Hessischer Rundfunk

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Hessischer Rundfunk
Hörfunk – Bildungsprogramm
Redaktion: Marlis v. Rössing
Aufnahme: Marlene Breuer
WISSENSWERT
Das Gewissen der Medizin. Geschichte und.Dilemma der
ärztlichen Ethik
Von Eva Maria Siefert
Mittwoch, 13.09.2006, 08.30 Uhr, hr2
Sprecherin: Monika Müller
Zitator: Dominik Baetz
06-106
COPYRIGHT:
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Hessischen Rundfunks.
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Sprecherin :
Beziehungen gelingen am besten unter gleichwertigen Partnern. Zwischen Arzt und
Patient ist das nicht so: der Patient leidet und sucht nach Hilfe, der Arzt kann
durch sein Tun und Handeln dem Kranken schaden, ihn sogar umbringen. Schon in
der Antike wusste man um dieses Ungleichgewicht. „Primum nil nocere“, „vor allem
nicht schaden“, galt deshalb als oberstes ärztliches Handlungsgebot. Im Vertrauen
auf diesen Grundsatz begibt sich der Patient in die Hände des Arztes, so Professor
Klaus Bergdolt. Er ist der Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik in der
Medizin an der Universität Köln.
O-Ton 1, Bergdolt Take 8:
„Die alten Deontologien, also die Schriften, die sich um das moralisch ethische
Verhalten der Ärzte kümmern, haben das immer ganz deutlich heraus gestellt. Es
ging von der griechischen Antike an eigentlich darum, Vertrauen zu gewinnen.
....und dieses Vertrauen ist einfach, das hat man früh erkannt, die Voraussetzung
für jede sinnvolle medizinisch-ärztliche Tätigkeit.“
Sprecherin :
Doch der Kranke vertraut dem Arzt nicht blind, er erwartet, dass dieser seine
Würde achtet, sein Selbstbestimmungsrecht respektiert. Die Unantastbarkeit dieser
Würde ist die Basis ärztlich-ethischen Verhaltens. Doch genau daran haben wir
heute unsere Zweifel.
O-Ton 2, Bergdolt Take 5:
“Man fürchtet, dass man schon allein durch den Kompetenzvorsprung des Arztes ...
übervorteilt werden könnte. Dass der Arzt Entscheidungen treffen könnte, die man
selbst nicht versteht, die man nicht nachvollziehen kann, und in einer Zeit, wo der
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medizinische Alltag immer schneller, immer hektischer wird, und gleichzeitig die
Ökonomisierung eine immer wichtiger Rolle spielt, ist diese Befürchtung natürlich
nicht ganz von der Hand zu weisen.“
Sprecherin :
Dass Ärzte ihr Wissen missbrauchen könnten, fürchtete man schon in der Antike.
Zurecht, denn tatsächlich wurden Sklaven anders behandelt als ihre Herren, gab es
schon damals überflüssige Untersuchungen und Behandlungen, durch die sich Ärzte
bereicherten, und ohne vorherige Bezahlung taten viele keinen Handschlag. Deshalb
wurden Regeln für das ethische Verhalten von Ärzten aufgestellt. Die wohl
bekannteste stammt von Hippokrates aus dem vierten Jahrhundert vor Christus.
Zitator:
Ich schwöre bei Apollon dem Arzt und bei Asklepios, ...dass ich nach Kräften und
gemäß meinem Urteil diesen Eid und diesen Vertrag erfüllen werde:
... Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem
Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und Willkürlichem. Ich werde
niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur
dazu raten. Ebenso werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel aushändigen. Lauter und
gewissenhaft werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren. ...
Sprecherin:
Nun schwören Ärzte zwar nicht mehr bei Apollon, aber sonst basiert das
heutige
Ärztegelöbnis auf dem fast zweieinhalb-tausend Jahre alten hippokratischen Eid. Das
Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes oder das Ärztegelöbnis der Bundesärztekammer
wurden lediglich sprachlich angepasst.
O-Ton 3, Bergdolt Take 55+56:
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Der Erfolg und die Akzeptanz des Eids des Hippokrates, der ja in der Antike eine sehr
beschränkte Rolle spielte, beruht letztendlich auf seiner Kompatibilität, ja auf seiner
Entsprechung mit christlichen Grundsätzen. ... Das erste Beispiel, dass angehende Ärzte
den Eid des Hippokrates geschworen haben, stammt aus dem frühen 16.Jhdt aus
Wittenberg, wo er in die Statuten der dortigen Universität aufgenommen wurde. Also es ist
nicht so, dass der Eid des Hippokrates etwa mit dem Verbot der aktiven Euthanasie
Jahrhunderte oder Jahrtausende lang den europäischen oder den abendländischen Arzt
begleitet hätte. Die eigentlich Explosion der Popularität des Eids des Hippokrates ist ein
Phänomen des 16.Jhdts.
