Sozialisation

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Map4 Sozialisation
Sozialisation............................................................................................................................................. 1
1 Warum werden Menschen wie sie sind? .............................................................................................. 1
2 Prolog ................................................................................................................................................... 1
3 Makrowelten nehmen Einfluss.............................................................................................................. 2
4 Gusi und andere Welten ....................................................................................................................... 4
5 Der Mechanismus der Sozialisation ..................................................................................................... 6
6 Sozialisation und Interaktion................................................................................................................. 7
7 Die gesellschaftliche Konstruktion von Kindheit ................................................................................... 9
8 Verschiedene Welten der Kindheit ....................................................................................................... 9
9 Meads Konzeption von I and Me ........................................................................................................ 11
10 Sekundäre Sozialisation ................................................................................................................... 12
1 Warum werden Menschen wie sie sind?
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2 Prolog
Wir fingen unsere Vorlesung mit der provozierenden Bemerkung an:
Die Hölle, das sind die anderen!
Ebenso gilt aber auch:
Die Gesellschaft, das sind wir.
Bisher haben wir uns mit alten Männern beschäftigt. Männer die Spuren hinterlassen haben in der
Wissenschaft: Adorno und Weber, Durkheim, Veblen und andere.
Aber diese Männer waren alle auch einmal jung. Sie alle sind als kleine hilflose Wesen auf die Welt
gekommen.
Ihre Mitgliedschaft in der Gesellschaft begann mit dem Anfang ihrer Existenz. Mit der Geburt. Und
damals wogen sie alle so um die 3,5 kg.
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Stellen wir uns einmal vor, wie es war, als wir auf die Welt kamen – ich 1943 und Sie etwas später.
Was hatten wir da mit der Gesellschaft zu tun? Und was die Gesellschaft mit uns?
Unsere Welt war eine kleine Welt. Im Mittelpunkt stand unserer eigener Körper.
Als erstes hatten wir nur eine Beziehung zu unserem eigenen Körper. Diese 3,5 kg kannten Hunger
und Durst, Freude, Behagen und Missbehagen.
Als kleine Kinder konnten wir schon Licht von Dunkelheit unterschieden, auch Hitze von Kälte. Und
früh liebten wir das Geräusch der Rassel in der Hand und bald darauf auch das Plüschtier.
Fliegen und Mücken piesackten uns manchmal, und vielleicht störte uns auch schon der
unangenehme Regen, wenn die Mutter vergessen hatte, das Verdeck am Kinderwagen zu schließen.
Damals wussten wir es noch nicht, ahnten es nicht einmal, was da auf uns zukam.
Später erst, als wir lernten über die Welt nachzudenken, bemerkten wir, dass wir in eine Welt
grenzenloser Erfahrung hineingestellt wurden. Und wir mussten sie uns erschließen, ob wir wollten
oder nicht.
Damals war die Welt noch nicht gesellschaftlich für uns. Uns ging es nur um uns.
War die Welt wirklich nicht gesellschaftlich?
Stellen Sie sich die Situation der ersten Wochen eines Säuglings einmal ganz genau vor.
Lassen Sie Ihre Phantasie und Ihre Fähigkeit zur Analyse einmal spielen und notieren Sie, was an
dieser Situation vielleicht doch gesellschaftlich war.
3 Makrowelten nehmen Einfluss
Makrowelten nehmen Einfluss
Sie haben sich Ihre Gedanken gemacht. Und Sie haben erkannt, dass man durchaus in der Situation
des Säuglings die Gesellschaft oder gesellschaftliche Einflüsse erkennen kann.
Von Anfang an ist das Leben des Säuglings eine Beziehung zu anderen Menschen und zwar nicht nur
zur Mutter und dem Vater!
Und selbst die Erfahrungen, die uns zunächst als nichtgesellschaftlich erschienen, wie Hunger und
Durst werden dem Kleinkind durch andere vermittelt.
Hunger und Durst werden von anderen gestillt und das unangenehme Gefühl des kalten Regens auf
unserer Haut führten wir vielleicht schon darauf zurück, dass die Mutter - oder der Vater, die Oma
oder Mutters beste Freundin - vergessen hatte, das Verdeck unseres Kinderwagens rechtzeitig zu
schließen.
