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Zeitschrift für historische Bildung
C 21234
ISSN 0940 - 4163
Heft 2/2015
Militärgeschichte
Militärgeschichte im Bild: Propagandapostkarte »Zeppelin kommt!«, 1915.
Mythos Stuka
Österreicher in der Wehrmacht
»Moltke als Schimpfwort!«
Chemische Kriegführung 1914–1918
Militärgeschichtliches Forschungsamt
MGFA
Impressum
Editorial
ZMG 2014-H3 Impressum Editorial
Militärgeschichte
Zeichen: 2.900
Zeitschrift
Bildung
V1für
mthistorische
2014-08-21,
V2 lekt 2014-08Herausgegeben
21, V3 mt 2014-08-22
vom Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften
der Bundeswehr
S. 2
durch Oberst Dr. Hans-Hubertus Mack und
Oberst Dr. Sven Lange (V.i.S.d.P.)
Produktionsredakteure der aktuellen
Ausgabe:
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Redaktion:
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Hauptmann Ariane Huth M.A. (aau)
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Oberstleutnant Dr. Harald Potempa (hp)
Major Dr. Klaus Storkmann (ks),
korresp. Mitglied
Mag. phil. Michael Thomae (mt)
Bildredaktion: Dipl.-Phil. Marina Sandig
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Karte: Dipl.-Ing. Bernd Nogli
Layout/Grafik:
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Redaktion »Militärgeschichte«
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© 2015 für alle Beiträge beim
Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw)
Liebe Leserin,
lieber Leser,
aus Ihren Rückmeldungen wissen wir, dass bei manchen besonderes Interesse an der Technikgeschichte der Weltkriege besteht. Diesem Wunsch
kommt Jens Wehner mit einem Blick auf den Mythos »Stuka« nach. Das Sturzkampflugzeug Ju 87 galt auch nach 1945 als eines der erfolgreichsten Flugzeuge der Luftwaffe. Dies lag, so Wehner, an seinem »innovativen Einsatz«
im Gefecht der verbundenen Waffen, der gar als Vorbild des späteren Close
Air Support gelten könne. Beim Blick auf Technik und Taktik dürfen jedoch
niemals die Opfer dieser Angriffe in Vergessenheit geraten.
Martin Meier trägt diesem Wunsch Rechnung: Er blickt auf die chemische
Kriegführung im Ersten Weltkrieg, den Einsatz von Chlorgas und Phosgen
sowie auf andere grauenhafte Erfindungen im »Gaskrieg«.
Auf Ihr besonderes Interesse wird sicher der Beitrag von Norman Domeier
über eine ab 1907 öffentlich vor Gerichten ausgetragene Schlammschlacht
um Ehre, Verleumdung und die damals noch unter der Strafe des Paragrafen
175 stehende Homosexualität stoßen. Im Fokus standen »allerhöchste Kreise«
des Reiches und des preußischen Militärs mit engen freundschaftlichen Beziehungen zum Kaiser. Vordergründig drehte sich der Skandal um Sexualität und die Ehre des preußischen Militärs, hinter den Kulissen ging es um
knallharte politische Fragen: um Einfluss beim Kaiser und die Richtung der
deutschen Außenpolitik. Der Skandal von 1907 wirkt sogar bis in die Gegenwart nach. Der damalige preußische Kriegsminister General Karl von Einem
trat als Verfechter einer besonders harten Linie gegen homosexuelle Offiziere
in der preußischen Armee hervor. Im Reichstag meldete er sich in der Debatte am 29. November 1907 zu Wort: »Mir sind diese Leute ekelhaft und ich
verachte sie! […] Wo ein solcher Mann mit solchen Gefühlen in der Armee
weilen sollte, da möchte ich ihm zurufen: Nimm Deinen Abschied, entferne
Dich, denn Du gehörst nicht in unsere Reihen! Wird er aber gefasst, meine
Herren […] so muss er vernichtet werden.« Von Einems Reichstagsrede ist
neben anderen kontroversen Punkten im Leben des 1934 verstorbenen Generals heute Hauptargument für die Umbenennung der mancherorts noch bestehenden Von-Einem-Straßen. In Essen scheiterte 2013 eine solche von der
Stadt vorgesehene Umbenennung an einem Bürgerentscheid der Anwohner.
Auch in Berlin sollte die Einemstraße unbenannt werden, und auch hier formierte sich Widerspruch der Anwohner, sodass der Nordteil der Straße bis
heute Einems Namen trägt. Ihr Südteil wurde 2013 nach Karl Heinrich Ulrichs, einem 1895 verstorbenen Vorkämpfer der Homosexuellenbewegung,
benannt.
In eigener Sache: Die Redaktion verabschiedet sich von Herausgeber Oberst
Dr. Sven Lange und dankt ihm für seine vertrauensvolle und inhaltlich stets
bereichernde Zusammenarbeit. Für seine weitere Dienstzeit wünschen wir
viel Erfolg und Soldatenglück.
Hauptmann Ariane Aust M.A. begibt sich auf Entdeckungsreise: Sie ist vor
wenigen Tagen in den Ehestand getreten. Unserer Redaktion bleibt sie weiter
erhalten, wenn auch unter verändertem Namen: Ariane Huth.
Druck:
SKN Druck und Verlag GmbH & Co., Norden
Für Ihr Interesse an der Militärgeschichte danken
ISSN 0940-4163
Klaus Storkmann und Michael Thomae
Inhalt
»Stuka!« Mythos und
Wirklichkeit
4
Service
Das historische Stichwort:
Die Schlacht von Gorlice-Tarnów 23
Jens Wehner M.A., geb.1978 in Schlema/Sachsen,
Militärhistorisches Museum der Bundeswehr,
Dresden
Neue Medien 24
Lesetipps26
Die historische Quelle
28
Geschichte kompakt
29
Ausstellungen30
»Österreicher« in der
Wehrmacht
10
»Zeppelin kommt!« Mag. Dr. Richard Germann, geb. 1974 in
Wels/Oberösterreich, Ludwig Boltzmann-Institut
für Historische Sozialwissenschaft, Wien
»Moltke als Schimpfwort!«
Der Eulenburg-Skandal und die moralische
Rechtfertigung eines »großen Krieges«
Militärgeschichte
im Bild
14
Dr. Norman Domeier, geb. 1979 in Duderstadt/
Südniedersachsen, Akademischer Rat am
Historischen Institut der Universität Stuttgart
Die Propagandapostkarte »Zeppelin
kommt!« aus dem Jahr 1915 zeigt den
Angriff eines Zeppelins auf den »Kriegshafen von England« als Kinderspiel. So
vielschichtig das »Kinderspiel« mit Blick
auf das Kriegsgeschehen und die beabsichtigte Wirkung der Propaganda hier
auch zu lesen sind, gibt die Karte ebenso
Auskunft über die gesamtgesellschaftliche Dimension der Militarisierung.
Foto: Archiv Markus Pöhlmann, ZMSBw
Weitere Mitarbeiter dieser Ausgabe:
Gaskampf 1914–1918
Kampfstoffe und Einsatzgrundsätze
der Entente- und der Mittelmächte
Dr. Martin Meier, geb. 1975 in Bergen/Rügen,
Studienrat, Fachlehrer für Chemie und
Geschichte
18
Tobias Gräf, SHK Uni Regensburg;
Major Holger Hase M.A., Dresden;
Oberst Prof. Dr. Winfried Heinemann,
ZMSBw;
Stefan Kahlau M.A., Geltow;
Kapitänleutnant d.R. Christian Senne M.A.,
Cuxhaven;
Carsten Siegel B.A., Potsdam;
Dr. Thomas Vogel, ZMSBw;
Dr. Susanne Willems, Berlin.
31
MHM
Stuka
5Eine Ju 87 kurz vor dem Start am Mittelabschnitt der Ostfront, um 1943.
D
»Stuka!«
Mythos und Wirklichkeit
ie Junkers Ju 87 – genannt
»Stuka« (für Sturzkampfflugzeug) – ist wahrscheinlich das
bekannteste deutsche Flugzeug des
Zweiten Weltkrieges. Geradezu symbolhaft steht sie bis heute für die fliegerische Komponente des »Blitzkriegs«.
Doch was steckt dahinter, wie besonders war die Ju 87 wirklich?
Die Idee für die Sturzbomber oder
Sturzkampfbomber – so die gängige
Bezeichnung – entstand in der US Navy
in den 1920er Jahren. Dahinter stand
die Überlegung, dass horizontal fliegende Flugzeuge keine militäri­schen
Punktziele und insbesondere keine
Schiffe treffen könnten. Beim Sturzflug
könne der Pilot jedoch mit dem ganzen
Flugzeug das Ziel anvisieren und dann
die Bomben in niedriger Flughöhe einfach entlang der Flugbahn abwerfen.
Dieses Prinzip funktionierte tatsächlich recht gut und steigerte die Präzision enorm. Im Zweiten Weltkrieg ent-
4
schieden die Sturzbomber sogar Seeschlachten, wie zum Beispiel 1942 bei
den Midway-Inseln im Pazifik. Dort
war es etwa drei Dutzend US-amerika­
ni­schen Sturzbombern gelungen, drei
japanische Flugzeugträger in nur sechs
Minuten schwer zu beschädigen.
Bereits die Reichswehr hatte in den
1920er Jahren die Idee entwickelt, ein
Sturzkampfflugzeug in eine künftige
deutsche Luftwaffe einzuführen. Ernst
Udet (1896–1941) trieb diese Idee ab
Mitte der 1930er Jahre wesentlich voran. Udet, nach Manfred von Richt­
hofen der erfolgreichste deutsche Jagdflieger im Ersten Weltkrieg, trat 1935
als Oberst in die von seinem persönli­
chen Bekannten Hermann Göring geführte Luftwaffe ein. Er wurde zunächst
Inspekteur der Jagd- und Sturzkampfflieger und ab 1936 Chef der Luftwaffenrüstung.
1935 führte die neuaufgestellte Luftwaffe zwei Ausschreibungen durch, in
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
denen sowohl die Entwicklung eines
leichten einsitzigen Sturzbombers als
auch die eines größeren Sturzbombers
mit einem Piloten und einem nach hinten ausgerichteten Bordschützen mit
beweglichen Maschinengewehr (MG)
als Ziele genannt wurden. Für die
leichte einsitzige Variante gewann die
Firma Henschel die Ausschreibung mit
einem konservativen Doppeldecker
ihres Modells Hs 123. Im Zuge der
zweiten Ausschreibung traten die
Arado 81, die Heinkel 118 und die Junkers 87 gegeneinander an. Die Arado 81
war ebenfalls im konservativen Doppeldeckerdesign gehalten, während
die Heinkel ähnlich wie der Eindecker
Ju 87 geformt war, aber nicht deren
Knickflügel aufwies. Die Ju 87 gewann
und wurde in die Serienproduktion genommen. Der Erstflug der Ju 87V-1 erfolgte bereits im September 1935.
Der Knickflügel war ein aerodynamisches Mittel, um der Stuka mehr Sta-
D-Variante der Ju 87 zu fliegen, und
stellte ein stabiles Flugverhalten sowie
ausgezeichnete Sichtmöglichkeiten
fest. Im Sturzflug sei die Stuka das beste Flugzeug des Krieges: »Tatsächlich
hatte ich noch kein Sturzkampfflugzeug geflogen, mit welchem Stürze
steiler als 70 Grad möglich gewesen
wären. Nur die Ju 87 war ein echter 90Grad-Stürzer! [...] Mit diesem Flugzeug
schien es die natürlichste Sache der
Welt zu sein, wenn man ›auf dem Kopf‹
stand.«
Taktik und erster Einsatz
Der erste Kampfeinsatz der Ju 87 erfolgte im Spanischen Bürgerkrieg
(1936–1939) im Rahmen der »Legion
Condor« zur Unterstützung der gegen
die Republik putschenden Truppen des
späteren Diktators Francisco Franco.
Von viel Skepsis durch die Luftwaffenführung begleitet, erwiesen sich die
Stukas als äußerst wirksam in der
punktgenauen Bekämpfung gegnerischer Stellungen und Einheiten. Die
Verluste durch Flugabwehrkanonen
(Flak) und feindliche Jagdflugzeuge
blieben nicht zuletzt dank der deutschen Luftüberlegenheit gering. Das
Ziel wurde von den Ju‑87-Piloten in Vförmigen Formationen angeflogen,
denn in der V‑Formation konnten die
Heckschützen der Stukas ihre toten
Feuerwinkel am besten gegenseitig
ausgleichen. Jede Kette, bestehend aus
drei Flugzeugen, bildete ein V, eine
Staffel bildete wiederum aus ihren drei
Bundesarchiv, Bild 183-1987-1210-502 / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA
bilität im Kurvenflug zu geben, da sich
dabei die Luftströmung veränderte.
Eine andere Stellung der Tragfläche
konnte hier von Vorteil sein. Zudem
war durch den Knick ein Punkt geschaffen, der unterhalb der Gesamtfläche des Flügels lag, also der Erde näher
war. Genau dort befand sich das Fahrwerk, dessen »Beine« daher recht kurz
geformt werden konnten. Entgegen
dem damaligen Trend in der Flugzeugentwicklung war es nicht einziehbar,
wahrscheinlich um Gewicht zu sparen
und die Stabilität beim Landen und
Starten zu erhöhen. Im Unterschied zu
der US-amerikanischen Sturzbomberkonstruktion war die deutsche Stuka
eher für den Landkrieg gedacht, eine
Ausführung, die Ju 87C, sollte jedoch
auch auf Flugzeugträgern eingesetzt
werden. Der einzige in Bau befindliche
deutsche Träger »Graf Zeppelin«
wurde allerdings nie in Dienst gestellt.
Luftwaffenpiloten bezeichneten das
Flugverhalten der Stuka übereinstimmend als sehr einfach und stabil. Einer
von ihnen, Gerd Stehle, schrieb nach
dem Zweiten Weltkrieg, der Knickflügel »versprach zwar eine außerordentliche Stabilität im Flug, aber schnell sah
diese Tragfläche auch nicht aus«. Zum
Fahrwerk meinte er: »Wenn es mal zu
matschig wurde, dann montierten die
Bordwarte die ›Maukepantoffeln‹ (so
nannten sie die Radverkleidungen)
einfach ab, weil sich beim Rollen zu
viel Dreck sammelte.«
Der britische Testpilot Eric Brown
hatte nach dem Krieg Gelegenheit, eine
5Sturzkampfflugzeuge 1939 in Polen.
Ketten ein V. Kurz vor dem Erreichen
des Zieles formierten sich die Ju 87 zu
einer Linie, und danach rollte eine nach
der anderen über die Tragfläche ab und
stürzte mit einem Winkel von bis zu
90° – also fast senkrecht – auf das Ziel.
In der Regel wurde in Höhen um 4000
bis 5000 m angeflogen und bis zu
1000 m Höhe herunter gestürzt. Viele
Piloten gingen tiefer, um besser treffen
zu können, steigerten jedoch dabei
auch das Risiko abzustürzen oder abgeschossen zu werden. Vor dem Sturz
wurden Luftwiderstand erzeugende
Sturzflugbremsen ausgefahren, wodurch gleichzeitig die am Fahrwerkbein befindlichen Sirenen ausgelöst
wurden. Diese sogenannten Jerichotrompeten erzeugten ein laut-heulendes Geräusch, um Angst und Panik
beim Gegner zu erzeugen. Bereits der
britische Luftkriegstheoretiker Hugh
Trenchard hatte nach dem Ersten Weltkrieg erkannt, dass die psychologische
Wirkung eines Bombenangriffs zwanzig Mal stärker sei als die Trefferwirkung selbst. Tatsächlich rannten viele
Soldaten vor den heranstürzenden Stukas davon.
Beim Sturz traten jedoch trotz der
Sturzflugbremsen sehr hohe Geschwindigkeiten auf, die beim Abfangen in
den Normalflug enorme G-Kräfte bis
zum Neunfachen des eigenen Körpergewichtes verursachten. Nicht wenige
Piloten erlitten dabei kurzzeitigen Blutverlust im Auge (»black-out«) oder verloren gar das Bewusstsein. Bei Verlust
des Bewusstseins griff eine sogenannte
Abfangautomatik ein, die ab einer bestimmten Höhe das Flugzeug sicher
abfing. Noch höhere Belastungen
traten für den Heckschützen der Ju 87
auf. Doch auch die Automatik schützte
nicht vor allen Eventualitäten. Am
15. August 1939 stürzte eine StukaGruppe durch eine Wolkendecke über
dem schlesischen Truppenübungsplatz
Neuhammer. Da die Wolken niedriger
als vom Wetterdienst vorhergesagt hingen, rammten sich 13 Stukas binnen
Sekunden in die Erde, weil ihre Piloten
sie zu spät abgefangen hatten. Die Bedienung der Stukas war für die Piloten
nicht nur in physischer, sondern auch
in psychischer Hinsicht eine große Herausforderung, denn oft stürzten die Ju
87 in das dichteste Flakfeuer hinein. In
den Anfängerfliegerschulen der Luftwaffe wurden daher besonders mutige
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
5
Stuka
Ausführungen der Ju 87*
Ausführung
Gefertigt ab
Stückzahl
MaximalWaffen (starr/vorn
(gerundet) leistung (PS) und beweglich/hinten)
Bombenlast
Ju 87A
7/1937
260
720
1 x 7,92-mm-MG
1 x 7,92-mm-MG
500 kg
Ju 87B
9/1938
920
1 200
2 x 7,92-mm-MG
1 x 7,92-mm-MG
500 kg
Ju 87R
(R für
Reichweite)
1/1940
720
1 200
2 x 7,92-mm-MG
1 x 7,92-mm-MG
250 kg
(dafür mehr
Betankung)
Ju 87D
8/1941
3 640
1 420
2 x 20-mm-Bordkanone
(ab D-5)
1 x 7,9- mm-Doppelrohr-MG
1 800 kg
Ju 87G
12/1943
210
1 420
2 x 3,7-cm-Bordkanone
1 x 7,92-mm-Doppelrohr-MG
in der Regel
ohne Bomben;
für Panzerbekämpfung
vorgesehen
1936 – 1944
5 800
Gesamt
(inklusive
Prototypen)
*Angegeben sind nur die häufigsten Ausführungen der Ju 87.
Quellen: W. Wagner, Hugo Junkers. Pionier der Luftfahrt – seine Flugzeuge, Bonn 1996;
P.C. Smith, Stuka: Luftwaffe Ju 87 Dive-Bomber Units 1942 – 1945, Hersham 2006.
Piloten für die Sturzkampfgeschwader
ausgewählt. Die Ausbildungszeit dauerte zwischen 13 und 24 Monate und
umfasste mindestens 200 Flugstunden.
Viele Stuka-Piloten fühlten sich aufgrund der in sie gesetzten Erwartungen
und ihrer Auswahl als Elite. Wenig bekannt ist, dass der berühmte Aktionskünstler Joseph Beuys (1921–1986) als
Bordschütze und -funker auf der Stuka
flog.
Erfolge und Propaganda
Zum Überfall auf Polen im September
1939 konnte die Luftwaffe auf rund 340
Ju 87 zurückgreifen. Die meisten waren beim Fliegerführer z.b.V. (zur besonderen Verwendung) konzentriert,
der unter dem Kommando des Generals Wolfram von Richthofen auf die
Unterstützung der Heeresverbände
spezialisiert war.
Die Ju‑87-Verbände begannen die ers­
ten offenen Kampfhandlungen im
Zweiten Weltkrieg; eine Kette zerstörte
am 1. September um 4.35 Uhr – also
zehn Minuten vor dem offiziellen Angriffsbeginn – polnische Sprengkabel
an einer Eisenbahnbrücke bei Tczew
(Dirschau). Etwa fünf Minuten vor Angriffsbeginn bombardierte eine StukaGruppe die polnische Kleinstadt
Wieluń, wobei dieser Angriff viele
­Opfer unter der Zivilbevölkerung forderte.
Der erste Luft-Luft-Abschuss im
Zweiten Weltkrieg gelang ebenfalls
6
© ZMSBw
07547-02
einem Stuka-Piloten. Die polnischen
Luftstreitkräfte verfügten über meist
veraltete und deutlich weniger Flugzeuge als die deutsche Luftwaffe. In
den ersten Eroberungsfeldzügen der
Wehrmacht in Polen 1939 und Norwegen 1940 zeigten die Stukas beträchtliche militärische Wirkung. Mit ihren
Sirenen und Bomben stürzten sie sich
auch im Westfeldzug 1940 gegen
Frankreich, Belgien, Luxemburg und
die Niederlande auf die gegnerischen
Truppenstellungen und ebneten so den
motorisierten Verbänden der Wehrmacht den Weg. Oft geschah dies an
den entscheidenden Brennpunkten der
Front. Einer der intensivsten Angriffe
dieser Art fand am 13. Mai 1940 bei Sedan statt. Hier erzielte die Wehrmacht
einen entscheidenden Durchbruch, der
zur Niederlage Frankreichs führen
sollte. An diesem 13. Mai bombardierten von 8.00 Uhr früh bis abends
Hunderte deutscher Flugzeuge die
französischen Stellungen bei Sedan,
darunter viele Stukas. Ein Oberleutnant der bombardierten französischen
Division schrieb dazu nach dem Krieg:
»Zu den Bombern gesellen sich die
›Stukas‹. Das Sirenengeräusch des herunterstoßenden Flugzeugs bohrt sich
ins Ohr und legt den Nerv bloss. Man
bekommt Lust, zu brüllen.« Beeindruckt waren auch die deutschen Heeressoldaten. Einer beschrieb nach dem
Krieg: »Staffel um Staffel ziehen in großer Höhe heran, entfalten sich zur
Reihen­formation und da, da saust die
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
ers­te Maschine senkrecht herab, gefolgt von der zweiten, dritten; zehn,
zwölf Flugzeuge sind es, die gleichzeitig wie die Raubvögel auf ihre Beute
stürzen und dann ihre Bombenlast
über dem Ziel auslösen.« Die Stukas
erfüllten also die in sie gesetzten Erwartungen einer wirksamen Waffe für
die Zerschlagung feindlicher Erdtruppen.
