen Nachfragekomponenten betroffen sind: Der Anstieg der Zinsen reduziert die Investitionen. Neben dem Multiplikatoreffekt gibt es demnach
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noch diesen zweiten Effekt, der genau in die entgegen gesetzte Richtung wirkt. Dieser Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, der von einer fiskalpolitisch verursachten Erhöhung
der Zinsen ausgeht, wird als Verdrängungseffekt (Crowding-out) bezeichnet.
Durch die Staatstätigkeit kommt es somit zu einer Umschichtung: Die privaten Investitionen
gehen aufgrund der steigenden Zinsen zurück, der Konsum nimmt dagegen zu, weil das Einkommen gestiegen ist.
13.3.2. Der Übergang zu einer restriktiveren Geldpolitik
Mit diesem Modell kann auch die Wirkung der Geldpolitik analysiert werden, beispielsweise eine
restriktive Geldpolitik. Das könnte dann der Fall sein, wenn die Zentralbanker zu der Überzeugung kommen, dass die aktuelle Inflationsrate zu hoch ist. Um sie zu senken, muss die Zentralbank den Realzins erhöhen. Die Zentralbank ändert also ihre Zielsetzung dahingehend, dass
sie bei einem gegebenen Produktionsniveau einen höheren Realzins verwirklichen möchte. Diese Straffung der Geldpolitik bedeutet eine Verschiebung der MP-Kurve nach oben. Die IS-Kurve
bleibt von dieser Maßnahme unberührt. Diese Wirkungen zeigt die folgende Abbildung.
Abbildung 13.9: Restriktive Geldpolitik im IS-MP Modell
Auch in diesem Fall können wir die Wirkungen auf die einzelnen Bestandteile der Nachfrage
bestimmen: Der Anstieg der Zinsen verringert die Investitionen und das geringere Einkommen
führt zu einem niedrigeren Konsum. Da die Staatsausgaben exogen sind, verändern sie sich
nicht.
13.3.3. Policy Mix: Gemeinsame Geld- und Finanzpolitik
Geldpolitik und Fiskalpolitik müssen nicht isoliert voneinander durchgeführt werden, sondern
sind in vielen Fällen aufeinander abgestimmt. Dies kann durch eine explizite Koordination der
Entscheidungsträger in Regierung und Zentralbank erreicht werden. Es ist aber genauso möglich, dass die äußeren wirtschaftlichen Entwicklungen dazu führen, dass Regierung und Zentralbank unabhängig voneinander Maßnahmen ergreifen.
Wenn Geldpolitik und Fiskalpolitik gleichzeitig aktiv werden, bewegen sich IS- und MP-Kurve
gleichzeitig. Je nach Richtung und Ausmaß dieser Bewegung kann praktisch jede denkbare
Kombination von Realzins und Einkommen eintreten. Ein besonders interessanter Fall liegt vor,
wenn die beiden politischen Maßnahmen so eingesetzt werden, dass das Einkommen konstant
bleibt. So könnten zum Beispiel das Parlament und die Regierung Steuererhöhungen beschlieMakroökonomik Wintersemester 2016/17
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ßen, während die Zentralbank gleichzeitig die Geldpolitik so ändert, dass das Einkommen konstant bleibt.
Diese Annahmen beschreiben treffend die Regierungszeit in den frühen 1990ern unter den Präsidenten Bush und Clinton. Mit dem Ziel, das Budgetdefizit zu reduzieren, kürzten diese Regierungen einerseits Transferleistungen und staatliche Konsumausgaben und erhöhten andererseits die Steuern. Die amerikanische Zentralbank wollte einen Rückgang des Einkommens
durch diese fiskalpolitischen Maßnahmen verhindern und senkte ihre Zinsen um das Einkommensniveau zu stabilisieren. Die nächste Abbildung zeigt die Wirkungen dieses Maßnahmenbündels. Die Steuererhöhung verschiebt die IS-Kurve nach links. Die Begründung dafür folgt im
Prinzip der aus dem Abschnitt über die Erhöhung der Staatsausgaben, nur mit umgekehrten
Vorzeichen. Der Konsum hängt vom verfügbaren Einkommen (Yverf) ab. Das verfügbare Einkommen ergibt sich aus dem Einkommen abzüglich der Steuern:
Yverf = Y – T.
Eine Erhöhung der Steuern senkt das verfügbare Einkommen und damit auch den Konsum. Im
Einkommen-Ausgaben-Modell verlagert sich die Nachfrage nach unten und senkt das Gleichgewichtseinkommen bei jedem Realzinsniveau. Durch die Entscheidung der Zentralbank, die Zinsen zu senken, verschiebt sich die MP-Kurve nach unten. Annahmegemäß soll das Gleichgewicht der neuen IS- und MP-Kurve das Einkommen unverändert belassen.
Abbildung 13.10: Die Wirkungen eines koordinierten Einsatzes von Geldpolitik und Fiskalpolitik,
die das Einkommen konstant hält
Auch wenn der kombinierte Einsatz von Fiskal- und Geldpolitik das Einkommen insgesamt unverändert lässt, so ändert er gleichwohl dessen Zusammensetzung. Bei konstantem Einkommen und höheren Steuern ist das verfügbare Einkommen geringer und folglich auch der Konsum. Wie aus der Zeichnung ersichtlich, sinkt der Zinssatz. Daher steigen die Investitionen.
Diese Analyse hat daher zwei Ergebnisse: Der koordinierte Einsatz von Fiskal- und Geldpolitik
kann
•
eine Verringerung des Haushaltsdefizits ohne Einkommensrückgang bewerkstelligen
•
die Zusammensetzung der Nachfrage weg vom Konsum und hin zu Investitionen bewirken.
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13.3.4. Eintrübung des Konsumentenvertrauens
Bis hierher war der Staat die einzige Ursache für Schwankungen in der wirtschaftlichen Aktivität. Nun können indessen auch Entwicklungen im privaten Sektor, also bei den Unternehmen,
den Haushalten oder im Ausland diese Schwankungen verursachen. Stellvertretend für diese
Art der Störungen wird in diesem letzten Anwendungsbeispiel eine Eintrübung des Konsumentenvertrauens analysiert. Wir nehmen daher an, dass die Konsumenten aus irgendeinem Grund
mit größerer Sorge in die Zukunft blicken. Dies veranlasst die Haushalte weniger zu konsumieren, um mehr sparen zu können. Man kann dies auf zwei verschiedene Arten modellieren. Zum
einen könnte der autonome Konsum C0 sinken. Dann würde sich die aggregierte Nachfrage
nach unten verschieben. Alternativ können die Haushalte auch beschließen, einen geringeren
Anteil aus ihrem verfügbaren Einkommen zu verbrauchen. Dann sinkt die marginale Konsumneigung und die aggregierte Nachfrage dreht sich im Uhrzeigersinn. Auch wenn sich beide Ansätze in Einzelheiten unterscheiden, so haben sie doch gemeinsam, dass die Nachfrage sinkt
und damit auch das Gleichgewichtseinkommen. Im r-Y-Diagramm verschiebt sich die IS-Kurve
nach links: Die Volkswirtschaft entwickelt sich entlang der MP-Kurve und sowohl Realzins als
auch Einkommen gehen zurück.
Abbildung 13.11: Eine Eintrübung des Konsumentenvertrauens
Veränderungen des Konsumentenvertrauens gehören zu den wichtigsten und häufigsten Ursachen für Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität. Als im Sommer 1990 der Irak überraschend in Kuwait einmarschierte, war dies der Auslöser für eine starke Verschlechterung beim
Konsumentenvertrauen. Diese Verschlechterung verschob die IS-Kurve nach links. Prinzipiell
hätte eine schnelle Antwort der Zentralbanker die MP-Kurve nach unten verschieben und damit
einen Rückgang des Einkommens verhindern können. Ebenso hätte die Regierung die Staatsausgaben erhöhen oder die Steuern senken können, um damit die Linksverschiebung der ISKurve aufzuhalten. In der Praxis erkennen die Politiker eine Eintrübung des Konsumentenvertrauens viel zu spät, um ein schnelles Gegensteuern einzuleiten. Im Ergebnis rutschte die Weltwirtschaft daher in eine Rezession.