Andere sorgten also durch Tun oder Unterlassen dafür, dass wir sowohl lust- als auch leidvolle
Erfahrungen machten.
Und der Einfluss dieser anderen geht bis ins Organische.
Andere stellen für uns z.B. einen Zeitplan für die Ernährung auf. Das veränderte auch unsere
organischen Funktionen.
In kurzer Zeit lernten wir als Säugling nur dann Hunger zu haben, wenn es Zeit ist. Das gleiche galt
für die Ausscheidung, den Schlaf und andere organische Vorgänge.
Unsere Mutter entschied über den Zeitplan des Füttern und entschied sich – ohne uns zu fragen - für
Brust oder Flasche.
Jede Mutter natürlich individuell und von anderen Müttern verschieden.
Aber zu einem großen Teil war auch die Mutter nicht frei in ihren Entscheidungen, sondern sie richtete
sich nach den in ihrer, in unserer, Gesellschaft üblichen Modellen.
Früher bekam die Mutter solche Modelle als gut gemeinte Ratschläge von ihrer Mutter.
Heute wohl auch noch. Aber heute kommen noch eine Vielzahl anderer Instanzen hinzu:
Zeitschriften, Beratungsstellen, Chats und Foren im Internet und eine Menge von Ratgeberliteratur.
Nur drei von zahlreichen Titeln, die ich bei amazon fand, seien erwähnt:

Kindererziehung im Alltag leichter gemacht

Recht der religiösen Kindererziehung

Tipps für Eltern. Kindererziehung heute
Und bei Google ergab das Stichwort "Kindererziehung" 125.000 deutschsprachige Titel.
Als mein Sohn klein war, bekamen wir alle vierzehn Tage einen Brief in den Briefkasten: den PeterPelikan-Brief.
Dem Alter unseres Sohnes entsprechend, bekamen wir Ratschläge, wie man mit so einem kleinen
Menschen umgehen sollte. Und wir nahmen die Ratschläge dankbar an, denn wir hatten ja noch keine
eigenen Erfahrungen und nicht den Mut zu experimentieren.
Die Gesellschaft, in der Gestalt von Peter Pelikan, mischte sich in das ganz intime Verhältnis
zwischen uns und unserem Kind ein.
Unsere kleine Mikrowelt wurde durch eine unendliche größere Makrowelt bestimmt. Und diese
Makrowelt war unsichtbar, hatte kein Gesicht und keine Stimme. Es war ein Kollektiv, das wir gar nicht
kannten. Es bestand physisch nur aus einigen Seiten bedruckten Papiers.
Unsere Welt war bestimmt, oder wenigstens beeinflusst, durch eine Makrowelt.
Aber es war noch komplizierter! Nicht alle Mütter mit kleinen Kindern hatten damals und haben heute
die gleiche Makrowelt.
Akademikerinnen haben eine andere Makrowelt – also Beratungs- und Kontrollinstanzen – als
Arbeiterinnen. Türkinnen eine andere als deutsche Frauen.
Anstelle einer großen Markowelt, gibt es eine Vielzahl verschiedener Teil-Makrowelten.
Und dementsprechend sind auch die Mikrowelten der Kleinkinder genauso verschieden wie die
Makrowelten, die sich - je nach sozialem Ort der Eltern - in die Erziehung einmischen.
Frühkindliche Erfahrung und Entwicklung ist also abhängig von der gesellschaftlichen
Position der Eltern.
Das gilt auch für die spätere Kindheit, für die Jugend, ja für jedes Lebensstadium, das wir durchlaufen.
Um Sie noch einmal zu erschrecken: dieser Einfluss geht bis ins Organische.
Die Unterschiede der Makrowelten sind in einer Gesellschaft wie der unseren extrem verschieden.
Wenn Sie sich an Norbert Elias und den Prozess der Zivilisation erinnern, war das nicht immer so.
Die Heterogenität der Makrowelten ist ein Ergebnis der Zivilisation, der Entwicklung vielfältiger
Einflussketten und Abhängigkeitsbeziehungen.
