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begründen, verstehen, beurteilen – Argumentation, Hermeneutik und Kritik als
Methoden wissenschaftlichen Arbeitens
190170 VO, UE - Grundlagen: philosophische Methoden, 2.2.3 [21b2] laut Studienplan
Pädagogik 2002 (2 Std.)
Lehrveranstaltungsleiter: Mag. Dr. Martin Steger /TutorInnen: Emanuel Frass, Claudia Gusenbauer,
Angela Janssen, Markus Mandl, Marlis Stöckl
Donnerstag, 8.00 - 10.00, HS C1 Campus
10. Termin 25.01.07: Konkretisierung am Text: theoretischer Kontext/ Modelle des
Verstehens
Formalia:

Rückmeldungen 1. Gruppenarbeit: Ich habe jetzt endlich alle Feedbacks ausgeschickt
– sollte Ihre Gruppe keines erhalten haben, schicken Sie mir bitte ein mail, ich sende es
dann noch einmal. Ich habe mich jetzt doch entschlossen, auch im Detail zu feedbacken –
das hat leider Zeit gebraucht, ich hoffe, Sie haben etwas davon.
Wegen Anfragen nochmals vom letzten Skript: Falls Sie sich nicht ganz ausgekannt haben,
wo Sie beurteilungsmäßig stehen: Ich habe versucht, Ihnen Niveauorientierungen zubieten,
aber ich habe die Arbeit nicht benotet. Sie werden sich vielleicht noch an das Skript mit den
Formalia zu dieser Arbeit erinnern (3.Termin):
Zudem bekommen Sie nach der ersten Gruppenarbeit Rückmeldung und können
somit in der zweiten Gruppenarbeit verstärkt auf Ihre Schwächen achten. Diese
zweite Arbeit – und Ihr Lernfortschritt – sind vor allem beurteilungsrelevant. Es
gab schon Gruppen, die nach wirklich schlechter 1. Arbeit mit 'Sehr Gut'
abgeschlossen haben.
Manche Gruppen haben daher sehr gute Rückmeldungen erhalten, ohne das 'Sehr gut' schon
in der Tasche zu haben, andere haben in einem Aspekt die Spielregeln nicht beachtet, etwa
indem sie plaudernd erzählt haben, was Ihnen in der Gruppe eingefallen ist, anstatt
Wahrheit zu begründen – die haben eine schlechte Rückmeldug erhalten, obwohl ihnen noch
jede Note offen steht.

Abgabe 2. Gruppenarbeit: Weil es bezüglich der Termine Unklarheiten gibt: Abgabe ist
durch Verschiebung der 07er-Termine der 12.02. Eine zweite Möglichkeit haben Sie zum
Ende der Semesterferien, 2. Abgabetermin: 26.2.2007. Ich empfehle diesen Termin
ausdrücklich nicht, weil nach meiner Erfahrung vor allem (aber nicht nur) Gruppen mit wenig
1
Zusammenhalt oft verspätet mit der Arbeit beginnen, dann den 2.Termin wählen – aber über
die Ferien endgültig zerfallen und gar nicht abgeben.
Zum ersten Termin bekommen Sie innerhalb 2 Wochen eine Rückmeldung (mit Beurteilung)
– allerdings kürzer als die erste, die ja auf Tipps für die zweite Arbeit bezogen war.
Dazu gleich eine inhaltliche Erinnerung aus dem Skript 7.Termin zur zweiten Arbeit:

Kritik zu üben, d.h.– positiv wie negativ – wertend begründet zu urteilen ist
noch nicht Aufgabe dieser Arbeit. Wenn Sie allerdings Kritikpunkte finden und
nächstes Semester auch teilnehmen, notieren Sie das ruhig – da wird es relevant
werden. Ich möchte niemand verbieten, schon jetzt Kritik zu üben – allerdings sind
Sie dafür dann auch verantwortlich.
Im Sommersemester wird es also um Kritik und in Folge um Bezüge zur Pädagogik gehen.
Wir werden mit den selben Texten und nach Möglichkeit in den selben Gruppen arbeiten,
daher ersparen Sie sich Arbeit, wenn Sie die aufkommenden Kritikpunkte gleich festhalten.
Termin der Lv ist wie dieses Semester Donnerstag, 8 –10 Uhr, Hs C1. Wir haben diesmal das
Vergnügen, tatsächlich am ersten Tag des Semesters, am 01.03. 07., mit der Lv zu
beginnen.
Das
heißt
aber
auch,
dass
wir
nach
dem
gedrängten
Wintersemester
(11.gehaltene Termine, davon 2 formale) nun ein Semster mit absehbar 16 Terminen vor
uns haben – da können wir uns Zeit und Muße gönnen: Zum Wiederholen offener Fragen aus
dem Winter, für die Gruppenarbeiten etc..
Inhalt:
zum Verständnis des wissenschaftstheoretischen Kontextes:
Wir haben letztes Mal in einer schnellen Skizze die Kontexte bei Buck und Habermas
besprochen – und einiges mehr finden Sie auch noch im Skript des letzten Termins. Wozu
wir nicht mehr gekommen sind, ist der Luhmann-Text. Wie knüpfen wir diesen an?
Phänomenologie
Kant
Luhmann /Systemtheorie
Konstruktivismus
Buck
Hermeneutik
Kritischer Rationalismus
Habermas
Einigungstheorien
1. Person
Skepsis
3. Person
2
Kurz hergeleitet:
Wir können eine gedankliche Linie ziehen

von Kant: Wir erkennen die Welt nicht unvermittelt (keine Wahrheit im Sinne direkter
Korrespondenz zur Wirklichkeit), können aber aufgrund der im Prinzip bei allen Menschen
(als einzig bekanntes 'Exemplar' von Vernunftwesen) gleichen Vernunft (als 'reine', d.h.
solange sie nicht von unterschiedlichen Erfahrungen 'affiziert' ist und in formalen,
inhaltsunabhängigen Aspekten) allgemeingültige Aussagen treffen – diese betreffen aber
streng genommen nicht die Wirklichkeit, sondern unsere Art, sie zu erkennen.

über Hegel: Dessen
'objektiver Geist', wie wir ihn im Zuge der Hermeneutik
kennengelernt haben, lässt sich ja schon als eine Entwicklung weg von Kants Reflexion auf
das Abstrakte, bloss Formale (das Erkenntnisvermögen) verstehen
- hin zu einer
Perspektive, die den Menschen, wie er faktisch in der Welt steht, betont: als historisches,
kulturelles (und später: soziales) Wesen. Anstelle der einen 'reinen' Vernunft garantiert nun
der 'objektive Geist' Wahrheitsfähigkeit - als Kulmination des bisher Gedachten, als 'Sphäre
des gemeinsamen Wissens', an der wir teilhaben: eine historisch-kulturelle Deutung des
Gemeinsamen in unserem Denken, die sich durch die gesamten Hermeneutik zieht (als
Voraussetzung dafür, in 'die Haut des anderen zu schlüpfen' (Schleiermacher), sich 'im
Anderen wiederzufinden' (Dilthey)).

über Heidegger: der diese Wendung weiterführt und nicht die Reflexion auf ein
gemeinsames Abstraktes (formale Vernunft, objektiver Geist), sondern auf die je eigene
konkrete Lebenswelt betont. Er tut es (wie Habermas erwähnt) im Rahmen einer Ontologie
(einer 'Seinslehre'): Sein lässt sich erschließen in Differenz zum Nicht-Seienden, zum Nichts.
Der Mensch ist sich als Einziger seines Seins bewusst – im Vollzug dieses Seins als konkretes
'Dasein' – "seiend versteht er sein Sein". Die Reflexion geht also auf den Sinn dieses Seins
(vor der Folie des Nicht-Daseins: des Todes – um auch diesen berühmten Gedanken des
'Seins zum Tode' einzubinden): In dieser Konstruktion - der sinnbezogenen, 'verstehenden'
Reflexion auf das eigene Leben in Differenz zum Nicht-Sein - zeigt sich auch ein wenig,
warum unterschiedlichste Denkschulen sich heute auf Heidegger berufen: Phänomenologen
(das konkrete Sein als Gegenstand des Denkens), Existenzialisten (die Unbedingtheit der
'Existenz'
(im
Bewusstsein
des
Todes)),
Hermeneutiker
(der
Sinn
des
Seins),
Systemtheoretiker (das Verstehen des Seins in Differenz zu etwas),...