Ein noch bekannteres Beispiel für eine Verschiebung der Konsumfunktion ereignete sich 1929
in den USA. Fast 10 Jahre lang kannten die Kurse an den Aktienmärkten praktisch nur eine
Richtung: nach oben. Dies führte zu einer breiten Partizipation der Haushalte bei Aktien. Dann
kollabierten im Oktober 1929 unvermittelt die Aktienmärkte, was zu einer großen Verunsicherung bei den Konsumenten führte. Anschaffungen langlebiger Konsumgüter wurden aufgeschoben. Die Konsumfunktion verschob sich stark nach unten und was bis dahin wie eine milde ReMakroökonomik Wintersemester 2016/17
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zession ausgesehen hatte, entwickelte sich zu dem, was heute als Weltwirtschaftskrise in den
Geschichtsbüchern zu finden ist.
Im Unterschied dazu führte die gute Stimmung im Sommer 2006 zu einer Verbesserung des
Konsumentenvertrauens. Nicht nur war Deutschland Ausrichter der Fußball-WM, zudem kauften die Deutschen viele langlebige Konsumgüter, weil sie die Erhöhung der Mehrwertsteuer
zum 1.1.2007 vermeiden wollten. Die Folge war eine kräftige Belebung der Nachfrage, die ISKurve verschob sich nach rechts.
13.4. Der Notenbankzinssatz und der Kreditzinssatz
13.4.1. Die Risikoprämie der Banken
In diesem Abschnitt wird die MP-Kurve stärker den empirischen Gegebenheiten angenähert.
Dazu sollte die MP-Kurve den Zins enthalten, der auch bei den Unternehmen für ihre Investitionsentscheidungen zugrunde gelegt wird.
Mit dem Leitzins legt die Notenbank den Zinssatz fest, zu dem sich Banken bei ihr refinanzieren
können. Damit bestimmt sie die Refinanzierungskosten der Banken.27 Allerdings ist das aus
zweierlei Gründen nicht der Zinssatz, der im IS-MP-Modell verwendet wird:
Erstens kann sich das Publikum nicht direkt bei der Notenbank refinanzieren, sondern ist auf
die Banken und/oder auf den Markt für Unternehmensschuldverschreibungen angewiesen. In
Europa spielen die Banken eine größere Rolle, während in den USA die Kreditaufnahme zu
einem großen Teil über den Bondmarkt erfolgt.
Abbildung 13.12: Unternehmensfinanzierung im Euro-Raum und in den USA (2001 - 2011)
Quelle: Bundesverband deutscher Banken
Zweitens erfordern Investitionen in der Regel eine langfristige Finanzierung, während der Refinanzierungssatz der Notenbank ein kurzfristiger Zinssatz ist. Von Interesse für das IS-MPModell ist daher der am Kreditmarkt geforderte Realzinssatz, nicht der Refinanzierungssatz der
Notenbank.
In vielen Modellen wurde dieser Unterschied vernachlässigt, dass der Kreditzinssatz und nicht
der Refinanzierungssatz der Notenbank für das Gleichgewichtseinkommen entscheidend ist.
Entweder wurde das Bankensystem einfach als ausführender Arm der Notenbank angesehen
und/oder es wurde argumentiert, dass die Erweiterung trivial sei, da man die Gleichung für den
Realzinssatz nur um die Zinsmarge der Banken in Form eines Aufschlags ergänzen müsse.
27
Im Falle der EZB ist das der Hauptrefinanzierungssatz oder im Falle der FED die Federal Funds Rate.
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13.4.2. Änderungen der Risikoprämie für Kredite
In der Finanzkrise 2008 – 2010 hat sich gezeigt, dass diese Vereinfachung problematisch ist,
weil der Aufschlag kein fester Parameter ist, sondern sehr stark variieren kann. Der Zinsaufschlag der Banken setzt sich aus zwei Komponenten zusammen:
Zum einen müssen die Vertriebs- und Verwaltungskosten sowie die Eigenkapitalkosten der
Bank durch einen Aufschlag gedeckt werden (eigentliche Zinsmarge). Diese Zinsmarge soll hier
mit zm abgekürzt werden. Zum zweiten wird eine Risikoprämie gefordert, die die Bank für die
eingegangenen Risiken bei der Kreditvergabe kompensiert, insbesondere dem Risiko, dass ein
Kreditnehmer ausfällt. Diese Risikoprämie wird hier mit rp bezeichnet.
Damit wird die Lage der Kreditangebotsfunktion der Banken durch drei Kostenbestandteile bestimmt: Den Refinanzierungskosten der Banken, der Zinsmarge und der Risikoprämie:
r = rZB + zm + rp
Und daraus folgt eine erste Schwierigkeit für die Geldpolitik: In einem Konjunktureinbruch wird
zwar die Notenbank ihren Refinanzierungssatz senken, aber zugleich steigt aus Sicht der Banken die Unsicherheit bei der Kreditvergabe, da eine Krise zu einer höheren Zahl an Insolvenzen
führen wird.
Das gestiegene rp verschiebt also die MP-Kurve nach oben (roter Pfeil), während die Absenkung von rZB die Kurve nach unten verschiebt (grüner Pfeil). Ob sich die MP-Kurve in der
Summe also nach unten oder nach oben verschiebt, hängt davon ab, welcher der beiden Einflussfaktoren stärker ist – obwohl es natürlich zutreffend bleibt, dass die Absenkung des Refinanzierungszinssatzes in der Krise dazu führt, dass die MP Kurve niedriger verläuft als sie es
ohne die Zinssenkung der Zentralbank täte.
Abbildung 13.13: Verschiebung der MP-Kurve in der Krise
In der Praxis zeigt sich, dass diese Risikoaufschläge sehr stark variieren können. Die folgende
Abbildung zeigt die Entwicklung der Zinsdifferenz zwischen sehr guten Anleihen (AAA) und guten Anleihen (BBB) bzw. schlechten Anleihen (B) im Zeitraum von 2002 bis 2011 ein US-
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Industrieanleihen. Wie man sieht, steigen die Aufschläge selbst für gute Anleihen von ca. 150
Basispunkten28 auf knapp unter 600 Basispunkte.
Abbildung 13.14: Kreditspreads für gute und schlechte Anleihen im Zeitablauf.
Quelle:
http://reklam-gallery.ru/best/credit-market-spreads/
13.4.3. Der Transmissionsmechanismus der Geldpolitik
Der Transmissionsmechanismus der Geldpolitik beschreibt, wie sich geldpolitische Maßnahmen
(z.B. eine Zinssenkung) in der Realwirtschaft auswirken. Bereits der vorherige Abschnitt machte
ersichtlich, dass die Geldpolitik evtl. in ein Problem hineinlaufen kann: Da der Realzinssatz Nominalzinssatz minus Inflationsrate ist, lautet die Formel für der Realzinssatz am Kreditmarkt:
no
r = rZB
+ zm + rp – π
Nun kann die Zentralbank ihren Nominalzinssatz schlecht unter Null senken, denn dann können
die Banken sich unendlich viel Geld bei der Notenbank leihen, es liegen lassen (im Zweifelsfall
einfach auf ihrem Konto bei der Zentralbank) und risikofrei die Zinsen kassieren. Die Banken
könnten Geld verdienen ohne den Aufwand der Kreditvergabe betreiben zu müssen und daher
vermutlich ihre Kreditabteilung auflösen.
Es gibt daher eine absolute Untergrenze, unter die keine Notenbank der Welt den Realzinssatz
drücken kann. Sie kann den Hauptrefinanzierungssatz auf Null setzen und dann bleibt als Untergrenze für den Realzinssatz
r = 0 + zm + rp – π.
Diese Grenze wird (mit etwas abweichender Herleitung) in der Lehrbuchliteratur als Liquiditätsfalle bezeichnet. Tiefer kann das Zinsniveau nicht fallen. Wenn die Güternachfrage so stark
eingebrochen sein sollte, dass auch dieser Zinssatz nicht ausreicht, um den Nachfrageeinbruch
zu kompensieren, verliert die Geldpolitik ihre Wirksamkeit.