Der NS-Propagandaapparat instrumentalisierte sehr bald die Ju 87 für
seine Zwecke. In den filmischen Inszenierungen im Nationalsozialismus
wurden für die Stukas Raubtiervögelund Insektenschwärme genutzt und
die Ju 87 als moderne Waffe dargestellt. So zeichneten die Propagandis­
ten Bilder eines in Panik, Chaos und
Unordnung geratenen Feindes, während die Piloten als kraftvolle Wesen
gezeigt wurden. Schließlich wurde
1941 sogar ein Film mit dem Titel »Stukas« aufgeführt, bei dem die technische
Darstellung der Ju 87 im Vordergrund
stand. Die deutschen Kriegswochenschauen griffen das Kriegsbild »Stuka«
mit Vorliebe auf. Immer wieder wurden nachvertonte Stuka-Angriffe gezeigt, in denen die »Jerichotrompeten«
heulten und die Feinde schwer getroffen wurden. Diese Bilder und Klänge
sind so wirkmächtig, dass sie bis heute
immer wieder auftauchen, und selbst
in einigen Fliegerfilmen sind abstürzende Flugzeuge mit dem Geheul von
Sirenen der Ju 87 unterlegt, weil abstürzende Flugzeuge vermeintlich so
klingen.
Erste Probleme und Zenit der
Stuka-Verbände
Doch schon bald nach Kriegsbeginn
bekam der Stuka-Mythos zumindest
im inneren militärischen Bewertungssystem Kratzer. In der Luftschlacht um
England im Sommer und Herbst 1940
gelang es den Jagdflugzeugen der
­Royal Air Force, den britischen Luftraum gegen die Luftwaffe zu verteidigen. Messerschmitt-Jagdflugzeuge
konnten nicht immer einen effektiven
Begleitschutz für die Ju 87 sicherstellen. Waren die Ju‑87-Verbände den
Angrif­fen britischer Jäger ausgesetzt,
wurden sie dezimiert. Nach fünf Tagen
intensiver Luftschlachten mussten sie
aus dem Einsatz genommen werden.
Es zeigte sich, dass die Ju 87 zu schwach
und fortschrittlichste Streitmacht der
Welt. Darin ist letztlich eines ihrer »Erfolgsgeheimnisse« der ersten Kriegsjahre zu sehen.
Motor dieser Entwicklung war das
VIII. Fliegerkorps. Es war 1939 aus dem
»Fliegerführer z.b.V.« unter dem Kommando Richthofens hervorgegangen.
Seine Stukas waren unter anderem
beim deutschen Vormarsch auf Leningrad beteiligt und warfen etliche Bomben auf die zweitgrößte sowjetische
Stadt. Da die Wehrmacht Leningrad
nicht einnehmen wollte bzw. konnte,
belagerte sie fast drei Jahre die Stadt.
Die Folge waren rund eine Million
Hungertote und weitere Zehntausende
Opfer durch Artilleriebeschuss und
Fliegerbomben. Ende 1941 wurde der
deutsche Vormarsch vor Moskau gestoppt. Der kontinentale Winter Russ­
lands traf auf eine schlecht vorbereitete
Luftwaffe, deren Einsatzbereitschaft
drastisch gesunken war. Aber bereits
im folgenden Frühjahr 1942 änderte
sich die Lage, als die Stukas einen entscheidenden Anteil an den Schlachten
an der Ostfront hatten. In Kertsch und
Charkow zerschlugen sie starke sowjetische Verbände. Im Juni 1942 eroberte
die 11. Armee unter General Erich von
Manstein Sewastopol. Neben äußerst
schwerer Artillerie hatten die Ju 87 des
VIII. Fliegerkorps daran entscheidenden Anteil. Die letzte deutsche
Großoffensive (»Fall Blau«) in Richtung Stalingrad und Kaukasus wurde
ebenfalls massiv vom VIII. Fliegerkorps unterstützt. Besonders Stalingrad wurde heftig bombardiert, da der
Befehl Hitlers ausdrücklich lautete, die
Stadt »auszuschalten«. Beteiligt waren
waren neben dem VIII. auch das I. und
IV. Fliegerkorps. Die Wohngebiete
MHM
gepanzert und bewaffnet waren und
aufgrund ihrer niedrigen Geschwindigkeit aus beliebigen Positionen angegriffen werden konnten. Die britischen
Jagdflieger sprachen daher bald von einer »Stuka-Party«, wenn sie auf Ju‑87Einheiten trafen.
Oft genug ist diese mangelnde Luftkampffähigkeit der Stukas als Schwachpunkt bezeichnet worden. Dabei wird
jedoch nicht beachtet, dass die Stukas
gar nicht für Luftkämpfe konzipiert
worden waren. Dies galt für nahezu
alle leichten Bomber und Sturzkampfbomber jener Zeit. Auch die leichten
britischen Sturzbomber vom Typ
»Blackburn Skua« erlitten 1941 schwere
Verluste gegen die deutschen Jagdflugzeuge.
Ihren eigentlichen Zweck, nämlich
feindliche Truppen punktgenau zu
bombardieren, erfüllten die Stukas
nach wie vor, wie sich bei Angriffsoperationen der Wehrmacht auf dem Balkan, in Afrika und in Osteuropa 1941
zeigen sollte. Besonders beim Überfall
auf die Sowjetunion hatten die StukaVerbände großen Anteil am Erfolg
beim zunächst siegreichen Vormarsch
des Heeres. Stets versuchten Stukas,
die stärksten Verteidigungspunkte der
sowjetischen Bodentruppen zu zerstören. Dazu gehörten Widerstandsnester,
Bunker- und Grabensysteme sowie
Geschütz­stellungen. Dass dies so präzise und schnell geschah, lag auch am
System der Fliegerverbindungsoffiziere. Diese »Flivos« waren Luftwaffenoffiziere, die per Funk am Boden
die Stukas in Frontnähe zu den Zielen
führten und ihre Bombenwürfe
lenkten. Im taktischen Zusammenspiel
zwischen Luftwaffe und Heer war die
Wehrmacht damals die erfahrenste
5Die Ruinen von Wieluń im September 1939.
brannten größtenteils nieder und die
Flugbesatzungen meldeten: »Stadt vernichtet.« Die Ju 87 stürzten sich hauptsächlich auf den sowjetischen Schiffsverkehr der Wolga.
Doch trotz der schweren Bombardements konnten sie nicht das militärische Desaster verhindern. Ende 1942
wurde die deutsche 6. Armee in Stalingrad eingekesselt und Anfang 1943
vernichtet. Es folgte ein langer Rückzug der südlichen Armeen der Wehrmacht.
Im Mittelmeerraum gelang es den
Ju‑87-Gruppen 1941/42, die Panzertruppen des Afrikakorps von General
Erwin Rommel zu unterstützen und
­einige alliierte Schiffe zu versenken.
Doch als die Alliierten der Luftwaffe
und den verbündeten italienischen
Luftstreitkräften 1942/43 die Luftüberlegenheit entrissen, nahm auch hier die
Effektivität der Stukas ab.
Niedergang der Stukas
Besonders im Krieg gegen die Sowjetunion zeigte sich sehr bald, dass es sich
beim Sturzkampfflugeinsatz um ein
viel zu aufwendiges Konzept handelte.
Es hatte sich herausgestellt, dass die
Stukas gar nicht steil stürzen mussten,
um ihre Ziele präzise zu treffen. Oft
reichte es stattdessen aus, sich dem
Gegner in geringeren Höhen mit einem
relativ geringen Winkel von 20 Grad
im Bahnneigungsflug zu nähern. Auf
diese Art und Weise wurde auch die
Physis des Piloten geschont. Zudem
waren mehrfache Anflüge auf das Ziel
möglich, wobei jede Bombe einzeln
und gezielt geworfen werden konnte
und außerdem die Maschinengewehre
einsetzbar waren. Die Stukas flogen oft
in rollenden Einsätzen. Das bedeutete
nach der Landung eine sofortige Beladung mit neuer Munition und Betankung, um den nächsten Kampfeinsatz
fliegen zu können. So schafften es manche Stuka-Besatzungen, neun Einsätze
am Tag zu fliegen, was bei einer Stärke
von 100 Ju 87 bis zu 900 Bombeneinsätze bedeuten konnte. Die Luftwaffenführung musste außerdem verblüfft
feststellen, dass die sowjetischen Soldaten im Gegensatz zu den westeuropäischen Soldaten meist unbeeindruckt
das Geheul der »Jerichotrompeten« bei
den Stuka-Angriffen über sich ergehen
ließen. Der Kommandeur der Erpro-
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
7
MHM
Stuka
5Ein Stuka-Pilot beim Sturzflug auf ein Ziel in Polen, 1939.
8
Zum letzten Großeinsatz von Stukas
kam es im Juli 1943 in der Schlacht von
Kursk. An diesem Abschnitt versuchte
die Wehrmacht mit einem Zangenangriff den sowjetischen Frontbogen abzuschneiden und zu vernichten. Insgesamt standen rund 350 Stukas bereit.
Das war eine große Zahl, denn während des Krieges waren in der gesamten Luftwaffe oft nicht mehr als 360
Maschinen einsatzbereit. Obwohl die
Stukas am ersten Tag zu 1718 Einsätzen starteten, blieb ihre Wirkung zusammen mit den Horizontalbombern
der Luftwaffe geringer als zuvor. Im
Süden hatten sich zwei Stuka-Geschwader immer wieder gleichzeitig
auf die sowjetischen Verteidiger gestürzt und so einem von drei angrei-
Verwendung bis Kriegsende
Bis zum Kriegsende wurde die Ju 87
als leichter Nachtstörbomber sowie als
Panzerjäger mit schweren Kanonen
eingesetzt. Die Rote Armee führte an
der Ostfront beträchtliche Mengen an
Panzern auf das Gefechtsfeld, das Heer
zeigte sich mit der Bekämpfung überfordert. Die Luftwaffe unternahm
­daher sehr viele technische Anstren­
gun­gen, um dem Ostheer bei der Panzervernichtung zu helfen. Im Jahr 1942
wurden experimentell immer schwe­re­re
MHM
bungsstellen, Oberst Edgar Petersen,
stellte zu den Sirenen 1942 lakonisch
fest: »Sie sind in Frankreich eingesetzt
worden und haben gute Wirkung gehabt, aber im Osten nicht.« Gemäß der
sowjetischen Taktik schossen die Solda­
ten mit allem, was sie hatten, zurück.
In Großbritannien lies man britische
Sturzbomber während der Ausbildung
auf die Soldaten der Flak stürzen, um
sie an Sturzangriffe zu gewöhnen. All
dies sorgte bei den Stukas in Ost wie
West für eine steigende Verlustrate,
nicht zuletzt weil der Sturzflugweg für
die gegnerische Flugabwehr gut vorhersehbar war.
Junkers und die Luftwaffe reagierten
mit technischen Modifikationen. Ab
1942 wurden die Sturzflugbremsen
und Sirenen in der Variante Ju 87D-5
nicht mehr eingebaut, dafür aber die
Panzerung verstärkt. Statt zwei Maschinengewehre vom Kaliber 7,9 mm
wurden nun zwei 20‑mm-Kanonen
verwendet, um die Beschusswirkung
zu erhöhen. Die Ju 87 hatte sich damit
dem sowjetischen Konzept des Schlacht­
flugzeuges Iljuschin Il-2 angepasst.
­Diese schwer gepanzerten und langsam fliegenden Maschinen waren mit
36 000 Stück die meistgebauten Kriegsflugzeuge der Geschichte. In Deutschland war mit der Henschel HS 129 seit
1937 ein ähnliches Konzept verfolgt worden. Diese Flugzeuge wurden ab 1942
eingesetzt, konnten aber aufgrund der
Untermotorisierung und konstruktiver
Mängel nie die Zufriedenheit der Luftwaffenführung erreichen. Lediglich
800 Stück wurden gefertigt.
fenden Panzerkorps den Weg gebahnt.
Doch nach etwa einer Woche blieb der
deutsche Vormarsch stecken. Waren
die Stukas anfangs noch recht verlustarm eingesetzt worden, stiegen die
Verluste bis Mitte Juli ungewohnt rapide an. Acht sehr erfahrene und hoch
dekorierte Offiziere gingen den drei
Stuka-Geschwadern bei Kursk verloren, davon sieben durch die sowjetische Flak. Es hatte sich erwiesen, dass
die Ju 87 Mitte 1943 zu langsam und zu
schwach gepanzert für den modernen
Luftkrieg geworden war. Im Oktober
1943 wurden sämtliche Sturzkampfgeschwader (StG) in Schlachtgeschwader
(SG) umbenannt und mit den Schlachtfliegern zu einer Waffengattung zusammengefasst. Im selben Zeitraum
wurden die Stukas aus der Front herausgezogen und durch moderne Jagdbomber vom Typ Focke Wulf Fw 190F
ersetzt. 1944 lief die Produktion der
Ju 87 aus.
5Eine Stuka-Besatzung vor ihrem Flugzeug, Polen 1939.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
MHM
5Drei Ju 87 und eine Ju 52 auf einem Feldflugplatz in der Sowjetunion, 1941.
panzerbrechende Kanonen unter die
Flugzeuge montiert. Die Ju 87 wurden
mit zwei veralteten 3,7-cm-Flak-18-Kanonen ausgestattet, die panzerbrechende Hartkerngeschosse abfeuerten.
Um einen Panzer abschießen zu können, mussten sich diese »Kanonenvögel« genannten Flugzeuge von hinten
dem Feindpanzer annähern. Dies steigerte nicht nur das Risiko, der Flugabwehr zum Opfer zu fallen, sondern
erfor­derte auch großes fliegerisches
Geschick. Daher wurde diese Variante
der Panzerbekämpfung mittels Ju 87
wieder aufgegeben. Die Ausrüstung
hierfür wurde jedoch nicht zurückgezogen. Bei Kursk 1943 soll es dem StukaOffizier Hans-Ulrich Rudel dann in
Eigen­initiative gelungen sein, mehrere
sowjetische Panzer mit diesen Kanonen abzuschießen. Allerdings lassen
sich diese Panzerabschüsse nicht in
sowje­tischen Dokumenten nachweisen,
zumal das Datum dieses ersten Einsatzes nicht gesichert ist. Der Wahrheitsgehalt der Panzerabschusszahlen kann
daher nicht überprüft werden. Der Erfolg der deutschen Panzerjäger war
wahrscheinlich eher taktischer Natur,
indem sie den Gegner zum Abdrehen
zwangen, und ging weniger auf direk­te
Abschusszahlen zurück. Immerhin 200
Ju 87D wurden mit diesen Kanonen
versehen und als Ju 87G eingeführt.
Rudel und einige wenige andere geschickte Piloten häuften nun Panzerabschuss um Panzerabschuss auf ihren
»Erfolgskonten« an. Die Luftwaffen-
führung blieb gegenüber diesen Angaben skeptisch und teilte die mitgeteilten Panzervernichtungszahlen ihrer
Einheiten sicherheitshalber durch zwei.
Für die NS-Propaganda erlangte Rudel
jedoch eine überragende Bedeutung.
Bis Kriegsende soll er über 500 Panzer
abgeschossen haben. Am 1. Januar
1945 verlieh ihm Adolf Hitler als einzigem Soldaten der Wehrmacht das
Goldene Eichenlaub mit Brillanten und
Schwertern zum Ritterkreuz. Es war
die zweithöchste militärische Auszeichnung des »Dritten Reiches«. Hitler war von dem überzeugten Nationalsozialisten Rudel begeistert.
Vorbild für Close Air Support?
Nicht einmal 6000, also nur rund 5 Prozent, der 110 000 gefertigten Kriegsflugzeuge des Deutschen Reiches waren Stukas. Insgesamt wurden in der
Luftwaffe von Zehntausenden Piloten
nur 977 für die Stukas ausgebildet. Die
meisten waren 1945 tot, verwundet
oder in Gefangenschaft. Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe Herrmann
Göring meinte 1944, dass die Luftwaffe
am Anfang des Krieges nichts Besonderes an Flugzeugtechnik besessen
habe, außer der Ju 87. Selbst diese Bewertung ist zweifelhaft, lassen sich
doch Sturzkampfbomber in den Luftstreitkräften aller großen kriegführenden Nationen des Zweiten Weltkrieges
finden. Auch in den mit Deutschland
verbündeten Luftstreitkräften Italiens,
Bulgariens und Rumäniens wurden
Flugzeuge dieser Art eingesetzt.
Das Sturzkampflugzeug Ju 87 blieb
als »Stuka« jedoch nach 1945 als eines
der erfolgreichsten Flugzeuge der
Luft­waffe in den Köpfen haften. Dies
lag weniger am überragenden technischen Konzept der Stuka, sondern an
ihrem taktischen Einsatz im Gefecht
der verbundenen Waffen. Das taktische Zusammenspiel zwischen Heer
und Luftwaffe der Wehrmacht funktionierte im Vergleich mit anderen Streitkräften gut. In den heutigen Kriegen
fliegen die Luftstreitkräfte viele taktische Einsätze zur Unterstützung der
Bodentruppen. Die US Air Force führt
derartige CAS-Missionen (Close Air
Support, Luftnahunterstützung) in der
Regel mit dem Schlachtflugzeug A‑10
aus. An dessen Entwicklung soll HansUlrich Rudel, der sich nach dem Krieg
als NS-Fluchthelfer betätigte und sich
in einer rechtsextremen Partei (Deutsche Reichspartei, DRP) politisch engagierte, in den 1970er Jahren mitgewirkt
haben. Insofern hätten die Erfahrungen
der Stuka-Piloten an der Ostfront bis
heute Auswirkungen auf den Luftkrieg.
 Jens Wehner
Literaturtipps
Peter C. Smith, Stuka. Die Geschichte der Junkers Ju 87.
Technik, Taktik, Einsatz, Stuttgart 1990.
Christian Kehrt, Moderne Krieger. Die Technikerfahrung
deutscher Luftwaffenpiloten 1910–1945, Paderborn 2010.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
9
»Österreicher« in der Wehrmacht
Eingliederung in die Wehrmacht
Selbst Hitler war von dem umfassenden und eindeutigen Erfolg seines
Coups überrascht. Der militärische Zuwachs durch die Eingliederung der Alpenrepublik war beträchtlich. Noch im
Frühjahr 1938 wurden der Wehrmacht
60 000 gut ausgebildete österreichische
Soldaten – darunter 1600 Offiziere –
zugeführt. Am Einmarschtag hatte der
Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walther von Brauchitsch, zwar
noch für eine allmähliche Angleichung
der österreichischen Soldaten an die
Wehrmacht votiert, aber die politische
Führung in Berlin entschied sich – nicht
zuletzt beeindruckt von den freudigen
Begrüßungsszenen – für eine umgehende Assimilation des österreichi­
10
ÖStA/KA NL
A
m 12. März 1938 marschierten
deutsche Wehrmacht-, Polizeiund SS-Einheiten in das souveräne Österreich ein. Die deutschen Invasoren wurden von großen Teilen der
Bevölkerung jubelnd empfangen und
erreichten schnell die oberösterreichi­
sche Landeshauptstadt Linz sowie die
Bundeshauptstadt Wien. In der Nacht
vor dem deutschen Einmarsch war der
österreichische Bundeskanzler Kurt
Schuschnigg zurückgetreten und öster­
reichische Nationalsozialisten übernah­
men handstreichartig die wichtigs­ten
Verwaltungspositionen und Staatsämter. Am 10. April 1938 befürworteten 99,73 Prozent der Österreicher in
einer Volksabstimmung den »Anschluss« Österreichs an das Deutsche
Reich. Aus Österreichern wurden deutsche Reichsbürger. Die Wahlen können
nicht als geheim, allgemein und frei
bezeichnet werden; im Vorfeld wurde
sozialer Druck auf Unschlüssige ausgeübt und Juden und »Mischlinge«
waren von der Wahl ausgeschlossen.
Dennoch muss man davon ausgehen,
dass auch bei weniger Zwang mehr als
90 Prozent der österreichischen Bevölkerung für den »Anschluss« gestimmt
hätten. Ein durchschlagender Erfolg
bei der Volksabstimmung war aber
auch deshalb gegeben, weil Karl Renner, angesehener Sozialdemokrat und
erster Kanzler der (deutsch-)österreichischen Republik 1918/19, und der
Wiener Erzbischof Kardinal Theodor
Innitzer an ihre Mitbürger appelliert
hatten, mit Ja zu stimmen.