über Gadamer, der ein dialogisches Moment in die Hermeneutik einführt (wie vor ihm
etwa Martin Buber in die Erkenntnistheorie), wenn er das Gemeinsame je als Begegnung, als
3
'echte' Erfahrung deutet (und Wahrheit damit im Gegensatz zu Methode und dem
wissenschaftlichen 'allgemeingültig über etwas sprechen' sieht)

hin zu Habermas, der das Gemeinsame im Diskurs, in der Kommunikation, durch die wir
die je eigene Welt als gemeinsame erst verstehen können, verankert. Um es in einem
'Kurzschluss' dieser Entwickung zu formulieren: Habermas beruft sich gerne auf Kant – er
ersetzt dessen eine Vernunft, die für sich Wahrheit garantiert jedoch durch einen
Kommunikationsprozess, eine 'Vereinigung' der Vernunft im Gedankenaustausch. (Wahrheit
als Konsens, als Einigung über das, was wirklich ist (und pragmatisch als gültig angesehen
wird, solange niemand widerspricht)).
Damit haben wir eine Linie gezogen vom Menschenbild des Subjektes als individuellem
Vernunftwesen, das kraft/in seiner Vernunft frei von Zwängen der Natur ist, hin zum
Menschen
als
sozialem
Wesen,
das
in
rationaler
Kommunikation
soziale
Ordnung
konstituiert. Zu betonen ist wieder einmal, dass das natürlich nur eine von vielen denkbaren
Linien ist, festgemacht an einigen wenigen von vielen nennenswerten Denkern (in einem
ihrer Themen). 'Taufen' könnten wir diese Linie als eine der zunehmenden Erfassung der
Komplexität
des
menschlichen
Denkens/Seins
ausgehend
von
Kants
grundsätzlicher
Beschreibung der Vernunft (von der formalen Abstraktion zum zunehmenden Bezug auf
anderes Denken (geschichtlich, kulturell, sozial) bis zum gemeinsamen Denken).
Dann wäre ein naheliegender nächster Schritt (oder nächster Haken) derjenige, an dem das
Denken der Komplexität das Subjekt als 'vermittelnde Instanz' verliert: etwa hin zu
Luhmanns Systemtheorie, bei der Gesellschaft als 'eigendynamisches' System und nicht
mehr als Ergebnis der Vielzahl einzelner Akteure beschrieben wird.
Die Systemtheorie gehört inzwischen zu den wichtigen 'Supertheorien' im Bereich der
Human- und Sozialwissenschaften, - so nennt Luhmann Theorien, die vom Geltungsbereich
her im Prinzip die ganze Welt und auch sich selbst zum Thema haben.
Niklas Luhmann
Warum habe ich diesen Text gewählt?
Ich denke, er kann unseren Zugang zu Verstehen wesentlich erweitern:

als Gegenposition zur Hermeneutik – er ist auf erkenntnistheoretischer Ebene den
Annahmen der Hermeneutik geradezu entgegengesetzt (kein Subjekt, Anschlussfähigkeit
statt Verbindlichkeit, Konstruktion statt Wirklichkeit etc. – siehe unten)
4