Erschwerend kommt in dieser Situation hinzu, dass in einer Krise im Allgemeinen rp, die geforderte Risikoprämie der Banken, steigt, weil im Zuge einer Krise mehr Unternehmen in Schwie-
28
100 Basispunkte entsprechen 1 %-Punkt.
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rigkeiten kommen werden, ihre Kredite zu bedienen. Erfahrungsgemäß steigt die Zahl der Konkurse mit der Dauer der Krise und das wissen natürlich auch die Banken.
Schließlich ist noch zu berücksichtigen, dass in einer Rezession π, die Inflationsrate, fällt, weil
der Nachfrageeinbruch es für die Unternehmen unmöglich macht, höhere Preise durchzusetzen. Genau zu dem Zeitpunkt also, in dem eine expansive Geldpolitik besonders gefordert wäre, die MP-Kurve nach unten zu verschieben, verschiebt sich deren Untergrenze nach oben
(Abbildung 13.15).
Abbildung 13.15: Verschiebung der MP-Kurve in der Krise
Die Macht der Notenbank, die MP-Kurve zu verschieben, ist also begrenzt. Spätestens dann,
wenn sie mit dem nominalen Zentralbankzinssatz bei Null angekommen ist, ist das Ende der
Fahnenstange erreicht – und das kann für den Gütermarkt ein immer noch zu hohes Realzinsniveau bedeuten.
Doch gibt es noch eine zweite Schwierigkeit beim Transmissionsmechanismus der Geldpolitik:
Banken betreiben in der Regel Fristentransformation: Sie vergeben langfristige Kredite zu festen Zinssätzen und refinanzieren sich kurzfristig. Damit gehen sie ein Zinsänderungsrisiko ein:
Die Refinanzierungskosten können sich während der Laufzeit eines Kredits ändern. Daher
müssen in das Kreditangebotskalkül der Bank Erwartungen über die zukünftige Entwicklung des
Zentralbankzinssatzes eingehen. Es ist also zu erwarten, dass Zinssenkungen der Notenbank
ebenso wenig wie Zinserhöhungen eins zu eins im Kreditzinssatz weitergeben werden:29
Formal wäre das zu schreiben als:
( )
no
r = f rZB
+ zm + rp – π; mit 0 <
∂f
no
∂ rZB
<1
Wichtiger als die Formel ist die Erkenntnis, dass eine Absenkung des Leitzinses um 1 % noch
lange nicht den langfristigen Kreditzinssatz ebenfalls um 1 % senkt.
29
Bei variabel verzinslichen Krediten ändert sich nichts am Problem: Das Zinsänderungsrisiko verlagert sich jetzt
lediglich vom Kreditgeber zum Kreditnehmer, wäre also jetzt in der Kreditnachfragefunktion statt in der Kreditangebotsfunktion zu berücksichtigen.
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Eine dritte Komplikation entsteht aus der asymmetrischen Information bei der Kreditvergabe:
Die Kreditnehmer können den Risikogehalt ihres Geschäftsmodells wesentlich besser einschätzen als die Banken. Wenn die Banken ihre Zinsen erhöhen, dann werden zuerst die Kreditnachfrager abspringen, die notfalls auch ohne Kredit über die Runden kommen (credit rationing30:)
und es fragen weiterhin die nach, die ganz verzweifelt Geld brauchen. Das sind aber tendenziell
diejenigen, deren Liquidität angespannt und deren Bonität schlecht ist. Damit sinkt die Qualität
der Kreditnachfrager und das durchschnittliche Ausfallrisiko steigt, wenn die Banken das Zinsniveau anheben. Dem können die Banken dadurch begegnen, indem sie nicht die Zinsen anheben, sondern ihr Kreditangebot bei gegebenen Zinssätzen verknappen. Nicht alle Kreditnachfrager, die bereit sind, den herrschenden Zinssatz zu zahlen, bekommen dann auch einen Kredit, sondern sie werden rationiert: Es werden weniger Kredite vergeben, als nachgefragt werden. Zudem erhöhen die Banken ihre Anforderungen, z.B. an die Sicherheitenstellung durch die
Kreditnehmer oder deren Kreditrating.
Und eine vierte Komplikation gibt es noch. Sie entsteht aus den Eigenkapitalanforderungen an
die Banken. Bei einer festen Eigenkapitalquote31 erfordert eine größere Kreditvergabe eine Kapitalerhöhung und auch diese kann teuer sein. Oder im Extremfall unmöglich. In diesem Falle
können die Banken ihr Kreditangebot nicht weiter ausweiten, weil ihr Eigenkapital nicht ausreicht, um mehr Kredite in ihre Bilanz zu nehmen.
Die Probleme drei und vier können graphisch so dargestellt werden, dass das Kreditangebot
nicht weiter erhöht werden kann, egal wie hoch das Zinsniveau ist: Die MP-Kurve knickt nach
oben ab. (Abbildungen 13.16 und 13.17)
Abbildung 13.16: Kreditrationierung bzw. Eigenkapitalknappheit der Banken
30
Joseph E. Stiglitz; Andrew Weiss; Credit Rationing in Markets with Imperfect Information, in: The American
Economic Review, Vol. 71, No. 3. (June 1981) pp. 393 – 410.
31
Banken können eine höhere Leverage Ratio (= 1/EK-Quote) realisieren, weil sie nur die risikogewichteten Aktiva mit Eigenkapital unterlegen müssen. Durch die Anwendung eigener Risikomodelle können sie diese Quote
in bestimmten Grenzen beeinflussen. Eine profitmaximierende Bank wird diese Möglichkeiten zu jedem Zeitpunkt indessen ausgereizt haben, so dass sich an der Überlegung nichts ändert, außer, dass in der Krise die
Risikogewichte jedenfalls nicht fallen werden.
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Ausgehend vom Ausgangsgleichgewicht Y*, r* kommt es zu einem Nachfragerückgang IS1.
Durch die größere Unsicherheit knickt die MP Kurve ab. Die Banken erhöhen nun aber nicht
den Zins, sondern sie begrenzen den Zinsanstieg auf r1 und beschränken die Kreditvergabe
z.B. durch höhere Anforderungen an die Kreditsicherheiten. Jetzt ist zwar das Zinsniveau niedriger als ohne Rationierung, aber die Rationierung reduziert die Nachfrage und das Einkommen
bricht auf Y1 ein. Wenn die Notenbank nun den Leitzins senkt (blaue Linie), erhöht das zwar die
Gewinne der Banken, nicht aber das Volkseinkommen.
Ausgehend vom Ausgangsgleichgewicht Y*, r* verlieren die Banken durch die Krise einen Teil
ihres Eigenkapitals und können daher ihr Kreditangebot nicht ausweiten, weil sie sonst die Eigenkapitalanforderungen nicht mehr erfüllen können und von der Bankenaufsicht geschlossen
würden. Die MP Kurve knickt nach oben ab und die Zinsen steigen (rote Kurve).
Wenn die Notenbank nun den Refinanzierungssatz absenkt, verschiebt das zwar die MP Kurve
nach unten (blaue Kurve), das Zinsniveau sinkt dadurch aber nicht. Wieder steigt lediglich die
Gewinnmarge der Banken, d. h. die Differenz zwischen Kreditzinssatz und Refinanzierungskosten.
Abbildung 13.17: Eigenkapitalknappheit der Banken
In der nachfolgenden Abbildung kann man erkennen, dass sich die Anforderungen an eine Kreditvergabe im Zuge der Finanzkrise deutlich erhöht haben. Ähnlich wie in Deutschland erhalten
auch in den USA Privatkunden, die einen Kredit wollen, ein Rating im Rahmen eines sog. Scoringmodells.
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Abbildung 13.18: Kreditscores für neu gewährte Hypothekendarlehen in den USA. Die gelbe
Fläche zeigt die Scorings zwischen dem 10 %- und dem 90 %-Percentil. Die
durchgezogene Linie ist der Median.
Quelle:
LPS Applied Analytics, entnommen aus: Ben Bernanke: The Federal Reserve and the Financial Crisis, Lecture 4,
http://www.federalreserve.gov/newsevents/lectures/the-aftermath-of-the-crisis.htm
Man sieht, dass sich seit 2008 die Anzahl der Punkte, die ein Kreditnehmer für eine Kreditgewährung braucht, im Zuge der Finanzkrise deutlich erhöht hat.