Diese Makrowelten ändern sich auch noch im historischen Prozess!
Die erziehungsrelevanten Makrowelten mit der Ihre Kinder die eigenen Kinder erziehen, werden wohl
ganz anders aussehen, als die, die Ihre Erziehung beeinflusst haben.
Lassen Sie uns dies an einem wichtigen Beispiel frühkindlicher Erziehung betrachten. Das Problem
beschäftigt jede junge Familie: Füttern oder schreien lassen!
Erst relativ spät befürworteten Experten mit Definitionsmacht das Füttern auf Verlangen.
Solche Experten sind heute meist Wissenschaftler, die sich auf so genannte wissenschaftliche
Ergebnisse berufen.
Bevor sie meinten bewiesen zu haben, dass Füttern auf Verlangen die bessere Art des Fütterns ist,
gab es in der ganzen westlichen Welt – wenigstens in Mittelstandsfamilien - strenge Zeitpläne für die
Säuglingsernährung.
Zwischen den festgelegten Zeitpunkten des Fütterns ließ man die Kinder schreien. Das war durchaus
kein Zeichen mangelnder Liebe zum Kind. Nein, es gab entsprechende Rechtfertigungen und die
lauteten, dass diese Art des Verhaltens das Beste für die psychische und physische Gesundheit der
Kinder sei. Und wie immer Ihre Kinder die eigenen Kinder – also ihre Enkel - erziehen werden, sie
werden ihre guten Gründe dafür haben und Sie als furchtbar altmodisch belächeln.
Dann werden andere Experten die Makrowelt bestimmen.
Auf andere Kulturen haben die Experten unserer Gesellschaft keinen Einfluss – auch wenn heute im
Zuge der Globalisierung und der Entwicklungshilfe ihr Einfluss auch in der südlichen Sahelzone oder
am Rio Negro, dem Nebenfluss des Amazonas, zunimmt.
4 Gusi und andere Welten
Gusis und andere Welten
Schauen wir uns den Stamm der Gusi in Kenia an.
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Die Gusi kennen überhaupt keine planmäßige Ernährung.
Die Mutter stillt ihr Kind, sobald es schreit, und nachts schläft sie nackt mit ihrem Kind im Arm unter
der Decke. Das Kind hat also immer Zugang zur Mutterbrust.
Paradiesisch werden Sie sagen. Aber nur, so lange Sie nicht genauer hinschauen.
Schon wenige Tage nach der Geburt bekommen die Gusi- Kinder nämlich eine Ergänzung zur
Brustnahrung in Form einer wässrigen Schleimsuppe. Die Kinder sind keineswegs entzückt davon.
Aber das hilft ihnen nicht. Die Mutter hält dem Kind die Nase zu und wenn es dann zum Atmen den
Mund öffnet, wird ihm die Schleimsuppe hineingegossen.
Auch sonst ist die Mutter nicht besonders liebevoll zu ihrem Kind.
Sie ist wenig zärtlich und hätschelt es nur selten und wenn, dann nur, wenn keine anderen dabei sind.
Praktisch bedeutet dies, dass die kleinen Gusi- Kinder mehr Zuwendung von anderen, als von ihrer
eigenen Mutter bekommen.
Das alles mag Ihnen widersprüchlich erscheinen.
Dafür zeigen Gusi-Mütter aber bei der Entwöhnung der Kinder wieder viel Entgegenkommen.
Während bei uns die Kinder im Schnitt mit sechs Monaten von der Mutterbrust entwöhnt werden, ist
es bei den Gusi nach fast zwei Jahren.
Ein anderer Bereich frühkindlicher Erziehung, in dem wir die drastische Einflussnahme der Makrowelt,
also der Gesellschaft, beobachten können, ist das Problem der Reinlichkeitserziehung.
In Gesellschaften, die wir häufig als primitiv bezeichnen, ist dies kaum ein Problem.
Die Kinder ahmen einfach die Erwachsenen nach, gehen also mit ihnen in den Busch.
In heißen Regionen ist das auch kein Problem.
Die kleinen Kinder tragen wenig oder auch keine Kleidung. Mit zwei Jahren haben sie ihr Geschäft
gelernt. Bei den Gusis sind Drohungen oder Zwang bei diesem Lernprozess völlig unbekannt.