als Text, der aber über das selbe Phänomen spricht wie die Hermeneutik, auch (aus
einem ganz anderen Weltbild heraus) an sie anknüpft und auf der Ebene des Phänomens zu
analogen Beschreibungen kommt – in diesem Grat aus großer Nähe auf Phänomenebene
und Distanz auf Metaebene ist er wunderbar geeignet zum Vergleich.
Zudem
kann
meistgefragten
es
nicht
schaden,
sich
in
erkenntnistheoretischen
'philosophische
Positionen
Methoden'
der
mit
letzten
einer
der
Jahrzehnte
auseinanderzusetzen – zumal sie einige ungewohnte Denkfiguren beinhaltet, die man sich
zumindest einmal bewusst überlegen sollte.
Zum Autor: Niklas Luhmann (1927 – 1998) ist neben Talcott Parsons – und in dessen
'Nachfolge' - der wohl bekannteste und wichtigste Systemtheoretiker. Ursprünglich Jurist mit
Verwaltungskarriere am Oberverwaltungsgericht Lüneburg lässt er sich für ein Studium der
Verwaltungswissenschaft in Harvard/Boston beurlauben, wo er Talcott Parsons kennenlernt.
Nach Promotion und Habilitation auch in Soziologie übernimmt er den Lehrstuhl für
Soziologie zunächst kurz in Frankfurt (Vertretung Adorno) und 1968 an der neugegründeten
Universität Bielefeld, wo er über 30 Jahre eine 'systemtheoretische Schule' aufbaut.
Was ist ein System?
Der Begriff System hat seit knapp 100 Jahren Konjunktur – als Versuch, komplexe,
dynamische Phänomene zu beschreiben.
Unter anderen Schlagworten hat die Komplexitätsdiskussion lange Tradition – vor allem als
Problem des Verhältnisses eines Ganzen zu seinen Teilen (der Satz: 'Das Ganze ist mehr als
die Summe seiner Teile' ist ursprünglich ein griechischer) – z.B. als eines der zentralen
Themen in der sozial und politisch orientierten Philosophie der Neuzeit (Verhältnis Mensch Gesellschaft/Staat  Hobbes, Humes, Smith, Rousseau, Hegel, Marx,...).
Schon in der Antike kannte man das Wort systema, abgeleitet aus dem zusammengesetzten
Begriff
synhistamein
(syn:
zusammen;
histamein:
stehen).
Es
ging
also
um
das
Zusammengestellte, Zusammengeordnete. Demokrit, Platon, Aristoteles und die Stoiker
benutzten den Systembegriff und verstanden darunter im wesentlichen "ein Gebilde, daß
irgendein Ganzes ausmacht und dessen einzelne Teile in ihrer Verknüpfung irgendeine
Ordnung aufweisen".2
Im Prinzip bewegt der Systembegriff sich schon von der Antike an, weg von der reinen
ontologischen
Vorstellung
einer
dinghaften
Welt,
zur
Vorstellung,
einer
Welt
der
5
Sachverhalte. Der Begriff Sachverhalt legt hier die Fährte. Es geht um Verhältnisse und
Sachen, um Relationen und Einheiten.
Wir haben bislang in unserem Modell das erkenntnistheoretische Grundverhältnis als 'Mensch
beobachtet Welt', also als Subjekt-Objekt-Beziehung dargestellt - komplexere Phänomene
werden dabei gedacht als Objekte, die wiederum aus Objekten (bei Gesellschaft als
Zusatzproblem: aus Objekten, die immer auch Subjekte (also willentlich agierend) sind)
bestehen. Dabei rückt dann auch - wie anfangs angesprochen - das Verhältnis dieser 'Teile'
zum 'Ganzen' in den Mittelpunkt des Interesses: Je komplexer dieses Ganze ist, umso
weniger lässt es sich allein aus den Eigenschaften seiner Teile heraus erklären (das Ganze ist
mehr als die Summe seiner Teile).
Wenn wir jetzt also die Geschichte der Erkenntnistheorie (und der Wissenschaft insgesamt)
als eine Problemgeschichte erzählen, stehen wir in unserem Modell vor folgender Situation:
Immanuel Kant hat in den Möglichkeiten des Menschen, Wirklichkeit zu erkennen (nämlich
mittels Sinne und Vernunft) zugleich die prinzipielle Beschränktheit der Erkenntnis
festgestellt - nämlich eben die Eigenschaften dieser Sinne und Vernunft als 'Filter' der
Wirklichkeit. Er hat im folgenden die Eigenschaft der Vernunft beschrieben - im Prinzip als
formale Fähigkeit, Inhalte (Welt, wie wir sie mit unseren Sinnen erkennen) nach Regeln
(Verstand) und Ideen (Vernunft) zu strukturieren und derart damit umzugehen.
Damit rücken - wie bei jeder Problemlösung - die Folgeprobleme in den Mittelpunkt des
Interesses, die mit Kant nicht erklärbar sind (auch die Kritik an Kant wirft ihm ja nicht vor,
etwas 'Falsches' zu behaupten, sondern thematisiert, was im Kantschen Theoriekomplex an
'Erklärungsresten' bleibt):
Wenn Kant von den Inhalten weg auf die Form des Denkens als die eine, 'reine Vernunft' hin
abstrahiert, vermag er über die jeweiligen Konkretionen nichts Prinzipielles auszusagen: Wie
sich Denken in seinen kulturellen Bezügen äußert und wie dieses an konkreten Inhalten
spezifizierte Denken einem anderen anders spezifizierten Denken gegenübertritt - die
historischen, sozialen und kommunikativen Aspekte des Menschen.
In unserem Modell haben wir Einigungstheorien als Beispiel für Versuche genannt, diesen
sozialen
Bezug
als
Erkenntnismoment/-aspekt
zu
integrieren
(dialogische
Theorien,
Diskurstheorien  Habermas). Diese Theorien bleiben aber eben auch im Schema von
Subjekt-Objekt-Beziehungen verhaftet und stehen daher (wie oben erwähnt) vor dem
Problem, komplexe Ganzheiten über das Verhältnis seiner Einzelteile beschreiben zu müssen
(Gesellschaft über die darin agierenden Menschen – wenn auch schon die Beziehung
zwischen diesen Menschen im Blickpunkt steht).
6
Daneben hat sich aber eine Position herausgebildet, die dieses Problem grundsätzlich anders
lösen will: Systemtheorien.
So wie die Geisteswissenschaften (u.a. Dilthey mit seiner Hermeneutik um 1900) kritisieren,
dass der Mensch in seiner Reflexivität letztlich nicht nur kausal (also in UrsacheWirkungsmustern)
beschreibbar
ist,
beginnen
wenig
später
auch
Vertreter
anderer
Wissenschaftsbereiche (Malinowski oder Radcliffe-Brown) von der anderen - der 'objektiven'
Seite - des Beobachtungsspektrums her ihre Kritik an der Kausalität als dominantem
wissenschaftlichen
'Beschreibungsmodus':
Auch
die
Welt
ist
demnach
nicht
kausal
beschreibbar - wenn man sie nämlich soweit wie möglich in ihrer Komplexität erfassen will.
Dementsprechend kommt dieser Ansatz zunächst aus Bereichen, die sich mit komplexen,
dynamischen Phänomenen beschäftigen: Biologie, Thermodynamik, Kulturanthropologie,
später Soziologie.
Was passiert bei kausalen Beschreibungsmustern? Es wird ein Phänomen möglichst isoliert
betrachtet, um feststellen zu können, welche Ursache welche Wirkung hervorruft:
U
W
Beschreibt man Phänomene mit mehr als einem ursächlichen Einflussfaktor, kann man sich
eine Zeitlang noch mit Ausmittelungen, Interdependenzberechnungen etc. behelfen (simples
Beispiel: die Vektorengrafiken bei Krafteinwirkungen auf ein Objekt in der Physik)
W
U
O
U
Was aber bei komplexen Phänomenen, bei denen die Objekte wechselseitig Ursache und
Wirkung sind (simples Beispiel: die wechselseitige Abhängigkeit der Populationen von Jägern
und Beutetieren in einem Gebiet)?
7
Derartig komplexe Phänomene lassen sich durch einzelne Ursachen-Wirkungsbeziehungen durch das Wirken der einzelnen Teile - nicht mehr sinnvoll beschreiben: die Dynamik
biologischer Lebensräume, die Entwicklung von Kulturen etc. - andererseits ist die Kultur
aber auch nicht selbst Subjekt - sie agiert nicht als Einheit mit eigenem Willen.
Die Systemtheorie behauptet nun, dass diese komplexen Phänomene - in ihrer Terminologie
'Systeme' - prinzipiell nicht mehr zufriedenstellend als Verhältnis eines Ganzen zu seinen
Teilen beschrieben werden können und wählt einen grundlegend anderen Weg: Ein System
wird nicht bestimmt durch seine Teile, sondern durch die Form der Beziehung zwischen den
Teilen: durch seine Struktur.
Das ist der Ansatz von Talcott Parsons als Begründer der ersten komplexen Fassung der
Systemtheorie im Sozialbereich. Verschärft wurde dieser Ansatz später von Parsons Schüler
Niklas Luhmann, der Systeme über das Geschehen in Beziehungen – also als Beziehungen
von Beziehungen – erklärt (z.B: Wie folgt Kommunikation auf Kommunikation?)
Das hat grundlegende Konsequenzen:

Wenn ich auf Relationen anstelle von Teilen schaue, denke ich nicht an Gegenstände, an
Objekte und Subjekte: In dieser nicht-gegenständlichen Perspektive geht es somit nicht
um das Handeln (und Erleiden) Einzelner, um ihren Willen, ihre Intentionen und
Werthaltungen – sondern um Strukturveränderungen: Wenn ich nicht auf den Einzelnen
achte, bleibt mir auch sein 'Innenleben', seine Seele und Persönlichkeit verborgen – eine
klare Gegenposition zur Hermeneutik.

Wenn ich nicht auf Gegenstände achte – also auf 'rundum' definierte Einheiten –
benötige ich jeweils neue, 'punktuelle' Unterscheidungen, um mich zu orientieren: Ich
denke
nicht
in
Einheit,
sondern
in
Differenz
(digital
nicht
analog),
achte
auf
Unterscheidungen, nicht Gemeinsamkeiten.

Wenn ich nicht Gegenstände beschreibe, beschreibe ich zunächst nicht die Welt – die
Wirklichkeit – sondern bin eine Metaebene weiter: Ich beschreibe von vornherein ein
Konstrukt von Wirklichkeit. Systemtheorie ist eine konstruktivistische Position – Systeme
existieren nicht wirklich, sie sind bereits eine Abstraktion. Wir sprechen im Rahmen der
Systemtheorie nicht so sehr von Wahrheit, als von Brauchbarkeit – d.h. wir fragen nicht:
"Ist das wirklich so (z.B dass Systeme füreinander Umwelt sind)?" sondern "Ist es
brauchbar, wenn ich das so (z.B dass Systeme füreinander Umwelt sind) beschreibe?
Bringt es mir insgesamt Erkenntnisgewinn? Komme ich mit diesem Modell weiter?"

