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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Wissen
Tabuthema Inkontinenz
Wenn Blase und Darm schwächeln
Von Karin Lamsfuß
Sendung: Mittwoch, 9. März 2016
Redaktion: Sonja Striegl
Regie: Autorenproduktion
Produktion: SWR 2016
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MANUSKRIPT
O-Ton 1 - Johanna Bost:
Das fing relativ früh an, da muss ich so ungefähr 34, 35 gewesen sein, da hab ich
gemerkt, dass ich wesentlich häufiger auf Toilette musste und vor allen Dingen, dass
ich das nicht mehr so halten konnte…
O-Ton 2 - Annemarie Groß:
Treppe runter, hoppala. Tröpfchen in der Hose. Auf jeden Fall war’s dann mal so
dermaßen schlimm: Wenn ich nur ein bisschen bergab gegangen bin, lief’s!
O-Ton 3 - Richard Seelbach:
Also bin ich auch neun Monate mit solchen Einlagen rumgelaufen, mit zwei Kilo
teilweise in der Hose…
O-Ton 4 - Annemarie Groß:
Gut, dass wir weite Röcke haben an den Dirndln: Dann lief’s in die Schuhe, und da
hat’s dann schwapp schwapp gemacht….
O-Ton 5 - Johanna Bost:
Später kam hinzu noch, was mir sehr peinlich war, dass ich nachts Urin abgelassen
habe, ohne dass ich das merkte.
Sprecherin:
„Wo ist die nächste Toilette?“, „Wo kann ich mich waschen?“ Um diese Fragen dreht
sich der Alltag von Menschen mit Inkontinenz. Was für die meisten selbstverständlich
ist, funktioniert einfach nicht mehr: Sie schaffen es nicht, Harn oder Stuhl zu halten.
Rund neun Millionen Deutsche leben nach Schätzungen der Deutschen
Kontinenzgesellschaft mit diesem Problem. Meist schamhaft, zurückgezogen, von
der Umwelt unbemerkt.
Ansage:
„Tabuthema Inkontinenz – Wenn Blase und Darm schwächeln“. Eine Sendung
von Karin Lamsfuß.
O-Ton 6 - Johanna Bost:
Das Allerpeinlichste ist, wenn die Vorlage nicht mehr ausgereicht hat, und man steht
mit nassen Hosen da. Und es kann irgendeiner mitkriegen. Man hat immer das
Gefühl, jeder müsste das riechen!
Sprecherin:
Es trifft keineswegs nur ältere Frauen. Unter Blasen- und Darmschwäche leiden zum
Beispiel Männer nach Prostata-OPs, junge Frauen nach schweren Geburten,
Spitzensportlerinnen nach stark belastendem Training oder junge Männer nach
misslungener Hämorrhoiden-Operation. Außerdem ist sie mögliche
Begleiterscheinung bei Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson, erklärt
Professor Axel Haferkamp. Der Urologe ist Vorsitzender der Deutschen
Kontinenzgesellschaft und leitet ab April die Urologische Klinik der
Universitätsmedizin Mainz.
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Er schätzt, dass etwa 60 % aller Patienten unbehandelt bleiben: weil sie aus Scham
nie einen Arzt aufsuchen.
O-Ton 7 - Axel Haferkamp:
Es wird von den Betroffenen verschwiegen, und Männer verschweigen ganz
besonders, sie finden letztendlich Strategien, wie sie mit ihrer Inkontinenz umgehen –
von Vorlagen bis hin zu, dass sie jede Toilette in der Stadt kennen, bis zur Reduktion
der Trinkmenge sind das alles Möglichkeiten, die Männer schon machen bevor sie
einen Arzt aufsuchen. Und sie werden häufig von ihren Partnern dazu gedrängt, weil
z. B. Bettwäsche und Ähnliches immer nass ist.
Sprecherin:
Doch nicht nur die Patienten verschweigen ihr Problem, Ärzte reißen sich – vorsichtig
ausgedrückt – auch nicht gerade um Patienten mit Blasen- oder Darmschwäche.
O-Ton 8 - Axel Haferkamp:
Das Wissen ist bei allen medizinischen Fachgruppen nicht gleich verteilt, dazu
kommt, dass diese Patienten relativ aufwendig sind, die Diagnostik, wenn man das
vollständig machen will, ist aufwendig, d. h. ein Patient, der zu einem
niedergelassenen Arzt geht, beansprucht relativ viel von dessen Zeit, und das ist in
einer Praxis mit einem hohen Patientendurchsatz oft für den Arzt schwierig leistbar.