5Sowjetunion im Sommer 1941: Angehörige der »ostmärkischen« 44. Infanteriedivision während einer Gefechtspause.
»Österreicher«
in der Wehrmacht
schen Militärpotenzials in die deutsche
Streitkräftestruktur.
Damit war das Ende des Österreichischen Bundesheers besiegelt. Bereits am 14. März 1938 wurden österreichische Soldaten auf Hitler vereidigt
und am 1. April wurde in Wien das
Heeresgruppenkommando 5 als oberste Kommandobehörde des deutschen
Heeres auf ehemals österreichischem
Boden gebildet, um den Wehrmacht­
aufbau in der »Ostmark« – so die natio­
nalsozialistische Bezeichnung für das
Gebiet der ehemaligen Republik –
durchzuführen. Gleichfalls wurden die
Wehrkreise XVII (Wien) und XVIII
(Salzburg) eingerichtet und die Angehörigen der vormaligen österreichi­
schen Landstreitkräfte wurden mehrheitlich in fünf Divisionen deutscher
Struktur überführt. Es waren dies die
44. und 45. Infanteriedivision (ID), die
2. und 3. Gebirgsdivision (GD) und die
4. leichte Division (Anfang 1940 in
9. Panzerdivision umgegliedert). Die
»reichsdeutsche« 2. Panzerdivision aus
dem Wehrkreis XIII, die am deutschen
Einmarsch in Österreich teilgenommen
hatte, verblieb zudem im Raum Wien
und ergänzte sich künftig aus Soldaten
des Wehrkreises XVII, womit ihre Prä-
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
gung zusehends »österreichischer«
wurde. Wenn in Folge von »ostmärkischen« Divisionen die Rede sein
wird, sind dies in der Regel militärische Verbände, die in der »Ostmark«
aufgestellt wurden, deren Friedensstandorte ebendort lagen und die sich
personell überwiegend aus ehemals
»österreichischen« Staatsangehörigen
zusammensetzten.
Die Wehrmachtführung suspendierte
in der »Anschlusszeit« wesentliche
Teile der alten österreichischen Militär­
elite. Zwei Drittel der österreichischen
Divisions- und gut die Hälfte der österreichischen Regimentskommandanten
schieden aus dem Militärdienst aus.
Der Staatssekretär im Verteidigungsministerium, General Wilhelm Zehner,
starb unter mysteriösen Umständen;
Generaltruppeninspektor Sigismund
Schilhawsky wurde nach mehreren Festnahmen zwangspensioniert, eben­
so
der Kommandant der Theresianischen
Militärakademie, Generalmajor Rudolf
Towarek, der den Eid auf Hitler verweigert hatte. Generalstabschef Feldmarschallleutnant Alfred Jansa wurde
bereits im Vorfeld, im Februar 1938, infolge massiven deutschen Drucks abgelöst und nach dem »Anschluss« zum
Zwangsaufenthalt im »Altreich« gezwungen. Zeitgleich mit dem Ausscheiden der alten Elite wurden rund
50 ehemalige österreichische Offiziere,
die zuvor wegen national­so­zialisti­scher
Betätigung aus dem Bundesheer entfernt worden waren, reaktiviert. Bei der
Säuberung des Offizierkorps von »politisch Unzuverlässigen«, durchgeführt
vom früheren deutschen Militärattaché in Wien, Generalleutnant Wolfgang Muff, halfen auch einige nationalsozialistisch und opportunistisch
gesinnte Offiziere österreichischer Provenienz; sei es um alte Rechnungen zu
begleichen oder Startvorteile für die eigene Karriere zu sichern.
Das Ausscheiden von Teilen der
öster­
r eichischen Militärelite bei
gleichzeitiger Reaktivierung nationalsozialistisch gesinnter österreichischer
Offiziere begünstigte die erfolgreiche
Einglie­d erung der österreichischen
Soldaten in die deutsche Wehrmacht.
Sie waren nun Soldaten einer schlagkräftigen ­Armee einer europäischen
Großmacht, konnten auf soziale und
monetäre Besser­stellung, gesellschaftliche Akzeptanz und rasche Beförderung hoffen. Wesentlicher Faktor für
den Erfolg war auch die gemeinsame
Sprache.
zum Einsatz. In und um die Stadt Narvik kämpfte besonders exponiert das
Gebirgsjägerregiment 139 (3. GD), das
unter dem Kommando des in Nieder­
österreich geborenen Oberst Alois
Win­disch stand. Kommandeur der Division war Generalmajor Eduard Dietl,
der noch 1940 zum General der Infanterie befördert und – hoch dekoriert –
zum Kommandierenden General des
Gebirgskorps Norwegen, bestehend
aus beiden »ostmärkischen« Gebirgsdivisionen, ernannt wurde. Dietls kometenhafter Aufstieg war untrennbar
mit der militärischen Leistung »österreichischer« Soldaten verbunden.
Auch am Krieg gegen Frankreich
1940 nahmen die meisten »ostmärkischen« Verbände teil, wenngleich
sich aufmarschbedingt keine räumliche Konzentration ergab. Die »ostmärkische« 2. und 9. Panzerdivision
waren an den kriegsentscheidenden
Operationen Richtung Kanalküste und
an den Kämpfen um Dünkirchen beteiligt. Im Krieg gegen Griechenland und
Jugoslawien 1941 kämpfte sich das XVIII.
Gebirgsarmeekorps mit zwei während
des Krieges in der »Ostmark« geschaffenen Gebirgsdivisionen (5. und 6.)
­sowie der 2. Panzerdivision von Südwestbulgarien kommend zum Ägäi­
Erste Feldzüge
Bereits ein halbes Jahr nach dem »Anschluss« marschierten die noch in Aufstellung begriffenen »ostmärkischen«
Divisionen in die südböhmischen und
südmährischen Gebiete und im Frühjahr 1939 in die durch das Münchner
Abkommen verkleinerte Tschechoslowakei ein. Bei Beginn des Zweiten
Weltkriegs im September 1939 kamen
alle bis dahin aufgestellten »ostmärkischen« Divisionen räumlich konzentriert – vornehmlich in den westkarpatischen Gebieten (Beskiden) – in einem
etwa 250 Kilometer langen Angriffsabschnitt zum Einsatz. In den nächsten
Wochen eroberten sie jene Gebiete, die
keine 25 Jahre vorher noch als Kronland Galizien und Lodomerien Teile
der k.u.k. Monarchie gewesen waren.
Für seine Leistungen beim Angriff auf
Warschau erhielt Josef Stolz, Leutnant
österreichischer Herkunft, als einer der
beiden ersten Soldaten das Ritterkreuz
zum Eisernen Kreuz. Im Laufe der folgenden Jahre sollten noch 325 seiner
Landsleute diese Auszeichnung verliehen bekommen.
Im Krieg gegen Norwegen 1940 kamen beide der bis dahin in der »Ostmark« aufgestellten Gebirgsdivisionen
Die Organisation der Wehrmacht in der »Ostmark« 1938
Wehrkreis V
Nü
0
rnb
Franken
erg
Bayrische
Ostmark
Stuttgart
20
(ab Ende 1938)
WürttembergHohenzollern
Wehrkreis VII
Baden
80
100 km
Südmähren
Niederdonau
2. Pz.
Oberdonau
(ab Ende 1938)
4. le.
45. Linz
München
MünchenOberbayern
60
Wehrkreis
XIII
Südböhmen
Schwaben
40
44.
Luftgau-Kdo XVII
Wehrkreis
XVII
HGr
Kdo 5
Wien
Wien
Luftwaffen-Kdo
Österreich
(später Luftflotte 4)
Salzburg
2. Geb.
Heeresgruppe
Innsbruck
Tirol-Vorarlberg
Wehrkreis XVIII
Salzburg
(zu Luftgau VII/München ab Mai 1939)
Steiermark
3. Geb.
Graz
Korps
Division
rot
blau
Kärnten
Heer
Luftwaffe
Untersteiermark
(1941 okkupiert)
Grenze des Deutsche Reiches
Oberkrain
(1941 okkupiert)
Nordgrenze der Ostmark bis Ende 1938
Gaugrenzen August 1939
Wehrkreisgrenzen
Quelle: Mueller-Hildebrand, Das Heer, Bd. 1; Richard Germann.
Luftgaugrenze (ab Mai 1939)
© ZMSBw
07548-06
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
11
Norbert Leder
»Österreicher« in der Wehrmacht
5Militärarzt Erwin Leder (1914–1997),
1999 als »Gerechter unter den Völkern« geehrt.
schen Meer (Saloniki) durch und stieß
danach tief in den Süden vor, um in
Teilen (5. GD) die auf Kreta in Bedrängnis geratenen Fallschirmjäger zu verstärken. Mit der Vorbereitung und
Durchführung der Operation gegen
Kreta wurde der ehemalige Kommandant der österreichischen Luftstreitkräfte und nunmehrige Oberbefehlshaber der Luftflotte 4, Generaloberst
Alexander Löhr, betraut. Löhr, ein in
Rumänien geborener »Österreicher«,
trug zuvor bereits die Verantwortung
für die Luftkriegführung gegen Jugoslawien. Seine Luftflotte bombardierte
auf Befehl Hitlers Belgrad, das von der
jugoslawischen Regierung zwei Tage
vor dem deutschen Überfall zur offenen Stadt erklärt worden war. Der
Angriff kostete mehr als 3000 Zivilisten
das Leben und zerstörte bzw. beschädigte 40 Prozent der Gebäude. Aus
operativer Sicht führte die Bombardierung Belgrads im April 1941 zur rasanten Paralyse der jugoslawischen
Führung – die jugoslawische Regierung flüchtete aus der Stadt – und zur
raschen militärischen Niederlage der
Streitkräfte. 1947 wurde Löhr in Belgrad in einem Schauprozess wegen
eben dieser Bombardierung zum Tode
durch Erschießen verurteilt.
Entgrenzung des Krieges
Die deutschen Streitkräfte in Serbien
mussten rasch feststellen, dass die militärische Besetzung des Landes deutlich einfacher zu bewerkstelligen war
12
als die verwaltungsmäßige Besatzung
des eroberten Gebietes. In Serbien sah
man sich ab Sommer einer Aufstandsbewegung gegenüber, die immer größere Teile des Landes zurückeroberte.
Der in der Steiermark geborene Offizier Franz Böhme wurde als Bevollmächtigter Kommandierender General
(später auch Befehlshaber in Serbien)
mit der Niederschlagung der Aufstandsbewegung beauftragt, die 1941
aus untereinander konkurrierenden
und verfeindeten nationalistischen und
kommunistischen Gruppierungen
(Tschetniks und Partisanen) bestand.
Böhme, dem SS-Gruppenführer Harald
Turner als Chef des Verwaltungsstabes
zur Seite gestellt wurde, schlug die Auf­
standsbewegung mit brutalsten Mitteln – sogenannten Sühnemaßnahmen
– nieder: Auf Anschläge der Aufständischen folgten Tötungsmaßnahmen
gegen die serbische Zivilbevölkerung,
darunter sämtliche männliche Juden,
da die Aufständischen nur schwer zu
fassen waren. Die ausführenden Organe dieser Erschießungen waren in
der ­Regel Angehörige von Besatzungsdivisionen (z.B. die 717. ID) oder von
Landesschützenbataillonen, die – dem
infrastrukturellen Vorteil der kurzen
Wege Rechnung tragend – überproportional oft aus der »Ostmark« stammten. Am Ende der zweieinhalb Monate
dauernden Herrschaft Franz Böhmes
in und über Serbien waren 20 000 bis
30 000 Menschen seiner von Berlin legitimierten und von ihm radikalisierten Vergeltungspolitik zum Opfer gefallen.
»Ostmärkische« Truppenverbände
waren im Krieg gegen die Sowjetunion
an allen Abschnitten über vier Jahre
lang eingesetzt. Im Juni 1941 eroberte
die 45. ID aus »Oberdonau« die Festung Brest-Litowsk und hatte dabei in
eineinhalb Wochen in etwa so viele
Verluste zu beklagen wie im Krieg gegen Polen und Frankreich zusammen.
Im hohen Norden kämpften sich »ostmärkische« Gebirgsdivisionen Richtung Murmansk vor, ohne das Ziel zu
erreichen. Im Dezember 1941 war es
die »ostmärkische« 2. Panzerdivision,
die Moskau am nächsten kam. Im Kessel von Stalingrad 1942/43 wurden
auch drei »ostmärkische« Divisionen
(44. und 297. ID sowie 100. Jägerdivision) eingeschlossen und vernichtet.
Auch waren »ostmärkische« Divisio­
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
nen an der Umsetzung des Kommissarbefehls – also die Erschießung politischer Kommissare der Roten Armee –
beteiligt. Hier wie an anderen Orten tat
sich insbesondere die 44. ID hervor, die
sich vornehmlich aus Angehörigen aus
den Gauen Wien und »Niederdonau«
zusammensetzte. Sie führte 125 nachweisbare Exekutionen durch.
Immerhin ist ein couragierter Lichtblick bei der verbrecherischen Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen
überliefert: Der aus Wien stammende
Militärarzt Erwin Leder (1914–1997)
war im Herbst 1941 Standortarzt in
Sluzk (Weißrussland). In dieser Funktion unterstand ihm auch das Lazarett
des Kriegsgefangenenlagers mit 25 000
bis 30 000 Häftlingen. Bis zu seiner Ankunft starben dort täglich 70 bis 80
Kriegsgefangene an Fleckfieber, Hunger und Kälte, nicht zuletzt wegen der
Gleichgültigkeit seines Vorgängers.
Nach einem radikalen medizinischen,
hygienischen und ernährungstechnischen Soforthilfeprogramm, unterstützt vom kriegsgefangenen jüdischen
Arzt Raphael Gabovich, konnte Leder
die tägliche Todesrate auf drei Kriegsgefangene reduzieren. Als er erfuhr,
dass das Sluzker Ghetto liquidiert werden sollte, ließ er Pakete mit Medikamenten und Lebensmitteln hineinschmuggeln und gab Informationen an
die dort lebenden Juden weiter. Viele,
hauptsächlich junge Menschen, konnten rechtzeitig fliehen. Für seine Verdienste als »Retter in Uniform« wurde
Erwin Leder 1999 postum mit der
höchsten Auszeichnung geehrt, die der
Staat Israel an Nichtjuden vergibt: »Gerechter unter den Völkern.«
Gemeinsame Kampf- und Fronteinsätze hatten bereits früh die vorhandenen Animositäten zwischen »reichsdeutschen« und »österreichischen«
Soldaten – die gerade für die Friedenszeit 1938/39 überliefert sind – auf ein
niedriges Niveau zurückgeführt. Im
Krieg gegen die Sowjetunion spielte
die Frage nach der Herkunft der Verbände keine Rolle mehr. Die »Österreicher« akzeptierten die Wehrmacht als
Institution, sahen sie als ihre Armee
und nahmen sich größtenteils als
gleichwertige Soldaten wahr und wurden auch so von ihren »reichsdeutschen« Kameraden gesehen. An dieser
Einstellung änderte sich auch nichts,
als sie sich in westalliierter Kriegsge-
fangenschaft wiederfanden und ihre
Stubengespräche vom britischen und
US-amerikanischen Nachrichtendienst
systematisch abgehört und ausgewertet wurden. Die protokollierten Gespräche von »Österreichern« und
»Reichsdeutschen« ähneln sich frappant
und geben Einblick in einen gemeinsamen militärischen Referenzrahmen,
dessen unterschiedlichen Akzente
durch Zugehörigkeit zu verschiedenen
Waffengattungen, jedoch wenig durch
die regionale Provenienz der Soldaten
geprägt sind. Insofern entfaltete die
Moskauer Deklaration vom Herbst
1943, in der die alliierten Außenminis­
ter die Wiederherstellung eines souveränen Österreichs nach dem Zweiten
Weltkrieg beschlossen hatten und die
heute als ein Gründungsdokument der
Zweiten Österreichischen Republik gesehen wird, wenig Wirkung auf die
»österreichischen« Kriegsgefangenen.
Nachkriegspolitik
BArch, Bild 101I-452-0985-36/Briecke
Am 27. April 1945 proklamierte die
Provisorische Regierung in Wien die
Wiedererrichtung der Republik Österreich und erklärte den »Anschluss« für
null und nichtig. Im Gegensatz zum
November 1918, als die damalige öster­
reichische provisorische Nationalversammlung – paralysiert durch den
Zusammen­bruch der k.u.k. Monarchie
– die Republik Deutschösterreich gründete und diese einstimmig zum »Bestandteil der Deutschen Republik«
­erklärte, stellte eine gemeinsame Zukunft mit dem Deutschen Reich 1945
keine Option mehr dar.
5Generaloberst österreichischer
Herkunft: Alexander Löhr (links), hier
im Gespräch mit Generaloberst Wolfram Freiherr von Richthofen, 1942.
Der Umgang mit dem schweren Erbe
des Zweiten Weltkrieges verlief in Österreich zweigleisig. Nach außen gab
man das überfallene Opfer und nach
innen dankte man – nicht zuletzt um
Wählerstimmen buhlend – den ehemaligen Wehrmachtangehörigen österreichischer Provenienz mitunter für
Pflicht­erfüllung und Kampf ums Vater­
land, was auch immer darunter verstanden wurde. Im österreichischen
Außenministerium wurde die Opferthese weniger ideologisch gesehen,
sondern pragmatisch als Instrument
der Außen- und Innenpolitik ausgearbeitet und verwendet. Nicht zuletzt
darauf gründet die Erfolgsstory der österreichischen Nachkriegspolitik. Der
Leitsatz der österreichischen Opferthese lautete salopp verkürzt: Deutschland war der alleinige Täter und Österreich das (erste) Opfer. Wie aber ließ
sich diese (Hypo-)These aufrechterhalten angesichts der Tatsache, dass 1,3 Mil­
lionen »Österreicher« Teil der Wehr­
macht waren? Viele »Öster­
rei­
cher«
nahmen besonders aktiv am Eroberungs- und Vernichtungskrieg teil und
nicht weniger als 200 »Österreicher«
erlangten gar den Generalsrang in der
Wehrmacht. Darüber schwieg man sich
offiziell aus und bot für das Wirken der
»Österreicher« in Wehrmachtuniform
eine gleichermaßen bemer­kens­werte
wie falsche Argumenta­t ions­k ette:
Demnach seien die »Österreicher« in
den deutschen Streitkräften von den
Deutschen besonders hart und demütigend behandelt worden und man habe
sie regelrecht zum Kampf im »verhassten Hitlerkriege« zwingen müssen. Sichergestellt worden sei dies, so
die Argumentation weiter, durch die
starke Durchsetzung der Militärformationen in der »Ostmark« mit »Reichsdeutschen«. Die »Österreicher« seien
dadurch zu einer Minderheit in diesen
Verbänden geworden und hätten daher leichter überwacht werden können. Deshalb sei die Behauptung, »ostmärkische« Truppen hätten im Kampfe
gestanden, völlig unberechtigt.
Tatsächlich wissen wir heute, nachdem die wissenschaftliche Forschung
in Österreich 40 Jahre einen großen Bogen um die »österreichische« Kriegsbeteiligung und Verantwortung gemacht
hatte, dass Kompanieangehörige in
»ostmärkischen« Divisionen 1939 zu
mehr als 80 Prozent aus Österreich
stammten. Auch die Unteroffiziere in
den Kompanien kamen mehrheitlich
aus Österreich. Zudem wurde viele
dieser Kompanien von »Österreichern« befehligt. Die Personalallokationspolitik der Wehrmacht, d.h. die Ausstattung ihrer (Heeres-)Einheiten mit
Soldaten, die einen ähnlichen soziokulturellen und insbesondere den gleichen regionalen Hintergrund aufwiesen, weil man sich dadurch eine gewichtige Grundlage für Zusammenhalt und Leis­tungsfähigkeit erhoffte,
wurde auch in der »Ostmark« angewandt. In »ostmärkischen« Truppenkörpern waren somit auch größtenteils
»österreichische« Soldaten eingereiht
und sie fanden sich nicht nur bei den
Mannschaften, sondern auch im Unteroffizier- und Offizierkorps.
Die große gesellschaftliche Zäsur in
Österreich begann mit dem Bundespräsidentenwahlkampf 1986. Damals
kandidierte auch der ehemalige UNGeneralsekretär Kurt Waldheim für
dieses Amt. Waldheim, der die Wahl
gewann, sah sich jedoch ungewollt mit
seiner Vergangenheit als Soldat und
Offizier im Zweiten Weltkrieg konfrontiert. Er erklärte öffentlich, dass er
im Krieg nichts anderes getan habe als
Hunderttausende andere Österreicher
auch, nämlich seine Pflicht als Soldat
erfüllt. Diese Sichtweise dürfte viele
ehemalige »österreichische« Wehr­
macht­angehörige nicht überrascht haben, da sie selbst so oder ähnlich empfanden; dem internationalen Publikum
aber wurde schlagartig ein Widerspruch der österreichischen (Geschichts-)Politik bewusst.
 Richard Germann
Literaturtipps
Gerhard Botz und Gerald Sprengnagel (Hrsg.), Kontroversen
um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit,
Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt a.M., New York 2008.
