Definition von Sozialisation

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Sozialisierung
aus Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialisierung
Der Begriff Sozialisierung kann bedeuten:
 die Überführung von privatem in gesellschaftliches beziehungsweise staatliches
Eigentum (Verstaatlichung);
 die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen
materiellen und sozialen Umwelt, d. h. unter selbstverständlicher Annahme der
gesellschaftlichen Werte und Normen und deren Identifizierung (Sozialisation).
Definition von Sozialisation (http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialisation)
Sozialisation bezeichnet meist die Gesamtheit all jener durch die Gesellschaft vermittelten
Lernprozesse (u. a. das Benehmen), in denen das Individuum in einer bestimmten
Gesellschaft (Übertragung von Bräuchen etc.) und ihrer Kultur sozial handlungsfähig wird –
also am sozialen Leben teilhaben und an dessen Entwicklung mitwirken kann. Sozialisation
ist somit ein lebenslanger Prozess. Gruppen, Personen und Institutionen, welche die sozialen
Lernprozesse des Individuums steuern und beeinflussen, bezeichnet man als
Sozialisationsinstanzen. Diese Definition berücksichtigt, dass sich Sozialisation aus dem
Zusammenleben von Menschen (Generationenbeziehungen) konstituiert und sich in
spezifischen Befähigungen individueller Akteure, aber auch in der Art und Weise ihrer
Beziehungsgestaltung äußert.
Klaus Hurrelmann hat aus diesen Überlegungen heraus den Begriff so definiert, dass er die
Annahme des Wechselspiels von gesellschaftlichen Umwelt- und angeborenen
Individualfaktoren als festen Bestandteil enthält. In der "Einführung in die
Sozialisationstheorie" wird folgende Definition vorgenommen: "Sozialisation bezeichnet ...
den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene
menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über
den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt.
Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen
Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundlagen, die für den Menschen
die 'innere' Realität bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den
Menschen die 'äußere' Realität bilden."
Die "lebenslange Aneignung und Auseinandersetzung" ist für Hurrelmann ein wichtiger
Bestandteil der Definition, denn sie schließt die Vorstellung aus, Sozialisation sei der Erwerb
eines gesellschaftlich erwünschten Repertoires von vorgegebenen Verhaltensweisen und
Orientierungen. Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen wird vielmehr als eine in
ihren Grundmerkmalen aktive und prozesshafte Form der Auseinandersetzung mit den
inneren Anforderungen von Körper und Psyche und den äußeren Anforderungen von sozialer
und dinglicher Umwelt konzipiert. Um diesen Charakter in einem Wort zum Ausdruck zu
bringen, kann sie auch als "produktiv" bezeichnet werden. Das Wort 'produktiv' wird nicht als
ein wertender, sondern beschreibender Begriff verwandt. Der Begriff soll ausdrücken, dass es
sich bei der individuell je spezifischen Verarbeitung der inneren und der äußeren Realität um
aktive und 'agentische' Prozesse handelt, bei denen ein Individuum eine individuelle, den
eigenen Voraussetzungen und Bedürfnissen angemessene Form wählt. Die Verarbeitung ist
'produktiv', weil sie sich aus der jeweils flexiblen und individuell kreativen Anpassung der
inneren und der äußeren Bedingungen ergibt.
Zusammengefasst bezeichnet Klaus Hurrelmann Sozialisation bildhaft als "produktive
Realitätsverarbeitung".
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Sozialisationstheorien
Sozialisationstheorien bilden die Grundlage für das Sozialisationsverständnis.
Im Sozialisationsverständnis lassen sich zwei Traditionen unterscheiden, die heute noch sehr
populär und verbreitet sind, aber vor allem wegen ihrer Einseitigkeit heute in der
Wissenschaft abgelehnt werden.
Die erste Tradition (Psychologische Theorien) „erklärt die menschliche Entwicklung aus dem
Organismus des Menschen heraus und misst der Umwelt einen geringen Stellenwert bei“
(Nestvogel). Dazu zählen „reifungstheoretische, organistische, anlagenorientierte,
essentialistische, biologistisch-rassistische Ansätze“. (Nestvogel).