Sprecherin:
Verschämte Patienten treffen nicht selten auf überforderte Ärzte. Das Ergebnis ist
dann das, was man in Fachkreisen das „doppelte Schweigen“ nennt. Das wollen
Mediziner wie Axel Haferkamp und viele seiner Kollegen dringend ändern. Denn:
O-Ton 9 - Axel Haferkamp:
In der Regel kann man allen Patienten helfen: Das reicht von konservativen
Therapien wie Beckenbodentraining über kleinere operative Therapien wie Bändchen
bis hin zu großen Harnableitungsoperationen als Ultima Ratio, aber es gibt nahezu
niemanden, dem man nicht die Situation verbessern kann.
Sprecherin:
Bei Johanna Bost fing es mit Mitte 30 an. Sie stand mitten im Leben, war gefordert in
ihrem stressigen Job als Arzthelferin, in dem oft kaum eine Minute blieb, in Ruhe die
Toilette aufzusuchen.
O-Ton 10 - Johanna Bost:
Das fing erst im Kleinen an, mit Husten, Niesen, und man sagt: Hoppla, da ist was
danebengegangen. Am Anfang sind das nur ein paar Tropfen, und dann denkt man
sich noch nichts dabei und sagt ‚die Blase ist halt entzündet, verkühlt oder sonstiges’,
aber das lässt dann eben nicht nach, sondern wird immer mehr, dass man eigentlich
nach ner Zeit nicht mehr mit ner Slipeinlage auskommt, weil die so viel Feuchtigkeit
gar nicht aufnimmt.
Sprecherin:
Zum Arzt traute sich Johanna Bost zunächst nicht. Sie dokterte fünf Jahre lang
alleine an ihren Symptomen herum. Zu wem sollte sie auch gehen? Zum Urologen,
zur Gynäkologin? Oder lieber erst mal zum Hausarzt?
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Von den „Kontinenz- oder Beckenbodenzentren“ – die es an manchen Uni-Kliniken
oder in großen Krankenhäusern gibt, hatte sie nichts gewusst. Diese Zentren wurden
eingerichtet, weil die Inkontinenz in der Regel facharztübergreifend untersucht und
behandelt werden muss.
Prof. Christl Reisenauer ist Urogynäkologin und leitet das Beckenbodenzentrum der
Universitäts-Frauenklinik Tübingen. Bei jeder Patientin klärt sie in einer ausführlichen
Diagnostik ab: Gibt es organische Fehlstellungen? Welche Form der Inkontinenz liegt
vor? Was sind die Ursachen? Und die können vielfältig sein:
O-Ton 11 - Christl Reisenauer:
Bei den Frauen kann – muss aber nicht – eine Bindegewebsschwäche vorliegen, es
kann ne familiäre Vorbelastung da sein, aber alle Faktoren, die den Beckenboden
belasten wie Übergewicht, Schwangerschaft, Geburt, schwere körperliche Arbeit
können negative Auswirkungen auf den Beckenboden haben und letztendlich dann
ne Blasenschwäche zur Folge.
Sprecherin:
Ausführliches Gespräch, gynäkologische Untersuchung, Urinuntersuchung,
Ultraschall der Blase, der Harnröhre und Gebärmutter, gegebenenfalls
Blasenspiegelung und Blasendruckmessung – all dies kann Auskunft über die
Ursache der Blasenschwäche geben. Ob die dann mit Medikamenten, speziellem
Beckenbodentraining oder einer Operation therapiert wird, ist von Fall zu Fall
verschieden. Oft reichen auch einfache Hilfsmittel, die den Alltag mit der Krankheit
erträglicher machen – ganz ohne Eingriff:
Reportage Angelika Sonnenberg:
Das ist so ein Vaginaltampon, und das sind die Würfelpessare. Gibt‘s alles in
unterschiedlichen Größen, von klein bis groß und noch größer…
Sprecherin (darüber):
Angelika Sonnenberg ist „Fachkraft für Kontinenzstörungen“ - eine der ganz wenigen
in Deutschland. Deshalb kommen die Patientinnen und Patienten bis aus BadenBaden zu ihr in die Kontinenzsprechstunde eines Kölner Krankenhauses.