Richard Germann, »Österreicher« im deutschen Gleichschritt? In: Harald Welzer, Sönke Neitzel und Christian
­Gudehus (Hrsg.), »Der Führer war wieder viel zu human,
viel zu gefühlvoll«. Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht
deutscher und italienischer Soldaten, Frankfurt a.M.
2011, S. 217–233.
Thomas R. Grischany, Der Ostmark treue Alpensöhne. Die
Integration der Österreicher in die großdeutsche Wehrmacht 1938–45, Wien 2015.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
13
»Moltke als Schimpfwort!«
»Moltke als Schimpfwort!«
Der Eulenburg-Skandal und die moralische Rechtfertigung
eines »großen Krieges«
Harden, einem der bedeutendsten,
aber auch umstrittensten Publizisten
und Intellektuellen der damaligen Zeit,
gelang es durch den sich über drei
lange Jahre von 1906 bis 1909 hinziehenden Skandal, mit Eulenburg den
letzten royalen Günstling der deutschen Geschichte zu stürzen, aber auch
ein großes Narrativ wilhelminischer
Dekadenz zu popularisieren: Danach
hatte die »Eulenburg-Kamarilla« bereits 1890 den Sturz Bismarcks bewerkstelligt, seither den Monarchen vom
Volk abgeschirmt und durch eine von
übersteigerter Friedensliebe bestimmte
Politik das Deutsche Reich in die internationale Isolation manövriert. Mit
dem nach Eulenburgs Schloss in der
Uckermark nördlich von Berlin auch
»Liebenberger Tafelrunde« genannten
intimen kaiserlichen Freundeskreis
war ein Sündenbock für die zahlreichen politischen Fehlleistungen
während der Herrschaft Wilhelms II.
gefunden worden. Mehr noch: Die gesamte Politik des Kaiserreiches geriet
in den Ruch der Homosexualität, die
sich im Laufe des 20. Jahrhunderts
auch als politische Deutungskategorie
etablierte, um individuelle Gegner,
verfeindete Nationen und ganze Gesellschaftssysteme zu diskreditieren.
5»Heldenverehrung.« Doppeldeutige zeitgenössische Karrikatur über die Vorliebe
älterer Herren für Soldaten, hier im militärischen Gewand der Potsdamer Gardesdu-Corps. Die Muskete (Wien), 14. November 1907, Abb. aus: J. Grand-Carteret,
Derrière »Lui«, Paris 1908, Neudr. 1992, S. 11.
D
er Eulenburg-Skandal ist bis
heute als erster großer Homosexualitätsskandal des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. In seiner
europa­weit beachteten Politik- und
Kulturzeitschrift »Die Zukunft« unterstellte Maximilian Harden im Herbst
1906 dem Fürsten Philipp zu Eulenburg und Hertefeld, bester Freund und
zeitweise wichtigster Berater Kaiser
Wilhelms II., das Haupt einer homosexuellen »Kamarilla« (so der zeitgenössische Schmähruf) innerhalb der
Reichsregierung zu sein. Eulenburg
(1847–1921, vom Kaiser im Jahre 1900
14
in den erblichen preußischen Fürstenstand erhoben) war seit der ersten Begegnung 1886 der engste Freund des
späteren Kaisers und zudem bis 1903
in diplomatischen Diensten tätig, unter
anderem als deutscher Botschafter in
Wien. Er galt als frankophil und als Befürworter der Verständigung mit
Frankreich. Ihm wurde auch eine maßgebliche Rolle beim Sturz des Reichskanzlers Otto Fürst von Bismarck 1890
nachgesagt. Der von 1900 bis 1909 regierende Reichskanzler Bernhard Fürst
von Bülow galt dagegen als Eulenburgs Protegée.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
Ansehensverlust der wilhelminischen Herrschaftselite
Vor allem das preußische Militär geriet
durch den Eulenburg-Skandal ins
Zwielicht. Dazu trugen die Sensationsprozesse zwischen Maximilian Harden
und Generalleutnant Kuno Graf von
Moltke bei, die 1907/08 im Justizpalast
von Berlin-Moabit stattfanden. Sie bildeten zusammen mit anderen Gerichtsprozessen das juristische Gerüst
des Eulenburg-Skandals. Generalleutnant von Moltke, der engste Freund
Philipp zu Eulenburgs, sollte auf Druck
Kaiser Wilhelms II. und seiner militärischen Berater durch einen Beleidigungsprozess gegen Harden die Ehre
der »allerhöchsten Kreise« des Reiches
wahren. Von allen Mitgliedern des kaiserlichen Freundeskreises um Fürst zu
ullstein bild
5Kaiser Wilhelm II. und sein Vertrauter
Fürst Eulenburg an Bord der Yacht
»Hohenzollern«, 1905.
Eulenburg hielt man am Hofe den
Stadtkommandanten von Berlin und
Flü­
g eladjutanten des Kaisers für
(ho­mo-)sexuell »am geringsten belas­
tet« und daher prozessfähig – ein folgenschwerer Irrtum. Denn es kam ganz
anders, als von der Reichsleitung erhofft: Die Beweisaufnahmen in den
Moltke-Harden-Prozessen lieferten
Enthüllungen, die europaweit Sensation machten, denn Homosexualität
wurde in einem bis dahin kaum gekannten Ausmaß politisiert. Formaljuristischer Hintergrund der Prozesse
war der im Reichstrafgesetzbuch von
1872 enthaltene Paragraph 175, der neben Sodomie auch sexuelle Handlungen (»widernatürliche Unzucht«)
zwischen Männern unter Strafe stellte
und mit Gefängnis und Aberkennung
der »bürgerlichen Ehrenrechte« belegte.
Das Licht der Öffentlichkeit fiel besonders auf die nach kurzer Zeit gescheiterte Ehe Kuno von Moltkes mit
Lilly von Elbe. Sie wurde Kernstück
des juristischen Wahrheitsbeweises, ob
Moltke »sexuell abnorm« sei. Unter
Eid bekräftigte Lilly, die seit Langem
Harden mit Informationen gegen ihren
Ex-Mann und dessen Freunde versorgt
hatte, dieser habe mit Blick auf schwangere Frauen geäußert: »Die Ehe ist eine
Schweinerei.« Damit habe der Kaiserfreund keineswegs die Ehe ohne Liebe,
sondern »die Ehe als Institut überFür die herrschenden Kreise des Kaihaupt« gemeint. Moltke habe das ehe- serreiches war das Urteil ein Schlag ins
liche Schlafzimmer, erklärte sie weiter, Gesicht. »Der Kerl muss suspendiert
als »die reine Notzuchtanstalt« emp- werden«, entrüstete sich der Monarch
funden und, pikanterweise nach der über den Vorsitzenden Richter Dr.
Rückkehr von einer Nordlandreise mit Kern, »er hat geradezu das Vaterland
Kaiser Wilhelm II., ausgerufen: »Wo- und uns alle verraten«. Die Wut über
chenlang habe ich, Gott sei Dank, keine die Stoßrichtung des Sensationsprozes­
Weiber gesehen!« Am meisten entrüs­ ses gegen die Herrschaftselite findet
tete sich die Öffentlichkeit aber über sich besonders in den Randbemerdie folgende vulgäre Äußerung kungen Wilhelms II. an ZeitungsartiMoltkes: »Eine Frau ist für ihren Mann keln: »[Der Prozess] zeigt, dass wir
nicht mehr als ein Klosett, was bist du Oberen und Monarchen heute vogeldenn anderes.« Dies wurde als Beleidi- frei sind und in der Justiz auch nicht
gung aller deutschen Ehefrauen ge- den leisesten Schutz haben! Die Preuwertet. Allerdings erschien Moltke ßische Justiz ist stolz, unabhängig zu
nicht allein als Täter, sondern auch als sein! Das ist sie! Aber nur gegen die
Opfer häuslicher Gewalt: Die Enthül- Krone und ihre Regierung und ihre Belungen, dass der Generalleutnant sich amten; vor dem Plebs und dem Mob
von seiner Frau, einer symbolischen macht sie Cotau! […] Ich werde sie
Degradierung gleichkommend, die nicht wieder um Hilfe angehen!«
Epauletten von der Uniform reißen
Bereits nach der Beweisaufnahme
ließ, mehrfach von seiner weitaus jün- hatte Reichskanzler Fürst von Bülow
geren Ehefrau verprügelt worden war ein panikartiges Telegramm an den
und sich wegen solcher Verletzungen Kaiser gerichtet: »Der Verlauf des Prowiederholt vom Dienst als
Stadtkommandant von Berlin
krankmelden musste, stellte
alle preußischen Männlichkeitsideale und, mehr noch,
die Ehre der Uniform infrage.
Bekannt wurde zudem, dass
sich Eulenburg und Moltke in
intimen Briefen als »Liebster«
und »Alter Dachs« titulierten
und von Kaiser Wilhelm II.
als ihrem »Liebchen« sprachen. Mit solch intimen Details war in Deutschland noch
kein Schlafgemach der aristokratischen Herrschaftselite
für die neugierigen Augen
und Ohren der Öffentlichkeit
geöffnet worden.
Die sensationsgierige
Presse hatte ihr Futter, ganz
besonders als sich das Gericht dem Gutachten des Berliner Sexualwissenschaftlers
Magnus Hirschfeld anschloss, der bei Moltke eine
»ihm selbst unbewusste Homosexualität« diagnostiziert
hatte. Maximilian Harden
wurde vom Vorwurf der Beleidigung und üblen Nachrede freigesprochen, denn 5»Nachtleben in Potsdam: ›Na, Dicker, willst du mitMoltke habe »seine homose- kommen?‹«. Der Wahre Jacob (Stuttgart), 26. Noxuelle Anlage anderen gegenvember 1907, Abb. aus: J. Grand-Carteret, Derrière
»Lui«, Paris 1908, Neudr. 1992, S. 11.
über nicht verheimlicht«.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
15
»Moltke als Schimpfwort!«
Im Zwielicht »homosexueller
Verfehlungen«
Durch den Eulenburg-Skandal geriet
die gesamte preußische Armee – bis
dahin unbändig stolz, an Schlagkraft,
Zucht und Ordnung die erste Militärmacht der Welt zu sein – unter den Verdacht der Homosexualität. Schatten
fielen auf militärische Institutionen
und Statussymbole wie den preußi­
schen Generalsrang, die Potsdamer
Gardes-du-Corps und den Moltke­Mythos. Auch »des Königs Rock« – die
preußische Uniform – und »Deutschlands erster Offizier« Kaiser Wilhelm
II. erlitten durch den Skandal einen für
Friedenszeiten beachtlichen Ansehensverlust.
Bereits die Tatsache, dass Generalleutnant Kuno Graf von Moltke, eben
noch stolzer Stadtkommandant von
Berlin, bei den Gerichtsprozessen gegen Maximilian Harden in schwarzem
Frack und Zylinder erschien, besaß
­einen hohen Symbolwert, denn ein General in Zivil war ein wilhelminisches
Unding. Die Gesellschaft war gewohnt,
selbst dem kleinsten Leutnant den
größten Respekt zu erweisen, sobald er
seine Uniform trug. Der Fall des
»Hauptmanns von Köpenick« vom Oktober 1906 lag gerade ein Jahr zurück
und hatte der ganzen Welt, allen satirischen Deutungen zum Trotz, die Allmacht der Uniform im Kaiserreich vor
Augen geführt.
Als ambivalent erwies sich Moltkes
Charakterisierung als »Hofgeneral«,
die als entlastende Erklärung der monarchistisch gesinnten Presse gedacht
war. Tatsächlich offenbarte sich an diesem Punkt die zentrale Problematik
des Kaiserreiches, das gesamte soziale
Leben militärischen Kategorien unterwerfen zu wollen. Repräsentanten
höchster Staatsämter, wie Reichskanz-
16
ler Fürst von Bülow oder Reichstagspräsident Graf Franz von Ballestrem,
erschienen bei gesellschaftlichen Ereignissen vorzugsweise in militärischen
Uniformen, die jedoch ihrer politischen Bedeutung in keiner Weise entsprachen. Sozialdemokratische Zeitun­
gen nutzten konsequent die seltene
Gelegenheit, am Beispiel Kuno von
Moltkes, des »hilflosen, weltfremden
[...] Typus eines Generals in Zivil« und
»pietistischen Operettengenerals«, den
Uniformfimmel zu verspotten, aber
auch die militärische Schlagkraft eines
von dekadenten Aris­tokraten geführ­
ten Landes in Zweifel zu ziehen.
Wie ein böses Omen wurde empfunden, dass sich am zweiten Prozesstag
des Ersten Moltke-Harden-Prozesses
der Geburtstag des 1891 verstorbenen
Generalfeldmarschalls Helmuth von
Moltke jährte. »Der Schatten des Namens schwebt über allem. Das wusste
ich von der ersten Stunde dieser Aktion an«, erklärte Maximilian Harden.
Nach dem Preußisch-Österreichischen
Krieg 1866 und dem Deutsch-Französischen Krieg 1870 war der Name
Moltke zum Synonym der militärischen Schlagkraft des neuen Reiches
geronnen. Moltke-Hagiografien gehörten zur literarischen Grundausstattung jedes patriotischen Haushalts in
Deutschland. Nach Meinung Kaiser
Wilhelms II. und seiner militärischen
Berater sowie großer Teile der deutschen Öffentlichkeit hatte Kuno von
Moltke schon allein deshalb die Pflicht,
vor Gericht zu gehen, um dort »seinen
ehrlichen Namen durchzufechten«.
ullstein bild
zesses Moltke-Harden ist unerhört. Ich
bin umso empörter, als ich in jeder (gesetzlich zulässigen) Weise auf eine f­ este
Zügelführung vonseiten des Vorsitzenden Richters hingewirkt hatte.« Es
dürften sich wenige Affären in der
neueren Geschichte Deutschlands finden, denen nicht nur von der Öffentlichkeit, sondern auch von der Staatsspitze eine derartige politische Bedeutung und Wirkung zugewiesen worden ist wie dem Eulenburg-Skandal.
5Kuno Graf von Moltke, gezeichnet an
einem der zahlreichen Prozesstage in
der Harden-Eulenburg-Affäre, 1908.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
­ iese hochgespannte ErwartungshalD
tung trug entscheidend dazu bei, dass
der Eulenburg-Skandal überhaupt zu
einer symbolischen Verhandlung der
militärischen Ehre Deutschlands vor
aller Welt ausufern konnte.
Mit einem der Homosexualität überführten Generalleutnant von Moltke
war nicht nur das Andenken an den
militärischen Reichsgründer beschädigt, sondern das Überlegenheitsgefühl vieler Deutscher in Frage gestellt,
jederzeit bereit zum Krieg zu sein und
notfalls gegen »eine Welt voll Feinden«
bestehen zu können. Durch den Skandal wurde der Name Moltke zum
Spielball für Satirezeitungen und »ordinäre Ansichtskarten«, sodass selbst
Liberale beklagten, dass sich nun mit
dem »großen Namen dauernd der ekle
Geruch des scheußlichsten aller Las­
ter« verbinden würde. Vor allem Angehörige der Unterschichten nahmen in
den folgenden Jahren eigensinnig die
Chance wahr, an der Abwertung von
Sinnbildern des Kaiserreichs mitzuwirken. Im Mai 1908 etwa wurde ein reisender Handlungsgehilfe zu einer
Geldstrafe verurteilt, weil er einem
Gendarmeriewachtmeister aus dem
Fenster eines Zuges »Moltke« zugerufen hatte. Das Schöffengericht in Rixdorf wertete dies als schwere Beleidigung. »Moltke als Schimpfwort!«,
stöhnte die monarchistische »Tägliche
Rundschau«. »Wer hätte gedacht, dass
es dahin kommen würde?«
»Homosexuelle Orgien« bei den
Potsdamer Gardes-du-Corps
Die Vernehmung des Zeugen Bollhardt, eines ehemaligen Soldaten der
Gardes-du-Corps, vollendete das Desaster, das die moralische Vernichtung
Generalleutnant von Moltkes vor Gericht für das Ansehen der preußischen
Armee bedeutete. Die Gardes-du-Corps
waren seit den Zeiten Friedrichs des
Großen Leibwache der Könige von
Preußen, Kaderschmiede und Aushängeschild der Armee. Vor der internationalen Presse berichtete Bollhardt nun
detailliert über den homosexuellen
Missbrauch von Garde-Rekruten durch
hochadlige Offiziere wie Major Johan­
nes Graf von Lynar und Generalleutnant Wilhelm Graf von Hohenau,
­Cousin des Kaisers, zugleich dessen
Flügeladjutant und Kommandeur der
1. Garde-Kavallerie-Brigade. In der
Adlervilla am Potsdamer Heiligen See
habe Graf Lynar hübsche Rekruten sogar an die Prinzen Friedrich Leopold
und Friedrich Heinrich von Preußen
verkuppelt. In dieser dem kaiserlichen
Marmorpalais gegenüberliegenden
Villa wollte Bollhardt auch Generalleut­
nant von Moltke und einen »Herrn in
Zivil« erkannt haben, den er, nachdem
ihm ein Bild gezeigt worden war, als den
Fürsten zu Eulenburg identifizierte.
Die blendend weiße Ausgehuniform
der Gardes-du-Corps mit dem roten
Saum und den markanten schwarzen
Stulpenstiefeln, die bis über das Knie
reichen, war ein Symbol des preußischen Militärstaates. Durch den Eu­
len­
burg-Skandal aber, bilanzierten
große Teile der deutschen und internationalen Presse, sei sie nun »eine Art
Prostituiertentracht« geworden. Mit
den angeblichen homosexuellen Orgien in Potsdam wurde auch das Ausmaß männlicher Prostitution in Berlin
enthüllt, speziell derjenigen von Soldaten in Uniform. Beides verkehrte die
hergebrachten Zuschreibungen von
maskulinem Militär und femininem
Zivil in ihr Gegenteil. Während der
preußische Kriegsminister General der
Kavallerie Karl von Einem im Reichstag versuchte, das Militär als durch
homo­sexuelle Zivilisten bedroht darzustellen, erhielt die umgekehrte Deutung eine glaubwürdigere amtliche
Bestä­tigung durch Innen- und Polizeiminister Theobald von Bethmann Hollweg, den späteren Reichskanzler, der
publik machte, dass sogar er schon im
Berliner Tiergarten von Strichern in
Uniform belästigt worden sei. Die Alldeutschen, politisches Sammelbecken
der monarchiekritischen Imperialisten
in Deutschland, warfen die Frage auf,
wie nach diesen Enthüllungen die Disziplin der gesamten Armee noch aufrecht erhalten werden könne, da nun
jeder Soldat seine Offiziere der Homosexualität für fähig halten müsse; für
die zum Krieg drängenden, monarchiekritischen Radikalen hatte in erster
Linie Kaiser Wilhelm II. als »erster Offizier der Nation« versagt.
Schadenfreude im Ausland
Die Enthüllung der Soldatenprostitution in Berlin und der homosexuellen
Übergriffe bei den Gardes-du-Corps
erschütterte das Ansehen der preußi­
schen Armee auch im Ausland. Die
chauvinistische französische Zeitschrift
»Gaulois« triumphierte: »Die verehr­
testen Namen, von denen sich einige
innig mit dem Kolossalwerk der
Reichsgründung verbinden, dem allgemeinen Spott, der Volkswut gewissermaßen als Fraß hingeworfen, der
Name des Herrschers mitten in diesem
Schlamm verkündet: Welche Schmach
und welche Erniedrigung an einem
Tage!« Andere Blätter wie »Libre Parole« und »Intransigeant« stellten ehrverletzend die »Männlichkeit« des
preußischen Militärs infrage, wenn sie
dessen »ersten Offizier« Wilhelm II.
mit Napoleon III. verglichen, der auch
»le bien-aimé« genannt worden sei –
allerdings von Frauen, die ihn als Helden siegreicher Kämpfe bewunderten,
während der Deutsche Kaiser, ohne je
in Schlachten gezogen zu sein, von
Männern – gemeint war Fürst zu Eulenburg – bekanntermaßen den Kosenamen »Liebchen« erhalten hatte.
Angesichts dieser »moralischen
Wunde am deutschen Volkskörper«,
wie die weite Teile des politischen
Spektrums in Deutschland den Eulenburg-Skandal empfanden, plädierte
bald nicht mehr nur die radikale Presse
der Alldeutschen für eine vermeintliche Gesundung der Nation durch
einen »frischen, fröhlichen Krieg«.
­
Selbst der von Kriegstreibern als friedenssüchtiger »Schönwetterkanzler«
geschmähte Reichskanzler Fürst von
Bülow leitete aus der öffentlichen Erregung des Eulenburg-Skandals kriegerische Optio­nen ab: »Die skandalösen
Enthüllungen, welche jetzt das sensa­
tionslüsterne Publikum beschäftigen«,
schrieb er Wilhelm II., »werden wir am
besten dadurch überwinden, dass wir
nach innen und außen eine feste und
würdige Politik machen, welche die
Nation aus diesem Schlamme zu
großen Zielen emporhebt.« Mit Feuer
und Schwert möge er »solche ekelhaften Geschwüre« ausbrennen, wie sie
jetzt durch den Skandal aufgedeckt
worden seien, forderte von Bülow den
Kaiser auf.