Die zweite Tradition (Soziologische Theorien) sieht Sozialisation als einen vorrangig durch
die Gesellschaft gesteuerten normativen Prozess „als Mittel zur Integration“. Hierzu zählen
„sozialdeterministische, strukturfunktionalistische, mechanische, prägungstheoretische
Ansätze“ (Nestvogel). Grundlage sind hier die Menschenbilder, nach denen die ungeformte
"rohe" menschliche Natur sich den Bedürfnissen der jeweiligen Gesellschaften anpassen
müsse. Hobbes spricht hier von "zähmen", Spencer und Darwin meinten anpassen, und
Durkheim spricht davon, „dem eben geborenen egoistischen und asozialen Wesen ein anderes
Wesen hinzuzufügen, das imstande ist, ein soziales und moralisches Leben zu führen“.
Parsons ging es bei seinem Sozialisationsverständnis darum, „Verhaltensmaßstäbe und Ideale
der Gruppe in sich aufzunehmen“ und „die Bereitschaft zur Erfüllung eines spezifischen
Rollentyps innerhalb der Struktur der Gesellschaft“ zu entwickeln.
Dagegen betrachten neuere und zur Zeit wissenschaftlich relevante Traditionslinien die
Sozialisation „als 'Entwicklung im Kontext' (systemtheoretisch-ökologische und reflexivhandlungstheoretische Ansätze)“.
Sozialisationstheorien unterscheiden sich in ihrer Funktion zwischen affirmativen oder
deskriptiven Theorien und kritischen Theorien sowie dekonstruktivistischen Theorien.
Affirmative Theorien fragen danach, welcher Sozialisationstyp gebraucht wird. Deskriptive
Theorien fragen und forschen danach, welchen Sozialisationstyp eine bestehende Gesellschaft
erzeugt und beziehen im Gegensatz zu kritischen Theorien Kategorien wie Macht,
Ungleichheit, Herrschaft und Gewalt nicht mit ein. Dekonstruktivistische Theorien verwerfen
die Möglichkeit neutraler oder objektiver Wissenschaft und beziehen daher die Perspektive,
aus der heraus geforscht wird, kritisch mit ein.
Die Bedeutung eines sozialen Umfeldes für den Menschen
Pflanzliche und tierische Organismen sind auf geradezu perfekte Weise in ihre jeweiligen
natürlichen Umgebungen eingepasst. Demgegenüber erscheint der Mensch höchst
unzulänglich darauf vorbereitet, sich in einer natürlichen Umgebung zu behaupten.
Morphogenetisch unfertig, organisch unspezialisiert, weitgehend ohne funktionsfähige
Instinkte und eine lebensdienliche Bewegungsarchitektur, benötigt er besondere
Rahmenbedingungen, um überlebensfähig zu werden. Zu den wichtigsten dieser
Rahmenbedingungen gehört ein besonderes soziales Umfeld, aus dem heraus er seine
Lebensfähigkeit entfalten und entwickeln kann.
Für den neu geborenen Menschen besteht sein soziales Umfeld anfangs aus einem kleinen
Kreis von Personen, die sich um ihn kümmern sowie aus deren Lebensumständen. Die um ihn
gruppierten Personen bilden – von ihm zunächst ganz unabhängig – bereits miteinander ein
vielschichtiges Beziehungsgeflecht aus abgeglichenen Lebensanschauungen und erprobten
Umgangsformen. Dieses Geflecht ist seinerseits eingewoben in andere, zum Teil
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umfassendere soziale Netzwerke. Jede der Personen hat zudem ihr eigenes Leben aus einem
solchen sozialen Umfeld heraus begonnen, wie nun das Neugeborene.