Das Besondere: Hier können sie einfach nur reden. Über ihre Beschwerden, ihre
Scham, die Scheu zum Arzt zu gehen.
An diesem Tag ist eine 72-Jährige in der Beratung, die allerdings nicht vors
Mikrophon möchte. Sie verliert Urin bei der kleinsten Belastung: wenn sie die Haustür
aufschließt oder schwere Einkaufstüten nach Hause trägt:
Reportage Angelika Sonnenberg:
Ich hab ein paar Ideen, wie ich Ihnen helfen kann, dann wäre es nötig, dass Sie über
drei Tage ein Miktionsprotokoll führen, d. h. ihre Urinmenge messen und es gibt eine
Notfallbewegung, die Sie vor der Haustür machen können, damit Sie dann in Ruhe
den Schlüssel rumdrehen können.
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Sprecherin:
Verhaltenstraining oder Hilfsmittel wie Pessare und Harnröhren-stabilisierende
Tampons – Angelika Sonnenberg hat viele Tipps. Was sinnvoll ist, hängt stets von
der Ursache der Kontinenz ab: Erschlafftes Gewebe? Gebärmuttervorfall?
Fehlstellungen der Harnwegsorgane? Ohne eine ärztliche Untersuchung geht es
auch bei dieser Patientin nicht. Doch Angelika Sonnenberg macht ihr Mut zu diesem
nächsten Schritt: mit ihrer selbstverständlichen und gelassenen Art. Und ihrer
persönlichen Erfahrung mit dem Thema:
O-Ton 12 - Angelika Sonnenberg:
Mit 28 nach ner sehr schweren Schwangerschaft und Entbindung war ich ein Jahr
lang inkontinent und hab dann nach einem Jahr gewagt, die Gynäkologin zu fragen,
wie das denn jetzt weitergeht, und die hat mal die Schultern gezuckt und gesagt „Ja,
was soll ich denn machen?“
Sprecherin:
Machen kann man eine ganze Menge. Wäre Inkontinenz nur nicht so furchtbar
peinlich. Offenbar hängt das Tabuthema damit zusammen, dass es zum
„Großwerden“ dazu gehört, seine Ausscheidungen zu kontrollieren. Wer das nicht
mehr schafft, fühlt sich ohnmächtig, zurückversetzt ins Kleinkindalter. Erst recht,
wenn er oder sie plötzlich Windelhöschen trägt. Inkontinenz ist eben auch eine
„soziale Erkrankung“.
O-Ton 13 - Johanna Bost:
Ich habe nicht mehr Sport getrieben, wir sind nicht mehr ausgegangen zum Tanzen,
immer nur versteckt.
Sprecherin:
Johanna Bost, bei der die Erkrankung schon mit Mitte 30 begann, leidet unter
„Belastungsinkontinenz“. Sie ist die häufigste Form der Inkontinenz. Die Patienten
verlieren Urin bei muskulärer Belastung des Bauchraums und des Beckens: etwa
beim Lachen, Husten und Niesen.
O-Ton 14 - Christl Reisenauer:
Die Belastungsinkontinenz entsteht dadurch, dass die Harnröhre nicht mehr optimal
verankert ist im kleinen Becken. Und wenn der Druck im Bauch ansteigt, wird der
Druckanstieg fortgeleitet in Richtung Beckenboden, die Harnröhre ist nicht mehr
stabil, kippt dann nach hinten und nach unten weg, und in dem Moment geht Urin
unwillkürlich ab, und es kommt drauf an, wie voll die Blase ist, können kleinere oder
größere Mengen Urin abgehen.
Sprecherin:
Neben der Belastungsinkontinenz gibt es die so genannte „Dranginkontinenz“, bei
der die Patienten das Gefühl haben, ihre Blase würde überlaufen. Sie ist
medikamentös behandelbar, die Wirkstoffgruppe nennt sich „Anticholinergika“.
Bei der „Überlaufinkontinenz“ kann die Blase hingegen nicht mehr vollständig entleert
werden und der Urin fließt tröpfchenweise und unkontrolliert heraus. Alle drei Formen
gibt es sowohl bei Männern als auch bei Frauen.