Ohne einen Determinismus auf
»1914« hin zu behaupten, stärkte der
Eulenburg-Skandal durch seine homosexuell konnotierte Kompromittierung
prestigeträchtiger Symbole des Kaiserreiches den Wunsch vieler Deutscher
5»Wie wir vernehmen, soll der preußi­
sche Orden Pour le Mérite in Hinkunft
so getragen werden.« Mit den Gardesdu-Corps traf der Spott eines der
elitärs­ten und ehrwürdigsten Regimenter der preußischen Armee, mit
dem »Pour le Mérite« die höchste Auszeichnung. Quelle: Der Floh (Wien),
November 1907, Abb. aus: J. GrandCarteret, Derrière »Lui«, Paris 1908,
Neudr. 1992, S. 11.
nach einem »großen Krieg«. Krieg war
damit noch lange nicht unausweichlich
geworden. Aber der Eulenburg-Skandal erweiterte den Erwartungshorizont
des Kriegerischen und stärkte ein Weltbild, in dem er von vielen Zeitgenossen
als geeignetes Mittel, ja Notwendigkeit
für die moralische Reinigung eines dekadent gewordenen Reiches angesehen wurde.
 Norman Domeier
Literaturtipps
Frank Bösch, Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik
und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880–
1914, München 2009.
Norman Domeier, Der Eulenburg-Skandal. Eine politische
Kulturgeschichte des Kaiserreichs, Frankfurt a.M., New
York 2010.
Martin Kohlrausch, Der Monarch im Skandal. Die Logik der
Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie, Berlin 2009.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
17
Gaskampf im Ersten Weltkrieg
zierki, 28. Juli 1917, 0.20 Uhr.
Ein leichter Wind wird mit 1,5 bis
2 m/sec auf offenen Flächen, mit 0,5 m/
sec im Wald registriert. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch. »Ideale Bedingungen«,
denkt der junge Offizier. Er faltet die
Karte zum handlichen Quadrat, ergreift eine Taschenlampe. Das vor ihm
liegende waldreiche Gelände ist für
Phase I in 14 Abschnitte, für Phase II in
36 Abschnitte eingeteilt, jeder Abschnitt ist etwa einen Hektar groß.
Acht mittlere und acht leichte Werfer
stehen dem Offizier zur Verfügung. Alles ist präzise geplant. 540 C-Minen
(Chlorameisensäurechlormethylester),
850 phosgengefüllte D-Minen sowie
140 weitere leichte und mittlere Minen
werden die beiden Russenkompanien
erledigen. Ein Blick zur Uhr: 0.25 Uhr.
Ruhig begibt sich der Oberleutnant zur
ersten Werfergruppe. Um 0.30 Uhr erteilt er den Feuerbefehl. 72 Gasüberfälle erfolgen insgesamt. Einschlagende Geschosse reißen die Russen aus
dem Schlaf. Ein angenehmer Geruch
nach feuchtem Heu steigt in ihre Nasen. Nur ein älterer Korporal weiß dieses Zeichen zu deuten. Er blickt empor,
beginnt weinend zu fluchen. Das Ammoniakfläschchen wird ihm nichts nützen. Phosgen dringt ihm und seinen
ungeschützten Kameraden in die Lungen.
Gegen 1.30 Uhr beendet der deutsche
Offizier den Angriff. Jetzt heißt es
­warten. Die feuchte Luft verstärkt die
grausame Wirkung der D-Minen. Das
Phosgen wird sich in den Lungen in
Kohlenstoffmonoxid und Salzsäure
umsetzen. Diese zerfrisst die Lungenschleimhäute langsam – viel zu langsam. Bluterbrechend und hustend
krümmen sich die jungen Soldaten in
den Stellungen. Die Deutschen werden
nicht nachsetzen, wissen sie doch, dass
die Menschen ihnen gegenüber nur
sehr langsam sterben werden und
durchaus noch eine Zeitlang von ihren
Waffen Gebrauch machen können.
Zwei bis drei Stunden wird ihr Todeskampf dauern.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges drei Jahre zuvor ging der sofortige Einsatz chemischer Kampfstoffe
einher. Gemäß Haager Landkriegsordnung war im Artikel 23 der Einsatz von
Giften oder vergifteten Waffen untersagt. Es wurde jedoch nicht genau geklärt, was unter Giften zu verstehen
18
Gaskampf 1914–1918.
Kampfstoffe und Einsatzgrundsätze der
Entente- und der Mittelmächte
ZMSBw
O
5Deutsche Gaswerfer an der Westfront, 1916. Abb. aus: Hanslian (Hrsg.), Der chemische Krieg,
S. 179.
sei. Ein Zusatzprotokoll verbot Geschosse, deren vergiftende Wirkung
die Brisanzwirkung (die Wirkung
durch Splitter) übertraf, und den Einsatz von Munition mit dem alleinigen
Zwecke des Vergiftens. Ein vollständiges Verbot giftiger Gase im Kampf
war hingegen nicht möglich, da beim
Auftreffen größerer Artilleriegeschosse
grundsätzlich giftige Substanzen frei
werden, vor allem Kohlenstoffmonoxid und nitrose Gase (Stickstoffoxide).
Auch der direkte Angriff mit giftigen
Gasen blieb völkerrechtlich ungeregelt.
Dementsprechend wurden bereits ab
1914 toxische Stoffe im Kampf verwendet. Hierzu zählten französische Bromessigsäureethylester-Geschosse, deren
Tränengaswirkung weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Auch der Einsatz von Chlorazeton führte nicht zum
erhofften Erfolg. Chemische Kampfstoffe, vor allem Tränengase, dienten
den Ententetruppen zunächst vor allem
dazu, die Deutschen aus den Gräben
zu zwingen und sie somit der Wirkung
konventioneller Waffen auszusetzen.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
Der Einsatz von Chlor
Nicht einmal ein Jahr nach Beginn des
Völkerringens trat die Geschichte der
chemischen Kriegführung in ein neues
Zeitalter ein. Im Dezember 1914 schlug
der Leiter des Kaiser-Wilhelm-Institutes für physikalische Chemie und
spätere Nobelpreisträger Fritz Haber
erstmals den Einsatz von Chlor vor.
Hierfür sprachen die Eigenschaften
des Stoffes ebenso wie die geringen
Herstellungskosten. Haber war 1909
durch die gemeinsam mit seinen Kollegen Walther Nernst und Carl Bosch
entwickelte Synthese von Ammoniak
aus dem in der Luft enthaltenden Stickstoff bekannt geworden. Ihm wurde
die fachliche Aufsicht über den ersten
großen »Blasangriff« übertragen.
Am 22. April 1915 versuchte die deutsche 4. Armee, mit einem Angriff auf
die französische Nordfront im Abschnitt Drie Grachten (Belgien) bis Becelaere einen Durchbruch zu erzielen.
Im Befehlsbereich des XXIII. und
XXVI. Reservekorps sollte das zu einem
französischerseits drei Schießplätze
nur für das Üben mit chemischen
Kampfstoffen freigegeben.
Die britischen Verbündeten hingegen
konzentrierten sich zunächst auf das
Blasverfahren. Der britische Gassonderdienst bestand ab 1915 aus drei Abteilungen: Entwicklung, Gasangriff
und Gasabwehr. Bereits am 25. September führten die Briten ihren ersten
Chlorgasangriff durch. Die Verantwortung oblag dem Pioniermajor Charles
Howard Faulkes. Dieser wählte einen
30 km breiten Frontabschnitt bei Loos
und ließ dort 5500 Gasflaschen mit insgesamt 150 t Chlor im Wechsel mit
Rauchkerzen einbauen. Bereits während dieses ersten britischen Blasangriffes kamen indische Einheiten zum
Einsatz, die später auch im Gasminenschießen häufig verwendet wurden.
Faulkes Angriff konnte nicht zufriedenstellen. Durch wechselnde Windverhältnisse konnten nahezu 3000 Flaschen nicht abgeblasen werden. Somit
verzeichnete das gegenüberstehende
VII. deutsche Armeekorps gerade einmal 120 Gasgeschädigte. Der operativtaktische Erfolg blieb dementsprechend ebenso bescheiden wie der der
Deutschen vom April. Faulkes Vorstoß
beantwortete das Gasregiment Petersen mit dem noch giftigeren Stoff Phosgen. Dennoch blieben nun durch die
gesteigerten Möglichkeiten des Gasschutzes weitere nachhaltige Erfolge
aus. Hiervon zeugt auch ein weiterer
Tagebucheintrag Bindings:
»19. Dezember 1915. Eine kleine
Hoffnung war in der Luft. Die Division
machte mit einem neuen Gas einen
Versuch und Angriff. Die Engländer
empfingen aber die Gaswolken mit
hipp hipp hurra! Und die nachstoßenden Patrouillen fanden einen Kranz
von Bajonetten in den feindlichen Stellungen, so daß die Ausschau nach den
Wirkungen des Kampfmittels sich erübrigte. Unsere Verluste sind ein Toter
und vier Verwundete. Außerdem das
schöne Gas; worüber aber jeder froh
ist. Die Kerls wollen von den Gasstänkereien nichts mehr wissen.«
Auch französische Truppen mischten
das grüngelbe Chlorgas mit Phosgen,
um die Wirksamkeit noch zu erhöhen.
Im Gegensatz zu ihren französischen
Verbündeten setzten die Briten trotz
erster Misserfolge auf die Weiterentwicklung des Blasverfahrens. Zwischen 1916 und 1918 führten sie mehr
als 300 Angriffe an der Westfront
ZMSBw
erheblichen Teil aus Chemikern und
Chemiestudenten bestehende »Gasregiment Petersen« (Pionierregiment 35)
eine neue Art des Einsatzes chemischer
Kampfstoffe erproben. Die Infanterie
der beiden genannten Korps sollte
einem Chlorgasangriff folgend nachsetzen. Ebenso waren zwei Regimenter
des XV. Korps hierfür vorgesehen.
­Diese im Süden des Ypernbogens stehenden Verbände wurden jedoch abgezogen, da die Windverhältnisse sich
änderten.
An eben jenem 22. April wurden gegen 18.00 Uhr 5730 Chlorgasflaschen
mit 180 000 kg verflüssigtem Chlor
nahe Ypern in Richtung der französischen Front abgeblasen. Die gelbweiße, dichte Gaswolke bewegte sich
auf einer Breite von 6 km, in einer Tiefe
von 600 bis 900 m und mit einer Geschwindigkeit von 2 bis 3 m/sec auf die
gegnerische Linie zu. Sie traf auf unvorbereitete französische Kolonialtruppen und kanadische Soldaten, die
fluchtartig das Gefechtsfeld verließen.
3000 Menschen entkamen der tödlichen Gefahr nicht. Sie starben an jenem Frühlingstag. Rudolf Binding, ein
gebürtiger Deutschschweizer, der als
Kavallerieoffizier an der Westfront
diente, berichtet in seinem Tagebuch:
»Die Wirkungen des geglückten Gasangriffes sind grauenhaft. Menschen
zu vergiften – ich weiß nicht. Freilich
man wird erst darüber wüten in der
ganzen Welt und es uns dann nachmachen. Die Toten liegen alle mit geballten Fäusten auf dem Rücken.« Bindings Weissagung erfüllte sich rasch.
Im Mai 1915 begann auch die Entente
mit einer deutlichen Ausdehnung des
eigenen Gaskampfes. So kamen ab
Mitte 1915 täglich bis zu 20 000 Gashandgranaten zum Einsatz, die mit
einem Gemisch aus Schwefelkohlenstoff, Schwefelwasserstoff und Capsaicin, einem Hitze- und Schärfereiz hervorrufenenden Stoff, gefüllt waren.
Zudem wurden zehnpfündige Chlorgasgeschosse entwickelt. Der Erfolg
des Einsatzes war gering. Französische
Chemiker setzten eher als Briten und
Deutsche auf den Einsatz von kampfstoffgefüllten Geschossen, vor allem
auf mit Phosgen gefüllte Granaten. Ein
französischer Gasdienst entstand noch
im Laufe des Jahres 1915 mit einer
großtechnischen Versuchsanstalt in
einem Pariser Vorort. Ebenso wurden
5Gasflascheneinbau an der Westfront. Abb. aus: Hanslian (Hrsg.), Der chemische Krieg,
S. 78.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
19
BArch, Bild 183-R34579
Gaskampf im Ersten Weltkrieg
5Zwei deutsche Soldaten mit Gasmaske und Lanzen auf Pferden mit Gasmasken, 1918.
durch. Angesichts ihrer führenden
Stellung innerhalb der Ententemächte
nimmt es kaum Wunder, dass britische
Gassondertruppen die Ausbildung
französischer und US-amerikanischer
Verbände übernahmen. Gerade die britischen Industriekapazitäten ermög­
lichten eine rasche Antwort auf den
deutschen Chlorgasangriff bei Ypern
und die Entwicklung neuer Kampfstoffe.
Gasangriffsverfahren:
Der Blasangriff
Grundsätzlich gelangten im Ersten Weltkrieg drei Gasangriffsverfahren zum
Einsatz: der Blasangriff, das Gasminen­
schießen und das Artilleriegasschießen. Alle drei Verfahren erforderten
ein hohes Maß an chemisch-technischen und meteorologischen Kenntnissen. Sie wurden nacheinander entwickelt und bildeten auch hinsichtlich
ihrer Effektivität eine klare Rangfolge.
Der Blasangriff als erstes und zugleich
schwächstes Verfahren eröffnete den
Reigen. Chlor, Phosgen, Diphosgen
und Chlorpikrin waren die am häufigsten eingesetzten Kampfstoffe. Jede
Substanz bot Vorteile und Nachteile,
die es gegeneinander abzuwägen galt.
Durch die Kombination verschiedener
Stoffe erhofften sich die planenden
Chemiker größtmögliche Wirkungen.
Ein wesentlicher Vorteil des Chlorgases bestand in seiner hohen Flüchtigkeit. Begaste Geländeabschnitte waren
nur kurzzeitig kontaminiert und konnten zügig von der eigenen Truppe besetzt werden. Dementsprechend
glaubten die Planer mit Blasangriffen
schnell Durchbrüche in wichtigen Geländeabschnitten zu erzielen. Sowohl
20
bei Ypern als auch wenig später an der
Ostfront bei Bolimov (31. Mai 1915) riss
die Chlorgaswolke zwar beachtliche
Lücken in die gegnerischen Frontlinien. In beiden Fällen unterblieb jedoch der notwendige infanteristische
Nachstoß, der einen Einbruch in die
gegnerische Verteidigung erzielen
sollte. Somit war der operative Effekt
der Blasangriffe eher gering. Hinzu
kam die rasche Umstellung der Ententetruppen auf die neuen Erfordernisse, sodass auch der technologische
Vorsprung sank.
Ein erstes Gasmaskenmodell war bereits im 19. Jahrhundert in Großbritannien erfunden worden. So setzte die
Entwicklung geeigneter Gasmasken
zum Schutz vor Lungenkampfstoffen
nahezu zeitgleich mit den ersten Giftgaseinsätzen ein. Infanterieangriffe
wurden entweder zu früh geführt, wodurch die angreifende Truppe in ihre
eigene Gaswolke geriet, oder zu spät
und die Soldaten fielen im feindlichen
Artilleriefeuer. Somit ging die deutsche
Führung dazu über, Gasangriffe zunächst anzutäuschen. Mit ungiftigen
Dämpfen wurde der Eindruck wesentlich breiterer Blasangriffsstreifen erweckt und der Gegner dadurch gezwungen, sein Artilleriefeuer breiter
zu streuen. Gleichzeitig schufen die
ungiftigen Rauchwolken Möglichkeiten zur Tarnung der angreifenden
Infanterie.
Hinzu traten weitere neue Kampfstoffe und Kampfstoffgemische. Jedoch
zeitigte weder der Zusatz von Phosgen
noch von Diphosgen (ab 1916) bei
Chlorgasangriffen einen nachhaltige­
ren Erfolg. Phosgen führte bei der im
Blasverfahren erreichbaren Konzentration erst nach ein bis zwei Stunden
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
zum Ausfall des Kombattanten. Dies
wiederum ermöglichte es den angegriffenen Soldaten trotz schwerer Vergiftungserscheinungen wie Husten
und Erbrechen, weiterhin Widerstand
zu leisten. Der Tod ereilte die Betroffenen bei vollem Bewusstsein, oft erst
nach Tagen. Ein weiterer Nachteil der
ersten Lungenkampfstoffe war ihre
leichte Nachweisbarkeit. Phosgen und
Diphosgen waren am heuartigen Geruch erkennbar. Die letale (tödliche)
Dosis muss etwa eine Minute auf den
Betroffenen einwirken. Gelang es diesem
also, auf ein geeignetes Schutzmittel
zuzugreifen, standen die Überlebenschancen gut. Zu diesen zahlrei­chen
Problemen kam die hohe Abhängigkeit
der Blasangriffe von Gelände- und Witterungsbedingungen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang der britische Blasangriff bei Nieu­
port in Flandern am 5. Oktober 1916.
Hier nutzten die Briten die äußerst ungünstigen Windverhältnisse im Küs­ten­
abschnitt. Deutscherseits hielt man
­einen Blasangriff in diesem Frontabschnitt für ausgeschlossen. Dies führte
zur mangelhaften Ausstattung der Soldaten mit Gasmasken und schlechter
Gasdisziplin in der Truppe. So kostete
jener Angriff, obwohl er bereits innerhalb einer Minute von den deutschen
Einheiten erkannt wurde, etwa 1500
Gastote und -geschädigte.
Das Gasminenverfahren
Nicht zuletzt die Eigengefährdung der
Truppe erforderte eine rasche Entwicklung weiterer Gaskampfverfahren. Die
Briten führten als erste Versuche für
das deutlich wirkungsvollere Gasminenschießen ein, blieben jedoch auch
hier hinter den deutschen Entwicklungen zurück.
Deutscherseits setzte sich Walther
Nernst erfolgreich für das Gasminenschießen ein. Nernst gehörte ebenso
wie Haber zu den international renommierten deutschen Chemikern. Noch
heute lernt jeder Chemiestudent die
Nernstsche Gleichung zur Ermittlung
der bei galvanischen Elementen auftretenden Spannungen.
Bereits im Juni 1915 wurde zum ers­
ten Mal das einen Monat zuvor aufgestellte Gas-Minenwerfer-Bataillon 1 bei
Neuville-St.Vaast eingesetzt. Verschossen wurden mit Bromazeton gefüllte B-
BArch, Bild 183-S36025
5Deutsche Krankenschwestern demonstrieren Erste Hilfe nach einem Gasangriff,
1917.
den, da die Gaswolke sonst zeriss und
ihre Wirkung sich nicht mehr entfalten
konnte. Dies änderte sich mit Einführung des Gasbrisanzschießens im Jahre
1917. Hierbei wurden Brisanzgranaten
mit sesshaften Kampfstoffen gefüllt
(sesshafte Kampfstoffe verdampften
im Gegensatz zu flüchtigen weniger
schnell). Der große Vorteil bestand in
einer effektiven Kombination von Splitter- und Kampfstoffwirkung. Das Gasbrisanzschießen war zudem bei jedem
Wetter anwendbar.
BArch, Bild 183-R34609
Minen und C-Minen, die Chlorameisensäuremethylester enthielten. Die
Minen enthielten zwischen 0,8 und
15 Liter Reiz-, Gift- oder Kampfstoff.
­Unter den eingesetzten giftigen Substanzen entfiel die größte Menge auf
Phosgen. Zu den Reizstoffen zählten
Xylolbromide und Bromazeton.
Bei den Einsatzverfahren wurden
zwischen dem kleinen, mittleren und
großen Gasminenschießen unterschieden. Beim kleinen Gasminenschießen
erfolgte ein schlagartiger, etwa einminütiger Überfall auf einen eng begrenz­
ten Geländeabschnitt, in dem sich ausreichend lebende Ziele aufhielten. Es
kamen hierbei möglichst alle Werfer
­einer Minenwerfergruppe gleichzeitig
zum Einsatz. Beim mittleren und großen Gasminenschießen erfolgte eine
großflächige Beschießung durch mehrere Werfergruppen. Prinzipiell stellte
dies nichts anderes dar, als zahlreiche
Gasminenüberfälle nebeneinander zu
setzen. Hierfür wurden Geländeabschnitte von etwa einem Hektar Größe
je Werfergruppe ausgewählt. Ein großer Vorteil des Gasminenschießens gegenüber dem Blasangriff lag im Überraschungsmoment und in der hiermit
schlagartig zu erzielenden hohen
Kampfstoffdichte.
Da die Gasminenbataillone auch Brisanzgranaten mitführten, wurde zunächst streng darauf geachtet, dass
diese grundsätzlich nicht mit Gas­
­
minen zusammen verschossen wur-
Während die Deutschen sowohl technologisch als auch taktisch den Gasminenkampf zügig entwickelten, blieben
die Ententemächte in diesem Bereich
bis Ende 1917 eindeutig unterlegen. So
benötigten die Briten zwei Jahre für die
Entwicklung eines einsatzreifen Gasminenwerfers. Das von Frederick W.