Sprecherin :
Ärztliche Ethik entsteht nicht im luftleeren Raum, sie ist untrennbar verbunden mit
den ethischen Grundsätzen einer Gesellschaft. Die werden maßgeblich von der
jeweiligen Religion bestimmt. „Du sollst nicht töten“, dieses Gebot gibt es in allen
Religionen. Das Tötungsverbot gilt im besonderen für Ärzte.
Die Gesellschaft der Antike ließ sich von ihren philosophischen und religiösen
Vordenkern leiten, und die waren sich keineswegs einig. So durfte zwar der Arzt
einen unheilbar Kranken weder zum Tode verhelfen noch ihn auf sein Verlangen hin
unterstützen. Doch gleichzeitig gab es, beeinflusst durch die Lehren der Stoiker, in
den letzten zwei Jahrhunderten vor Christus auch den Begriff der Euthanasie –
wörtlich übersetzt, bedeutete das einen „guten Tod“. Gut im Sinne von schmerzlos,
selbstbestimmt und in Würde. Darum bat Seneca, von Nero zum Selbstmord
verurteilt ,
seinen Freund und Arzt Statius Annaeus um seinen Beistand.
Jahrhunderte später, unter dem Einfluss der christlichen Religion, mussten und
durften sich Ärzte über die Frage von Sterbehilfe keine Gedanken machen.
Allerdings waren sie auch nicht zur Stelle, um Leiden zu lindern. Denn bis in die
Neuzeit war die Begleitung Sterbender nicht primär Aufgabe des Arztes.
O-Ton 5, Bergdolt Take 52:
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Wenn ein Fall als unheilbar galt, als hoffnungslos, ... dann schrieben die alten Ethikbücher
und Ethikkodices der Ärzte ... in der Regel sogar vor, dass der Arzt diesen Fall aufgeben
sollte. Es war sogar so, wenn der Arzt in einem hoffnungslosen Fall weiter therapierte,
geriet er eigentlich, oder drohte in den Verdacht zu kommen, geldgierig zu sein, oder
einfach ein Angeber zu sein, oder groß Eindruck machen zu wollen. Das war also
durchaus verpönt. Und er hatte eigentlich seinen Platz frei zu machen an der Seite des
Sterbenden dem Priester und natürlich der Familie, d.h., den Freunden.
Sprecherin:
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich die Medizin grundlegend: Chemie und Physik
etablierten sich als neue Naturwissenschaften, der Patient wurde durch Anwendung
physikalischer und chemischer Untersuchungsmethoden plötzlich zum messbaren Individuum.
Von nun an blicketn die Mediziner Immer tiefer in das Körperinnere. Die naturforschenden
Ärzte wurden zu bewunderten und mächtigen Autoritäten. Vor dieser Macht warnte der Arzt
und Dichter Christoph Wilhelm Hufeland.
Zitator:
"Der Arzt soll und darf nichts anderes tun als Leben erhalten, ob es gleich oder
ungleich sei, ob es Wert habe oder nicht, dies geht ihn nichts an, und maßt er
sich einmal an, diese Rücksicht in sein Geschäft aufzunehmen, so sind die Folgen
unabsehbar, und der Arzt wird der gefährlichste Mensch im Staate."