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O-Ton 15 - Johanna Bost:
Irgendwann wurde es dann so schlimm, was mir dann am unangenehmsten war,
dass ich nachts Urin abgelassen habe, ohne dass ich das merkte. Ich wurde dann
nur wach, weil ich im Nassen lag. Das konnte ich nun gar nicht mehr steuern. Und
das konnte ich auch nicht verstecken!
Sprecherin:
Ihr Partner zeigte Verständnis – auch wenn das Liebesleben schon lange auf
Sparflamme köchelte. Trotzdem war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie
fasste sich ein Herz und ging zu einem Urologen. Der stellte fest, dass sich ihre
Blase gesenkt hatte und operativ angehoben werden musste. Seitdem hat für sie ein
neues Leben begonnen.
Große Operationen wie diese sind die Ausnahme. Gängiger sind minimalinvasive
Methoden: wie Botox-Injektionen in den Blasenmuskel, die helfen, dass der Urin
längere Zeit gespeichert werden kann.
Oder der operative Einsatz eines „spannungsfreien Bändchens“ – auch „SchlingenOP“ genannt, erklärt Christl Reisenauer von der Uni-Frauenklinik Tübingen.
O-Ton 16 - Christl Reisenauer:
Die Schlinge besteht aus einem Kunststoff, Polypropylene, ist etwa einen knappen
Zentimeter breit und wird unter die mittlere Harnröhre gelegt, die Patientin erhält eine
örtliche Betäubung und ein Schmerzmittel bzw. ein Beruhigungsmittel, es wird im
Ultraschall kontrolliert, ob die Patientin die Blase gut entleeren kann, und wenn das
der Fall ist, dann darf sie am nächsten Tag das Krankenhaus wieder verlassen.
Sprecherin:
Die Schlinge, die auch Männern helfen kann, stabilisiert die Harnröhre und
verhindert, dass in Belastungssituationen Urin abgeht. Die Erfolgsraten liegen
zwischen 50 und 70 Prozent. Risiken sind Verletzung der Blase, Narbenbildung oder
dass das Bändchen einfach nicht richtig sitzt.
Männer müssen sich mit dem Thema Inkontinenz aber in erster Linie im Rahmen
einer Prostata-Krebs-Operation beschäftigen. Die Blasenschwäche ist dann oft eine
– meist vorübergehende – Begleiterscheinung. Eine, die die Krebspatienten
zusätzlich belastet.
Atmo: Beckenbodentraining
Sprecherin:
Beckenbodentraining im physiotherapeutischen Zentrum des Heilig-GeistKrankenhauses in Köln.
Der Patient, Anfang fünfzig, möchte anonym bleiben. Vor zwei Monaten wurde er an
der Prostata operiert. Seitdem ist er harninkontinent und muss regelmäßig seinen
Beckenboden trainieren. „Beckenboden“: Bis vor kurzem wusste er noch nicht
einmal, dass er einen hat… jetzt aber weiß er, wie wichtig dieses schalenförmige
Netz aus Muskeln und Bindegewebe ist, das alle Organe im Bauchraum stabilisiert.
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O-Ton 17 - Alexander Osieja:
Und bitte anspannen! (Musik ertönt) Und anspannen! Ja, jetzt sieht man auch sehr
deutlich, dass die Muskulatur arbeitet! Und entspannen! Und wieder anspannen.
Sprecherin:
Der Patient hat es sich auf der Liege bequem gemacht. Physiotherapeut Alexander
Osieja hat ihm Elektroden an die Innenseite der Oberschenkel geklebt. Ziel der so
genannten biofeedbackgestützten Methode ist es, dass der Patient während des
Trainings ein Signal erhält, ob er die richtigen Muskeln anspannt.
Die Kurve auf dem Bildschirm schnellt sofort in den gelben Bereich. Die Bestätigung
für den Patienten, dass er alles richtig macht. Das erfordert nicht nur eine gute
Körperwahrnehmung, sondern auch eisernes tägliches Training:
O-Ton 18 - Patient (anonym):
Ich übe das auch zwischen den Therapien hier, zu Hause, jeden Tag mache ich
Übungen! Meistens zwei Mal täglich, am Vormittag und am Abend, spanne ich die
Muskeln dann an, 10 Sekunden und dann locker lassen.