13.5. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 – 2010 (Die große Rezession)
13.5.1. Warum der Finanzsektor eine Regulierung braucht
Eine wichtige Lehre aus früheren Finanzkrisen wie den Bankenkrisen des 19. Jahrhunderts und
der Weltwirtschaftskrise 1929 -1936 war, dass man einen „Sturm auf die Bank“ (engl. bank run)
verhindern muss. Dies wurde hauptsächlich durch zwei Maßnahmen erreicht:
1. Die Zentralbank übernahm die Rolle des „lender of last resort“. In dieser Funktion stellt sie
dem Bankensystem Liquiditätskredite zur Verfügung, falls eine Liquiditätsknappheit auftritt.
Damit ist die Gefahr einer Liquiditätskrise gebannt, wenn der Geldmarkt funktioniert.
2. Die Einlagen des Publikums werden seitdem durch eine Einlagenversicherung abgesichert.
Damit ist die Gefahr einer Solvenzkrise beseitigt: Zwar können Banken nach wie vor in die
Insolvenz gehen, aber dies löst keinen bank run mehr aus. Den Einlegern kann es egal sein,
ob sie ihr Geld von der Bank oder von der Einlagenversicherung zurück bekommen.
Allerdings erforderten solche Stabilisierungsmaßnahmen zugleich eine Bankenregulierung: Ohne eine Regulierung würde eine gewinnmaximierende Bank ein Eigenkapital von Null aufweisen, keinerlei Liquiditätsreserven halten und hoch riskante Geschäfte abschließen:
•
Sie würde kein Eigenkapital halten, weil das einen unendlichen Leverage und daher, falls
die Geschäfte erfolgreich wären, eine unendliche Eigenkapitalrendite bedeuten würde.
•
Sie würde keine Liquiditätsreserven halten, weil diese niedrig verzinst sind und daher Opportunitätskosten verursachen.
•
Sie würde riskante Geschäfte abschließen, weil diese eine höhere Rendite haben und sie,
wenn diese scheitern, die Verluste nicht tragen muss – sie verliert nicht ihr eigenes Geld,
sondern das ihrer Kunden. (Oder, genauer, das der Einlagenversicherung, denn die muss
die Kunden ausbezahlen).
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Da es für die Bankkunden gleichgültig ist, von wem sie ihr Geld zurückbekommen, können sie
ihr Geld bei jeder beliebigen Bank anlegen. Deren Solvenz spielt bei der Entscheidung keine
Rolle. Folglich versagt an dieser Stelle der Wettbewerb. Damit wäre das System in einer Dauerkrise gefangen, weil Bankenpleiten zum Normalzustand würden. Da der Markt weder für Eigenkapital noch für eine Reservehaltung sorgt, müssen diese durch staatliche Regulierung, d. h.
durch Bankaufsichtsbehörden durchgesetzt werden.
Weil die Einhaltung von Regulierungsvorschriften für die Banken teuer ist (sonst müsste man
sie ihnen nicht vorschreiben), liegt es im Interesse gewinnmaximierender Banken, diese zu umgehen. Dies geschah zunehmend ab Mitte der 90er Jahre, als riskante Geschäfte aus der Bank
herausgenommen wurden und in sog. Zweckgesellschaften eingebracht wurden. Diese Zweckgesellschaften werden auch als Schattenbanken bezeichnet, weil sie bankähnliche Funktionen
(insbesondere im Kreditvergabeprozess) wahrnehmen, aber keine Banken sind und somit nicht
der Regulierung für Kreditinstitute unterliegen. Daher mussten sie auch kaum Eigenkapital vorhalten. Dies wurde durch die parallel einsetzende Deregulierung der Banken und die Möglichkeit zur Verbriefung von Forderungen erleichtert. Mit Verbriefung ist gemeint, dass aus reinen,
illiquiden Buchforderungen handelbare Wertpapiere gemacht werden.
Diese Zweckgesellschaften hatten zwei wesentliche Merkmale: Zum einen schichteten sie die
Kreditrisiken um, so dass aus einem Pool aus Forderungen (z. B. Hauskredite) mit einer ähnlichen Bonität drei oder auch mehr verschiedene Wertpapiertranchen geformt wurden, die nun
sehr gute, mittlere und schlechte Ratings bekamen. Zum zweiten betrieben sie eine ausgeprägte Fristentransformation indem sie Gelder kurzfristig auf dem Geldmarkt aufnahmen und sie
langfristig anlegten.
13.5.2. Asset Backed Securities
Gegen Ende der 1990er Jahre eroberte eine neue Wertpapierklasse die Kapitalmärkte, die Asset Backed Securities, kurz ABS genannt. Dabei handelt es sich um Wertpapiere, deren Zinsund Rückzahlung durch werthaltige Sicherheiten gedeckt sind. Das war allerdings keine neue
Idee, denn auch die deutschen Pfandbriefe, die es seit 1769 gibt, sind durch Sicherheiten gedeckt, in diesem Fall durch erstklassige Hypothekendarlehen32. Neu war allerdings, dass die
ABS die Kreditrisiken33 in den Sicherheiten neu strukturierten. Die Bonität der emittierten Wertpapiere unterschied sich von der Bonität der Sicherheiten. Das lässt sich am besten an einem
Beispiel erläutern.
Eine Bank vergibt Hypothekendarlehen an Immobilienkäufer. Aus diesen sucht sie die Darlehen
heraus, bei denen die Darlehensnehmer nur ein mittelmäßiges Rating besitzen, die also nicht
von besonders guter Qualität sind. Nun gründet sie eine Zweckgesellschaft (Special Purpose
Vehicle, kurz SPV), deren einziger Zweck es ist, diese Hypothekendarlehen der Bank abzukaufen. Um die Darlehen der Bank abkaufen zu können, gibt die Zweckgesellschaft ihrerseits
Wertpapiere aus, das sind die ABS. Die Wertpapiere werden über den Kapitalmarkt an Investoren (Anleger) verkauft. Dabei legt sie drei (oder mehr) unterschiedliche Tranchen auf.
32
Die Grundlagen für Pfandbriefe sind gesetzlich geregelt sind und nicht nur vertraglich. Seit 1900 gibt es das
Hypothekenbankgesetz und seit 2005 das Pfandbriefgesetz.
33
Mit Kreditrisiko wird die Möglichkeit bezeichnet, dass ein Schuldner seinen Zins- und Tilgungsverpflichtugen
nicht nachkommt.
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Abbildung 13.19: Schematische Darstellung einer ABS Struktur
Zuerst eine Equity-Tranche, die kein Rating bekommt. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie
als erstes die Ausfälle bei den Hypothekendarlehen tragen muss. Fällt ein Darlehensnehmer
aus, sind also nicht alle ABS-Investoren gleichmäßig betroffen, sondern nur die der EquityTranche. Sie wird deshalb auch als „First-Loss-Piece“ bezeichnet. Erst wenn diese Tranche
durch Ausfälle aufgebraucht ist, sind die Gläubiger der nächsten Tranche, der MezzaninenTranche an der Reihe. So abgesichert hat sie hat ein besseres Rating, beispielsweise BBB,
denn die Wahrscheinlichkeit für einen Ausfall verringert sich durch den Puffer des „First-LossPieces“. Schließlich gibt es noch eine dritte Tranche, die Senior-Tranche, für die meist ein AAA
vergeben wird, weil sie einen noch größeren Risikopuffer aufweist.
Abbildung 13.20: Das Wasserfallprinzip
Zeichnung: Jessica Kicinski
Bei den Zinszahlungen verhält es sich nun genau umgekehrt: Als erstes werden die Gläubiger
der Senior-Tranche bedient, danach die der Mezzaninen-Tranche und nur, wenn dann noch
Geld übrig ist, erhalten auch die Besitzer der Equity-Tranche eine Zinszahlung. Man spricht in
diesem Zusammenhang vom „Cascade Priciple“, weil es an die Kaskade eines römischen
Brunnens erinnert34 (Abbildung 13.20).