Wenn ich nicht auf Gegenstände, sondern auf Relationen achte, beschreibe ich nicht
mehr, wie sich etwa bei einer Einwirkung diese Gegenstände entsprechend kausaler
8
Gesetze verändern, sondern ich beschreibe, wie sich dadurch die Struktur verändert, wie
weitgehend das System dadurch betroffen ist
Bildlich gesprochen gleicht das kausale Denken einem Pfeilschuss: Ich visiere ein punktuelles
Ziel an und versuche dabei alle Störfaktoren auszublenden. Das systemische Denken
hingegen gleicht einem Steinwurf ins Wasser: Ich beobachte, welche Kreise die Einwirkung
verursacht und wie weit die Wasserfläche dadurch bewegt wird.
Der Unterschied zwischen diesen Perspektiven zeigt sich immer wieder auch aktuell in der
Diskussion komplexer Phänomene (Gentechnik, Atomkraft etc.) - das Problem besteht meist
darin, dass die Ansätze 'Ich will etwas Bestimmtes erreichen' und 'Welche Auswirkungen hat
das auf das Gesamtsystem?' kaum eine gemeinsame, aufeinander Bezug nehmende
Diskussion zulassen.
Sehen wir uns noch einmal das Modell eines Systems an:
Wenn dieses System nicht durch seine Teile, sondern durch die Struktur bestimmt ist, zeigt
sich sofort das grundlegende Problem dieses Ansatzes:
Beziehungen sind weit weniger stabil als Dinge selbst: Wie sichere ich die Stabilität eines
Systems? Wie gehe ich mit der Beschreibung der Veränderung und Dynamik um, ohne den
Zusammenhalt des Systems zu gefährden?
Das war das Hauptanliegen von Parsons, er hat daher die stabilisierenden Faktoren betont,
die Struktur:
Wenn ein Phänomen sinnvoll als System beschreibbar ist ( konstruktivistischer Ansatz), ist
davon auszugehen, dass die Dynamiken innerhalb des Systems die Gesamtausrichtung
überwiegend unterstützen: Diese Entsprechung nannte Parsons Funktion. Die Funktion als
systemkompatible Struktureinwirkung ist der dynamische Faktor des Modells, es gilt: die
Funktion folgt der Struktur. (Beispiel: Sozialisation als Entwicklung des Menschen zu
überwiegend gesellschaftsstabilisierendem 'funktionalen' Verhalten – Sozialisation meint
9
daher nicht seine Charakter-/Persönlichkeitsbildung, sondern lediglich die Entwicklung seiner
Beziehungsmuster/sozialen Verhaltensweisen)
Das Problem dieses Konstruktes zeigt sich, wenn man nicht nur ein System, sondern die
Interaktion zweier Systeme betrachtet:
Parsons spricht von 'offenen Systemen', d.h., Systeme unterscheiden sich durch die
unterschiedliche Struktur, sie haben keine faktische Grenze gegenüber einem anderen
System und interagieren dementsprechend frei: Ein Input wird im System verarbeitet und
ein Output wird erzeugt. Da Parsons aber Veränderungen über den Begriff der Funktion an
die Struktur bindet, hat er wenig Möglichkeit, zu beschreiben, was mit dem Input im System
geschieht (weil ja Funktionen nicht die Strukturen beeinflussen, sondern umgekehrt).
Beschrieben wird somit lediglich: Output folgt auf Input – wird somit offensichtlich von Input
verursacht. Damit sind wir wieder in der selben komplexitätsreduzierenden Kausalität, die
mit dem Systembegriff vermieden werden sollte.
Systemtheorie nach Luhmann
An diesem Punkt der mangelnden Beschreibbarkeit von Dynamik und Interaktion setzt auch
die Kritik und Weiterentwicklung der Systemtheorie von Niklas Luhmann an.
Luhmann dreht die Prioritäten Parsons um: structure follows function.
Er stärkt den dynamischen Aspekt der Beschreibung eines Systems, indem er annimmt, dass
die Elemente eines Systems temporär, vergänglich sind. Die Elemente sind dabei nicht gleich
den Teilen eines Systems (den Gegenständen/Objekten/Subjekten), sondern sind die
Beziehungen/Relationen
zwischen
ihnen.
Bei
den
drei
Systemarten,
die
Luhmann
unterscheidet, sind das:
o
Leben bei biologischen Systemen
o
Bewusstsein bei psychischen Systemen
o
Kommunikation bei sozialen Systemen
Dass Lebens-, Bewusstseins- und Kommunikationsformen vergänglich sind, ist wohl
nachvollziehbar – wichtig ist nun, dass ein System bei Luhmann nicht wie bei Parsons dann
bestehen bleibt, wenn es Strukturen stabil hält, sondern wenn es gelingt, die vergänglichen
Elemente immer wieder durch neue zu ersetzen, wenn das System anschlussfähig bleibt
(eine Idee weiterentwickelt, bevor sie vergessen ist,...)
Diese neuen Elemente werden von den alten Elementen gebildet – das System ist
autopoietisch – indem sich ein System immer auf sich selbst bezieht – das System ist
10
selbstreferentiell - und neue Information nutzt, um entsprechend seiner Selbstreferenz neue
Elemente zu produzieren.
Z.B.: Wenn ich gefragt werde, wie spät es ist, antworte ich etwa mit der Uhrzeit:
Kommunikation (Frage) erzeugt Kommunikation (Antwort) – natürlich ist es ein Mensch – ich,
Subjekt,... – der den Satz sagt und Derartiges bestreitet die Systemtheorie auch nicht, aber es
ist hier nicht relevant: Ich sage die Uhrzeit nicht, weil ich der Typ bin der laut auf der Straße
Uhrzeiten sagt, sondern es wurde gefragt und es wird geantwortet.
Z.B.: Frühjahr 2003: Der ÖGB (die österreichische Dachorganisation des sozialen Systems
Gewerkschaften) sagt (kommuniziert): "Wir streiken immer, wenn die soziale Situation der
Arbeitnehmer massiv verschlechtert wird. Unsere neuen Informationen besagen, dass das mit
der Pensionsreform geschieht, also streiken wir am 6.5.03" (neue Kommunikation wird aus
alter Kommunikation unter Referenz auf diese eigene alte Kommunikation aufgrund neuer
Information gebildet).
Luhmann beschreibt also Systeme prozessorientiert.
Wie kann man sich nun diesen autopoietischen, selbstreferentiellen Prozess
vorstellen?
Ein System 'bildet sich selbst', indem eine grundlegende Unterscheidung getroffen wird, die
zwischen 'drinnen' und 'draussen' – zwischen System und Umwelt unterscheiden lässt und
damit als 'Leitdifferenz' dient. Diese Unterscheidung ist also geeignet, Identität (wir – z.B
ÖGB: organisierte Arbeitnehmer) und Differenz (nicht wir – nicht organisiert, nicht
Arbeitnehmer) festzustellen – das System schließt sich damit von seiner Umwelt ab:
Luhmann Systeme sind geschlossene, nicht offene wie die von Parsons.
Das heißt,

anhand der Leitdifferenz definiert das System sowohl seine Umwelt wie auch sich selbst
– was in der grundlegenden Unterscheidung nicht fassbar ist, ist nicht systemrelevant (der
ÖGB vertritt auch Spitzenbeamte mit Höchstgehältern – er ist nicht für Arme, sondern für
Arbeitnehmer da – arm / reich, links / rechts, progressiv / konservativ ist letztlich irrelevant,
der ÖGB ist vielleicht eines davon 'eher', wenn es den Interessen seiner Mitglieder dient und
daher
aufgrund
immer
wieder
getroffener
Entscheidungen
dem
autopoietisch
und
selbstreferentiell entstandenen 'Selbstbild' entspricht).

die Umwelt kann nicht direkt auf ein System einwirken. Was immer in der Umwelt
geschieht, wird vom System lediglich als Information wahrgenommen und selbstreferentiell
zur autopoietischen Bildung neuer Elemente genutzt (der Streik des ÖGB wird nicht von der
Regierung 'verursacht' (im kausalen Sinn einer notwendigen, gesetzmäßig ablaufenden
Wirkung), sondern
das Verhalten
der Regierung
erzeugt
einen
vom
System
ÖGB
11
wahrnehmbaren Unterschied (= Information), die Grundlage einer eigenen Entscheidung ist
( man hätte ja auch nicht oder anders streiken können).
Wie läuft dieser Prozess im Detail ab?

Ein System definiert sich und seine Umwelt anhand einer Leitdifferenz, die ihm
ermöglicht zu sagen 'wer zum Club gehört' und wer nicht – es schließt sich damit ab.

Das System beobachtet sich und seine Umwelt: die Leitdifferenz stellt die Umweltgrenze
fest, (zumindest) eine zweite Unterscheidung stellt eine Differenz in System oder Umwelt
fest (=Information: die Pensionen werden anders geregelt).