Sprecherin:
Mit der Professionalisierung des ärztlichen Berufsbildes trat zugleich das
naturwissenschaftliche Denken in den Vordergrund, ganzheitliche und philosophische Ansätze
verblassten. Auf der Strecke blieb die Ethik-Tradition der Vergangenheit, die Tröstungen
durch die Religion - und die Fähigkeit zur Empathie. Im 19ten Jahrhundert wurden die
grausigsten Tier- und Menschenversuche durchgeführt, Mitleid galt als unwissenschaftliche
„Gefühlsduselei“, alles wurde einem Ziel untergeordnet: den besseren Menschen, die
bessere Gesellschaft zu erschaffen. Begriffe wie Volksgesundheit, Selektion und unwertes
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Leben gehörten bald zur Alltagssprache. Dies alles mündete schließlich im schwärzesten
Kapitel der Medizingeschichte, der Tötung von Millionen Menschen in der Nazizeit. Unheilbar
Kranke und Behinderte galten ebenso wie Juden als „minderwertiges“ Leben, denen „im
Interesse und zum Nutzen des gesunden Volkes“ die Existenzberechtigung abgesprochen
wurde. Mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933
begann die Zwangsterilisation und Tötung von Hundertausenden. Ein Augenzeuge erinnert
sich:
Zitator:
„Im Aufnahmezimmer hielt sich ein Arzt mit drei bis vier Helfern auf, der zunächst
Aktenvergleiche betrieb. War der ganze Transport abgefertigt, d.h., waren die Aufnahmen
vorgenommen, die Bestempelungen der Todeskandidaten durchgeführt, das Fotografieren
erledigt und die Bezeichnung jener Personen, die Goldzähne hatten, abgeschlossen, kamen
alle Personen in den Bade-Gastraum. Die Stahltüre wurde geschlossen und der jeweilige
Arzt leitete Gas in die Gaskammer ein. Nach kurzer Zeit waren alle Leute in der
Gaskammer tot.“
Sprecherin:
An den Gräueltaten der Naziherrschaft waren Ärzte aktiv beteiligt. Nicht zuletzt die
Aufarbeitung jener Geschehnisse hat Gesellschaft wie Ärzte sensibilisiert. Würde und
Selbstbestimmung, Informationspflicht und das Tötungsverbot sind heute die zentralen
Grundsätze der ärztlichen Ethik. Doch die moderne Medizin hat neue Grauzonen
geschaffen. Unterm Mikroskop können wir inzwischen Eizelle und Spermium
verschmelzen lassen, bebrüten wie ein Hühnerei, und dann vor der Einpflanzung in
die Gebärmutter sogar nach genetischen Fehlern suchen. Präimplantationsdiagnostik,
PID, nennt sich das. Zeigt der frühe Embryo genetische Fehler, wird er
„verworfen“. Bei uns ist die PID - noch, muss man sagen -
verboten.
Gleichzeitig aber darf eine Schwangerschaft abgebrochen werden, wenn sich bei
vorgeburtlichen Untersuchungen, der sogenannten Pränataldiagnostik, solche
genetischen Veränderungen finden. Zeigt sich hier beispielsweise eine Trisomie 21,
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ein sogenanntes Down-Syndrom, bei der das überzählige Chromosom 21 zu einer
geistigen Behinderung unterschiedlichem Ausmaßes und zu Organfehlern führt, wird
heute in neun von zehn Fällen die Schwangerschaft abgebrochen - zu einem
Zeitpunkt, sagt Klaus Bergdolt, an dem das Kind auch außerhalb des Mutterleibes
überleben könnte.
O-Ton 6, Bergdolt Take 43:
„Das ist schon ein ethisch problematischer Vorgang. Man kann ....sagen, dass die
Pränataldiagnostik immerhin nicht nur auf Selektion ausgeht, wenn das auch in der
Praxis häufig so gemacht wird. Es gibt Beispiele, wo gewisse Diagnosen durch
Pränataldiagnostik gestellt wurden,...und es ist nun auch möglich, dass man solche
Missbildungen dann auch tatsächlich im Uterus operiert. Das ist immerhin möglich
und gar nicht so selten, und in gewissen spezialisierten Abteilungen wird das auch
erfolgreich durchgeführt.“
Sprecherin :
Diese Differenzierung klingt eher wie Haarspalterei und zeigt das Dilemma ärztlicher
Ethik. Manchmal erlaubt und akzeptiert, in anderen Situationen nicht – wie findet
der Arzt da den richtigen Weg? Helfen können hier Ethikkomitees, die es in großen
Krankenhäusern immer häufiger gibt. Neben Ärzten gehören ihnen auch Pflegekräfte
und Geistliche an, bei den Beratungen werden Betroffene und Angehörige gehört.
O-Ton 7, Bergdolt Take 71:
Die Ethik ist letztlich auch eine Erfahrungswissenschaft. ...man muss Erfahrung haben, man
muss sensibilisiert sein in vielen Bereichen, in vielen aktuellen Situationen. Man muss sie
erspüren, jetzt muss ich aufpassen, jetzt wird es ethisch problematisch, und das ist in der
Tat ein großes Problem.
Sprecherin :
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Erst seit drei Jahren gibt es das Fach Medizinethik überhaupt in der Ärzteausbildung
– als Theorie. Praktische Erfahrung sammeln die Mediziner aber erst, wenn sie
Patienten behandlen. Ärzte werden heute vor allem medizinwissenschaftlich
ausgebildet, nicht aber im psychologischen Umgang mit den Patienten und
Angehörigen. Um Entscheidungen zu treffen, wird nach entsprechenden Statistiken,
wissenschaftlichen Untersuchungen und Behandlungsleitlinien gesucht. Das hat Vor- ,
aber auch Nachteile für den Patienten. Egal , ob der in Flensburg oder Dresden
lebt, bei gleicher Krankheit wird die ärztliche Behandlung ganz ähnlich sein.
Gleichzeitig aber wird er
einer unter vielen, wird zum
„Fall“ . Der Kranke fühlt
sich zunehmend nicht mehr als Individuum, als einzigartige Person wahrgenommen.