Stokes produzierte Gerät wurde in seiner ersten Typenfassung im Juni 1915
indischen Einheiten zugeteilt und verschoss zunächst nur Phosphor-Nebelminen. Im Frühjahr 1916 stellte das britische Heer das Gasbataillon 5 auf, dem
im Folgejahr Minen mit etwa 3,2 kg
Gaskampfstoff mit Phosgen, Chlorpikrin und Jodessigester zugewiesen
wurden. Französische Einheiten wurden zwar bereits 1916 vereinzelt mit
Gasminen beliefert, die Ethylschwefelsäurechlorid enthielten, wirksame Einsätze führte das französische Militär
im Bereich des Gasminenschießens
aber erst ab 1917 durch.
Das Artilleriegasschießen
5Warnschild an der Westfront in Armentieres, ca. 1917.
Das wirksamste Gaskampfverfahren
war das Artilleriegasschießen, das auch
von den Ententetruppen im großen
Umfang betrieben wurde. Es bot neben
der Witterungsunabhängigkeit und
dem Überraschungsmoment auch den
Vorteil, keiner Gassondertruppen zu
bedürfen. Es genügte, die Artillerie
entsprechend zu bewaffnen. Deut-
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
21
Gaskampf im Ersten Weltkrieg
scherseits existierten hierfür verschiedene Munitionsarten: Grünkreuz (Lungenkampfstoffe), Blaukreuz (Nasenund Rachenkampfstoff) und Gelbkreuz
(Hautkampfstoffe). Je nach Kombination der Kampfstoffe erfolgte eine differenzierte Kennzeichnung der Munition, beispielsweise mit einem, zwei
oder drei Kreuzen. In Großbritannien
verwendete man Sternsymbole und
Buchstabenkombinationen zur Kennzeichnung. So erhielt reines, in Gasflaschen abgefülltes Chlor die Tarnbezeichnung »red star«, Chlor in Kombination mit Phosgen »white star«, mit
20 Prozent Schwefelchloriden »blue star«.
Mit dem ersten deutschen Einsatz
von sogenannten Blaukreuzgranaten
begann in der Nacht vom 10. zum 11.
Juli 1917 bei Nieuport ein neues Zeitalter chemischer Kriegführung. Die
neuen Geschosse enthielten Diphenylarsinchlorid (Clark I; Clark – Abkürzung für Chlorarsinkampfstoff) und
Diephenylarsincyanid (Clark II), zwei
kandiszuckerähnliche Feststoffe. Clark
II wandelt sich erst bei 350 °C in Gas
um. Der Stoff wurde zunächst in halslose Bierflaschen, später in andere
Glasgefäße gefüllt und dann mit verflüssigtem Sprengstoff umgossen. Die
nach der Detonation durch den
Sprengstoff freiwerdende Hitze verdampfte den Blaukreuzkampfstoff. An
der kalten Luft trat er dann rasch in die
flüssige Phase und verteilte sich in
0,0001 mm feinen Tröpfchen in der
Luft. Diese durchdrangen alle bis dahin bekann­ten Schutzmaskenfilter. Der
Chemi­
ker spricht bei Gas-Flüssig­
keitsgemischen von Nebeln. Erstaunlicherweise durchdrangen Nebel die
Atemschutzmasken, während Gase zurückgehalten wurden. Dies ist auf die
relativ starke Eigenbewegung der Gasmoleküle zurückzuführen. Diese Bewegungen führten zur Bindung an die
im Schutzfilter enthaltenden Materia­
lien. Die feinen Flüssigkeitstropfen in
chemischen Nebeln hingegen bestehen
aus mehreren Molekülen, deren enger
Zusammenhalt die Teilchen deutlich
ruhiger lässt. Hierdurch drangen die
Nebelteilchen ungehindert durch die
großen Zwischenräume des Schutzfiltermaterials.
Clark I und Clark II dienten als Reizkampfstoffe. Bereits ab 0,25 mg ruft
Clark II unerträgliches Niesen, Kopf-,
Ohr- und Zahnschmerzen sowie
22
Schmerzen im Brustbereich und
schließlich Erbrechen hervor. Tödliche
Wirkung wurde mit ihnen nicht erzielt.
Vielmehr kombinierte man sie mit
Grünkreuz. Hierdurch zwang man
gegnerische Einheiten, die Schutzmasken herunterzureißen. Die erwünschte
tödliche Wirkung konnte dann durch
Lungenkampfstoffe herbeigeführt werden. Das Verfahren, Reiz- und Lungenkampfstoffe zu kombinieren, wurde
»Buntschießen« genannt, die vergasten
Geländeabschnitte »Bunte Räume«.
Abschließend darf auf den berüchtigten Gelbkreuzkampfstoff »Lost«
(Dichlordiethylsulfid) hingewiesen
werden. Der nach den deutschen Chemikern Wilhelm Lommel und Wilhelm
Steinkopf benannte und in reiner Form
nahezu geruchlose Kampfstoff drang
durch alle Uniformstoffe und rief
schmerzhafte blasige Wunden hervor.
Tödlich war auch er nur in den seltensten Fällen. Durch chemische Verunreinigungen erhielt er einen senfartigen Geruch und war deshalb auch als
Senfgas bekannt.
befüllt waren, ist die Zahl der Gastoten
nahezu verschwindend gering. Sie
schwankt in der Literatur zwischen
70 000 und 90 000. Ist dies Anlass genug, die Effektivität des Einsatzes chemischer Kampstoffe zu bezweifeln?
Ziel des militärischen Ringens damals
wie heute war und ist nicht der Tod
des Gegners, sondern dessen Willen
zur Fortsetzung des Kampfes zu brechen. In diesem Sinne war der Einsatz
chemischer Kampfstoffe im Ersten
Weltkrieg sehr effektiv. Die Zahl der
Gasgeschädigten wird von der älteren
und jüngeren Forschung auf 1,2 bis 1,3
Millionen beziffert. Die schweren körperlichen und psychischen Wunden
führten nicht nur zur längeren oder
vollständigen Frontuntauglichkeit,
sondern begleiteten die Betroffenen oft
zeitlebens.
 Martin Meier
Fazit
Dieter Martinez, Vom Giftpfeil zum Chemiewaffenverbot.
Zur Geschichte der chemischen Kampfmittel, Frankfurt
a.M. 1995.
Rudolf Hanslian (Hrsg.), Der chemische Krieg, Bd 1: Mili­
tärischer Teil, 3., völlig neubearb. Aufl., Berlin 1937.
Angesichts der Tatsache, dass bis zu 30
Prozent aller im Ersten Weltkrieg verschossenen Granaten mit Kampfstoffen
Literaturtipps
Lungenkampfstoffe (dt. Feldbezeichnung: Grünkreuz)
Chlor
Das 1771 von Carl Wilhelm Scheele erstmals gewonnene blassgelbe Gas ist durch
einfachste chemische Reaktionen darzustellen. Gerade die kostengünstige Herstel­
lung ließ den giftigen Stoff bereits 1914 in
das Blickfeld deutscher und französischer
Chemiker als möglichen Kampfstoff rücken. Chlor löst beim Vergiften ein stark
stechendes Gefühl in den Atmungsorga­
nen aus, so »als zielte jemand mit dem
Schweißbrenner auf deine Luftröhre«
(Theo­dore Gray). Betroffenen beginnen
zunächst die Augen zu brennen. Mund
und Verdauungstrakt werden angegriffen.
Erbrechen und ein starkes Schwindelgefühl stellen sich ein, bei Erreichen der letalen Dosis kann Atem- oder Herzstillstand
eintreten. Chlor lässt sich leicht verflüssigen und geht bei -34 °C in die Gasphase
über. Es besitzt eine geringe Sesshaftigkeit
und ist leicht neutralisierbar.
Phosgen/Diphosgen
Noch wirkungsvoller als Chlor erwies sich
aufgrund höherer Giftigkeit und Sesshaftigkeit Phosgen. Bei Blasangriffen kombinierten die Kriegsparteien beide Gase.
Phosgen ist der von Ententetruppen am
erfolgreichsten eingesetzte Lungenkampfstoff. Nahezu 80 Prozent der deutschen
Gasgeschädigten sind auf ihn zurückzu-
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
führen. Ein Nachteil des Phosgens liegt in
seinem relativ hohen Siedepunkt (8 °C). Im
Winter war deshalb ein kombinierter Einsatz mit Chlor nur bedingt möglich.
Chlorameisensäuretrichlormethylester lautet der chemische Name des wichtigsten
deutschen Lungenkampfstoffes im Ersten
Weltkrieg, der bis heute unter dem Trivialnamen Diphosgen oder Perstoff firmiert.
Ähnlich dem Phosgen zerstört er die Lungenschleimhaut und ermöglicht hierdurch
ein Eindringen von Blut in die Lungenbläschen. Der Tod tritt somit durch langsames
Ersticken ein.
Chlorpikrin (dt. Feldbezeichnung: Klop)
Die farblose, stechend riechende Flüssigkeit hat seinen Siedepunkt bei 112 °C, setzt
jedoch bereits bei Zimmertemperatur stark
giftige Dämpfe frei. Vor allem die Hornhaut des Auges wird stark gereizt. Chlorpikrin schädigt zudem das Lungengewebe
sowie Magen und Darm. Die betroffenen
Soldaten litten oft wochenlang an Durchfällen, Atembeschwerden, Erbrechen. Die
Entente setzte als Ersatz für Chlorarsinkampfstoff (in den Varianten Clark I und
II), der Ihnen nicht zur Verfügung stand,
die sogenannte N.C.-Mischung ein, welche
aus 80 Prozent Chlorpikrin und 20 Prozent
Zinntetrachlorid bestand.
Service
Das historische Stichwort
Die Schlacht von Gorlice-Tarnów
D
ie frühen Niederlagen gegen
die Deutschen im Sommer und
Herbst 1914 bewogen das russische Oberkommando dazu, den
Schwerpunkt der Kriegführung an die
Südfront nach Galizien zu verlagern.
Dort hatte man schon bald nach Kriegsbeginn die k.u.k. Armee erfolgreich bis
auf die Karpaten zurückschlagen können. Ab Januar 1915 erhöhten die Russen
deshalb ihren Druck an der Karpatenfront. Am 22. März musste die belagerte österreichische Festung Przemyśl
kapitulieren; die Donaumonarchie
stand vor einer militärischen Katastrophe. Ihre Schwäche erhöhte zudem die
Gefahr eines Kriegseintritts der neutralen Staaten Italien und Rumänien
auf Seiten der Entente. Vor diesem
Hintergrund fiel im deutschen Oberkommando Anfang April 1915 der Entschluss, den Verbündeten mit einer
großen Offensive im Osten zu entlas­
ten. Ausgehen sollte sie vom Frontabschnitt zwischen Gorlice und Tarnów
in Westgalizien, der für Aufmarsch
und Angriff gleichermaßen günstige
Bedingungen bot. Dort zogen die Deutschen ihre operative Heeresreserve zusammen, die 11. Armee unter Generaloberst August von Mackensen. Sie
­erhielt den Auftrag, gemeinsam mit
der k.u.k. 4. Armee (General Erzherzog
Joseph Ferdinand) die Front der russi­
schen 3. Armee (General Radko Dimi­
triew) frontal nach Osten zu durchbrechen, dadurch hinter die russische
Karpaten­front zu gelangen und diese
zum Rückzug zu zwingen. Auf
deutsches Verlangen wurde die k.u.k.
4. Armee der 11. Armee unterstellt. Damit entstand, unter deutscher Führung,
erstmals im Krieg eine deutsch-österreichische Heeresgruppe. Formell wurde
die gesamte Offensive vom k.u.k. Generalstabschef geleitet. Er musste sich
aber vor allen wichtigen Entscheidun­
gen mit dem deutschen Oberkommando abstimmen.
Der Erfolg der gesamten Operation
war abhängig vom Durchbruch durch
die russischen Stellungen. Ein ausgeklügeltes taktisches Angriffsverfahren
setzte auf die Ausnutzung des Überraschungsmoments: Die Infanterie sollte
tief gegliedert und unter dem Schutz
der letzten Artilleriesalven angreifen.
Danach musste im schnellen Vorgehen
der Widerstand auch in den hinteren
feindlichen Stellungen frühzeitig gebrochen und das Heranführen feindlicher Reserven verhindert werden.
Von der Artillerie wurde Unterstützung mittels eines detaillierten Feuerplanes erwartet – ein Verfahren, das an
der Westfront bereits üblich, an der
Ostfront aber noch ungewohnt war.
Auch zahlenmäßig stellte man eine
klare artilleristische Überlegenheit her:
Insgesamt 720  leichte und 243 schwere
Geschütze sowie 96 Minenwerfer ergaben die bis dahin höchste Konzentration von Feuerkraft im Weltkrieg. Dagegen konnte die russische 3. Armee
an diesem nördlichen Abschnitt ihrer
Front nur etwa 350 leichte und maximal vier schwere Geschütze einsetzen,
denen es zudem an Munition mangelte. Die Mittelmächte versammelten
eine mindestens zweifache Übermacht
an Infanterie, vor allem im Schwerpunktabschnitt der 11. Armee. Deren
zehn Infanteriedivisionen, darunter
mehrere Eliteverbände, standen lediglich viereinhalb russische gegenüber,
überwiegend Reserve- und Ersatzverbände. Der Aufmarsch blieb der Gegenseite trotz strenger Geheimhaltung
und Täuschungsmaßnahmen nicht verborgen. Doch verkannte das russische
Oberkommando die Gefahr eines
Großangriffs, weshalb es die 3. Armee
nicht rechtzeitig verstärkte.
Der deutsche Angriff begann am
2. Mai 1915 um 6 Uhr mit einem vierstündigen Trommelfeuer auf die russischen Stellungen. Um 10 Uhr folgte
der Sturmangriff der Infanterie. Bereits
das gut gelenkte, massierte Artilleriefeuer wirkte sich verheerend aus. Viele
russische Schützengräben von meist
nur behelfsmäßiger Qualität waren in
kurzer Zeit zerstört. Ohne Deckung erlitten die vordersten russischen Linien
bereits in dieser Phase Ausfälle von bis
zu einem Drittel ihrer Gesamtstärke,
bevor sie vom nachfolgenden Infanteriesturm überwältigt wurden. Den taktischen Reserven erging es nicht besser,
da sie ungedeckt zu weit vorne lager-
ten. Auffangstellungen in der Tiefe hatten die Russen nicht angelegt, was ihren Rückzug mancherorts bald zur
Flucht ausarten ließ. So gerieten allein
am ersten Angriffstag 17 000 russische
Soldaten in Gefangenschaft. Bereits am
Abend des 2. Mai war die 11. Armee
auf ganzer Breite von 30 km zwischen
2 und 4 km tief in die gegnerischen
Stellungen eingebrochen. Durch ständi­
ges Nachsetzen, Einführen der Armeereserve und neue Schwerpunktbildung
auf dem rechten Flügel (X. Armeekorps) konnte sie den Einbruch bis
zum 5./6. Mai zu einem fast 40 km tiefen
Durchbruch ausweiten. Das III. Kaukasische Korps, das zur Unterstützung
der russischen 3. Armee im Anmarsch
war, kam zu spät und wurde bald in
den Strudel des russischen Rückzugs
gerissen. Die 3. Armee war geschlagen.
Der Erfolg ihres Durchbruchs bei
Gorlice und Tarnów ermöglichte es
den Mittelmächten, auch ihre weiter
gesteckten Ziele zu verwirklichen.
Mitte Mai erreichten sie den Fluss San,
über den bald Brückenköpfe gebildet
waren, wodurch sich die gesamte russische Karpatenfront zum Rückzug gezwungen sah. Am 3. Juni gelang den
Mittelmächten die Rückeroberung von
Przemyśl, am 22. Juni nahmen sie Lemberg ein. Bald darauf befand sich fast
ganz Galizien wieder in österreichi­
scher Hand. Die Gefahr für ÖsterreichUngarn war endgültig abgewendet.
Gleichzeitig legte der Erfolg der Heeresgruppe Mackensen im Süden der
Ostfront die Grundlage für eine große
Zangenoffensive der Mittelmächte, die
im Sommer/Herbst 1915 die Russen
zur Aufgabe von ganz Polen zwingen
sollte. Aus dem taktischen Durchbruch
von Gorlice und Tarnów erwuchs somit einer der größten operativen Erfolge der Mittelmächte des gesamten
Krieges. Die Verluste auf beiden Seiten
waren hoch: Bis Mitte Juni verzeichneten die Mittelmächte 90 000 gefallene,
verwundete und in Gefangenschaft geratene Soldaten. Die russischen Verluste betrugen das Vierfache, davon allein 240 000 Gefangene.
Holger Hase und Thomas Vogel
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
23
Service
Neue Medien
www.story.br.de/oktoberfest-attentat
»Die Suche nach der Wahrheit«
K
ritischer, investigativer Journalismus ist ein wichtiges Korrektiv,
wenn Behörden und Justiz (vermeintlich) versagen. Ulrich Chaussy, Hörfunkjournalist des Bayerischen Rundfunks, recherchiert seit nunmehr fast
35 Jahren zur Bombe, die im September 1980 auf dem Münchner Oktoberfest 13 Menschen in den Tod riss (mehr
dazu in Geschichte kompakt auf S. 29).
Seiner beharrlichen Suche nach der
Wahrheit wurde vor Kurzem im Spielfilm »Der blinde Fleck« zur besten Sendezeit in der ARD ein mediales Denkmal gesetzt. Der Bayerische Rundfunk
präsentiert seine Recherchen nun auf
einem eigens eingerichteten, sehr aufwendig gestalteten Internetauftritt: Gezeigt werden neben Dokumenten und
Fotos vor allem Audio- und Videomitschnitte, u.a. die ARD-Tagesschau vom
28. September 1980. Zu Wort kommen
Opfer und Augenzeugen, die kurz vor
der Explosion neben dem mutmaßlichen Attentäter zwei weitere Männer
gesehen haben; ein weiterer Zeuge sagt
aus, unmittelbar nach der Explosion
sei etwas entfernt eine Stichflamme
wie bei einer Zündung zu sehen gewesen. Möglicherweise gab es eine weitere Bombe, die nicht detonierte.
Sein Schweigen bricht erstmals auch
der damalige Sprengstoffexperte des
Bundeskriminalamtes Gerd Ester, der
im Zuge der Ermittlungen die Oktoberfestbombe rekonstruiert hat und
deren Aufbau genau erklärt. Im Kapi-
Screenshot der Tagesschau vom 28. September 1980.
24
tel »Die Hand« weist Chaussy gravierende Ermittlungsfehler nach. Aservate wurden vernichtet, eine abgrissene Hand, die weder dem mußmaßlichem Täter noch einem der Opfer
zuzuordnen war, ist noch immer spurlos verschwunden. Im Kapitel »Die Politik« sucht Chaussy nach möglichen
Erklärungen und Hintergünden: Die
Bombe explodierte wenige Tage vor
der Bundestagswahl 1980, bei welcher
der bayerische Ministerpräsident Franz
Joseph Strauß gegen Helmut Schmidt
kandidierte. Offene Worte über die damaligen Ermittlungen findet Max
Strauß, der damals 21-jährige Sohn des
Ministerpräsidenten. Besonders brisant sind die Informationen über Hans
Langemann, den damaligen Leiter der
Abteilung Staatsschutz im Bayerischen
Innenministerium (»Der Ex-Agent«).
Dieser habe die Ermittlungen massiv
behindert und in die politisch gewollte
Richtung der Einzeltäterthese gelenkt.
Die multimediale Zeitreise endet mit
einem optimistischen Ausblick: 2014
hat der Generalbundesanwalt die Wiederaufnahme der Ermittlungen angeordnet. Ein großer Erfolg für Chaussy
und den investigativen Journalismus.
ks
Bismarck
D
er aus altem preußischem Land­
adel stammende Bismarck zeigte
schon während seiner Studienzeit das
Durchsetzungsvermögen und die Beharrlichkeit, die ihn in späteren Jahren
auszeichnen sollten. Mit dem langweiligen Staatsdienst in der preußischen
Provinz konnte er sich jedoch nicht anfreunden. So schied er bereits früh aus
dem Staatsdienst aus und übernahm
die Verwaltung des elterlichen Gutes
in Pommern. Dort sammelte er erste
politische Erfahrungen und Erfolge,
u.a. den Einzug in den Preußischen
Landtag. Sein Mandat nutzte er geschickt als Sprungbrett, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Nach
Stationen als preußischer Gesandter
beim Deutschen Bund und in St. Petersburg erreichte er 1862 mit der Berufung zum Ministerpräsidenten seinen
vorläufigen Karrierehöhepunkt. Die
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
Frank Eckhardt, Otto von Bismarck, München 2015.
ISBN 978-3-8445-1622-7; 1, 2 CDs, 128 Minuten, 9,99
Euro
maßgeblich von ihm beförderte Gründung des Deutschen Reiches unter Vorherrschaft Preußens im Jahre 1871 war
sein wohl größter politischer Erfolg. In
den folgenden zwanzig Jahren galt sein
Wirken der Stabilisierung des neuen
Reiches im Konzert der Großmächte.
Außenpolitisch schmiedete Bismarck
zahlreiche Bündnisse, innenpolitisch
bekämpfte er seine Gegner mit aller
Kraft. Seine Entlassung durch den jungen Kaiser Wilhelm II. am 20. März
1890 bedeutete das Ende dieser überaus erfolgreichen Karriere. Die Legende des »Eisernen Kanzlers« Otto
von Bismarck war geboren.