Diese sozialen Netzwerke sind nicht zu trennen von den jeweiligen Lebensumständen, in die
sie eingebettet sind. Sie gründen zwar, wie bei allen anderen Lebewesen, auf natürlichen
Gegebenheiten, bestehen indessen größtenteils aus Techniken und Einrichtungen der
Lebensbewältigung, die die Menschen erst aus jenen Gegebenheiten und in fortdauernder
Auseinandersetzung mit ihnen über viele Generationen hinweg herausgearbeitet, tradiert und
weiter entwickelt haben. Sie prägen einerseits nachhaltig das Leben des Einzelnen und seine
sozialen Beziehungen; auf der anderen Seite bleiben sie Gegenstand menschlicher Gestaltung
und Veränderung.
Institutionalisierung menschlicher Lebensweisen
Die fortwährende Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umgebung stabilisiert sich
institutionell zu artspezifischen Lebensformen und -anschauungen durch Gewöhnung. Jedes
Tun, das häufig wiederholt wird, verfestigt sich zu einem Muster, das unter Einsparung von
besonderer psychischer Anspannung und physischer Kraft reproduziert werden kann und
dabei vom Handelnden als zweckmäßiges Handlungsmuster aufgefasst wird. In diesem
Prozess kristallisieren sich zugleich aus dem an sich übergangslosen Kontinuum der Welt
bestimmte Erscheinungen heraus und gewinnen Kontur und Bedeutung als Gegenstände und
Geschehnisse, auf die das Tun sich richtet. Der Vorteil selektierender Wahrnehmung und
gewohnheitsmäßigen Tuns liegt in einer Begrenzung zahlloser möglicher Sicht- und
Reaktionsweisen auf wenige – oder gar nur eine einzige – in der Regel bewährte, d. h.
lebensdienliche Verhaltensweisen. Gewöhnung sorgt damit für eben die Richtung und
Spezialisierung, Lebenssachverhalte zu erfassen und auf sie gezielt zu reagieren, die der
biologischen Ausstattung des Menschen fehlen. Indem sie ihn davon entlastet, jede Situation
von neuem Schritt für Schritt analysieren und durch Entscheidungen bestimmen zu müssen,
und so etwas wie eine Basis schafft, auf der sich menschliches Handeln vollzieht, spart sie das
Freisetzen von Energien für Gelegenheiten auf, die einer richtungsbestimmenden
Entscheidung bedürfen.
Der Übergang von individuell durch Gewöhnung verfestigten Betrachtungsweisen und
entlastetem Handeln zur Institutionalisierung von menschlichen Lebensformen beginnt, wenn
sich Menschen in ihrem Verhalten gegenseitig aufeinander einstellen. Zur Basis der
Verständigung werden dabei Übereinkünfte über Andeutungen, Zeichen, die schließlich in
Sprache einmünden und die von allen Beteiligten in gleicher Weise verwendet und aufgefasst
werden. „Die einzelne Handlung des einen ist für den anderen nicht mehr Quelle der
Verwunderung oder drohender Gefahr. Stattdessen nimmt vieles, was vor sich geht, für beide
die Trivialität dessen an, was beider Alltagsleben sein wird. […] Sie sparen Zeit und Kraft
nicht nur für beliebige äußere Aufgaben, die sie getrennt oder gemeinsam haben, sondern für
ihre gesamte seelische Ökonomie. Ihr Zusammenleben hat nun in einer ständig sich
erweiternden Welt der Routinegewissheit seine Form gefunden.“ Dieser Vorgang vollzieht
sich ähnlich beim Umgang zwischen Einzelnen und Gruppen sowie zwischen Gruppen oder
größeren Personengesamtheiten. Kennzeichnend ist dann, dass die jeweiligen
Personengesamtheiten bestimmte gruppenspezifische Anschauungen und Routinen des
Verhaltens teilen; die diesen Anschauungen und Verhaltensweisen zugrunde liegenden
Typisierungen sind Allgemeingut der jeweiligen Gruppe.
Über eine gewisse Zeit hinweg etablierte gemeinsame Anschauungen und Routinen des
Handelns wirken selbstbestätigend und haben die Tendenz zu Dauer und Bestand. Sie
erreichen damit mehr und mehr eine überindividuelle, unabhängig vom einzelnen Subjekt
bestehende Gegenständlichkeit, Objektivität. Das gilt vor allen Dingen für die Anschauungen
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und Routinen, die bereits, als von vorangegangenen Generationen übernommen,
selbstverständlich geworden sind und damit schon längst als Institutionen den Charakter
historischer und objektiver Wirklichkeit haben.