Je nachdem, welche Art von Krediten in den Sicherheiten-Pool eingebracht werden, kann man
die ABS unterteilen in Mortgage Backed Securities (MBS) mit Hypothekendarlehen und Collate-
34
In der deutschen Literatur wird dieser Ausdruck mit „Wasserfall-Prinzip“ eher schlecht als recht übersetzt.
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ralized Debt Obligations (CDO, forderungsbesicherte Schuldverschreibungen) mit Krediten von
Banken oder Industrieunternehmen. Es ist aber auch möglich, Kreditkartenforderungen, Automobilkredite oder Flugzeugleasingverträge zu verwenden und auf diese Art zu verbriefen.
Für die Banken haben diese Verbriefungen den Vorteil, dass sie damit einen Teil ihres Kreditgeschäfts aus der Bilanz auslagern und damit ihr Eigenkapital entlasten können. Für die Kredite, die in der Bankbilanz verbleiben, müssen die Banken einen Risikopuffer (in der Regel durchschnittlich 8 %) in Form Eigenkapital vorhalten. Für die Investoren liegt der Vorteil in einer höheren Rendite als bei anderen Wertpapieren mit einem gleichen Rating.
Im Vorfeld der Finanzkrise fungierten die Ratingagenturen, die diese Papiere bewerteten,
gleichzeitig als Berater, wie die Tranchierung vorzunehmen war, damit sie das gewünschte Rating erhalten konnten bzw. wie eine optimale Ratingstruktur erreichbar war. Hierbei waren Interessenkonflikte nie ganz auszuschließen. Tatsächlich sind im Verlauf der Finanzkrise auch die
scheinbar sicheren AAA-Tranchen bei einigen ABS ausgefallen.
Anfangs war es Usus, dass das First-Loss-Piece bei der Bank verblieb. Dadurch hatte die Bank
ein hohes Interesse daran, dass die Darlehensraten von den Kreditnehmern des Pools pünktlich bezahlt wurden. Allerdings war das Streben nach Rendite bei einigen Anlegern so groß,
dass sie den Banken auch die First-Loss-Pieces aus den Händen rissen. Daraufhin nahm das
Interesse der Banken an der Überwachung der Kredite merklich ab.
Ein weiteres Problem bestand darin, dass die verwendeten Bewertungsmodelle der Ratingagenturen häufig unterstellten, der Ausfall des einen Kredits sei statistisch unabhängig vom
Ausfall eines anderen Kredits. Diese Ausnahme ist in ruhigen Zeiten vermutlich vertretbar, weil
ein Ausfall eines Kredits in Oklahoma die Kapitaldienstfähigkeit der Kreditnehmer in Boston
nicht tangiert. Das ändert sich indessen, wenn ein äußeres Ereignis alle Kredite gleichzeitig
trifft, wie hier der Anstieg der Zinsen oder die Zunahme der Arbeitslosigkeit durch eine Verlangsamung der Konjunktur. Dann trifft die Annahme der Unabhängigkeit nicht mehr zu, was die
Risiken innerhalb der ABS für jede Tranche sprunghaft ansteigen lässt.
Ihren wahren Aufschwung erlebten die ABS in der ersten Dekade des 21. Jh. Nach dem Platzen der Internetblase 2001 überschwemmten die Zentralbanken die Märkte mit billigem Geld,
allen voran die amerikanische Notenbank Fed. Die entstandene große Liquidität suchte dringend nach neuen Anlagemöglichkeiten. Das trieb die Kurse nach oben und die Renditen nach
unten.
Während die traditionellen Märkte für Staats- und Unternehmensanleihen nur noch unbefriedigende Erträge boten, wiesen ABS attraktive Renditeaufschläge bei scheinbar kalkulierbarem
Risiko auf. Daher waren Pensionsfonds, Versicherungen, Hedge Fonds und Banken nur zu
gerne bereit, immer komplexere Produkte in ihre Bücher zu nehmen35.
Um diese Nachfrage zu befriedigen, mussten die Baufinanzierer an einen entsprechenden Pool
aus Immobilienkrediten kommen, und dafür mussten weitere Kreditnehmer gefunden werden.
Allerdings gab es immer weniger Hauskäufer mit Einkommens- und Vermögensverhältnissen,
die ein erstklassiges Schuldner-Rating („Prime Rating“) erlaubten. Daher wurden immer neue
Kundengruppen mit immer neuen Darlehensverträgen erschlossen. Weil die Banken die gesamten Risiken durch ABS Verbriefungen los wurden, boten sie zunehmend auch Kunden mit
einer schlechteren Bonität Hypothekendarlehen an, sog. Subprime Darlehen. Dies sind die Namensgeber der Subprime Krise: Bei etlichen dieser Kredite vertrauten sowohl Kunde als auch
Bank schon bei Vertragsabschluss darauf, dass die Rückzahlung durch die Wertsteigerung bei
den Immobilien ermöglicht werden würde. So gab es beispielsweise sog. Teaser-Darlehen, die
in den ersten Jahren mit niedrigen Zinssätzen oder Tilgungsfreiheit lockten und schließlich ganz
35
Vor dem Platzen der Blase wurden auch ABS-Strukturen aufgelegt, deren Sicherheitenpool ebenfalls aus ABSTranchen bestand, sog. ABS2. Die Besitzer dieser Wertpapiere hatten in der Regel keine Kenntnis mehr über
die tatsächliche Beschaffenheiten der Sicherheiten.
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auf Kreditraten verzichteten. Das befeuerte auch die Nachfrage nach Immobilien und trieb deren Wert kontinuierlich in die Höhe. Solange sich die Immobilien stetig verteuerten, lebten die
Banken in dem guten Glauben, ihre Kredite seien hinreichend besichert.
13.5.3. Von der Immobilien- zur Finanzkrise
Als die Fed im Jahr 2005 damit begann, die Zinsen zu erhöhen, löste sie damit zwei Effekte
aus, die sich gegenseitig verstärkten: Zum einen stiegen dadurch die Zinsen für Hypothekardarlehen vieler amerikanischer Hausbesitzer, da die Immobilenkredite in den Vereinigten Staaten
häufig über entsprechende Zinsanpassungsklauseln verfügen. Im Unterschied zu Deutschland
gehören in den USA variabel verzinsliche Hypothekendarlehen durchaus zum Standard. Diese
brachten die Schuldner der Subprime-Darlehen jetzt als erste in Zahlungsschwierigkeiten.
Zum zweiten sank die Nachfrage nach neuen und gebrauchten Immobilien durch die Verteuerung der Immobilienkredite und der Anstieg der Immobilienpreise in den USA kam zum Erliegen. Das war für jene Hausbesitzer problematisch, die bei der Finanzierung des Hauses oder
der Wohnung eine Wertsteigerung fest eingeplant hatten. Das Angebot an Immobilen vergrößerte sich, weil die Käufer ausblieben und weil immer mehr Häuser zwangsversteigert werden
mussten.
Was zum Jahresende 2007 als Krise in einem Sektor in einem Land betrachtet wurde, entwickelte sich 2008 zu einer Krise, die nicht nur Banken und ihre Einleger ruinierte, sondern ganze
Volkswirtschaften an den Rand des Abgrunds brachte. Grund dafür waren die ABS der Zweckgesellschaften, deren Sicherheiten aus eben jenen Hypothekendarlehen bestanden, die die
Hauskäufer nicht mehr bedienen konnten. Als die amerikanische Investmentbank Bear Stearns
im Sommer 2008 zwei Hedge Fonds schließen musste, die sich mit solchen ABS verspekuliert
hatten, war dies der Anlass für viele institutionelle Anleger wie Banken und Versicherungen erst
einmal zu überprüfen, was für Anlagen sie eigentlich gekauft hatten. Der Markt für diese Assetklasse kam zum Erliegen, weil es praktisch nur noch Verkäufer gab und weil daher eine Bewertung dieser Papiere kaum noch möglich war. Die Abschreibungen auf diese Wertpapiere, die
aus dem Vorsichtsprinzip erforderlich wurden, rissen große Löcher in die Bilanzen der Banken.