Sprecherin:
Der Patient ist hoch motiviert. Er will so schnell wie möglich wieder arbeiten. Von
Beruf ist er Opernsänger, da muss er die dreistündigen Proben durchstehen – und
dabei „trocken bleiben“.
Reportage Beckenbodentraining:
Physio:
Sie sagen mir, wenn’s für Sie deutlich an Druckgefühl im Bereich der Peniswurzel zu
spüren ist, ich regele jetzt hoch.
Sprecherin:
Danach folgt die Elektrostimulation, bei der die Beckenbodenmuskulatur von außen
mit sanften Stromstößen aktiviert wird.
Patient:
Das kann auch viel stärker sein.
Physio:
Kann noch stärker sein?
Sprecherin:
Der Physiotherapeut notiert die Messwerte und ist zufrieden mit der Steigerung der
Beckenbodenkraft seines Patienten. Der Erfolg zeigt sich schon nach der vierten
Sitzung:
O-Ton 19 - Patient (anonym)
Früher hab ich das Gefühl gehabt, es läuft ein bisschen – und jetzt eigentlich nichts.
Sprecherin:
Der Mann ist kein Einzelfall, wie die Sportwissenschaftlerin Prof. Birgit Schulte-Frei
erzählt. Sie hat dieses spezielle Beckenbodentraining im Rahmen einer Studie an
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der Hochschule Fresenius begleitet. Alle 76 teilnehmenden Inkontinenz-Patienten
haben von dem Beckenbodentraining profitiert. Und nicht nur das:
O-Ton 20 - Birgit Schulte-Frei:
Wir konnten zum einen statistisch belegen, dass sich hochsignifikant alle Probleme
verbessert haben, und in der tagtäglichen Behandlung sehen wir auch, dass wir den
Patienten immer weiterhelfen können. Es geht in der Regel allen Patienten besser.
Sprecherin:
Manche Patienten aus dieser Studie waren am Ende komplett kontinent, bei anderen
wurden die Beschwerden massiv gelindert. Ein Allheilmittel ist das
biofeedbackgestützte Beckenbodentraining dennoch nicht.
O-Ton 21 - Birgit Schulte-Frei:
Die Grenzen sind dann, wenn wir z. B. eine Diagnose haben mit einer
entsprechenden Absenkung der Organe, oder eine Inkontinenz, wo wir konkrete
organische Störungen in großem Ausmaß vorfinden, dort können wir allein durch
Physiotherapie nichts mehr erreichen.
Atmo: Kongress
Sprecherin:
Ende November 2015. Jahrestagung der Deutschen Kontinenzgesellschaft in
München. Mediziner unterschiedlicher Fachrichtungen treffen sich hier um sich
auszutauschen: über neue Operationsmethoden und neue Behandlungswege.
Männliche Patienten zu finden, die über ihre Krankheit sprechen, war nicht ganz
einfach. Richard Seelbach ist die große Ausnahme. Er versteht die Zurückhaltung
seiner Leidensgenossen nicht.
O-Ton 22 - Richard Seelbach:
Es gibt ja so Foren „Was kann ich machen? Dauernd Hose voll!“ Und dann bin ich
auch schon mal reingegangen: „Herrgott, lasst euch doch dieses Ding implantieren,
dauert ne dreiviertel Stunde, und euch geht’s glänzend, das Leben geht ganz normal
weiter“, aber da ist keine Reaktion. Es gibt da viele, die sind nicht so offen oder die
verschanzen sich in ihrem ganz kleinen Elend.
Sprecherin:
„Das Ding implantieren“ heißt: Richard Seelbach trägt einen künstlichen
Blasenschließmuskel. Nach einer radikalen Prostata-OP half bei ihm kein
Beckenbodentraining mehr. Zu viele wichtige Funktionen waren zerstört. Der
Endsechziger ist heute glücklich mit seinem künstlichen Blasenschließmuskel – und
jettet damit munter durch die Welt. Es gebe nichts, so meint er, worauf er verzichten
müsse.
O-Ton 23 - Richard Seelbach:
Man sieht ihn nicht: Er ist im Hodensack implantiert, und innerhalb in dem Bereich
ist so ein Blasebalg, der den Ausgleich macht zur Blase.
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Das heißt: wenn ich drücke, dann entleert sich die Blase. Also man kann da nicht
stoppen und sagen: den Rest morgen, sondern der leert sich auf einmal und ist ne
ganz simple Angelegenheit, und geht ganz toll.