Aber wie problematisch ist das alles in unserer Welt, der so genannten zivilisierten – um den Begriff
von Elias wieder aufzugreifen.
Erstens tragen die westlichen Kinder eine Menge Kleidungsstücke, die zum Zwecke des Geschäfts
ausgezogen werden müssen.
Außerdem sind die uns vertrauten Toiletten mit ihrer Technik für kleine Kinder nur sehr schwer zu
benutzen. Und der "Busch" ist weit weg!
Und so sind denn Gespräche über Erfolg und Versagen der Reinlichkeitserziehung bei jungen Müttern
ein außerordentlich beliebtes Gesprächsthema.
Man weiß, das bis in die jüngste Vergangenheit – vielleicht sogar noch heute? – Strafen für die
Kinder ein sehr gängiges Mittel waren, um Kinder sauber zu kriegen. Und diese Strafen unterscheiden
sich nicht immer von den Strafen, die man bei jungen Hunden oder Katzen anwendet.
Ein Gusi-Soziologe würde die Kindererziehung in der westlichen Welt wohl als besonders barbarisch
bezeichnen. Aber als Soziologe weiß er hoffentlich auch, dass man die Welt und fremde Kulturen stets
im Zusammenhang sehen muss, und Einzelheiten nicht verallgemeinern darf.
Vor vielen Jahren einmal fand ich Kindererziehung in einer fremden Welt ausgesprochen barbarisch.
Das war 1973 in China.
Ich war mit einer Reisegruppe dort und wir besichtigten viele Einrichtungen in Maos Reich – der große
Steuermann lebte damals noch.
Den Chinesen gefiel es, uns insbesondere Kindergärten zu zeigen. Nicht zuletzt wohl, um uns
kritischere Einrichtungen nicht zu zeigen. Und so sahen wir in allen Provinzen süße kleine Kinder. Und
wenn wir in die Klassenräume gingen, beobachteten wir voller Befremden, das kleine Kinder von vier,
fünf oder sechs Jahren stundenlang still auf ihren Stühlchen saßen und mit Akribie chinesische
Schriftzeichen malten.
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Bei uns war gerade die Phase der antiautoritären Erziehung angebrochen. In Kreuzberg war der
Kinderladen "Rote Freiheit" gegründet. Initiiert hatte ihn der FU-Psychologe Klaus Holzkamp, einer
der einflussreichen Experten der Makrowelt.
Unsere akademischen Vorstellungen von Kindererziehung waren damals in einem dramatischen
Umbruch.
Wir fragten uns in China entsetzt, was man den kleinen Kindern dort Schreckliches antut – aber es
gelang uns in unzähligen Diskussionen nicht, die Chinesen von der Brutalität ihrer
Erziehungsmethoden zu überzeugen.
Später lernte ich erst, dass der Umgang mit kindlicher Spontaneität und Bewegungsdrang auch in der
westlichen Welt höchst unterschiedlich ist.
Amerikaner sind z.B. überzeugt davon, dass Kinder unaufhörlich Bewegung haben wollen und dass
sie das brauchen, um zu vernünftigen Menschen zu werden. Dies "natürliche" kindliche Bedürfnis
wird in allen Schulstufen berücksichtigt.
Franzosen denken aber ganz anders darüber.
In Frankreich werden die kleinen Kinder - elegant aufgeputzt - in den Park zum Spielen geschickt. Sie
haben großes Geschick darin, sich nicht schmutzig zu machen, ihren Bewegungsdrang also zu
zügeln.
In Amerika – und auch in Deutschland – gelingt es den Kindern spielend, sich in kürzester Zeit über
und über mit Schmutz zu bedecken. Wenn Sie Kinder haben, wissen Sie das sicher.
Und die Werbung - auch Teil der Makrowelt - zeigt uns jeden Abend, dass diese Verhalten ganz und
gar natürlich ist und der Mutter – dank des Waschmittels mit dem Faktor X – gar keine Probleme
bereitet.
Die Makrowelt mischt sich immer und überall ein!