Da die Verluste immer zuerst zu Lasten des Eigenkapitals gehen, verschlechtern sich die Bilanzrelationen. Da die Beschaffung von Eigenkapital in der Krise schwierig ist, verkürzen die
Banken ihre Bilanz in dem sie Kreditpapiere verkaufen, notfalls auch zu Schleuderpreisen. Der
Abbau der Risikoaktiva verbessert das Verhältnis von Eigenkapital zu Fremdkapital. Um sich
etwas Luft (und vor allem auch Liquidität) zu verschaffen, verkauften viele Banken ihre Geldmarktfondsanteile.
Geldmarktfonds legen einen Großteil ihrer Gelder normalerweise in kurz laufende Unternehmensanleihen mit Laufzeiten von wenigen Tagen bis max. 1 Jahr an, sog. Commercial Paper
(CP). Nun waren sie gezwungen, sich liquide Mittel zu beschaffen. Daher konnten sie die Rückflüsse aus Fälligkeiten aufgrund ihres eigenen Liquiditätsbedarfs nicht wieder anlegen, sondern
mussten sie an die Anleger auszahlen. Die großen Mittelabflüsse trockneten den Markt für CPs
im Sommer 2008 nahezu vollständig aus und damit griff die Krise auf den realen Sektor über.
Vielen Unternehmen brach die kurzfristige Finanzierungsmöglichkeit über den Geldmarkt weg,
es kam zu einer Kreditklemme. In der Finanzkrise hatte es zwar keinen run auf die Banken gegeben, dafür aber einen auf die Geldmarktfonds36.
ABS-Tranchen wurden nicht etwa nur von Hedge Fonds erworben. Auch konservative Investoren erwarben in Erwartung kleiner Renditeaufschläge die Senior-Tranchen. Häufig wurden diese Investments ebenfalls in Zweckgesellschaften ausgelagert, um Regulierungsvorschriften zu
umgehen. Der Erwerb der ABS wurde durch die Ausgabe von kurzfristigen Schuldverschrei-
36
Im Unterschied zu richtigen Banken können sich die Geldmarktfonds keine Liquidität bei der Zentralbank beschaffen.
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bungen finanziert, weil die Fristentransformation eine zusätzliche Marge generierte. Fristentransformation birgt die Gefahr, bei Fälligkeit der Emission keine Anschlussrefinanzierung zu
erhalten. Daher mussten die Mutterbanken Garantien in Form von Liquiditätslinien bereitstellen,
welche die CP-Investoren vor Verlusten schützen sollten. Mit dem Zusammenbrechen des
Marktes für CP konnten diese Zweckgesellschaften sich nicht mehr refinanzieren und die Muttergesellschaften mussten einspringen. Prominente Opfer aus deutscher Sicht waren z.B. die
IKB Deutsche Industriebank, die Hypo Real Estate und die Sachsen LB. Deren Reserven reichten nicht aus, um die Garantien zu erfüllen. Sie mussten verkauft, verstaatlicht oder fusioniert
werden. In allen Fällen sprang der Staat (und damit der Steuerzahler) mit Hilfen ein.
Den Höhepunkt erreichte die Krise, als die US-Regierung am 14. September 2008 beschloss,
die Investmentbank Lehman Brothers nicht mit staatlichen Geldern zu retten. Am 15. September musste Lehman Brothers Konkurs anmelden. Diese Nachricht löste eine Erschütterung in
der Bankenwelt aus, die Unsicherheit (sprich: das Misstrauen) zwischen den Banken war so
groß, dass die gegenseitige Kreditvergabe der Banken (Interbankenmarkt) praktisch vollständig
zum Erliegen kam.
13.5.4. Sind Finanzkrisen vermeidbar?
Um diese Frage zu bejahen, müsste man zeigen, dass sich eine stabile Lage ständig weiter
verfestigt. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass sich das Krisenpotential umso stärker aufbaut, je länger eine stabile Situation andauert. Das ist die Kernaussage der Krisentheorie von
Hyman Minsky37. Wie an einem schönen Sommertag bilden sich Quellwolken, die sich dann in
einem heftigen Gewitter entladen. Aus dieser Sicht heraus sind Finanzkrisen systemimmanent.
Unternehmen haben unterschiedliche Finanzierungsbedürfnisse: Zum einen müssen sie ihre
Warenlager finanzieren, weil die zeitliche Lücke zwischen dem Kauf (und der Bezahlung) der
Inputgüter und dem Verkauf der produzierten Waren überbrückt werden muss. Zum anderen
nehmen sie Kredite auf, um ihre Investitionen in Produktionsanlagen zu finanzieren. Dadurch
verpflichten sie sich zu einer Abfolge zukünftiger Zahlungen aus Zins und Tilgung. Die Zahlungsfähigkeit der Unternehmen resultiert aus den Zahlungsüberschüssen, die sie mit ihren Investitionen erzielen. Allerdings garantiert ein positiver Kapitalwert nicht, dass die Liquidität jederzeit gewährleistet ist. Ähnlich sind auch die Investitionen in Finanzanlagen zu sehen.
Ein zentraler Punkt bei diesen Überlegungen ist die Einteilung von Finanzierungsvorhaben für
Produktions- oder Finanzanlagen in drei Klassen38:
1. Hedge-Finanzierung:
Die erste Klasse ist die risikoärmste Art einer Finanzierung. Der Finanzplan ist so gestaltet,
dass die erwarteten Einzahlungen die anfallenden Zahlungsverpflichtungen in jeder Perioden
übersteigen. Das heißt, die erwarteten und durch das Investitionsvorhaben generierten Cashflows reichen für den Kapitaldienst, bestehend aus Zins und Tilgung, aus.
Eine Hedge-Finanzierung ist nur in Bezug auf die Entwicklung der Kosten und Erlöse unsicher,
also Störungen auf den Faktor- und Gütermärkten. Wenn sich die Faktor- und/oder Güterpreise
nicht wie geplant entwickeln bzw. wenn die Absatzziele nicht erreicht werden, kann aus einer
Hedge-Finanzierung eine spekulative Finanzierung werden.
37
Hyman P. Minsky: Stabilizing an Unstable Economy (A Twentieth Century Fund Report), New Haven – London1986 und Hyman P. Minsky: The Financial Instability Hypothesis, The Jerome Levy Economics Institute of
Bard College, Working Paper No. 74, May 1992.
38
Hyman P. Minsky: The Financial Instability Hypothesis, The Jerome Levy Economics Institute of Bard College,
Working Paper No. 74, May 1992, S. 7.
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2. Spekulative Finanzierung:
Bei einer spekulativen Finanzierung übersteigen die eingegangenen Zahlungsverpflichtungen
zwar die erwarteten Einzahlungen, aber nicht die zu zahlenden39. Das heißt, die generierten
Cashflows der Investition reichen für die Zinsen aus, aber nicht für die Tilgung. Der Investor ist
daher auf eine Prolongation der Kredite angewiesen.
Neben der Entwicklung der Gütermärkte sind für spekulative Finanzierungen auch die Entwicklungen der Finanzmärkte bedeutsam, denn eine Verschlechterung der Kreditkonditionen oder
Kreditgewährung kann diese Finanzierung kippen. Eine Erhöhung der Zinsen verringert den
Barwert zukünftiger Cashflows und damit auch deren Kapitalwerte. Zudem können steigende
Zinszahlungen eine spekulative Finanzierung zu einer Ponzi Finanzierung werden lassen.
3. Ponzi Finanzierung:
Bei einer Ponzi Finanzierung40 reichen die Rückflüssen nicht aus, um die zu zahlenden Zinsen
zu begleichen. Anders ausgedrückt sind die erwarteten Einzahlungen geringer als die sicheren
Zinszahlungen. Hier decken die durch die Investition generierten Cashflows weder die Zinsen
und noch Tilgung ab. Um die Zinsen finanzieren zu können, sind weitere Kredite notwendig. Bei
der Ponzi-Finanzierung steigt die Verschuldung also stetig an. Eine derartige Finanzierung kann
nur dann gelingen, wenn es zu Wertsteigerungen beim Investitionsprojekt kommt. Das könnte
bei bestimmten Vermögenswerten der Fall sein, wie bei Aktien, Immobilien, Kunstwerken oder
Gold.