Pünktlich zu seinem 200. Geburtstag
am 1. April erschien nun ein Feature
des Hessischen Rundfunks, das sich
tiefgreifend mit der schillernden Persönlichkeit und dem politischen Wirken Bismarcks auseinandersetzt. Das
Hörbuch überzeugt durch seine umfassende und abwechslungsreiche Darstellung Bismarcks und seiner Zeit. Es
beschränkt sich nicht nur auf die Person des Reichskanzlers, sondern bringt
dem Hörer auch die historischen Umstände und Ereignisse anschaulich näher. Ergänzt werden die erklärenden
Passagen durch Zitate Bismarcks und
durch Kommentare der renommier­
ten Historiker Katharine Lerman und
Lothar Gall. Abgerundet wird das
Hörbuch durch die Verwendung atmosphärisch passender Musik zur Einrahmung der Kapitel. Ein uneingeschränktes Hörvergnügen.
Carsten Siegel
Audiowalks in Berlin
neue
www.gedenkstaette-koepenickerblutwoche.org/audiowalk
http://kudamm31.com/
D
er Terror der NS-Schlägertrupps
gegen jüdische Bürger und politi­
sche Gegner begann schon weit vor 1933.
Gerade in der Hauptstadt Berlin eskalierte die Gewalt, angeführt von der
SA, mitten im Zentrum. Am 12. September 1931, am jüdischen Neujahrstag, sammelten sich mehrere hundert
SA-Männer an der Gedächtniskirche
und begannen auf Passanten einzuprügeln, die ihrer Meinung nach Jüdinnen
oder Juden waren. Sie stürmten Lokale
und Geschäfte und verletzten zahlreiche Menschen. Fast zwei Jahre später, Ende Juni 1933, war die NSDAP bereits Regierungspartei und die Macht
ihrer paramilitärischen Organisationen
war gewachsen. Während der »Köpenicker Blutwoche« (siehe Militärgeschichte 2/2013, S. 10–13) folterten SAMänner Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden im Berliner Bezirk
Köpenick. Mindestens 24 Menschen
starben. Als sich ein junges SPD-Mitglied wehrte und drei Männer erschoss, eskalierte die Situation.
Wer heute nach Berlin fährt und mehr
über die Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen in der Stadt er-
fahren möchte, kann zum Kurfürstendamm oder nach Köpenick fahren. Die
Orte der Verbrechen sind noch immer
vorhanden, aber ohne intensive Recherche kaum mehr zu lokalisieren.
­Diese Mühen haben sich junge Historikerinnen und Historiker aus Berlin gemacht: Am Kurfürstendamm und in
Köpenick bringen sie die Geschichte
zum Sprechen. Mittels sogenannter
Hörblasen wird an den Schauplätzen
des Terrors über die Geschichte der
Orte informiert, Zeitzeugen und Angehörige erzählen von den Gewalttaten
und den Opfern. Dazu werden die Geschehen in einen breiteren Rahmen
eingeordnet.
Für den Hörspaziergang wird die
App »Radio Aporee« benötigt, die kostenlos für Apple- und Android-Smartphones heruntergeladen werden kann.
Vor Ort müssen die Anwender/innen
die Anwendung nur noch starten und
loslaufen, die Hörblasen starten automatisch per GPS. Unter <www.gedenkstaette-koepenicker-blutwoche.org/audiowalk> und <http://kudamm31.com/
karte> können die Hörblasen auch
ganz einfach von zu Hause angehört
werden. Dort sind zudem weitere Informationen zu der genauen Lokalisierung der Audiowalks zu finden.
fh
Kriegsgefangenschaft
D
as Stammlager (Stalag) II B in
Hammerstein/Pommern (poln.
Czarne) diente seit 1940 als Lager für
polnische, belgische und französische
Kriegsgefangene. Einer von ihnen war
René Tardi, französischer Panzersoldat, der im Mai 1940 in deutsche Gefangenschaft geriet und bis zur Räumung des Lagers Ende Januar 1945
dort verblieb. Als das Gebiet um das
Lager mit dem Vorrücken der Roten
Armee zum Kriegsgebiet wurde, evakuierte die Wehrmacht das Stalag und
schickte die Gefangenen auf einen monatelangen Marsch gen Westen.
Der französische Comicautor Jacques
Tardi rekonstruiert aus den Aufzeichnungen seines Vaters René dessen Geschichte im Zweiten Weltkrieg. Der
erste Teil, der von der Zeit als Soldat
und seiner Kriegsgefangenschaft in
Hinterpommern berichtet, erschien
2013 auf Deutsch (siehe Militärgeschichte 2/2014, S. 25). Der zweite Band
Jacques Tardi, Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im
Stalag II B. Der lange Marsch durch Deutschland, Zürich: Edition Moderne 2014. ISBN 978-3-03731-136-3;
128 S., 32,00 Euro
schließt unmittelbar daran an und
zeichnet den Weg Renés von Hammerstein quer durch Nord- und Westdeutschland bis nach Valence nach, wo
seine Verlobte Henriette auf ihn wartet.
Vier Monate dauert es, bis er sie endlich in seine Arme schließen kann. Den
deutschen Flüchtlingen begegnet René
ohne Mitleid, ihr Schicksal ist ihm egal,
besonders nachdem seine Kriegsgefangenenkolonne am Lager Bergen-Belsen
vorübergekommen ist und Lagerinsassen auf Todesmärschen ihren Weg gekreuzt haben. Die Deutschen haben es
seiner Meinung nach nicht anders verdient, dass sie nun beklaut und ausgebombt werden.
Wie schon im ersten Teil begleitet der
Junge seinen Vater imaginär, stellt Fragen, die selten beantwortet werden,
und liefert Hintergrundinformationen
über die Ereignisse während der letzten Kriegsmonate in Mitteleuropa. Die
Kombination aus den subjektiv-zynischen Anmerkungen Renés und den
recherchierten Ereignissen des Sohnes
ergeben ein eindrückliches Gesamtbild. Dass sich zwischen den beiden
dabei nur selten ein Dialog entspinnt,
kann als Hinweis darauf gesehen werden, dass die Heimkehrer mit ihren
Fami­lien daheim oder den Nachgeborenen wie Jacques (Jahrgang 1946) aufgrund ihrer unterschiedlichen Kriegserfahrungen nicht ins Gespräch über
den Krieg kommen konnten. Das gilt
auch für Vater und Sohn Tardi.
fh
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
25
Service
Lesetipp
Spionage im Ersten Weltkrieg
Geschichte Kambodschas
Lusitania
A
D
A
ls Heinrich Wandt 1920 sein
Kriegstagebuch auszugsweise in
der Presse abdrucken ließ, löste dies
lautstarke Empörung in Armeekreisen
aus. Das Reichswehrministerium leitete Untersuchungen ein. Bereits im
Dezember 1920 wurde Wandt zu sechs
Monaten Haft verurteilt; 1921 folgten
ein weiterer Prozess und neuerliche
Untersuchungshaft. 1923 wurde er erneut, jetzt sogar vor dem Reichsgericht,
wegen Landesverrats angeklagt und
zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.
Auf Druck der belgischen Öffentlichkeit wurde er 1926 aus der Haft entlassen. Der Furor, mit dem die Reichswehr­
führung Wandt juristisch verfolgte, lag
in der Brisanz seines Tagebuchs über
die deutsche Besatzungsherrschaft von
1914 bis 1918 in Belgien und Nordfrank­
reich. Wandt nannte die beteiligten
­Offiziere bei vollem Namen, u.a. Prinz
Udo zu Stollberg-Wernigerode-Uslar:
»Prinz Udo machte die Offiziersbordelle unsicher. Dort ritt er seine schneidigen Reiterattacken […] sternhagelvoll [...] torkelte er in wenig fürstlicher
Haltung aus der Brunststätte hinaus
und ließ sämtliche streng geheimen
Schriftstücke zurück […] Selbstverständlich war die Rote Titi nicht auf
den Kopf gefallen. Sie hatte dafür gesorgt, dass der Inhalt der Geheimbefehle zur Kenntnis eines feindlichen
Agenten gekommen war. Dem Prinzen
ist nichts passiert. Hätte sich ein einfacher Mann eines solchen ›Vergessens‹ schuldig gemacht, wäre er auf
den Sandhaufen gestellt worden.«
Selbst »die Liebesgenüsse des Kronprinzen« wurden nicht verschwiegen.
Diese detailreiche Dokumentation liest
sich auch heute überaus spannend und
gibt einen aufschlussreichen Einblick
in Verbrechen von Teilen der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg.
ks
Heinrich Wandt,
Erotik und Spionage
in der Etappe Gent.
Hrsg. von Jörn
Schütrump, Berlin
2014. ISBN 978-3320-02303-4; 365 S.,
19,90 Euro
26
as »Zeitalter der Extreme« hat in
der Geschichte Kambodschas tiefe
Narben hinterlassen. Im Schatten des
Vietnamkriegs allen Seiten als rückwärtiges Operationsgebiet dienend,
wurde Kambodscha auch vom Vietcong genutzt, was die USA zunehmend
als Sicherheitsrisiko betrachteten. Unter strenger Geheimhaltung versuchten
die USA daher, die Versorgungslinie
der Guerillaorganisation Anfang der
1960er Jahre durch massive Bombardements zu unterbrechen, da Angriffe
auf das offiziell neutrale Kambodscha
geltendes Völkerrecht verletzten. Auch
auf diesem »Nebenschauplatz« kamen
berüchtigte Entlaubungsmittel wie
Bernd Stöver,
­Geschichte Kambodschas. Von Angkor bis
zur Gegenwart, München 2015. ISBN 978-3406-67432-7; 268 S.,
12,95 Euro
»Agent Orange« zum Einsatz. Mit Beginn des uneingeschränkten Luft- und
Bodenkriegs am 18. März 1969 wurde
Kambodscha vollends zum Angriffsziel. Die bis Mai 1970 andauernde
»Operation Menu« hielten US-Präsident Richard Nixon und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger selbst vor
hohen Befehlshabern geheim. Die militärisch sinnlose Offensive führte zu einer horrenden Zahl ziviler Opfer. Trotz
massiver öffentlicher Proteste und demonstrativer Rücktritte von Mitarbeitern Kissingers flogen die B-52-Bomber
Tag und Nacht Luftangriffe. Der zerstörerische Höhepunkt war 1973 erreicht. Den Roten Khmer, denen die zu
Waisen gewordenen Kinder und Jugendlichen zuhauf zuliefen, waren Tür
und Tor geöffnet.
Dieses und weitere Kapitel der wechselvollen Geschichte Kambodschas
lässt Bernd Stöver den Leser nacherleben: von den Anfängen des Landes im
2. Jahrhundert über die Zeit der französischen Kolonialherrschaft bis hin zu
seiner »Wiederentdeckung durch die
Welt« seit 1999.
Stefan Kahlau
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
m 7. Mai 1915 um 13.20 Uhr entdeckte das deutsche U-Boot »U
20« unter Kapitänleutnant Walther
Schwieger vor der südirischen Küste
den britischen Passagierdampfer »Lusitania«. Das luxuriöse Schiff war auf
dem Weg von New York nach Liverpool. An Bord befanden sich fast 2000
Personen, darunter viele Angehörige
der angelsächsischen High Society. Die
»Lusitania« war das einzig verbliebene
Passagierschiff auf der Nordatlantikroute. Alle anderen befanden sich im
Kriegseinsatz. Den deutschen U-BootKommandanten war sie ein Dorn im
Auge, da sie sich über den Kriegszustand hinwegzusetzen schien. Nach
der Order zur Verschärfung des UBoot-Krieges vom 13. Februar 1915 war
die Jagd auf den Passagierdampfer eröffnet. Auf ihrer 17. Fahrt während des
Krieges traf der Dampfer auf »U 20«.
Schwieger ließ einen Torpedo abfeuern
und traf den Kohlenbunker. Die Lusitania explodierte und sank binnen 18
Minuten. Unter den 1198 Toten waren
etliche Kinder und Säuglinge.
Willi Jasper sieht den kaltblütigen
Abschuss eines unbewaffneten Passagierschiffs im Zusammenhang mit dem
Beginn des Gaskrieges in Flandern und
dem Völkermord an den Armeniern in
Anatolien. Im Frühjahr 1915 entgrenzte
der Krieg und eröffnete das Zeitalter
der totalitären Gewalt, das erst 1945
enden sollte. Um diese These zu untermauern, untersucht Jasper die Reaktio­
nen auf den Untergang der »Lusitania«
in der deutschsprachigen Kulturwelt
und die Empörung auf der anderen
Seite, die sich fortan nur intensiver der
Bekämpfung der deutschen Barbarei
widmen wollte. Das Buch geht weit
über die Geschichte der »Lusitania«
­hinaus und führt gewinnbringend in
die Geisteswelt der Kriegsintellektuellen ein.
fh
Willi Jasper, Lusitania.
Kulturgeschichte einer
Katastrophe, Berlin
2015. ISBN 978-389809-112-1; 208 S.,
19,95 Euro
Friedenskunst
Feindbilder
Churchill
K
W
W
riegerdenkmale und Bücher über
Kriege gibt es in großer Zahl. Beim
Thema Frieden wird es rarer. Ausnahmen von dieser Regel sind unter anderem der Friedensengel in München
und das hier anzuzeigende Buch von
Stephan Elbern. Darin werden nicht
weniger als 59 Friedensverträge bzw.
Friedensschlüsse analysiert, die sieben
Epochen zugeordnet sind: Alter O
­ rient,
Klassisches Altertum, Mittelalter, Zeitalter der Reformation, Barock und Aufklärung, 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert. Der Autor spannt dabei den
Bogen von Ägypten über die Welt und
wieder zurück nach Ägypten. Am Anfang steht das erste bekannte Friedens-
Stephan Elbern, Frieden Eine verlorene Kunst.
Von Kadesch bis Camp
David, Mainz 2014. ISBN
978-3943904-39-0, 199
S., 24,90 €
abkommen der Geschichte zwischen
Pharao Ramses II. und den Hethitern
nach der Schlacht bei Kadesch im Jahre
1284 v.Chr. Am Ende des Bandes wird
das Abkommen von Camp D
­ avid zwischen Israel und Ägypten von 1978
behan­delt. Natürlich sind der Westfälische Friede (1648), der Friede zu Hubertusburg (1763), der Wiener Kongress
(1814/15), der Frieden von Frankfurt
(1871), von Brest-­Litowsk (1918) und
von Versailles (1919) mit dabei. Die einzelnen Konfliktparteien, die Kriege,
die Friedensbestimmungen und ihre
Wirkungsgeschichte werden zu jedem
der 59 Frieden vorgestellt. Bezeichnend für das 20. Jahrhundert ist, dass
weder der Zweite Weltkrieg noch der
Koreakrieg mit einem formalen Friedensschluss endeten, sondern mit Kapitulation und Waffenstillstand. Nicht
zuletzt deshalb spricht der Autor von
einer verlorenen Kunst, und es gilt das
Wort von Franz Grillparzer: »Der Weg
der neueren Menschheit geht / von Humanität durch Natio­nalität zur Bestialität« – religiöser Fanatismus und Ideologie müssen im 21. Jahrhundert leider hinzugefügt werden.
hp
ie nationalsozialistisch war die
Deutsche Wehrmacht? Die neuere Forschung stellte fest, dass es nur
zum Teil die NS-Ideologie war, die
»normale« Menschen brutal handeln
ließ. Es kam viel eher auf die Prägung
innerhalb des Militärs, auf das Verhalten der Gruppe und ganz besonders
auf die jeweilige Situation an. Michaela
Kipp griff diese Überlegungen auf und
stellte die Frage anders herum: Wie
prägten Alltagsvorstellungen das brutale Handeln? Sie kam dabei auf »deutsche« Bilder von Ordnung, Sauberkeit
und Hygiene. Die Autorin untersuchte
Feldpostbriefe hinsichtlich der Verwendung der genannten drei Bilder
und erstellte daraus Freund- und
Feindbilder: Die Sauberkeits- und Ordnungsdiskurse in Feldpostbriefen aus
dem Osteinsatz, die Radikalisierung
des Sagbaren im Nationalsozialismus
und die Radikalisierung des Machbaren am Einsatzort.
Wenn Ordnung und Sauberkeit als
deutsche Eigenschaften u.a. im Nationalsozialismus hochstilisiert wurden,
dann wurde logischerweise der Gegner im Osten mit den gegenteiligen Begriffen versehen: Schmutz, Dreck, Unordnung und Chaos. Als Maßnahmen
griffen: Aufräumen, Reinemachen, Ungeziefer und damit auch den Gegner
beseitigen sowie Ordnung stiften bzw.
schaffen. Diese Begriffe und die damit
verbundenen Gedanken fanden sich
sowohl in den Feldpostbriefen, die Soldaten nach Hause schickten, als auch
in der Post, die sie von daheim erhielten. Briefe aber waren nicht nur
privat, mit ihnen wurde in Flugblättern und Frontzeitschriften Propaganda betrieben. Kipp kommt in dem
ungewöhnlichen Buch zu dem Ergebnis, dass der Reinlichkeitsdiskurs
funktionaler Bestandteil der Kriegführungsmaschinerie war.
hp
Michaela Kipp, »Grossreinemachen im Osten«.
Feindbilder in deutschen
Feldpostbriefen im Zweiten
Weltkrieg, Frankfurt a.M.,
New York 2014. ISBN 9783-593-50095-9; 493 S.,
45,00 Euro
inston Churchills Leben bewegte
sich zwischen den Polen Kämpfen, Schreiben und Politik. Er konnte in
persönlicher Gefahr todesmutig sein:
als junger Leutnant bei der Schlacht
von Omdurman im Sudan (1898), als
Kriegsberichterstatter im Zweiten
Buren­krieg. Nur mit Mühe konnten
die alliierten Militärs den Premierminister davon abbringen, mit der ersten
Welle der Invasion am 6. Juni 1944 in
der Normandie an Land zu gehen. Mit
25 Jahren wird Churchill ins Unterhaus gewählt, dem er von 1900 mit
kurzer Unterbrechung bis 1964 angehört. Im Ersten Weltkrieg Marinemi­
nister, muss er nach der gescheiterten
Thomas Kielinger, Winston
Churchill. Der späte
Held. Eine Biographie,
München 2014. ISBN 9783-406-66889-0; 400 S.,
EUR 24,95
alliierten Landung in den Dardanellen
zurücktreten und verschwindet nach
1929 weitgehend in der politischen
Versenkung. Schon früh sieht er, dass
Hitler auf einen neuen Weltkrieg hinsteuert, und schärfer als jeder andere
geißelt er die britische AppeasementPolitik. Als sich abzeichnet, dass der
Krieg unausweichlich wird, wird aus
Churchill der Mann der Stunde. Am
8. Mai 1945 jubeln ihm die Londoner
enthusiastisch zu; im Herbst, bei den
von ihm selbst angesetzten Wahlen,
lassen sie ihn fallen. 1951 wird er erneut Regierungschef, aber jetzt setzen
ihm sein Alter und seine Gesundheit
Grenzen: 1955 muss er zurücktreten.
Thomas Kielinger fasst geschickt die
Forschungsliteratur zusammen und
stützt sich zugleich auf Churchills eigenes literarisches Œuvre. Sein Buch
widmet den langen Jahren der politischen Lernprozesse Churchills große
Aufmerksamkeit. So entsteht das Bild
des vielseitigen, manchmal schwierigen, immer wortgewaltigen Mannes,
dem der historische Moment am Ende
doch seine Rolle zuweist: eben die des
»späten Helden«.
Winfried Heinemann
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
27
Service
Die historische Quelle
Militärhistorisches Archiv Prag
Auschwitz − Ausbau für die Kriegswirtschaft
A
Militärhistorisches Archiv Prag. Foto Gabriele Senft, Berlin
uschwitz − das ist von Juni 1940 bis Januar 1945 einer
der Orte der Unterdrückung des polnischen Widerstands, der Folter und Hinrichtung von Männern und
Frauen, die sich gegen die deutsche Besetzung des Landes zur Wehr setzten. Auschwitz ist 1941/42 auch ein Ort
des Massenmords an sowjetischen Kriegsgefangenen
und 1943/44 Ort der Vernichtung der zumeist deutschen,
österreichischen und tschechischen Sinti und Roma. Und
Auschwitz ist der Ort, an den aus dem deutschen Machtbereich ab März 1942 über eine Million Juden deportiert
wurden, von denen die SS bis Oktober 1944 die meisten,
mehr als 900 000, vom Säugling bis zum Greis, binnen
Stunden nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordete.