Besonders deutlich und beängstigend wird das für viele am Lebensende. Die Furcht
vor einem Dahinvegetieren auf Intensivstationen und der Wunsch nach einer
verbindlichen Patientenverfügung haben hier ihren Ursprung, glaubt der Anästhesist
Dr. Martin Marsch von der Universitätsklinik Erlangen.
O-Ton 8, Marsch Take 42+43:
Das ist die große Gefahr des modernen Medizinbetriebes, dass einmal los getreten,
ungebremst die Wucht der Intensivmedizin zuschlägt. Und meine These ist, die 7 Millionen
oder über sieben Millionen Bundesbürger mit einer Patientenverfügung haben keine Angst vor
Intensivtherapie. Davon wissen sie zu wenig. Sie haben Angst vor Schmerzen, sie haben
Angst vor Leiden, Leidensverzögerung. Und sie haben Angst vor dem Autonomieverlust.
Dazu kommt, dass sie das Vertrauen in den Arzt und den ärztlichen Einsatz
verloren haben. Wenn sie wüssten, der Arzt nutzt all dieses nur, solange er
begründete Hoffnung hat, mich wieder irgendwie auf die Beine zu stellen, und wenn
er sieht, dass es nicht geht, konsequent diese Maßnahmen zurück gibt, würde es
die Notwendigkeit der Patientenverfügung gar nicht so sehr geben.
Sprecherin :
Das ärztliche Verhalten spiegelt jedoch nur die gesellschaftliche Realität: Tod und
Sterben haben wir in medizinische Einrichtungen verbannt, vier von fünf Patienten
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sterben entweder im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Obwohl Menschen am
Lebensende nichts sehnlicher wünschen, als in gewohnter Umgebung zu sterben.
Weil wir uns aber als Angehörige
kaum in der Lage fühlen zu entscheiden, ob
nicht im Krankenhaus „doch noch etwas getan werden kann“, überlassen wir die
Entscheidung den Ärzten. Der Arzt Martin Marsch erinnert sich an einen Einsatz als
Notarzt in Franken:
O-Ton 9, Marsch Take 46+47:
Wir wurden von der Jungbäuerin empfangen: die Großmutter hat ihr Ableben. ...Und in
dieser Situation ... bin ich als Notarzt gerufen worden. Die Frage ist, was mache ich jetzt.
Warum bin ich gerufen worden. Bei vielen meiner Kollegen erzeugt diese Situation Irritation.
Erst wird man gerufen, weil man helfen soll, und dann sagt jemand, ja, eigentlich wollen
wir das gar nicht so richtig.
Sprecherin:
Mit der Ausrichtung von Therapien an Zahlen und Statistiken hält jedoch auch das
Prinzipder Wirtschaftlichkeit
Einzug in die Medizin. Während früher die Haltung
vorherrschte, dass man beim Thema Gesundheit nicht über Kosten redete, sind sie
heute zentrales Thema in Arztpraxen und Krankenhäusern. Wirtschaftlich sollen Ärzte
arbeiten – mit welchen Kriterien aber messe ich den Nutzen einer Therapie? Nur
danach, ob der Patient dann wieder als beitragzahlendes Mitglied weiterarbeiten
kann(falls er Arbeit hat!)? Laufen wir dann nicht Gefahr, schon in naher Zukunft
die medizinischen Leistungen für Alte und bestimmte Kranke zu begrenzen? Norbert
Paul, Professor für Geschichte und Ethik in der Medizin an der Mainzer Universität:
O-Ton 10, Paul, Take 15+16:
Es ist schon so, dass für sich gesehen, sinnvolle medizinische Maßnahmen unter
der heutigen Ressourcenknappheit miteinander in Kostenkonkurrenz stehen. Das ist
eindeutig so. Und deswegen ist die Sparsamkeit, ... aus unserer Sicht, also auch
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aus Sicht der Ethik, auch eine Frage der Gerechtigkeit. Ja, wenn sie jeden
unklaren Kopfschmerz durch´s CT schicken, dann bleibt für die Leute, die wirklich
einen Benefit von der Maßnahme haben, am Ende des Jahres, wahrscheinlich
schon nach einigen Monaten, nichts mehr übrig.
Sprecherin :
Eine schwindende Ressource gerecht zu verteilen, darf man allerdings nicht den
Ärzten aufbürden. Denn die ärztliche Ethik wird von der Gesellschaft bestimmt, sie
muss den Rahmen vorgeben. Nicht in Ethikkommissionen, die im wissenschaftlichen
Elfenbeinturm Lösungen finden, die dann als Gesetz der Gesellschaft übergestülpt
werden. Die Ethik in der Medizin lässt sich nicht in Gesetze zwingen, denn sie ist
nichts anderes als die gelebte sittliche Haltung einer Gesellschaft.
(Ende)
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