Bei einer Ponzi-Finanzierung verschlechtern sich im Zeitablauf die Bilanzrelationen, insbesondere das Verhältnis von Eigenkapital zu Fremdkapital, denn die Zinsen müssen über zusätzliche Kredite finanziert werden. Dadurch steigt der Anteil der Verbindlichkeiten. Wenn sich die
Wirtschaft abkühlt, geraten ein paar Firmen mit ihren Finanzierungen eine Klasse tiefer: Aus
einer Hedge-Finanzierung wird eine Spekulation und aus einer Spekulation wird eine PonziFinanzierung.
Diese drei Finanzierungsklassen korrespondieren im Grunde mit drei möglichen Finanzierungsquellen für investierende Unternehmen:
1. Interne Finanzierung
Bei der internen Finanzierung können die Unternehmen die Käufe von Investitionsgütern aus
den internen Finanzierungsmitteln bezahlen. Darunter wird hier ausschließlich der zuletzt (in der
Vorperiode) erwirtschaftete Überschuss der Einnahmen über die Ausgaben (einschließlich
Schuldendienst und Dividendenausschüttung) verstanden.
2. Finanzierung durch Vermögensumschichtung
Abweichend vom üblichen Sprachgebrauch ist die Finanzierung durch Vermögensumschichtung eine eigene Finanzierungsquelle, die von der internen Finanzierung abzugrenzen ist. Gemeint ist der Einsatz der Mittel, welche das Unternehmen entweder schon einige Zeit (d. h. länger als seit der Vorperiode) besitzt oder jetzt gerade durch den Verkauf anderer Aktiva erzielt.
Da die Aktiva, welche die Unternehmen für die Finanzierung ihrer Investitionsgüterkäufe ver-
39
Bei Unternehmen wäre dieses Einkommen z.B. ein als Differenz zwischen Erlös und variablen Kosten definierter Bruttogewinn abzüglich der Abschreibungen für den Erhalt des Kapitalstocks. Zu dem dabei unterstellten
Gewinnbegriff vgl. Hyman P. Minsky: Stabilizing an Unstable Economy (A Twentieth Century Fund Report),
New Haven – London, 1986, S. 178.
40
Dieser Ausdruck erinnert an einen Betrüger der 20er Jahre, der sich das Geld für fällige Zinsen durch hohe
Zinsversprechen an neue Gläubiger, m. a. W. nach dem Prinzip eines Kettenbriefes zu beschaffen pflegte Vgl.
Hyman P. Minsky: Inflation, Recession and Economic Policy, 1982, S. 70, Anm. 20.
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kaufen, im Allgemeinen liquide sind, ist es vertretbar, diese Finanzierungsquelle eines investierenden Unternehmens auf den Abbau des eigenen Liquiditätspolsters zu beschränken.
3. Finanzierung durch Verschuldung
Finanzierung durch Verschuldung: Den weit überwiegenden Teil ihrer externen (d. h. von anderen Akteuren stammenden) Finanzmittel beschaffen sich die investierenden Unternehmen
durch Verschuldung. Für das Unternehmen entstehen hieraus Verpflichtungen, in der Zukunft
bestimmte Zahlungen zu leisten.
13.5.5. Die Finanzkrise als Beispiel für Minskys Krisentheorie
Wenn sich eine Wirtschaft von einer Krise erholt hat, sind die Menschen sehr vorsichtig geworden. Die meisten haben schlechte Erfahrungen gemacht und möchten nicht die gleichen Fehler
wiederholen. So hat das Platzen der „dot-com-Blase“ in den Jahren 2000/2001 dazu geführt,
dass sich viele Anleger von ihren Aktienanlagen getrennt haben und auch später nicht wieder
zurückgekommen sind. Es liegt wohl in der menschlichen Natur, dass die Erwartungen für die
Zukunft mit Erfahrungen der Vergangenheit gebildet werden. Dabei werden die Erfahrungen
aus der jüngeren Vergangenheit stärker gewichtet, als die weiter zurück liegenden Ereignisse.
Je länger nun eine stabile Phase oder ein Aufschwung andauert, desto optimistischer werden
die Menschen. Das würde auch dann eintreten, wenn die Erinnerungen nicht verblassen, solange die guten Erfahrungen in die Prognose mit eingehen. Optimistischer bedeutet konkret,
dass die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines Schadens geringer eingeschätzt wird. Das
Wirtschaftsleben wird als sicherer empfunden oder anders ausgedrückt, das Risiko nimmt ab.
Die größere Sicherheit bzw. das gesunkene Risiko zieht folgende Konsequenzen nach sich:
•
Investitionen werden rentabler.
•
Sicherheiten steigen im Wert
•
Der Value at Risk verringert sich
•
Die Neigung zu einem höheren Leverage erhöht sich.
•
Sichere Anlagen werden unattraktiver
Um die Rentabilität einer Investition zu bestimmen, wird der Kapitalwert der Investition ermittelt.
Dabei werden die Zahlungsströme der Zukunft mit einem Diskontierungsfaktor abgezinst, der
sich aus dem risikolosen Zins und einer Risikoprämie zusammensetzt. Geht die Risikoprämie
zurück, steigen die Barwerte der zukünftigen Zahlungsströme an und damit auch die Kapitalwerte. Zum aktuellen Zinsniveau werden mehr Investitionsvorhaben rentabel.
Häufig müssen für einen Kredit Sicherheiten gestellt werden, beispielsweise durch die Verpfändung von Anleihen. Wenn die Zinsen sinken, steigen die Kurse dieser Wertpapiere und der
Wert der Sicherheiten nimmt zu. Dadurch erhöht sich der Kreditspielraum für den Sicherheitengeber. Dieser Effekt tritt nicht nur bei festverzinslichen Wertpapieren auf, sondern auch, wenn
Immobilien verpfändet werden. Bei sinkenden Zinsen nimmt der Wert der Immobilien in der Regel zu.
Der Value at Risk (VaR) ist der Betrag, der innerhalb eines Anlagezeitraums (z. B. ein Monat)
mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit (z. B. 95 %) maximal verloren werden kann. Er misst
das Verlustpotential einer Anlage. Das Risiko wird als Geldbetrag angesehen, der verloren werden kann.
Dazu folgendes Beispiel:
Die Frage lautet: Wie viel Geld kann bei einer Anlage von € 100.000 in einem Fonds innerhalb
eines Jahres mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % maximal verloren werden? Der Fonds habe
eine erwartete Rendite von 5,1 % bei einer Standardabweichung von 24 %. In der Tabelle der
Normalverteilung kann man den Wert ablesen, der mit 95 % Wahrscheinlichkeit nicht unterschritten oder mit 5 % Wahrscheinlichkeit unterschritten wird.
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Abbildung 13.21: Value at Risk.
Dies ist ein Wert von -1,645 Standardabweichungen vom Mittelwert. Der Abstand entspricht
somit -1,645 ⋅ 24 % = -39,48 %. Daraus ergibt sich eine Rendite von 5,1 % - 37,67 % = -34,38
% oder umgerechnet auf € 100.000 angelegtes Vermögen einen Verlust von € 34.376. Dieser
maximale Verlust wird nur in einem von 20 Jahren überschritten.
In der Praxis müssen Anlagefonds diesen Betrag mit Eigenkapital unterlegen. Sinkt nun im Zeitablauf das Risiko (hier gemessen als Standardabweichung), weil es lange Zeit gut geht, dann
sinkt auch der VaR, so dass die Risikotragfähigkeit des Fonds steigt. Er kann bei gegebenem
Eigenkapital mehr Fremdkapital aufnehmen.
Alle beschriebenen Effekte haben eines gemeinsam: Sie erhöhen einerseits die Kreditnachfrage, begünstigen aber auch die Kreditvergabe, so dass in Summe das begebene Kreditvolumen
steigt. Diese Überlegungen sind mit der Beobachtung konsistent, dass es im Vorfeld einer Finanzkrise zu einer starken Ausweitung des Kreditvolumens bei tendenziell sinkenden Zinsen
kommt. Eine Ausweitung des Kreditvolumens führt darüber hinaus zu einer Vergrößerung der
Anteile von spekulativer Finanzierung und Ponzi-Finanzierung. Das Finanzsystem wird fragiler.