Dem gegenüber bleiben Betrachtungsweisen und Routinen, die innerhalb einer Generation
oder auch individuell entwickelt worden sind, für diejenigen, die ihnen Gestalt gegeben
haben, leichter veränderbar. Auch diese Möglichkeit schwindet jedoch, wenn eine neue
Generation hinzukommt, die deren Zustandekommen nicht mehr selbst erlebt und gestaltet
hat. Für sie sind diese anfänglich auch gar nicht als Konvention reflektierbaren Routinen Teil
einer ihnen objektiv gegenübertretenden Wirklichkeit. Das wirkt gleichsam wie ein
Spiegelreflex auf die Elterngeneration zurück: Zur Wirklichkeit der 'natürlichen'
Gegebenheiten der Welt treten so – und dies an die Stelle artspezifischer Umwelten anderer
Lebewesen – die zu Institutionen verdichteten Anschauungs- und Handlungsroutinen einer
‚sozialen‘, einer ‚gesellschaftlichen‘ Wirklichkeit. Die institutionalisierten Anschauungs- und
Handlungsroutinen schlagen sich zudem in Techniken des Umganges mit den Gegebenheiten
der natürlichen Umgebung des Menschen nieder. Sie ersetzen die ihm weitestgehend
fehlenden Instinkte, die alle anderen Lebewesen in ihre jeweilige Umwelt einpassen. Sie sind
für ihn die Instrumente, mit denen er sich die für ihn an sich unwirtliche Umgebung für sich
erst passend macht.
Sozialisationsprozess
Sozialisation ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Im Zentrum steht die Entwicklung der
menschlichen Persönlichkeit sowie der sozialen Beziehungen einer Person. Zur Persönlichkeit
gehört einerseits die Individualität, die den Einzelnen von allen Anderen unterscheidet,
andererseits die Intersubjektivität, die die Mitglieder einer Gesellschaft oder Gemeinschaft
miteinander teilen (z. B. Werte, Normen, soziale Rollen).
Über sein soziales Umfeld wird der unfertige Mensch in eine Welt eingepasst, in der und aus
der heraus er leben kann. Es ist ein aus natürlichen Gegebenheiten jeweiliger Umgebungen
von Menschen bereits herausgearbeitetes Gebilde aus Anschauungen, Einrichtungen
Lebensformen. Sie bilden die Werkzeuge, mit denen sie ihre jeweilige Umgebung gedeutet
und für sich passend gemacht haben. Um selbst lebensfähig zu werden, muss der neugeborene
Mensch lernen, mit diesen Werkzeugen umzugehen, sie zu gebrauchen. Die Einpassung des
unfertigen Menschen in diese Welt vollzieht sich in einem Prozess des Verinnerlichens von
Anschauungsweisen und Formen der Lebensbewältigung, die ihm durch die Menschen
geboten werden, welche ihn – das zunächst noch ganz hilflose Geschöpf – unmittelbar
umgeben. Verinnerlichen bedeutet, seine Umgebung Schritt für Schritt so zu erfassen, zu
deuten und zunehmend auch zu handhaben, wie sie von den Menschen seiner unmittelbaren
Umgebung aufgefasst, gedeutet und gehandhabt wird. Der junge Mensch lernt, die Welt mit
Augen seiner Mitmenschen zu sehen, mit ihren Begriffen zu ordnen und zu gliedern, mit ihren
Emotionen und Bewertungen auf ihre Erscheinungen zu reagieren und sich ihre Techniken
des Umganges mit den Gegebenheiten dieser Welt anzueignen. Mit einem Wort, er
übernimmt sukzessive eine Welt, in der die ihn unmittelbar umgebenden anderen Menschen
schon leben. Dass diese Welt nur eine von unzähligen anderen menschlichen Lebenswelten
ist, bleibt ihm zunächst verborgen. In ein bestimmtes soziales Umfeld hineingeboren, gibt es
für ihn vorerst nur dieses. Es ist der Ort, um den herum sich für ihn die übrige Welt entfaltet
und von dem aus sie ihm erschlossen wird. Es ist für ihn die Welt schlechthin. Erst in einer
späteren Lebensphase wird für ihn erkennbar, dass es auch ganz andere Lebenswelten gibt,
dass die eigene nur das Ergebnis eines Bündels von Zufälligkeiten ist und dass es sogar –
wenn auch immer von einer nicht mehr reversiblen, schicksalhaften Ausgangsbasis aus –
unterschiedliche Optionen für die Gestaltung der eigenen Lebenswelt gibt.