Sprecherin:
Ein dreiviertel Jahr nach der Prostata-OP sei er wieder vollkommen „trocken“
gewesen, erzählt Richard Seelbach. Er lebe gut mit seinem Implantat, das allerdings
nach einigen Jahren ausgetauscht werden muss.
Atmo: Kongress
Sprecherin:
Der Münchner Kongress ist die Gelegenheit für viele Patienten ihre Erfahrungen
auszutauschen. Selbsthilfegruppen können über ihre Anliegen sprechen oder ein
weiteres Tabu brechen: Stuhlinkontinenz. Mutig vors Mikrofon tritt Annemarie Groß.
Sie leitet eine Selbsthilfegruppe in Tulling bei München und ist selbst betroffen.
O-Ton 24 - Annemarie Groß:
Es war fürchterlich! Morgens, ziemlich früh, frühstücken, schauen, dass der
Stuhlgang kam, Badewanne, möglichst mit Dusche oder mit Handdusche und dann
kann man in die Arbeit gehen. Und versuchen, dass kein weiterer Stuhlgang kommt.
Sprecherin:
Alles fing an mit einem misslungenen Dammschnitt. Dabei gelangten Bakterien in die
Wunde, es folgten weitere OPs, bei denen alles schief ging, was schief gehen
konnte: Der Schließmuskel wurde durchtrennt und dann falsch zusammengenäht.
Nach insgesamt acht Operationen in einem Zeitraum von 20 Jahren hatte Annemarie
Groß keine Lust mehr auf Ärzte.
Sie beschloss, ihren eigenen Weg zu suchen. Das hieß: mit der Einschränkung zu
leben und vor allem Freundschaft mit ihrem Körper zu schließen, der ihr schon so
viele Probleme bereitet hatte:
O-Ton 25 - Annemarie Groß:
Man kann seinen Körper nicht eklig finden. Der gehört einem halt! Man muss damit
umgehen können und fertig werden. Und schauen, dass man irgendwo Hilfe
auftreibt!
Sprecherin:
Hilfe bekam sie schließlich beim Proktologen. Eine Broschüre mit Analtampons lag
im Wartezimmer. Das gefiel ihr: selbstverantwortlich das Problem in den Griff
kriegen. Die richtige Größe war schnell gefunden, und seitdem fühlt sich Annemarie
Groß wieder sicher.
O-Ton 26 - Annemarie Groß:
Ich hab’s schon lernen müssen. Irgendwo brauchst du deinen Humor, sonst gehst du
unter.
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Sprecherin:
Die Kontinenz-Selbsthilfe Tulling trifft sich einmal im Monat im dörflichen
Gemeindehaus. Um Werbung dafür zu machen, klebt Annemarie Groß
selbstbewusst Plakate und erzählt jedem offen davon, der es hören möchte. Sie
kennt auch andere in der Gegend, die das gleiche Problem haben wie sie.
O-Ton 27 - Annemarie Groß:
Das weiß jeder, dass ich da meine Einschränkungen hab, und vom Dorf gibt’s
welche, die sagen: Ich hätt’s auch, aber ich komm nicht.
Sprecherin:
Ihr größter Wunsch ist, weitere Betroffene aus der Scham zu holen. Dass es weit
mehr sind, als man annimmt, berichten die anderen aus der Selbsthilfegruppe.
Sobald sie das Schweigen brechen, käme plötzlich heraus, dass es die Schwester
hat, und die Oma hatte es auch. Und sogar die Nachbarin druckst rum, denn die hat
es womöglich auch!
Die Männer haben übrigens oft keine Ahnung vom versteckten Leid der Frauen.
Dabei sind rund 5 % der Bevölkerung von Stuhlinkontinenz betroffen, Frauen wie
Männer, so Dr. Monika Scheibe, Chirurgin und Leiterin der Initiative Beckenboden
am Kölner Heilig-Geist-Krankenhaus. Manche leben zehn bis 15 Jahre schweigend
damit, bevor sie sich jemandem anvertrauen:
O-Ton 28 - Monika Scheibe:
Die verstecken sich vor ihren Partnern, die verstecken sich vor ihren
Familienangehörigen, laufen immer zum Klo unter fadenscheinigen Vorwänden,
haben hohen Windelkonsum, haben immer Ersatz dabei, kennen jede Toilette, und
das bringt die Patienten in eine Ecke, wo sie sich einfach nur verstecken.