Amerikanischen Pädagogen erscheinen französische Kinder abartig und krank. Französischen
Pädagogen hingegen amerikanische Kinder.
Makrowelten wirken eben höchst unterschiedlich. Schnelle Urteile gehen fehl.
Der Vorgang, mit dem Kinder lernen, was die Gesellschaft von ihnen erwartet, wird Sozialisation
genannt. Erziehungswissenschaftlern erzähle ich damit nichts Neues.
Sozialisation ist die Einprägung gesellschaftlicher Verhaltensmodelle und diese wirken bis in die
physiologischen Funktionen des Organismus hinein.
Das bedeutet, dass die Sozialisation einen außerordentlich wirksamen und mächtigen Einfluss auf uns
alle hat.
Die Relativität der Sozialisation, dass es also auch andere Modelle der Erziehung gibt, erfährt kein
Kind.
Für das Kind sind diese Einflüsse absolut und werden als zwingend und auch als natürlich erfahren.
Glücklicherweise, muss man sagen, sonst würden Kinder verstört und würden in ihrer Entwicklung
keine Fortschritte machen.
Die Absolutheit beruht auf zwei Grundtatsachen: einmal der absoluten Übermacht der Erwachsenen
und zweitens der Unkenntnis des Kindes von Alternativen.
Die Übermacht der Erwachsenen beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, dass die Erwachsenen, meist
die Eltern, später auch die Lehrer, über all die Belohnungen verfügen, die das Kind sich wünscht und
die Bestrafungen, vor denen es sich fürchtet.
Die Unkenntnis des Kindes hält so lange an, bis es selbst in der Lage ist, Alternativen zu sehen. Und
damit beginnt dann meist auch der schmerzhafte Abnabelungsprozess von den Eltern – mit 13, mit 14
oder noch später. Alle Eltern mit Kindern in diesen Jahren, wissen ein Lied davon zu singen.
Das Kind merkt dann plötzlich, dass die Welt der Eltern relativ ist und dass es in der Welt ganz andere
Verhaltensmodelle gibt, als die, die Eltern für richtig halten.
Und so werden aus Kindern von Musikern dann Juristen und aus Kindern von Akademikern Tischler
oder Metzger. Der Sohn von Klaus Holzkamp wurde Koch.
Man kann Sozialisation sehr kritisch sehen. Als Zwangsmittel, um Kinder der Gesellschaft
anzupassen. Und Anpassung ist ja in unserer Gesellschaft ein verpönter Begriff.
Man kann Sozialisation aber auch als die große Chance zur Menschwerdung sehen, als Angebot der
unendlichen Möglichkeiten, die wir alle in der Welt haben und als Einladung, sich an dieser Welt zu
beteiligen.
5 Der Mechanismus der Sozialisation
Der Mechanismus der Sozialisation
Mit welchen Mechanismen läuft nun der Sozialisationsprozess, die Aufnahme in die Gesellschaft ab?
Der Grundmechanismus ist einfach. Es ist ein Prozess des Interagierens und des SichIdentifizierens.
Der entscheidende Schritt ist getan, wenn das Kind gelernt hat, die Haltung des anderen
einzunehmen – auf diesen Gedankengang hat uns Mead aufmerksam gemacht.
Das Kind lernt also nicht nur eine Einstellung einer anderen Person wahrzunehmen, sondern auch,
sie selbst zu übernehmen.
Wenn ein Kind sich schmutzig macht, bemerkt es, dass die Mutter sich ärgert.
Das zeigt die Mutter in Worten und Gesten, aber das ist es nicht allein. Die Mutter zeigt deutlich, dass
es falsch ist, sich schmutzig zu machen.
Zunächst imitiert das Kind nur den Ausdruck des mütterlichen Verhaltens. Mit oder ohne Worte.
Aber mit dieser Imitation eignet es sich auch den Sinn und die Bedeutung des mütterlichen
Verhaltens an.
Die Sozialisation ist in diesem Bereich erfolgreich abgeschlossen, wenn das Kind gelernt hat, auch
gegenüber sich selbst diese Haltung einzunehmen und zwar auch dann, wenn die Mutter gar nicht
anwesend ist.