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Es wird vor allem die primäre und die sekundäre Sozialisation unterschieden.
Primäre Sozialisation
Mit der primären Sozialisation werden die Fundamente für die noch ausstehende Einpassung
des Menschen in die Welt gelegt, in der und aus der heraus er zu leben hat. Mit ihr wird eine
Grundausstattung an Lebens- und Weltwissen vermittelt, die ein Mensch braucht, um in
seiner Umgebung Fuß zu fassen. Die mit der primären Sozialisation zu leistende schrittweise
Verinnerlichung der Anschauungsweisen und Lebensformen seines sozialen Umfeldes durch
den neuen Erdenbürger ist an Voraussetzungen gebunden, die anfangs nur ganz wenige
Personen erfüllen können.
Erste und wichtigste Bedingung ist eine vertrauensvolle Bindung (Urvertrauen) des
Neugeborenen an Menschen, die ihren Zugang zur Welt bereits gefunden haben. Dem
sensorischen Entwicklungsstand des Neugeborenen entsprechend ist diese Bindung noch
nahezu ausschließlich auf emotionales Wohlbefinden gegründet. Sie bildet sich deshalb am
leichtesten zwischen ihm und der Mutter aus, der Person, die ihm ihrerseits schon durch die
Schwangerschaft gefühlsmäßig am engsten verbunden ist. In und bei ihr kann es sich mit
seinen elementaren vitalen Bedürfnissen nach Wärme, Nahrung, Zuwendung und Pflege am
geborgensten fühlen. Die Bindung an weitere Menschen hängt dann gleichermaßen davon ab,
inwieweit sie zum Wohlbefinden des Neugeborenen beizutragen vermögen.
Eine weitere wichtige Voraussetzung für den Verinnerlichungsprozess sind Dauer und
Beständigkeit der Bindung. Da der neue Erdenbürger anfangs noch über keinerlei
abstrahierende Begrifflichkeiten verfügt, mit denen er die auf ihn eindringende Fülle der
Erscheinungen für sich ordnen und gliedern könnte, muss sich das, was offenbar für ihn
Bedeutung haben soll, erst aus dem wiederholten Umgang seiner Bezugspersonen mit diesen
Erscheinungen allmählich herauskristallisieren. Dieses Begreifen braucht Zeit und es gelingt
auch nur, wenn das Verhalten der Bezugspersonen gegenüber gleichen Erscheinungen auch
einigermaßen gleich bleibt.
Die innere Bereitschaft, institutionalisierte Anschauungsweisen und Lebensformen zu
verinnerlichen, erwächst aus einer Identifizierung des Kleinkindes mit seinen nächsten
Bezugspersonen. Das ermöglicht es ihm, regt es aber auch dazu an, die Welt in einer Weise
aufzufassen, zu deuten, sich zu ihr zu stellen und sie schließlich so zu handhaben, wie seine
Bezugspersonen dies tun.