Diese Information wird 'ins System getragen' (Selbstreferenz) und dort verarbeitet (neue
Elemente erzeugt – Autopoiesis) – bei Luhmann heißt das re-entry'.
Z.B: Leitdifferenz ÖGB: organisierte Arbeitnehmer - Information: andere Pensionsregelung –
re-entry
der
Information
ins
System:
Pension
ist
ein
wesentlicher
Bestandteil
des
Lebenseinkommes der Arbeitnehmer - Selbstreferenz: die Situation unserer Mitglieder wird
verschlechtert, in solchen Fällen reagieren wir immer – Autopoiesis: Wir rufen zum Streik auf
(neues Element) und bestätigen uns damit auch selbst wieder als Interessensvertreter der
Arbeitnehmer.
Der Unterschied zum Konzept von Parsons liegt auf der Hand:
Bei Parsons wird das System statisch über die Stuktur definiert und die Stabilisierung dieser
Struktur als funktionaler, dynamischer Aspekt beschrieben.
Luhmann beginnt mit der Dynamik: Funktional ist für das geschlossene System die
Informationsverarbeitung: das Feststellen eines identitätsstiftenden Unterschieds, auf den
ein zweiter Unterschied (selbstreferentiell) bezogen wird und daraus Handlungsfähigkeit
(Autopoiesis neuer Elemente) gewonnen wird. Aus den so gewachsenen selbstreferentiellen
und immer wieder neu zu bestätigenden (oder zu ändernden) Informationsbeständen
'sedimentiert' Struktur – als resistenter Informationsbestand.
Das setzt allerdings voraus, dass das System 'Wahlmöglichkeit' – und ein Bewusstsein über
diese Möglichkeit - hat, wie es neue Information verarbeitet: 'Kontingenz' (wir streiken so
oder anders oder gar nicht). Ansonsten wäre eben die kausale Notwendigkeit eines
bestimmten Outputs aus einem bestimmten Input gegeben. Diese Handlungsalternativen
(komplexe
Unterscheidungsmuster)
bezeichnet
Luhmann
als
Sinn.
Aus
den
jeweils
getroffenen Entscheidungen ergeben sich in der Zeit beständige identitätsstiftende Muster –
'Strukturen'.
12
Resümierend zu unserem Modell:
Wir haben somit in der Systemtheorie eine spezifische Ausformung des Konstruktivismus (im
Modell – fasst man alle theoretischen Aussagen zusammen, dann kann man darüber
streiten: Luhmann betont zum Beispiel, dass es Systeme (Organisationen, Kulturen,...)
wirklich und nicht nur als Konstrukt gibt. Zumeist wird Luhmanns Systemtheorie daher als
'operativer Konstruktivismus' im Unterschied zu Foersters oder Glasersfelds 'radikalem
Konstruktivismus' angesprochen):


 
Konstruktivismus: Wenn wir die Welt an sich nicht erkennen können, dann
behandeln wir unsere Erkenntnisse eben wie Erfindungen (Konstruktionen)
und überprüfen, ob sie 'funktionieren'  u.a. Luhmann.


Systemtheorie als Sonderfall des Konstruktivismus, der nicht auf eine
gegenständliche Welt, sondern auf die Relationen zwischen diesen
Gegenständen (auf die Struktur) achtet – aber wieder ist das Kriterium die
Funktionalität
Ein paar Anmerkung zur Relationierung unserer drei Autoren zueinander:

Luhmann hat zu Habermas eine große Nähe und große Distanz zugleich:
 eine Nähe im Thema: beide haben die Eingebundenheit des Menschen in sein soziales
Umfeld zum Thema – von daher sind auch in den beiden Texten zu Verstehen viele
ähnliche Ansätze feststellbar: etwa die Betonung der Bedeutung von Kommunikation für
Verstehen.
 eine Distanz im erkenntnistheoretischen Ansatz (Habermas und Luhmann lagen hier
auch über Jahrzehnte im öffentlichen Disput): Diesem Thema nähern sie sich aus
entgegengesetzten Richtungen, sie schauen aus gegenüberliegenden Perspektiven aufs
13
Gleiche:
Bei
Habermas
handeln
Subjekte,
indem
sie
mit
anderen
Subjekten
kommunizieren und konstituieren damit gemeinsam eine soziale Einheit - bei Luhmann
geschieht Kommunikation in einer sozialen Einheit als konstitutives Element dieser
Einheit und stellt dabei Relationen zwischen ihren Teilen her.

Buck und Habermas vertreten ein hermeneutisches Verstehensmodell, das jeder in seine
Richtung
weiterentwickelt
hat
–
wobei
Habermas
nicht
nur
wie
Buck
auf
den
Gegenstandsbereich, sondern auf die implzite Logik abzielt. Luhmann hingegen ist kein
Hermeneutiker, er erkennt auf erkenntnistheoretischer Ebene das gegenständliche und
subjektbezogene Denken der Hermeneutiker nicht an - wobei die Hermeneutik in Vergleich
zu empirischen Wissenschaften ja bereits auf 'halbem Weg' zur Systemtheorie ist: Sie kennt
zumindest als Prozess (wenn auch nicht in der Logik) zirkuläre Denkprozesse, sie verweist
weg vom Gegenstand auf ein Inneres, Relationierendes (Sinn als Zusammenhang) etc.
(siehe unser historisch strukturiertes Theoriemodell aus letzter Lv). Das macht es Luhmann
vergleichsweise leicht, den Sinnbegriff als einen zentralen in die Systemtheorie 'einzubauen'.
Begründung wie auch Bezug der Zirkularität unterscheiden sich aber grundsätzlich (siehe
Raster) und mit ihnen der theoretische Kontext und die Legitimation der Beschreibung von
'Verstehen'.

auf Ebene des Phänomens 'Verstehen' ist Luhmann ganz nahe bei Hermeneutikern, vor
allem bei Habermas, der wie er den kommunikativen Aspekt in den Mittelpunkt stellt. Hier
unterscheidet sich Buck – der verstehen als Reflexion von Handeln begreift – von den beiden
anderen Autoren.

Bei Habermas und Luhmann tritt der Aspekt der Kommunikation in den Vordergrund,
beide betonen als Soziologen den sozialen Aspekt des Verstehens und sind nicht mehr als
Hermeneutiker zu betrachten:

Jürgen Habermas versucht entsprechend seiner Herkunft aus der 'Frankfurter Schule'
über den Aspekt rationaler Begründungen eine kritische Perspektive in die Hermeneutik
einzuführen. Die 'Kritiklosigkeit' der Hermeneutik ist ihr altes Problem: Verstehen eines
vorgegebenen Sinns bedeutet natürlich auch, nicht hinter diesen Sinn steigen zu können, als
'Verstehen' über keinen externen Standpunkt zur Kritik zu verfügen. Historisch-faktisch hat
sich die Hermeneutik und ihre Vertreter vor allem im 3. Reich diskreditiert – als überwiegend
kritiklose Ausleger nationalsozialistischen Gedankenguts (bis hin zu Heidegger).
Jürgen Habermas ist somit nicht in einer Gegenposition zur Hermeneutik, sondern sucht sie
aus einer modifizierten erkenntnistheoretischen Position heraus zu erweitern.
14

