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[Rezension zu :] Der vernünftige Organismus oder gesellschaftliche
Evolution der Vernunft. Zur Gesellschaftstheorie des genetischen
Strukturalismus von Piaget / Hans-Christian Harten
SCHNEUWLY, Bernard
Reference
SCHNEUWLY, Bernard. [Rezension zu :] Der vernünftige Organismus oder gesellschaftliche
Evolution der Vernunft. Zur Gesellschaftstheorie des genetischen Strukturalismus von Piaget /
Hans-Christian Harten. Das Argument , 1980, no. 120, p. 293-294
Available at:
http://archive-ouverte.unige.ch/unige:36386
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DAS ARGUMENT
Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften
Herausgeber: Frigga Haug und Wolfgang Fritz Haug
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Redaktion:
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Redaktionssekretariat: August Soppe
Verlag, Redaktion und Anzeigen:
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Auslieferung:
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Besprechungen
Philosophie
Paul, LOlhar: Gesetze der Geschichte (u. Enderwztz)
Müller, RudolfWolfgang: Geld und Geist (w. Seppmann)
Rügemer, Wemer: Philosophische Anthropologie und Epochenkrise
(c. Knobloch) .
Moms, Chartes w.: Pragmatische Semiotik und Handlungstheorie
(M. Geier) ..
Heringer, Hans jürgen, u.a.: Einführung in die praktische Semantik
(H. Woetzel)
262
263
264
265
266
(FortSetzung auf S. XII)
ISSN 0004-1157
Das Argument erscheint 1980 in 6 Heften (alle 2 Monate ) mIt cmemJahresumfang von 92 4 Text·Seiten Künd igung eines Abonnements ist unter Einhalwng einer drelmonatigtn Frist nur zum J ahresende möglich . - Preis
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1 - 9 Tausend März 1980.
Beilagenhinweis: Dieses Heft enlhält das Gesamt verzeichnis des Argument -Verlages
Psychologie
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Harten, Hans-Christian: Der vernünftige Organismus oder gesellschaftliche Evolution der Vernunft. Zur Gesellschaftstheorie des genetischen Strukturalismus von Piaget. Syndikat Verlag, Frankfurt/M. 1977
(256 S, br., 28,- DM).
Harten versucht, die gesellschaftstheoretischen Vorstellungen und das Menschenbild, die in Piagets Werk implizit und explizit enthalten sind, herauszuarbeiten und
zugleich den Beitrag von Piagets genetischer Erkenntnistheorie für den historischen Materialismus zu bestimmen. Er sieht sich dabei gezwungen, idealtypisch »zwei gegensätzliche Modelle« (183) darzustellen: eine kritisch-dialektische Gesellschaftstheorie beim
frühen Piaget, die jäh umschlägt in eine kybernetisch-szientistische Gtundlegung der
Wissenschaften. Das Unterfangen weckt Interesse, da in der Tat Piagets Werk bereits
bei oberflächlicher Lektüre als zweigeteilt erscheint und eine Erklärung des Phänomens
wichtige Aufschlüsse erbringen könnte.
Harten faßt zuerst in übersichtlicher Weise die genetische Epistemologie Piagets zusammen, wie sie in seinen epistemologischen Hauptwerken niedergelegt ist. Die anschließende Kritik zeigt auf, daß Piaget »die Analyse des wissenschaftlichen Denkens
auf die 'wissenschaftliche Methode', also auf einen technischen Aspekt (reduziert)«
und wissenschaftsphilosophische und -soziologische Fragestellungen als unwichtig betrachtet, während doch, so Harten, »Wissenschaft wesentlich (bestimmt) wird von Idealen der Naturordnung und sozialpolitischen Interessen.« (63) Entsprechend wird in der
genetischen Psychologie auch nicht nach den konkreten Bedürfnissen der Subjekte gefragt. »Alle Bedürfnisse reduzieren sich letztlich darauf, nach der optimalen Adaptation an jenes Universum zu streben, das die logisch-mathematischen Strukturen konstituieren.« (77) Piaget identifiziere zu umstandslos das Erkenntnissubjekt mit dem biologischen Organismus. Das Geschichtsverständnis und der politische Gehalt eines solchen
Ansatzes zeigen sich mit aller Deutlichkeit in seiner »Erkenntnistheorie der Wissenschaft vom Menschen«: Die Behandlung der Geschichte kontingenter Ereignisse wird
als unwissenschaftlich ausgeklammert. Geschichte wird so im wesentlichen zu einer
Evolutionslehre logisch-mathematischer Strukturen einerseits, Geschichte von Strukturen, die prinzipiell unabschließbar sind (ökonomische, juridische) andererseits. Bei Piaget gibt es jedoch dabei - und das unterscheidet ihn von den Strukturalisten - ein
Bezugssystem in Gestalt der vollständig logisch-mathematischen Gesellschaft, der »geregelten« Gesellschaft, »dem sich auch die politisch ökonomischen Strukturen in unendlicher Progression annähern.« (114) Es sind letztlich Strukturen, die erlauben, jegliches Ereignis, jeden Inhalt zu antizipieren und zu verarbeiten. Struktur ist in diesem
Sinne »Bewältigung und Ausschaltung des Konkreten, oder wie Piaget gerne sagt: die
Befreiung des Subjektes vom Inhalt.« (117) Solche Vorstellungen beinhalten letztlich
eine »kybernetische Ordnungslehre«, deren Funktion die Erhaltung des stabilen Ganzen ist. Das Subjekt in diesem Konstrukt kann nur noch als Monade erscheinen: »Sein