Dies führt dann zu einem weiteren sehr wichtigen Schritt der primären Sozialisation des
Kindes. Indem es die Formen der Anschauungen seiner Bezugspersonen über und deren
Umgangsweisen mit der Welt übernimmt, findet es nicht nur seinen Zugang zur Welt, in der
es zu leben hat, sondern darüber hinaus auch einen neuen Zugang zu sich selbst. Wenn es also
die Welt mit ihren Augen zu sehen lernt, wird es durch sie auch seiner selbst als Gegenstand
ihrer emotionalen wie tätigen Zuwendung gewahr. Zu den Eindrücken, Empfindungen und
Bedürfnissen, die es unmittelbar in sich selbst verspürt, erfährt es sich dabei als das, was die
Menschen, die es umgebenden, in ihm sehen. Und während es auch dies verinnerlicht, wird es
unversehens auch zu dem, was diese in es hineinlegen.
Mit diesen Zuschreibungen erhält das Kind im Rahmen seiner primären Sozialisation von
seinen Bezugspersonen schließlich einen ganz bestimmten Platz und eine spezifische Rolle in
dem sozialen Umfeld zugewiesen, aus dem heraus es die Welt erfährt. Es lernt sich dabei als
eine Person kennen, die in unterschiedlichen Beziehungen zu anderen Personen seines
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sozialen Umfeldes steht und an das Rollenerwartungen geknüpft werden, die es erfüllen soll
(Herausbildung einer eigenen Identität).
Sekundäre Sozialisation
Sind mit der primären Sozialisation die Fundamente für die Einpassung des Menschen in
seine Welt gelegt, steht er vor der Aufgabe, aus seinem Leben etwas zu machen, es konkret zu
gestalten. Diese Aufgabe muss er in Auseinandersetzung mit einer Welt aufnehmen, die
außerhalb des Rahmens der primären Sozialisationsumfeldes liegt. Den in dieser
Auseinandersetzung sich vollziehenden Prozess bezeichnet man als sekundäre Sozialisation.
In komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften ist die Welt, mit der der Einzelne sich
auseinanderzusetzen hat, in eine Vielzahl von miteinander verzahnten und verschachtelten
Subwelten aufgefächert, deren jede durch ganz spezifische Anforderungen sowie spezielles
Wissen und Können geprägt ist: Lehrer kümmern sich um Bildung, Ärzte und Schwestern um
die Gesundheit, Bauern und ihnen nachgelagerte Industrien um die Herstellung von
Nahrungsmitteln, Händler um deren Verteilung, Handwerker um den Bau von Häusern und
die Reparatur von Wasserleitungen, Soldaten um die Verteidigung des Landes, Richter um die
Befriedung von Rechtsstreitigkeiten, Müllwerker um die Beseitigung des täglichen Abfalls –
und so weiter. Sekundäre Sozialisation ist demzufolge die Verinnerlichung solcher, durch
Arbeits- oder Funktionsteiligkeit bedingter institutionaler „Subwelten“. Sie besteht im Erwerb
von rollenspezifischem Wissen und Können und „erfordert das Sich-zu-eigen-Machen eines
jeweils rollenspezifischen Vokabulars. Die ‚Subwelten‘, die mit der sekundären Sozialisation
internalisiert werden, sind partielle Wirklichkeiten im Kontrast zur 'Grundwelt', die man in
der primären Sozialisation erfasst“.
Über die primäre und die sekundäre Sozialisation wird der in die Welt noch weitestgehend
einpassungsbedürftige Mensch zunehmend in Routinegewissheiten der Anschauung und der
Bewertung der Welt sowie seines Verhaltens ihr gegenüber stabilisiert. Anders als bei den
instinktiv fixierten Adaptionsmechanismen anderer Lebewesen bleiben diese
Routinegewissheiten aber modifizierbar. Dies gilt nicht so sehr für die mit der primären
Sozialisation erworbenen Routinegewissheiten, die in besonderem Maße emotional verankert
und intellektueller Reflexion schwerer zugänglich sind, weil sie zumeist als alternativlos
verinnerlicht werden. Aus dieser Haut kommt der Mensch deshalb nur noch sehr schwer
heraus. Umso mehr indessen gilt das für die mit der sekundären Sozialisation aufgenommenen
Anschauungs-, Bewertungs- und Verhaltensweisen, die vielfach mit der Erkenntnis
verinnerlicht werden, dass es auch andere Lebensmöglichkeiten gibt, auch wenn sie für den
Einzelnen nicht unbedingt erreichbar sind oder sonst in Betracht kommen. Menschen können
ihr Verhältnis zur Welt also verändern; sie bleiben in der Lage, neue Rollen zu übernehmen
und in ihnen andere Anschauungen, Bewertungen und Verhaltensmuster zu verinnerlichen als
die, die sie bis dahin geleitet haben. Je länger der einzelne in eine der Subwelten eingebunden
ist, je anhaltender die wiederkehrenden Erfahrungen sind, die er dort macht, desto stärker
lagern sich diese als nicht mehr angezweifelte Gewissheiten ab, die seine Weltsicht
bestimmen. Diese Sedimentierung erklärt zu einem guten Teil, warum Menschen in
vorgerücktem Alter in ihren Anschauungen, Bewertungen und Verhaltensweisen immer
starrer werden und ihre Sensibilität für andere Sichtweisen abnimmt.