Neben einem Anstieg der Risikotragfähigkeit vieler Finanzinstitutionen nimmt auch die Risikobereitschaft der handelnden Akteure zu. Das ist ein psychologisches Moment: Mit jeder erfolgreichen Transaktion wächst das Vertrauen in das eigene Können. Die glücklichen Umstände
werden den persönlichen Fähigkeiten zugeschrieben. Allgemeine Stimmung und Zukunftserwartungen, die sog. animal spirits, verbessern sich und häufig breitet sich der Glaube aus, ein
neues Zeitalter sei angebrochen („this time is different!“). Dieser Glaube ist nicht auf Manager
und Kunden beschränkt, auch Politiker und hohe Verwaltungsbeamte teilen ihn. Hinzu kommt
eine Verstärkung durch die Berichterstattung in den Medien.
Allerdings führen die geringen Renditen zu einem Ertragsproblem bei Institutionen, die sich auf
sichere Anlagen spezialisiert haben, wie beispielsweise Lebensversicherungen oder Pensionsfonds. Sie können die in sie gesetzten Erwartungen nicht mehr erfüllen und müssen entweder
ihre Auszahlungen kürzen oder in riskantere Anlagen investieren.
Alles in allem ergibt sich daraus, dass die eingegangen Risiken umso größer werden, je länger
der Aufschwung andauert.
In dieser Phase der allgemeinen Euphorie nimmt die Nervosität zu. Ein einziges, überraschendes Ereignis kann dazu führen, dass die Akteure ihre Pläne überprüfen und neu bewerten. Dies
ist als der „Minsky-Moment“ in die Literatur eingegangen: Das Ereignis, welches die Blase platzen lässt. Die Menschen stellen fest, dass ihnen die eingegangenen Risiken zu hoch erscheinen und wollen nun alle gleichzeitig die eingegangen Risiken reduzieren. Das gelingt am einfachsten indem sie einen Teil ihrer Anlagen verkaufen, da Zentralbankgeld immer noch die sicherste und liquideste Anlageform ist.
In der Finanzkrise war dieser Minsky Moment die Herabstufung von 131 Ratings von AssetBacked Securities mit Hypothekenkrediten aus dem Subprime-Markt durch die Ratingagentur
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Moody’s am 15. Juni 2007. Nur wenige Tage später, am 20. Juni sickerte durch, dass zwei
Hedge Fonds, die von Bear Stearns verwaltet wurden und in den US-Hypothekenmarkt investiert haben, kurz vor der Insolvenz stehen würden. Das war nur der Anfang, am Ende waren
zahlreiche Banken insolvent, verstaatlicht oder von Konkurrenten übernommen und viele Anleger hatten ihre Ersparnisse verloren41.
Folgt man diesen Analysen, steht am Ende die Einsicht, dass die Wirtschaft inhärent instabil ist.
Konjunkturzyklen und Finanzkrisen sind unvermeidlich. Letztendlich kann es dann nicht darauf
ankommen, die Krisen als solche zu vermeiden, sondern die Folgen dieser Krisen so klein wie
möglich zu halten und die Lasten möglichst gerecht zu verteilen.
13.6. Wiederholungsfragen
1) Wie kann man anhand der Investitionen Konjunktur- und Wachstumstheorien unterscheiden?
2) Leiten Sie die IS-Kurve grafisch her.
3) Geben Sie drei Beispiele für eine Linksverschiebung der IS-Kurve.
4) Wann hat die MP Kurve einen flachen, wann einen ansteigenden Verlauf?
5) Was besagt die Taylor-Regel?
6) Zeichnen Sie ein „Policy Mix“ bei dem der Zinssatz konstant gehalten wird und das Einkommen steigt.
7) Nennen Sie zwei Gründe, warum die Macht der Zentralbank zur Verschiebung der MP Kurve begrenzt ist.
8) Was bezeichnet man bei ABS mit dem „Cascade Principle“?
9) Welche drei Finanzierungsarten unterscheidet H.P. Minsky?
41
Einen guten Überblick über die zeitliche Abfolge findet sich in: Karl Michael Beyer, Walter Otto Ötsch und Laura
Mader: Die Finanzkrise 2007 – 2009 als Krise von Schattenbanken. – Eine einführende institutionelle Analyse,
ICAE Working Paper Series, No. 17, Dezember 2013, Linz
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Symbolverzeichnis
Großbuchstaben:
Reale Größen, (nominale Größen werden durch no gekennzeichnet)
A
: Produktionsfaktor Arbeit
ABS
: Asset Backed Securities
AT
: Angebot
ALG
: Auslastungsgrad
B
: Bevölkerung
BIP
: Bruttoinlandsprodukt
BuD
: Budgetdefizit
C
: Konsum
CP
: Konsum der Gewinneinkommensbezieher
CW
: Konsum
CG
: Staatskonsum
CDO
: Collateralized Debt Obligations
CP
: Commercial Paper
D
: Abschreibungen
E
: Effizienz des Arbeitseinsatzes
EÜ
:Einnahmenüberschüsse
F&E
: Forschung und Entwicklung
G
: Staatsausgaben, Gewinn (Mikro)
GPK
: Grenzprodukt des Kapitals
H
: Humankapital
I
: Investition, Investitionsgüter
K
: Produktionsfaktor Kapital
MBS
: Mortgage Backed Securities
NE
: Nachfrage
NX
: Nettoexporte
P
: Gewinne (Profite) oder Preisniveau
Pnet
: Nettogewinne
PKE
: Pro-Kopf-Einkommen
PD
: Primärdefizit
PS
: Primärsaldo
S
: Sparen
SP
: Sparen aus Gewinnen
der Lohneinkommensbezieher
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SW
: Sparen aus Löhnen
SG
: staatliches Sparen
Sst
: Schuldenstand
T
: Steuer (Taxes)
Tind
: indirekten Steuern
Tr
: Transferzahlungen
VaR
: Value at Risk
W
: Lohn (Wage)
Y
: Einkommen
YAT
: Volkswirtschaftliches Angebot
YNE
: Volkswirtschaftliche Nachfrage
Ypot
: Produktion bei Normal- bzw. -Vollauslastung
Yverf
: Verfügbares Einkommen
Y
tat
Z
: Einkommen tatsächlich
: Zinszahlungen auf die Staatsschulden
Kleine Buchstaben: Quoten, Koeffizienten und Indices
*
: Index für eine Gleichgewichtsgröße oder einen Optimalwert
a
: Kapitalproduktivität
bud
: Budgetdefizitquote
c
: Konsum pro Arbeiter (in der Wachstumstheorie)
c
: Konsumneigung, marginale (in der Konjunkturtheorie)
d
: mathematisches Symbol für Ableitung
f
: Funktion
g
: Wachstumsrate der jeweils induzierten Größe
gA
: Wachstumsrate der Bevölkerung
gK
: Wachstumsrate des Kapitalstocks
gY
: Wachstumsrate des Einkommens
i
: Investition pro Arbeiter (in der Wachstumstheorie)
i
: Zinssatz real
ieff
: Effektivzins
iK
: kritischer Zins
k
: Kapitalausstattung pro Arbeiter
m
: gesamtwirtschaftliche Profitquote
n
: Anzahl der Perioden, Wachstumsrate der Erwerbstätigen
no
: nominal
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p
: Preis eines Gutes
r
: Rendite, interner Zinssatz, Koeffizient
re
: erwartete Rendite
rz
:angestrebter Zentralbankzins
s
: Ersparnis pro Arbeiter (in der Wachstumstheorie)
s
: Sparneigung, marginale
sst
: Staatsschuldenquote
t
: Steuersatz, Index für die Zeit
u
: Anteil der Arbeiter an Hochschulen oder Auslastungsgrad
v
: Anteilssatz, oder Kapitalintensität
v
: Technolgiekoeffizient
var
: variabel
y
. Volkseinkommen pro Kopf
griechische Buchstaben
α
: Parameter
β
: Parameter
∆
: Zeichen für Differenz, Delta
δ
: Abschreibungssatz
ϕ
: Parameter
π
: Inflationsrate
πz
: Ziel Inflationsrate
ν
: Akzelerator
λ
: Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität
: Tide = pro effektiven Arbeiter
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