Niklas Luhmann steht hingegen sehr wohl in einer Gegenposition: Er beschreibt zwar das
Phänomen analog zur Hermeneutik (vor allem in der kommunikativ erweiterten Position von
Habermas), auf erkenntnistheoretischer Ebene lehnt er jedoch grundsätzliche Annahmen der
Hermeneutik ab. Vor allem die Vorstellung des Subjekts ist dem Systemtheoretiker Luhmann
suspekt (siehe zum Begriff des 'System' Skript zum 3. Termin), und er möchte das Monopol
des Menschen (als einzelnes Subjekt) auf Verstehen brechen – bei Luhmann verstehen
soziale Systeme (Organisationen, Institutionen, Gesellschaften) ebenso wie psychische
Systeme (Menschen).
Inhalte: Modelle des Verstehens
Bei der Konkretisierung der Vorlesungsinhalte an den Texten haben wir letzte Stunde den
theoretischen Kontext – vor allem: Systemtheorie - lange diskutiert. Dem habe ich auch
Vorrang eingeräumt: Erstens weil ich prinzipiell der Diskussion Vorrang vor dem Erzählen
von Inhalten einräume, die Sie auch im Skript lesen können, zweitens, weil Systemtheorie
vor allem im Sozialbereich immer mehr an Relevanz gewinnt und dabei oft genug
unverstanden bleibt. Die Modelle des Verstehens, die für diesen Termin ursprünglich am
Menuplan standen, liefere ich Ihnen daher hier wie besprochen nach – Fragen dazu werde
ich nächste Woche in der Lv vorrangig behandeln:
Zunächst wieder die übliche inhaltliche Anknüpfung an das, was wir vor Weihnachten
besprochen haben.
Was ist Verstehen im hermeneutischen Sinn?
Wir haben mit Dilthey geantwortet: Verstehen ist das Erkennen von etwas als etwas
(Menschliches) und gleichzeitig das Erfassen seiner Bedeutung.
Das heißt: Wenn ich etwas wahrnehme, erkenne ich es nicht als einen Gegenstand an sich,
sondern bereits in seinem Bezug zu mir: Die Phänomenologie würde sagen: aus meiner
gerichteten Intentionalität heraus, die Hermeneutik sagt: in seiner Bedeutung (zB. einen
Sessel nehme ich nicht als eine Holzkonstruktion wahr, bei der ich mir im zweiten Schritt
überlege, was man damit tun könnte, sondern von vornherein als Sessel.)
Darin liegt auch schon das Spannungsfeld, in dem sich Verstehen bewegt:

zwischen
subjektiver
Sinnzuschreibung
und
verbindlichem/objektivem
Erfassen
vorgegebenen Sinns.

zwischen subjektiv Erlebtem– d.h. einem Verständnishorizont an den man anknüpfen
kann
-
und
faktisch
/
objektiver
Erlebbarkeit
in
einem
gemeinsamen
–
intersubjektiven - Bedeutungsfeld
15

damit sehen wir schon, was beim Verstehen geschieht: Ich verknüpfe ein Äußeres mit
einem Inneren, mit meiner Vorstellung von Welt, um mich darin zu orientieren und
handlungsfähig zu sein.
In unserem Modell – d.h. in seiner erkenntnistheoretischen Dimension - entspricht das in
etwa folgendem Bild:
Hier
sehen
wir
Beschränktheit
auch
der
die
erkenntnistheoretische
Hermeneutik:
Sinn
haben
Gegenstände, soweit sie ein Mensch auf sich bezieht, Sinn
zuweist – d.h. wir sprechen in der Hermeneutik immer
nur von der Welt, soweit sie den Menschen betrifft (also
von der linken Seite der Skizze bis hin zum Kantschen
'Filter' des Erkenntnisvermögens – das entspricht auch
dem phänomenologischen Ansatz, dass wir nicht die Welt
an sich, sondern Phänomene, also bereits subjektive
Repräsentanzen der Welt thematisieren)., im Erfassen
von Sinn sprechen wir nur von menschlichen Handlungen
und Handlungsprodukten. Warum – weil wir hier auf die
Zirkularität des sich selbst bewussten Menschen treffen.
Dem können wir natürlich den dynamischen Aspekt
hinzufügen: Wenn ich jetzt wieder auf diesen Gegenstand
treffe, hat sich dadurch – und durch alles Mögliche, was
ich sonst noch erlebt habe, meine innere Vorstellung von Welt verändert; nachdem ich den
Gegenstand immer bereits in seiner Bedeutung erkenne, ist er für mich auch etwas anderes
und verlangt eine neue Orientierung. Verstehen hat somit keinen Anfang und kein Ende.
Das ist der hermeneutische Zirkel in seiner theoretischen Dimension.
Wie kann aber der vorgegebene Sinn eines Anderen verstanden werden – wenn
man dessen subjektive Sinnkontexte nicht erlebt hat?
Auf
der
konkrete
'individuellen'
Vermittlung,
Kommunikation
vor
(aber
Ebene
durch
allem
durch
auch
die
'Selbstdarstellung des Handelns' bei Buck)
– um aber kommunizieren zu können und
um auch dort verstehen zu können, wo ich
nicht mit dem 'Schöpfer' einer Bedeutung
16
kommunizieren kann, muss ich auf eine gemeinsame Basis zurückgreifen, in der Erleben
eben nicht bloß individuell, sondern gemeinsam ist bzw. durch den selben Faktor geformt ist.
Eine derartige Basis findet sich in jedem hermeneutischen Modell, am bekanntesten ist die
Vorstellung des 'objektiven Geistes' bei Dilthey (nach Hegel), eine 'Sphäre der
Gemeinsamkeit', die für jeden verbindlich ist, weil sie vorgegeben ist, weil jeder an ihr
Anteil hat, ohne über sie verfügen zu können. Jeder Gedanke wird in einer bestimmten
Sprache gedacht, jede Handlung ist in gemeinsame Konventionen eingebunden, jede
Beziehung stützt sich auf eine gemeinsame Weltsicht und einen Komplex gemeinsamer
Selbstverständlichkeiten. Diese gemeinsame Sphäre, die das Verstehen sichert, die ein
verbindendes, unhintergehbares Drittes zwischen zwei Subjekten ist, ist kulturell und
historisch geformt.
Diese Notwendigkeiten, zwischen Formen des objektiven Geistes zu übersetzen, ist aber
nicht der einzige Grund, dass keine Allgemeingültigkeit der Verbindlichkeit des Verstehens
behauptet werden kann. Ein zweiter ist, dass die Sinnzuschreibungen und Sinndeutungen
jedes Menschen zwar in den objektiven Geist hineinreichen, aber sich nicht darin erschöpfen.
Es bleibt immer eine Individualität des Verständnisses, die dafür verantwortlich
ist, dass eine bedeutungsvolle Äußerung nie ganz und nie genau gleich verstanden
werden kann. Dieser unterschiedliche Anteil im Verstehen wird als hermeneutische
Differenz bezeichnet.
Die hermeneutische Differenz ist nie zur Gänze überwindbar, zugleich ist es Anspruch der
Hermeneutik,
sie
durch
Bezug
auf
einen
übergeordneten,
gemeinsamen
Sinneszusammenhang möglichst aufzuheben –bis hin zur Vorstellung, dass der Interpret den
Text besser versteht als der Autor ( Buck). Das ist eines der Grundbilder der Hermeneutik,
das wir mit verschiedenen Bezeichnungen in unterschiedlichen Modellen des Verstehens
vorfinden.
In dieses Bild ist auch noch einmal der hermeneutische Zirkel mitgedacht: In seiner zweiten
Form als Methode des wechselseitigen Bezugs von Allgemeinem (Kultur/objektiver Geist)
und Besonderem (individuelle Kommunikation) aufeinander: Ohne Kommunikation ist keine
Kultur, ohne Kultur keine Kommunikation vermittelbar. Im wechselseitigen Bezug entwickelt
sich Verstehen (auf konkreter Ebene der Textinterpretation meint das auch den Bezug von
Gesamttext und Detail aufeinander).
Damit sind wir bereits bei der Hermeneutik als Lehre vom Verstehen: Was wir bis hierher
besprochen haben, ist das Skelett des gemeinsamen Fundaments der Hermeneutik – für
unsere Zwecke haben wir es auf diese zwei Grundbilder - hermeneutischer Zirkel und
hermeneutische Differenz – zugespitzt. Ansonsten ist die Hermeneutik - wie auch wenige
17
Paradigmen – natürlich auch kein homogenes Dogma. Anhand der beiden Bilder können wir
die Unterschiede zwischen den Modellen schön herausarbeiten und erhalten wir dabei quasi
als wesentliches Nebenprodukt die Prioritäten der Autoren – die Unterschiede in den
Modellen folgen dem, was den einzelnen Autoren wichtig ist.
Innerhalb der Hermeneutik haben wir 3 Modelle des Verstehens besprochen:
Schleiermacher
Dilthey
Gadamer
allg. Methode der
Textinterpretation
allgemeine Methode der
Geisteswissenschaften
Daseins-auslegung /
Zurückdrängung des TechnischMethodischen
Voraussetzung Sprachgemeinschaft
objektiver Geist
wirkungsgeschichtliches
Bewusstein
Gegenstand
Text
Sinnobjektivationen/
Kulturphänomene
Dasein / Sinnobjektivationen
Formen
grammatisches V
psychologisches V
elementares V
höheres V
nicht wiss.-methodisch orientiert
Perspektive
des psychologischen V.:
komparativ (aufs Allgemeine)
Sinn-v. (aufs Allgemeine)
nicht wiss.-methodisch orientiert
Interesse
psychologisch (aufs Besondere)
divinatorisch (aufs Besondere)
Betonung
Balance im Zirkel Allgemeines- des Allgemeinen im Zirkel
Besonderes
Allgemeines-Besonderes
des Besonderen im Zirkel
Allgemeines-Besonderes
Modell
V als Reproduktion
V als Wiederfinden
V als Begegnung
Sinngehalt
SinnAutor
SinnAutor
SinnInterpret
SinnInterpret
SinnAutor
SinnInterpret
Analog haben wir einen Raster für die Modelle unserer Autoren erarbeitet. Dazu zwei
Anmerkungen:

Dieses Tabelle hat nicht den gleichen Anspruch wie die vorige – Wir haben nur einen
kurzen Text, nicht den Querschnitt aus dem Lebenswerk, als Grundlage zur
Verfügung – wir können daher einiges nicht oder nur als Vermutung eintragen

Bei allen 3 Texten – vor allem Habermas - sollte man diesen Raster zweimal
ausfüllen, denn sie beziehen sich auf zwei Ebenen:
o
die des Verstehens als Phänomen und
o
auf die der Lehre des Verstehens – v.a. die Hermeneutik – und ihren Status in
der Wissenschaft.
18
Interesse
Voraussetzung
Buck
Habermas
Luhmann
Erweiterung auf
Handlungshermeneutik
Objektivität des Verstehens
Einführung/Neudeutung des
Phänomens in Systemtheorie
Praxis, Lebenswelt
Rationalität,
intersubjektive Lebenswelt
Analogie der Funktionen und
Prozesse von Systemen
Kommunikation
Selbstreferentialität / Sinn (nicht
vorgegeben/überschneidend
Kommunikation für richtiges V
Selbstdarstellung des
Handelns
Wissenschaftlichkeit/
Nützlichkeit der Hermeneutik für
Sozialwissenschaft
performativer Sprachgebrauch
Gegenstand
Handeln – paradigmatisch:
Sprechen
Formen
Explikatives V (von implizitem kommunikatives V
Sinn)
kritisches V
beobachtendes V (im Hinblick
auf Selbstreferentialität)
Perspektive
je nach implizitem Sinn auf
beides?(Allgemeines u.
Besonderes)
Teilnahme /Kontextbezug
/Normativität aufs Besondere
Analogie (auf Einheit)
Betonung
?
des Allgemeinen
Modell
V als Reflexion
V als rationale Rekonstruktion
V als Beobachtung
Sinngehalt
SinnAutor
SinnAutor
SinnAutor
theor. Kontext
Phänomenologie
SinnInterpret
Bedeutungsobjektivation –
paradigmatisch: Sprechen
Systeme
Beobachtung (auf Differenz)
Rationalität (aufs Allgemeine)
SinnInterpret
SinnInterpret
Kritische Theorie/komm Handeln Systemtheorie
Autor/Interpret Subjekt
Subjekte in Kommunikation
System
Verhältnis H
Erweiterung zu Kritik
erkenntnistheoretisch
Vertreter – erweiternd zu
Handlungshermeneutik
Gegenposition
Wir haben schon bei den drei 'klassischen' Autoren eine zunehmende Stärkung des
Interpreten festgestellt (von bloßer Reduktion von Sinn zur Begegnung im Verstehen). Diese
setzt sich in der Position Günther Bucks fort, in dessen Text wir ein 4. Modell des
Verstehensprozesses kennenlernen (wissenschaftshistorisch bei weitem nicht so wesentlich –
aber exemplarisch für einen Entwicklungsstrang in der Nachfolge Gadamers):
'Verstehen' vollzieht sich hier als Reflexion des sich in einer Handlung darstellenden Sinnes.
Diese Darstellung geht über den bewussten 'Zweck'/'Grund' zu Handeln, wie er dem
Handelnden bewusst ist, hinaus – verstehen ist Explikation von implizitem Sinn einer
Handlung und ihrer Produkte (das inkludiert auch Sprache und Texte). Der Interpretierende
versteht in diesem Sinne mehr als der Handelnde, der, um handeln zu können, 'Sinnvolles'
zugunsten des Handlungszieles unbewusst lässt (Sprache zugunsten des ausgesprochenen
Inhalts).
19
d.h. natürlich nicht, dass man das, was explizit gesagt/ getan wird, ignoriert – aber
Interpretation beschränkt sich eben nicht darauf: die eigentlich interpretatorische Leistung ist,
das auszudrücken, was eben nicht schon offensichtlich dasteht/ausgedrückt ist! Das ist der
Grund, warum bei derartigen Lvs (z.B. bei mir) Arbeiten, die sich auf Inhaltsangabe
beschränken, nicht als Interpretation im Sinne einer Verstehensleistung anerkannt werden.
Bei Habermas und Luhmann tritt der Aspekt der Kommunikation in den Vordergrund (der bei
Buck nicht thematisiert wird), beide betonen als Soziologen den sozialen Aspekt des
Verstehens und sind nicht mehr (nur) als Hermeneutiker zu betrachten:

Jürgen Habermas versucht entsprechend seiner Herkunft aus der 'Frankfurter Schule'
über den Aspekt rationaler Begründungen eine kritische Perspektive in die Hermeneutik
einzuführen. Die 'Kritiklosigkeit' der Hermeneutik ist ihr altes Problem: Verstehen eines
vorgegebenen Sinns bedeutet natürlich auch, nicht hinter diesen Sinn steigen zu können, als
'Verstehen' über keinen externen Standpunkt zur Kritik zu verfügen. Historisch-faktisch hat
sich die Hermeneutik und ihre Vertreter vor allem im 3. Reich diskreditiert – als überwiegend
kritiklose Ausleger nationalsozialistischen Gedankenguts (bis hin zu Heidegger).
Jürgen Habermas ist somit nicht in einer Gegenposition zur Hermeneutik, sondern sucht sie
aus einer modifizierten erkenntnistheoretischen Position heraus zu erweitern.