Sozialisation als Beziehungsgestaltung
Sozialisation äußert sich in zwei Ausdrucksmodalitäten:
1. in den Persönlichkeitseigenschaften und
2. in den Prozessen des Zusammenlebens
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Seit den 1960er Jahren liegt der Schwerpunkt der Sozialisationsforschung in der Bezugnahme
auf die Entwicklungspotenziale und Handlungsoptionen einzelner Akteure (vgl. Klaus
Hurrelmann u. a. 1998). Die starke Fokussierung auf das Subjekt mündete jedoch in einer
Engführung, die eine Ausblendung von sozialen Gestaltungsprozessen zur Folge hatte, die
durch das Zusammenleben selbst entstehen.
Indem die Sozialisationsforschung die Prozesse des Zusammenlebens als zweite Dimension
mit einschließt, ist es ihre Aufgabe, sich nicht nur auf die zentralen Aspekte der
Persönlichkeitsentwicklung zu konzentrieren, sondern zudem einen Schwerpunkt auf die
Analyse der konkreten zwischenmenschlichen Beziehungsgestaltung zu setzen. Diese äußert
sich in Prozessen der Entstehung von individuellem Handlungswissen und einer allgemeinen
Handlungsorientierung. Als grundlegend für die Annahme dieser Perspektive von
Sozialisation ist die Tatsache zu betrachten, dass Sozialisation Interaktion voraussetzt und auf
anthropologische, bio-psycho-soziale Dispositionen des Menschen zur Reflexion, zur
Koordination und zur Verständigung baut.
Sozialisation ist in Bezug der hier beschriebenen Erweiterung durch die Dimension der
gemeinsamen Handlungspraxis und der hier entstehenden Wissensgenese demnach als „eine
soziale Praxis zu bestimmen, die sich durch das Zusammenleben von Menschen etabliert,
wobei Erfahrungen, Fertigkeiten und Wissen zwischen den Menschen ausgetauscht und
kultiviert werden“ (vgl. Matthias Grundmann 2006).
Humanisation
Der Sozialanthropologe Dieter Claessens stellt in "Familie und Wertsystem" heraus, dass eine
'gelingende' "Sozialisation" einer vorausgehenden gelungenen Humanisation bedürfe, in der
das Neugeborene im ersten Lebensjahr ("post-uterinen Frühjahr") ein Urvertrauen gewinne
(oder eben nicht gewinne), soziale Lehren für sich zu akzeptieren (siehe auch: Geburt).
Mittlerweile ist auch durch aktuelle anthropologische und entwicklungsgenetische Studien
belegt, dass Sozialisation als eine gattungsspezifische Form der Lebensbewältigung
anzusehen ist. Diese beschränkt sich allerdings nicht allein auf die Fähigkeit zur
"Humanisation", sondern viel grundlegender auf die Erkenntnisfähigkeit, wie sie zum
Beispiel in der Wahrnehmung und Deutung reziproker Handlungsdisposition begründet ist.