Das Dokument aus dem Militärarchiv in Prag illustriert
den Funktionswandel des Lagers im zweiten Halbjahr
1942: Im Februar 1941 hatte die SS der IG Farben, die im
Osten der polnischen Stadt Oświęcim ein gigantisches
Kunststoffwerk errichtete, 10 000 KZ-Arbeiter für die
Werkbaustellen zugesagt. Der Chemiekonzern revanchierte sich mit der Bereitstellung von Bezugsrechten für
kontingentiertes Baumaterial, um der SS den Ausbau und
die Erweiterung des Stammlagers Auschwitz zu ermöglichen. Das zweite Auschwitzer Lager in Birkenau sollte
nach Maßgabe des Reichsführers-SS Heinrich Himmler
vom 1. März 1941 als Kriegsgefangenenlager der WaffenSS für den bevorstehenden Überfall auf die Sowjetunion
errichtet werden. Der erst im Oktober 1941 begonnene
Aufbau des Lagers kam jedoch bereits im Laufe des ers­
ten Halbjahres 1942 zum Stillstand: Die SS richtete Tausende Gefangene bei Erdarbeiten in dem versumpf­ten
Gelände zugrunde; aus Abbruchmaterial bauten Gefan­
gene die dreißig Steinbaracken im ersten Lagerabschnitt;
ansonsten wurden als Unterkünfte nur die vom Oberkommando des Heeres bewilligten, für 52 Pferde ausge-
28
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
legten Holzbaracken aufgestellt, in die zwischen 500 und
1000 Menschen gepfercht werden sollten. Ein Einsatz von
Baufirmen mit Facharbeitern und Maschinen jedoch war
ausgeschlossen; kontingentiertes Baumaterial − Holz,
Steine, Zement und Eisen − fehlte, eine Folge später Anmeldung, mehrfacher Umplanung und mangelnder
Kriegswichtigkeit des Bauvorhabens. Nur weil Rüs­
tungsminister Albert Speer das Bauvorhaben der SS für
eigene Zwecke vereinnahmte und als Umschlagplatz für
Zehn- und dann Hunderttausende von Arbeitssklaven in
den Dienst der Kriegswirtschaft stellte, konnte die SS das
Lager überhaupt weiter ausbauen. Mitte September 1942
bewilligte der Rüs­tungsminister der SS ein zusätzliches
Bauvolumen in Höhe von 13,76 Millionen Reichsmark für
das »Sonderprogramm Prof. Speer«.
Im Lageplan vom 6. Oktober 1942 (im Original
1,30 x 1 m, im Bild ein Ausschnitt) rot markiert sind die
eingezäunten neuen Anlagen: zwei spiegelbildlich gleiche Krematorien mit unterirdischen Gaskammern am Ende
der Eisenbahnrampe (links),
der Lagerabschnitt mit dreißig
Baracken zur Sortierung der
den Deportierten geraubten
Habe, zwei weiteren Krematorien mit Gas­kam­mer­anbauten
und dem »Zentrale Sauna« genannten Aufnahmegebäude
(Mitte), durch das die SS die zur
Sklavenarbeit selektierten Deportierten schleuste. Der Plan
zeigt einen neuen Kommandanturbereich am gegenüberliegenden Ende der künftigen
Hauptlagerstraße; das jenseits
dieser rot markierte Barackenlager wurde nur noch teilweise
aufgebaut. Ab Sommer 1944 − das bei Lublin liegende
Vernichtungslager Majdanek hatte die Rote Armee am
24. Juli befreit − beeilte sich die SS, die als Arbeitssklaven
an der Rampe selektierten ungarischen und polnischen
Juden in industrielle KZ-Außenlager im Reichsinnern zu
transferieren. Darunter befanden sich Großbunkerbaustellen, wie die für die Flugzeugmontage von Messer­
schmidt, Focke-Wulf und Dornier in Landsberg am Lech,
einem heutigen Bundeswehr-Standort.
Susanne Willems
Literaturtipp
Susanne Willems, Auschwitz. Die Geschichte des Vernichtungslagers. Mit Fotos von
Frank und Fritz Schumann, Berlin 2015.
Geschichte kompakt
9. September 1965
26. September 1980
Erster Leopard-Panzer der Bundeswehr
Die Oktoberfestbombe
I
BArch B 145 Bild-F027414-0004/Berretty
m Rahmen der Wiederbewaffnung bezog die junge Bundeswehr ihr erstes Wehrmaterial von den verbündeten
NATO-Staaten, allen voran den USA. Ende der 1950er Jahre
gab es Überlegungen, die westdeutsche Rüstungsproduktion zu stärken und eigene Waffensysteme herzustellen. In
der Folge wurde 1957 begonnen, gemeinsam mit Frankreich einen neuen Kampfpanzer mittleren Typs zu entwickeln. Als Grundlage diente ein Anforderungskatalog der
NATO und des Führungsstabes des Heeres, der die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges berücksichtigte und u.a.
eine hohe operative Beweglichkeit sowie eine effektive Mischung aus Panzerung und Feuerkraft vorgab. An der Entwicklung der ersten Prototypen waren mehrere deutsche
Unternehmen beteiligt, etwa die Porsche KG und Rhein­
metall, die bis 1963 die Entwicklungsarbeiten abgeschlossen hatten, sodass das bis dahin als »Standardpanzer« bezeichnete Projekt nun der Öffentlichkeit vorgestellt werden
konnte. Zeitgleich liefen intensive Erprobungsversuche an
Wehrtechnischen Dienststellen der Bundeswehr sowie an
der Panzertruppenschule Munster.
Da Frankreich wegen Finanzierungsproblemen aus dem
Projekt ausschied, erhielt der Panzer 1963 einen deutschen
Namen: Der »Leopard« wurde damit zum ersten nach 1945
in Deutschland serienmäßig hergestellten Kampfpanzer,
der in der Truppe den bis dahin eingesetzten, jedoch veralteten amerikanischen M 47 ersetzen sollte. Der Bundestag
stellte 1,5 Mrd. DM für den Kauf von 1500 Stück des neuen
Modells zur Verfügung. Daraufhin fand bei Krauss-Maffei
in München, dem Hauptproduzententen, am 9. September
1965 durch Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel
(CDU) die offizielle Übergabe des ersten Serienmodells an
die 4. Kompanie des Panzerlehrbataillons 93 statt. 1976 umfasste der Gesamtbestand der Bundeswehr bereits knapp
2500 Leopard 1.
In den folgenden Jahren wurde der Kampfpanzer Leopard 1 kontinuierlich weiterentwickelt und systematischen
Kampfwertsteigerungen unterzogen. Weiterentwicklungspotenzial und der allgemein hohe Qualitätsstandard
führten dazu, dass der Panzer als Basis für zahlreiche weitere Kettenfahrzeuge diente (z.B. Brückenlege-, Flak-, Bergeoder Pionierpanzer) und auch international als Exportprodukt sehr angesehen war. Bis zum Produktionsende 2003
wurden insgesamt 4700 Exemplare des Leopard 1 gefertigt,
die in neun Ländern auf fünf Kontinenten eingesetzt wurden oder sich nach wie vor im aktiven Dienst befinden.
D
3Kampfpanzer L­ eopard auf dem
ie Pressemitteilung des Generalbundesanwalts vom
11. Dezember 2014 zur Wiederaufnahme der Ermittlungen in Sachen »Oktoberfestbombe« war eine kleine Sensation. Am Abend des 26. September 1980, also ganze 34
Jahre zuvor, explodierte am Ausgang des Münchner Oktoberfestes eine Bombe und forderte 13 Tote, darunter drei
Kinder, und mehr als 200 zum Teil schwer Verletzte. Als Täter wurde schnell der 21-jährige Gundolf Köhler identifiziert, auch er starb bei der Explosion. Nach seiner Dienstzeit als Zeitsoldat in Immendingen hatte Köhler Geologie
studiert. Aber schon schon als Jugendlicher besaß er Kontakte zu rechtsradikalen Gruppen, später unterhielt er enge
Verbindungen zur »Wehrsportgruppe Hoffmann«. Die
Ermitt­ler legten sich schnell fest: Köhler sei Einzeltäter gewesen; es gebe keine weiteren Beteiligten und keine Hintermänner. Ein rechtsterrorisischer Hintergrund sei ausgeschlossen. Bereits 1982 stellte Generalbundesanwalt Kurt
Rebmann das Ermittlungsverfahren ein. 1997 wurde die
beim Generalbundesanwalt verwahrten Asservate vernichtet, obwohl Mord bekanntlich nie verjährt.
Schon damals gab es erhebliche Zweifel an der Einzeltäterthese. Der Journalist Ulrich Chaussy sowie der Hinterbliebenen- und Opferanwalt Werner Dietrich kämpften
hartnäckig und mutig gegen alle Widerstände, ermittelten
auf eigene Faust, fanden neue Zeugen. Ihnen ist die Wiederaufnahme der Ermittlungen zu verdanken. Die nach ihrer Überzeugung einseitig geführten Ermittlungen in den
1980er Jahren waren auch mehrfach Thema im Deutschen
Bundestag. Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke stellten
in den vergangenen Jahren Dutzende parlamentarischer
Anfragen zum Thema. In ihrer Antwort auf eine Anfrage
der Linken im September 2014 teilte die Bundesregierung
u.a. mit, dass vor dem Hintergrund rechtsterroristischer Ereignisse des Jahres 1980 im April 1981 im Bundesamt für
Verfassungsschutz »erstmals ein Referat eingerichtet« worden sei, dass »rechtsexremistischen Terrorismus« beobachten sollte (Bundestagsdrucksache 18/2544, S.2). Damals
­jedoch war gegenüber der Öffentlichkeit jeder rechtsterroris­
tische Hintergrund des Anschlags verneint worden. Im November 2014 verlangten die Grünen auch Auskunft über VLeute des Verfassungsschutzes im Umfeld des Bombenanschlags. Die Bundesregierung teilte daraufhin mit, dass
»die Informationen der angefragten Art so sensibel [seien],
dass selbst ein geringfügiges Risiko des Bekanntwerdens
unter keinen Unständen hingenommen werden kann«
(Bundestagsdrucksache 18/3117, S. 12). Im April 2015 kündigten die Grünen an, vor dem Bundesverfassungsgericht
auf Herausgabe aller Informationen zum Oktoberfestanschlag zu klagen, v.a. im Hinblick auf V-Leute deutscher
Geheimdienste im Umfeld des Anschlags. Laut Medienberichten, u.a. in Zeit-online vom 4. Januar 2015, hat auch der
Generalbundesanwalt die Herausgabe bislang zurückgehaltener Akten verlangt.
Truppenübungsplatz Munster­
lager, Lüneburger Heide, 1965.
ks
Tobias Gräf
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
29
• Berlin
1945 – Niederlage.
­Befreiung. Neuanfang.
Zwölf Länder Europas
nach dem Ende der
NS-Gewaltherrschaft
24. April bis
25. Oktober 2015
sowie
Homosexualität_en
26. Juni bis
1. Dezember 2015
Deutsches Historisches
Museum
Unter den Linden 2
10117 Berlin
Tel.: 0 30 / 20 30 40
www.dhm.de
täglich
10.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt: 8,00 Euro
(unter 18 Jahren Eintritt
frei)
1914–1918: Falkenstein
zieht in den Krieg.
Perspektiven auf den
Weltenbrand
Militärhistorisches
­Museum
Flugplatz Berlin-Gatow
Am Flugplatz Gatow 33
14089 Berlin
Tel.: 0 30 / 36 87 26 91
www.mhm-gatow.de
Dienstag bis Sonntag
10.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt frei
• Dresden
»Die Flotte schläft im
Hafen ein« –
Kriegsalltag 1914/1918
in Matrosentage­
büchern
Militärhistorisches Museum der Bundeswehr
Olbrichtplatz 2
01099 Dresden
Tel.: 03 51 / 82 32 85 1
www.mhmbw.de
26. Juni bis vorauss.
Oktober 2015
Montag
10.00 bis 21.00 Uhr
Donnerstag bis Dienstag
10.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt: 5,00 Euro
30
Ausstellungen
ermäßigt: 3,00 Euro
(für Bundeswehr­Angehörige Eintritt frei)
• Friedrichshafen
Zeppelin Museum
Seestraße 22
88045 Friedrichshafen
Tel.: 07541 / 3801-0
www.zeppelin-museum.de
Dauerausstellung
täglich 9.00 Uhr bis
17.00 Uhr
• Ingolstadt
Die Alpen im Krieg –
Krieg in den Alpen. Die
Anfänge der deutschen
Gebirgstruppe 1915
bis 27. September 2015
Napoleon und Bayern
Bayerisches Armee­
museum Ingolstadt
Neues Schloss
85049 Ingolstadt
Tel.: 08 41 / 88 14 94 0
www.armeemuseum.de
bis 31. Oktober 2015
täglich
9.00 bis 18.00 Uhr
• Frankfurt a.M.
Struwwelpeter wird
Soldat.
Der Erste Weltkrieg im
Kinderzimmer
Struwwelpeter-Museum
Schubertstr. 20
60325 Frankfurt a.M.
Tel.: 0 69 / 74 79 69
www.struwwelpeter­museum.de
bis 20. September 2015
Dienstag bis Sonntag
10.00 bis 17.00 Uhr
Eintritt: 4,00 Euro
ermäßigt: 2,00 Euro
• Ludwigsburg
»Gerüstet für den Krieg
– vorbereitet auf den
Frieden«
24. Mai 2015 bis
31. Januar 2016
sowie
Attentat auf Hitler –
Stauffenberg und mehr
12. Juli bis
13. September 2015
Garnisonmuseum
Ludwigsburg
Asperger Str. 52
71634 Ludwigsburg
Tel.: 07 11 / 25 73 416
www.garnisonmuseumludwigsburg.de
Mittwoch
15.00 bis 18.00 Uhr,
Sonntag
13.00 bis 17.00 Uhr
• Meersburg
Zeppelinmuseum
Schlossplatz 8
88709 Meersburg
Tel.: 07 53 2 / 79 09
www.zeppelinmuseum.eu
Dauerausstellung
täglich 
10.00 Uhr bis 18.00 Uhr
• Neu-Isenburg
Heft 3/2015
Service
Militärgeschichte
Zeitschrift für historische Bildung
 Vorschau
Im nächsten Heft untersucht Rudolf
J. Schlaffer die Führungsphilosophie
der Bundeswehr im Verlauf der
vergan­genen 60 Jahre. Er fragt, inwiefern die »Innere Führung« Veränderungen unterliegt und wie das
Leitbild des »Staatsbürgers in Uniform« heute noch umgesetzt wird.
Ein besonderes Augenmerk legt er
hierbei auf die zahlreichen Einsätze
der Bundeswehr im Ausland und deren Auswirkungen auf das soldatische Grundverständnis.
Ulrich van der Heyden widmet sich
Zeppelinmuseum
Kapitän-Lehmann-Str. 2
63263 Neu-Isenburg /
Zeppelinheim
Tel.: 0 69 / 69 59 59 78
www.zeppelin-­museumzeppelinheim.de
Dauerausstellung
Freitag
14.00 bis 17.00 Uhr
Samstag, Sonntag,
Feiertag
11.00 bis 17.00 Uhr
dem Thema der ungesühnten Kriegs-
• Wustrau
schah dies bei Beschuldigten aus
Bismarck 200 – von
Water­loo bis
­Friedrichsruh
Brandenburg-Preußen
Museum
Eichenallee 7a
16818 Wustrau
Tel.: 03 39 25 / 7 07 98
www.brandenburg-­
preussen-museum.de
26. April bis
22. November 2015
täglich (außer Montag)
10.00 bis 18.00 Uhr
dem Ersten Weltkrieg nicht.
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
verbrechen im Ersten Weltkrieg am
Beispiel des deutschen U-Boot-Kommandanten Helmuth Patzig und
­seines Befehls, Überlebende eines
versenkten Hospitalschiffes zu erschießen. Im Vergleich zum Zweiten
Weltkrieg, wo Kriegsverbrecher vor
alliierte Gerichte gestellt wurden, ge-
Das Bismarckbild hat sich in den
letzten 100 Jahren stetig verändert.
Doch wie wurde und wie wird der
Reichskanzler in der Bundeswehr rezipiert? Dieser interessanten Frage
geht Christoph Nübel nach.
aau, jm
Militärgeschichte im Bild
»Zeppelin kommt!«
5Propagandapostkarte, ca. 1915. Kinder und Kriegsspielzeug waren ein beliebtes
Motiv für Bildpostkarten dieser Art.
Hilf uns im Krieg / Fliege nach Engeland / Engeland wird abgebrannt /
Zeppelin, flieg«. Ein sehr verbreitetes
Mittel zur Stärkung der Moral an der
Heimatfront waren in großen Auflagen
produzierte patriotisch-propagandis­
tische Postkarten. Auf der Postkarte
mit der Überschrift »Zeppelin kommt!«
wird der 1915 von deutscher Seite eingeleitete strategische Luftkrieg auf
London oder den »Kriegshafen von
England« zum Kinderspiel. Die Propaganda-Postkarte macht durch die Kinder, die etwa unter Regenschirmen
oder Stühlen Schutz suchen und furchtsam auf den über ihnen hängenden Miniatur-Zeppelin schauen, allerdings
recht gut deutlich, um was es bei den
BArch, Bild 134-B3216
m frühen Morgen des 31. Mai 1915
begann mit dem ersten Bombenangriff eines deutschen Luftschiffs auf
die britische Hauptstadt London eine
neue Ära der Kriegführung: der strategische Luftkrieg. Ermöglicht wurde
dieses Übergreifen des Krieges auf weit
hinter der Front liegende Städte durch
die Konstruktionen des Luftfahrtpioniers Ferdinand Graf von Zeppelin.
Am 2. Juli 1900 hatte Graf von Zeppelin die erste Fahrt mit einem von ihm
gebauten Luftschiff unternommen. Die
militärische Führung des Deutschen
Reiches und besonders Kaiser Wilhelm
II. zeigten sich sehr interessiert an dem
neuartigen Luftfahrzeug. 1908 wurde
das dritte von Graf Zeppelin produzierte Luftschiff als »Z 1« für den Betrag von zwei Millionen Mark von der
preußischen Armee angekauft.
Das Luftschiff besaß in der Frühphase der Fliegerei deutliche Vorteile
gegenüber dem Flugzeug. Bei gleicher
Geschwindigkeit konnten Luftschiffe
deutlich höher steigen, weiter fahren,
mehr Nutzlast mitführen und vor allen
Dingen viel länger in der Luft bleiben.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges verfügte das Deutsche Reich über sieben
Luftschiffe des Typs Zeppelin. Die Besatzung der Zeppeline bestand aus je
20 Mann, die unter anderem die bis zu
vier Bord-MGs bedienten, Bomben abwarfen und Aufklärung betrieben.
Die Erfolge dieses noch neuen Kriegsmittels fanden ihren Niederschlag auch
in der patriotischen Propaganda während des Ersten Weltkrieges. So sangen
deutsche Schulkinder: »Zeppelin, flieg /
pa/Mary Evans Picture Library
A
3Zeppelin L 14
(Werk-Nr. LZ 46),
erfolgreichstes
deutsches
Marineluftschiff
mit 42 Aufklärungsfahrten und
17 Angriffsfahrten gegen
England, dabei
Abwurf von
22 045 kg Bomben.
deutschen Bombardements britischer
Städte im Zeitraum 1915 bis 1917 eigentlich ging. Denn bei den nächtlichen Angriffen auf Großbritannien
waren nicht so sehr die tatsächlichen
Zerstörungen von Bedeutung, sondern
die erhebliche moralische und demotivierende Wirkung auf gegnerische Soldaten und die Bevölkerung sowie die
Bindung von Kräften durch die immer
effektivere Luftverteidigung.
Von den 123 Luftschiffen, die während des Ersten Weltkrieges auf deutscher Seite zum Einsatz kamen, verloren Heer und Marine 79, davon 40
durch Feindeinwirkung. Denn neben
der zunehmend wirkungsvolleren gegnerischen Luftabwehr führten eine
Vielzahl von Unfällen zum Verlust der
Luftfahrzeuge, da insbesondere die Befüllung der aus zelloniertem Baumwollstoff bestehenden Umhüllung mit
Wasserstoffgas, das Aushallen, sowie
der Start und die Landung bei schwierigen Wetterverhältnissen oder Dunkelheit erhebliche Risiken aufwiesen.
Im Ersten Weltkrieg fielen 450 Angehörige der deutschen Luftschiffeinheiten.
Die hohen Verluste führten schließlich
dazu, dass 1917 die Heeresluftschifffahrt eingestellt wurde, die Marineluftschiffe operierten noch bis zum
Kriegsende 1918.
Christian Senne
Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2015
31
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Matthias Rogg, Kompass Militärgeschichte. Ein historischer Überblick für Einsteiger.
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Wie Napoleon nach Waterloo
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Die Garnisonkirche Potsdam. Zwischen Mythos und Erinnerung. Im Auftrag des
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des 21. Jahrhunderts. Mit Beiträgen von Donald Abenheim, Eberhard Birk, Bernhard
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Peter Andreas Popp. Im Auftrag des ZMSBw hrsg. von Dieter H. Kollmer, Potsdam:
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Weltkrieg.
2013, 107 S. (= Potsdamer Schriften zur Militärgeschichte, 22), 9,80 Euro
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­Dieter H. Kollmer, John Louth, Søren
Nørby, Erwin A. Schmidl, Florian Seiller,
Niklas Stenlås, Matthias Uhl und
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ZMSBw hrsg. von Dieter H. Kollmer,
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Modler, Gorch Pieken und Martin Rink. Im Auftrag der Deutschen Kommission für
Militärgeschichte sowie des ZMSBw hrsg. von Martin Hofbauer, Potsdam: ZMSBw 2013, V,
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ISBN 978-3-941571-25-9
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