Niklas Luhmann steht hingegen sehr wohl in einer Gegenposition: Er beschreibt zwar das
Phänomen analog zur Hermeneutik (vor allem in der kommunikativ erweiterten Position von
Habermas), auf erkenntnistheoretischer Ebene lehnt er jedoch grundsätzliche Annahmen der
Hermeneutik ab. Vor allem die Vorstellung des Subjekts ist dem Systemtheoretiker Luhmann
suspekt (siehe zum Begriff des 'System' Skript zum 12. Termin), und er möchte das Monopol
des Menschen (als einzelnes Subjekt) auf Verstehen brechen – bei Luhmann verstehen
soziale Systeme (Organisationen, Institutionen, Gesellschaften) ebenso wie psychische
Systeme (Menschen).
Zusammenschau Verstehen
Das Folgende ist im Prinzip eine Wiederholung von bereits Besprochenem mit besonderer
Beachtung der Positionen der von uns besprochenen Autoren zu Kernaspekten des
Phänomens 'Verstehen' in hermeneutischer Deutung.
"Verstehen ist das Erkennen von etwas als etwas (Menschliches) und gleichzeitig das
Erfassen seiner Bedeutung" (Dilthey)
Findet sich dieses 'Bild', diese Annahme auch bei unseren Autoren?
20
Buck: JA
Habermas: JA
Luhmann: JEIN - Verstehen können selbstreferentielle Systeme: Deren 'Träger' sind zwar
Menschen, aber darauf kommt es nicht an – das System versteht (eine Gesellschaft – nicht
'nur' ihre Mitglieder) Allerdings könnte man eine ganz ähnliche (analoge) Definition finden,
die die Systemtheorie akzeptieren würde: Verstehen ist das Beobachten von etwas als
kontingent (systemrelativ) in Bezug auf seinen Sinn.
Gegensatz: verstehen – erklären
Verstehen zielt auf Sinn, Bedeutung, erklären dagegen ist das Herleiten von Tat-sachen aus
Ur-sachen, das Ableiten einer Gegebenheit von einem Prinzip, Gesetz.
Buck: JA – Verstehen ist Explikation impliziten Sinns
Habermas: JA - explizit im Beispiel der Laute
Luhmann: : JA - explizit im Beispiel der Knöpfe
Gegensatz Sinn 'erzeugen'/'zuschreiben' – Sinn erfassen
subjektiv - objektiv
erlebensorientiert - erlebbar
Inneres - Äußeres
Buck: JA
Habermas: JA
Luhmann: : JA – mit einer Einschränkung: der Begriff des Subjektiven findet sich nicht bei
Luhmann (er wird teilweise durch Systemrelativität und die Funktionsbeschreibungen
'autopoietisch' und 'selbstreferentiell' ersetzt). Diese Vermeidung des Subjektiven zeichnet
Luhmann als Gegenpol zur Hermeneutik aus.
2. Wie geschieht Verstehen?
Auslöser bewussten Verstehen ist die Störung eines 'selbstverständlichen' Kontextes
(Dilthey)
Buck:
JA
–
in
einer
Variation:
Verstehen
ist
Bewusstmachung
eines
im
Handeln
'selbstverständlichen' Sinns – wodurch auch immer ausgelöst
21
Habermas: JA
Luhmann: JA
Vorgang des Verstehens – Modelle des Verstehens
Es existieren verschiedene Vorstellungen, auf welche Weise Verstehen geschieht:

Schleiermacher: dadurch, dass die Perspektive des Anderen eingenommen wird
–
bildlich gesprochen: der verstandene Sinn ist der des Autors:
S

S
Dilthey: dadurch, dass das eigene Erleben im Anderen wiedergefunden wird , nachbilden
bildlich gesprochen: der verstandene Sinn ist wieder v.a. der des Autors:
S

S
Gadamer: dadurch, dass man sich vom Anderen (und vom Sinngehalt seiner Handlung)
ansprechen lässt, dass man dem Anderen 'begegnet'
bildlich gesprochen: der verstandene Sinn ist eine 'Begegnung zweier Sinnzuschreibungen,
d.h. steht 'zwischen' Autor und Interpreten
S

S
Habermas: dadurch, dass man mit dem Anderen kommuniziert (zumindest vorgestellt)
bildlich gesprochen: der verstandene Sinn ist 'Austausch' zweier Sinnzuschreibungen (mit
Gründen in Absicht einer Einigung) , d.h. steht 'zwischen' Autor und Interpreten
S

S
Luhmann: wieder dadurch, dass man mit dem anderen (System) kommuniziert
bildlich gesprochen: der verstandene Sinn ist 'Austausch' zweier Sinnzuschreibungen, d.h.
steht 'zwischen' Autor und Interpreten
S

S
Buck: dadurch, dass impliziter Sinn reflektiert und damit bewusst gemacht wird
bildlich gesprochen: der verstandene Sinn ist Reflexionsleistung Interpreten – auf Basis des
Erkennens impliziter Sinnzusammenhänge – er ist beim Interpreten lokalisiert
S
S
22

Bei allen vorgestellten Modellen wird Verstehen als ein prinzipiell nicht abschließbarer
zirkulärer
Prozess
(der
Kommunikation
Hermeneutikern
(Schleiermacher,
hermeneutischer
Zirkel,
bei
/
Reflexion
Dilthey,
Luhmann
als
etc.)
Gadamer,
zirkulärer
beschrieben:
Buck,
bei
den
Habermas)
als
Referenzprozess
(nicht
als
hermeneutischer Zirkel, weil kein Subjekt daran beteiligt ist!)
Wie ist Verstehen möglich?
• individuell
• allgemein - kulturell
Durch einen gemeinsamen Verständnishorizont – weil wir nicht alles neu erfinden, sondern
auf gemeinsame Kultur und Geschichte (Sprache, Traditionen etc.) zurückgreifen – eine
'Sphäre der Gemeinsamkeit'  Hegels Begriff des 'objektiven Geistes'.
• allgemein - funktional
Durch
Vorstellungen
Verstehen
zugrunde
gleicher/gemeinsamer
liegen
Fähigkeiten/'Funktionsweisen',
(Reflexionsfähigkeit
des
die
Subjekts/Selbstreferentialität
dem
des
Systems)
Buck: JA
Habermas: JA
Luhmann: JA – allerdings ist das Gemeinsame, das Verstehen ermöglicht, bei Luhmann
schlicht die Funktionsgleichheit selbstreferentieller Systeme – ein System versteht ein
anderes, weil es genauso selbstreferentiell agiert wie das beobachtete.
Vollkommenes Verstehen und hermeneutische Differenz
Es bleibt aber immer auch eine Individualität des Verständnisses, die dafür verantwortlich
ist, dass eine bedeutungsvolle Äußerung nie ganz und nie genau gleich verstanden werden
kann. Die hermeneutische Differenz ist nie zur Gänze überwindbar, zugleich ist es Anspruch
der
Hermeneutik,
sie
durch
Bezug
auf
einen
übergeordneten,
gemeinsamen
Sinneszusammenhang möglichst aufzuheben.
Buck: JA – durch die bewusste Reflexion des Impliziten kann der Interpret den Autor
allerdings sogar besser verstehen als dieser sich selbst (solange der Autor nicht
selbstaufklärend auch eigenes Handeln reflektierend interpretiert - d.h. ein Gegenbild der
hermeneutischen Differenz), allerdings versteht er dabei etwas Anderes als der Autor, nie
genau dasselbe.
23
Habermas: JA
Luhmann: JA – allerdings wieder in nicht-hermeneutischem Vokabular.
Insgesamt sehen wir also weitgehende Gemeinsamkeiten der Autoren in Ihrem Verständnis
von 'Verstehen'. Wichtig sind vor allem folgende Differenzierungen:
o
Buck und Habermas vertreten ein hermeneutisches Verstehensmodell, das
jeder in seine Richtung weiterentwickelt hat. Luhmann hingegen ist kein
Hermeneutiker,
er
erkennt
auf
erkenntnistheoretischer
Ebene
das
gegenständliche und subjektbezogene Denken der Hermeneutiker nicht an wobei die Hermeneutik in Vergleich zu empirischen Wissenschaften ja bereits
auf 'halbem Weg' zur Systemtheorie ist: Sie kennt zumindest als Prozess
(wenn auch nicht in der Logik) zirkuläre Denkprozesse, sie verweist weg vom
Gegenstand auf ein Inneres, Relationierendes (Sinn als Zusammenhang) etc..
Das macht es Luhmann vergleichsweise leicht, den Sinnbegriff als einen
zentralen in die Systemtheorie 'einzubauen'.
o
auf
Ebene
des
Phänomens
'Verstehen'
ist
Luhmann
ganz
nahe
bei
Hermeneutikern, vor allem bei Habermas, der wie er den kommunikativen
Aspekt in den Mittelpunkt stellt. Hier unterscheidet sich Buck – der verstehen
als Reflexion von Handeln begreift – von den beiden anderen Autoren.
24
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