Sozialisation und Erziehung
Sozialisation vollzieht sich in und durch Interaktionen, wobei sich die beteiligten Akteure in
ihrem Verhalten wechselseitig aufeinander beziehen. Allerdings geschieht das häufig nicht als
Interaktion zwischen Gleichen, sondern vor allem in Generationenbeziehungen, das heißt,
zwischen Alt und Jung. Eine unbeabsichtigte Nebenfolge der wechselseitigen
Handlungskoordinationen in sozialisatorischen Interaktionen ist die unbewusste Inkorporation
(Pierre Bourdieu) der hegemonialen Werte und Normen der Bezugspersonen, der
Bezugsgruppe und schließlich auch einer Gesellschaft. Hinzu kommt Erziehung, die nach
Siegfried Bernfeld als bewusste „gesellschaftliche Reaktion auf die Entwicklungstatsache“
verstanden werden kann. Erziehung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Kinder die
Fähigkeiten zu einem Teil erst erwerben müssen, durch die sie zu kompetenten
Gesellschaftsmitgliedern werden. Ziel der Sozialisation ist es u. a., das Kompetenzgefälle
zwischen Alt und Jung, also zwischen Generationen, aufzuheben.
Erziehung lässt sich vor diesem Hintergrund in Anschluss an Émile Durkheim (einer der
Ersten, die den Begriff Sozialisation als Wissenschaftsbegriff eingeführt hatten) soziologisch
als socialisation méthodique, d.h. als geplante und absichtsvolle Sozialisation bestimmen.
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Daraus folgt: Erziehung ist diejenige Teilmenge der Sozialisationsvorgänge, für die das Ziel
grundlegend ist, Veränderungen von Personen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen,
zu bewirken. Sie bezeichnet demnach jenen Anteil am Sozialisationsprozess, der sich auf die
Manipulation von Bezugspersonen bezieht.
Im Zuge der 68er-Bewegung entbrannte eine heftige Debatte darüber, wie groß der Anteil der
Sozialisation an der Entwicklung des Menschen ist und wie groß der Anteil des Angeborenen
(nicht identisch mit dem durch genetische Anlagen Bedingten). Zur Zeit (2006) besteht die
Kontroverse vor allem darin zu bestimmen, welchen quantitativen und qualitativen Anteil die
Sozialisation auf dem Hintergrund der jeweiligen genetischen Anlagen hat. Gefragt wird also
danach, inwieweit die Entwicklung der Person durch angeborene oder soziale, mithin auch
sozial vererbte oder durch soziale Umwelten selektiv vorgegebene Handlungsdispositionen
beeinflusst wird. Diese Kontroverse ist durch eine undifferenzierte Verwendung der Begriffe
Entwicklung, Sozialisation und Selektion (wozu letztlich auch die Erziehung zählt)
gekennzeichnet.
Kritik
Sozialisation ist im erziehungswissenschaftlichen Sinn kritisch zu betrachten: Die Klassiker
der Pädagogik gehen von einer nicht-affirmativen Erziehung, also nicht von einer Erziehung
im Sinne von Anpassung an die gesellschaftlichen Normen aus. (Vgl. dazu Jean-Jacques
Rousseau, Friedrich Schleiermacher, Wilhelm von Humboldt, Johann Friedrich Herbart,
Dietrich Benner). Gelungene Sozialisation versetzt das Individuum einerseits in die Lage,
bestehende Werte und Normen zu erkennen und zu akzeptieren – andererseits die Normen
und Werte auch reflektierend in Frage zu stellen (siehe auch: Internalisierung
(Sozialwissenschaften)).
Sozialisation betont häufig die Abhängigkeit unterschiedlicher Generationen voneinander (z.
B. Eltern und Kinder). Manchmal wird vergessen, dass sich bestimmte Lernprozesse gerade
innerhalb derselben Generation, der Peergroup, abspielen bzw. entscheiden: So ist die
Übernahme der Geschlechterrolle nach neueren Untersuchungen relativ früh und eindeutig ein
Lernprodukt, das sich aus der Identifikation mit der eigenen Generation entwickelt und
wahrscheinlich nicht aus der Auseinandersetzung mit der Eltern-Generation
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