ganzes Streben dreht sich nur um seine Selbsterhaltung gegenüber einer prinzipiell bedrohlich und störend perzipierten Umwelt.« (123)
Harten fragt dann, wem dies nützt. Piaget wolle »das Unberechenbare ausschließen,
um den reibungslosen Ablauf des Warenverkehrs zu sichern ... Der Abstraktion von Inhalten entspricht die Abstraktion von konkreter Stofflichkeit im Warentausch ... Die
Selbstregulation wird ganz natürlich zur Metapher für den Staat.« (132f.) Dem Piaget,
der so tief gesunken ist, wird im zweiten Teil der gute Piaget entgegengesetzt. In seinem Frühwerk dienen die kognitiven Strukturen noch dazu, herrschaftsfreie Kommunikation und moralische Kooperation zu ermöglichen, statt nur in logisch-mathematische Strukturen sich aufzulösen. Die Individuen sind »immer schon gesellschaftlich vermittelt, weil sie sich nur in sozialer Interaktion entwickeln können ... (aber sie haben)
die spontane Tendenz zur herrschaftsfreien und zwangslosen Vergesellschaftung ... die
DAS ARGC:MENT 120/1980
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Besprechungen
Basis emanzipatorischen und gesellschaftlichen Fortschritts.« (160) Die Veränderung
der Kooperation im Laufe der Geschichte führt denn auch von einem phänomenistischen, egozentrischen Denken bei den Primitiven zum konkreten, soziozentrischen
Denken unserer Epoche, das seinen Ausdruck findet in Klassenideologien. Das Ziel
aber ist das formale, dezentrierte Denken beruhend auf der »Universalisierung der reziproken Kooperation.« (185)
In einem abschließenden Kapitel versucht Harten, die genetische Epistemologie des
Frühwerks von Piaget für den historischen Materialismus fruchtbar zu machen. Zu diesem Zwecke schlägt er eine Theorie der kognitiven Vergesellschaftung vor: Der Prozeß
der Entwicklung der Kooperation erzeugt eine Entwicklung der Erkenntnisformen. Dabei kann man von der plausiblen Hypothese ausgehen, »daß sich der von Piaget aufgedeckte Prozeß der kognitiven Strukturierung in der Ontogenese auch in der Phylogenese wIederfinden läßt.« (236) Historischer Fortschritt des Erkennens wäre dann so zu
denken, »daß die objektiven Möglichkeiten des Individuums immer über die gesellschaftlich realisierten Möglichkeiten hinausreichen, weil es von seiner biologischen
Konstitution her immer schon Kompetenz, d.h. die Kritikfähigkeit mitbringt, die aber
erst im Rahmen der kognitiven Vergesellschaftung angeeignet wird.« (237) Was dies
noch mit historischem Materialismus zu tun hat, bleibe dahingestellt, vor allem auch,
wenn man einen Klassenstandpunkt von vorne he re in als soziozentrisch und damit eingeschränkt brandmarkt (s.o.).
Zwei Fragen stellen sich: ist der Fall Piagets wirklich so tief? Wenn nein, warum wird
er so gezeichnet? - Man hat in der Tat bei der Lektüre des ganzen Buches Mühe, die
bei den Phasen im Werk Piagets als »zwei gegensätzliche Modelle« zu sehen. Zu stark ist
die Kontinuität: Aequilibration und Adaptation als fundamentale Kennzeichen allen
Lebens. Bis in die Formulierungen Hartens hinein kann man dies feststellen (s. Zitate
S. 130 und 160). Die Genese des Systems bleibt unbegreifbar und unbegriffen. Man
spürt denn auch den Verdacht in sich aufsteigen, daß die vernichtende Kritik des späten Piaget fast so etwas wie eine vorweggenommene Verteidigung ist: Wenn man jemanden so stark als Technokraten angreift, kann man nicht selbst einer sein.
Bernard Schneuwly (Genf)
Krieger, Rainer: Determinanten der Wissbegier. Verlag Hans Huber,
BernlStuttgart/Wien 1976 (257 S., br., 38,- DM).
Zentrum dieser Arbeit ist eine Kritik der Konzeption von intrinsischer Motivation.
Zentrale These ist: Es gibt keine genuin »intrinsische« oder .extrinsische« Motivation.
»Intrinsisches« ist vielmehr eine Komponente in allen Motivierungsprozessen. Es ist
durch die Interaktion zwischen Reizgegebenheiten und den Fähigkeiten zur Reizverarbeitung bestimmt, wird jedoch erst auf der Grundlage einer Relevanzentscheidung
wirksam. Krieger wendet sich gegen das mechanische Konzept der reizinduzierten Motivation, in dem das Individuum nicht als handelndes Subjekt vorkommt, sondern als
stimuliertes Objekt verstanden wird, dem dann das klassische Reiz-Reaktionsmodell
adäquat ist.
Oft wird die Leistungsmotivation als ein genuines Beispiel für intrinsische Motivation
angeführt. Bei der Untersuchung der Auswertungsanleitung zu den Geschichten, die
zu projektivem Material (Tafeln des Thematischen Apperzeptions-Tests) erzählt werden, zeigt Krieger jedoch: Keines der Kriterien für Leistungsmotivation impliziert, daß
die in den Geschichten handelnden Personen sachbezogen motiviert sein müssen, d.h.
die Tätigkeit um ihrer selbst willen aufnehmen oder ausüben. Dem Leistungsmotivierten geht es nicht um die Sache selbst, die sozialen Determinanten der Leistungsorientierung sind vielmehr Überlegenheit, Status, Prestige. Zwar sind die ontogenetischen
Vorläufer der Leistungsmotivation, die in der frühen Kindheit auftretende FunktionsDAS ARGUME:--ir 120119RO ,
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