Sprecherin:
Genau wie bei der Harninkontinenz steht auch bei der Stuhlinkontinenz vor jeder
Therapie eine umfassende Diagnostik. Neben Dammschnitten und Dammrissen,
Bestrahlungen oder Entzündungen des Dickdarms können Operationen an
Wirbelsäule oder Mastdarm die Ursache der Darmschwäche sein.
Um das herauszufinden macht Monika Scheibe eine Schließmuskeldruckmessung,
einen Ultraschall des Schließmuskels, eine Enddarmspiegelung oder eine
Mastdarmspiegelung:
O-Ton 29 - Monika Scheibe:
Das hört sich schlimm an, aber wenn man wissen will, woran die eigene Inkontinenz
liegt, ist gar nichts schlimm.
Sprecherin:
Zwei Drittel aller Patienten kann allein mit einem Beckenbodentraining geholfen
werden: biofeedbackgestützt und unter physiotherapeutischer Anleitung – das ist
entscheidend für den Erfolg. Bei nur jedem Dritten kommt überhaupt eine Operation
infrage. Früher wurde oft ein künstlicher Schließmuskel implantiert, heute ersetzt
diese OP in den meisten Fällen der Darmschrittmacher:
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Bei dieser Methode – auch sakrale Neuromodulation genannt – wird dem Patienten
ein scheckkartengroßer Schrittmacher ins Fettgewebe des oberen Gesäßes
implantiert. Dieses Gerät ist verbunden mit ebenfalls implantierten Elektroden, die die
Sakralnerven rechts und links des Kreuzbeins stimulieren.
O-Ton 30 - Monika Scheibe:
Der Darmschrittmacher ist eine Möglichkeit, den Schließmuskel und den
Beckenboden zu aktivieren über Sonden, die über das Kreuzbein zu den Nerven
geführt werden. Es gibt verschiedene vegetative Nerven, die da aktiviert werden, das
führt letztendlich zu einer Aktivierung des Gesamtsystems, weil in einer bestimmten
Frequenz dieser Schrittmacher pulst, als Nebenbefund kommt es zu einer
verbesserten Durchblutung des Darms, d. h. zu einer Polsterung des Darms.
Sprecherin:
Der Darm wird enger. Studien am Kölner Heilig-Geist-Krankenhaus haben gezeigt,
dass 60 bis 70 Prozent der so operierten Patienten den Stuhl besser halten können.
Einen ähnlichen Schrittmacher gibt es auch bei Blasenschwäche.
Doch egal ob Harn- oder Stuhlinkontinenz, ob Therapie durch Hilfsmittel,
Medikamente oder Operationen: Wichtig ist, darüber zu sprechen! Das fällt umso
leichter, je gelassener und offener die Ärzte mit dem Thema umgehen, findet Monika
Scheibe, die Leiterin der Initiative Beckenboden am Kölner Heilig-GeistKrankenhaus:
O-Ton 31 - Monika Scheibe:
Der Enddarm gehört genauso zum Menschen wie die Zähne, und die Speiseröhre
und der Magen, und das riecht auch nicht toll! Aber es gehört einfach zum Menschen
dazu! Und ich bin der Meinung: Man muss damit offen umgehen. Weil sonst kann
man keine Heilung kriegen, und das ist dann der Supergau: Wenn man dann als
Stuhlinkontinente – und meistens sind es Frauen – die haben dann immer ihre Hose
voll. Das finde ich eigentlich unmenschlich!
Sprecherin:
Das Thema aus der Tabuecke herauszuholen ist auch deshalb so wichtig, weil diese
Erkrankung in Alten- und Pflegeheimen zum Alltag gehört. Das heißt: Mit steigender
Lebenserwartung werden die Patientenzahlen zunehmen.
O-Ton 32 - Elke Kuno:
Früher gab’s bösartige Zungen, die sagten: Ein Fuß im Pflegeheim – schon hat man
ne Vorlage an, ob man’s braucht oder nicht… das denk ich, kann man so nicht mehr
sagen.
Sprecherin:
Sagt Elke Kuno, gelernte Krankenschwester und Pflegeexpertin aus Heidelberg, wo
sie ein Beckenbodenzentrum aufgebaut hat. Sie setzt sich seit 20 Jahren dafür ein,
dass Inkontinenz als Thema in der Pflege ernstgenommen wird.
O-Ton 33 - Elke Kuno:
Die Menschen, auch wenn sie alt sind, schämen sich, es ist ein großer Angriff auf
ihre Persönlichkeit, und die möchten im Grunde gar nicht so gern drüber reden. Also
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muss ich meine Sinne schärfen und sagen: Fällt mir irgendwas auf? Also: Typisches
Phänomen: Unterwäsche verstecken. Vorlagen verstecken. Nichts trinken. Immer in
der Nähe der Toilette sitzen. Also das sind einfach Dinge, die man wissen muss als
Pflegekraft, und dann muss ich natürlich ne entsprechende sprachliche Form finden,
wie ich das anspreche!
Sprecherin:
Aber wie sollen Pfleger das Thema ansprechen? Wie kann eine gute Versorgung
aussehen – auch bei Hochbetagten? Darüber, so Elke Kuno müsse man sich
dringend Gedanken machen.
Im Jahr 2001 untersuchte die Berliner Charité Probleme in der Pflege in Pflegeheim
und Krankenhaus. Von den 2.300 Personen in der Studie litten 53 % unter
Blaseninkontinenz und knapp 30 % unter Stuhlinkontinenz.
Allein in Pflegeheimen sind zwei von drei Bewohnern harninkontinent. Oft aber nicht
allein, weil organische Ursachen vorliegen. Manchmal nur deshalb, weil sie nicht
mehr rechtzeitig den Weg zur Toilette finden. Begleitung ist personalintensiv. Und
das findet Elke Kuno dramatisch. Denn aus Studien weiß sie, wie groß die Scham
gerade bei älteren Menschen ist:
O-Ton 34 - Elke Kuno:
Da sagen auch manche Bewohner: „Es ist eine schreckliche Abhängigkeit, wenn ich
merke: Ich muss, ich klingele und es kommt niemand! Es ist eine ungeheure
Hilflosigkeit. Und viele sind dann auch resigniert, weil sie sagen: „Manchmal trau ich
mich gar nicht zu klingeln, weil ich sehe, wie überlastet die sind!“
Sprecherin:
Erhaltung der Mobilität, Toilettentraining, beckenbodenfreundliches, d. h. aufrechtes
Sitzen – all das sind Wege, mit der Inkontinenz umzugehen und sie zu lindern. Zuvor
aber muss über das Thema gesprochen werden. Offen und empathisch. Das können
Ärzte und Pflegekräfte, die täglich damit zu tun haben, in der Regel besser als
Patienten.
O-Ton 35 - Elke Kuno:
Wo nichts angesprochen wird, können keine Hilfen entstehen. Und diese
Sprachlosigkeit offensichtlich der Betroffenen überträgt sich auch.
Sprecherin:
Die Mediziner auf dem Münchener Kongress Ende des Jahres 2015 resümierten
übereinstimmend, dass es sich lohnt, das Thema aus der Tabuecke herauszuholen.
Alle, die sich eingehend mit der Inkontinenz beschäftigen, erleben am Ende überaus
glückliche Patienten:
O-Ton 36 - Christl Reisenauer:
Worüber ich mich sehr freue und worauf ich auch sehr stolz bin ist, dass ich ne
ganze Menge an Briefen, Karten habe von Betroffenen, die mir sehr, sehr dankbar
sind.
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O-Ton 37 - Axel Haferkamp:
Also das Glücksgefühl, was die Patienten empfinden, wenn sie dann wieder
kontinent sind, ist nicht zu beschreiben. Wir haben ja eine Erkrankung, die nicht
lebensgefährlich ist, die aber mit einem hohen Verlust an Lebensqualität einhergeht,
und der Rückgewinn an Lebensqualität wird nahezu von allen Patienten bejubelt.
Sprecherin:
So wie Richard Seelbach, der sich nach der schweren Prostata-OP wieder ins pralle
Leben gestürzt hat – trotz künstlichem Blasenschließmuskel. Und darüber manchmal
sein wahres Alter vergisst:
O-Ton 38 - Richard Seelbach:
Ich bin so trocken wie ein 20jähriger Mann in seiner Blüte!
********************
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