Dann spielen Kinder die Rolle der Mutter. Sie weisen sich selbst zurecht für ein Zuwiderhandeln
gegen die Norm sauber zu bleiben.
Und bald braucht das Kind gar keine Imitation mehr.
Die betreffende Haltung hat sich fest im Bewusstsein des Kindes angesiedelt und das Kind kann und
wird sich daran halten. Meist jedenfalls!
Das Kind lernt also, die Rolle eines anderen zu übernehmen.
Eine Rolle ist also eine immer wiederkehrende Handlungsfolge, die sich an einem fixierten
Modell orientiert.
Das Kind lernt die "Mutterrolle".
Dabei ist das Spiel von ganz besonderer Bedeutung.
Kinder spielen die Rolle der Eltern, des großen Bruders oder der Schwester und später auch die Rolle
des Polizisten, des Cowboys und des Indianers.
Und das Kind lernt auch jede beliebige Rolle zu spielen. Es kommt dabei weniger auf die besondere
Rolle an, die es spielt, sondern dass das Kind überhaupt lernt, wie Rollen gespielt werden.
Das Spielen der Kinder ist ein ganz wichtiges Element des Sozialisierungsprozesses.
Der holländische Philosoph Huizinga hat den Menschen als homo ludens gekennzeichnet. Als
Wesen das spielt.
Der homo ludens entwickelt über das Spiel seine Fähigkeiten.
Er entdeckt seine Eigenschaften und entwickelt sich dadurch selbst.
Das Spiel ist der Handlungsfreiheit gleichgesetzt und setzt eigenes Denken heraus. Der homo ludens
entwickelt sich also nach seinen gemachten Erfahrungen zu dem, was er ist.
Friedrich Schiller war es, der als erster in seinen Briefen "Über die ästhetische Erziehung des
Menschen" die Wichtigkeit des Spielens hervorhob und sich gegen die Spezialisierung und
Mechanisierung der Lebensvollzüge aussprach.
Nach Schiller ist das Spiel eine menschliche Leistung, die allein in der Lage ist, die Ganzheitlichkeit
der menschlichen Fähigkeiten hervorzubringen. Schiller prägte die berühmt gewordene Formel:
"...und er (der Mensch) ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."
Das ist die allgemeine Funktion des Rollenspielens unserer Kinder.
Darüber hinaus vermittelt das Rollenspiel aber auch gesellschaftlichen Sinn und Bedeutung.
Wie die Rolle des Polizisten gespielt wird, hängt ganz entscheidend davon ab, welche Bedeutung der
Polizist für die eigene Umwelt bzw. die der Eltern hat.
Für ein Kind aus bürgerlichem Haus ist der Polizist eine Autoritätsperson und ein Beschützer in
Notfällen. Hier nennt man ihn aus Schutzmann.
Für Kinder aus einem kriminellen Milieu hat der Polizist aber sicher eine ganz andere Bedeutung und
dort wird er wohl eher als Bulle bezeichnet.
Kinder in Zehlendorf spielen die Polizistenrolle anders, als Kinder in Kreuzberg.
In Zehlendorf empfindet man den Polizisten nicht als Bedrohung, man läuft zu ihm hin, In Kreuzberg
läuft man von ihm weg.
Wer hätte den Mut zu entscheiden, welche Art des Rollenspiels die richtige ist? Als soziologisch
denkender Mensch sollten Sie die Fähigkeit entwickeln, Rollen in anderen Gesellschaften zu
akzeptieren, auch wenn sie Ihnen noch so absurd und falsch erscheinen- ja selbst wenn sie Ihnen
weh tun.
Indern tut es weh zu wissen, dass wir unsere Kühe in Schlachthäuser bringen und Afrikanern tut es
weh, dass wir unsere Großeltern in Altersheimen sterben lassen.
Und wie ist das mit den Menschenrechten die überall gelten?
Und wie ist das mit der Sharia in islamischen Gesellschaften?
6 Sozialisation und Interaktion
Sozialisation und Interaktion
Sozialisation spielt sich in ständiger Interaktion mit anderen ab.
Aber nicht alle anderen, mit denen ein Kind zu tun hat, haben die gleiche Bedeutung.
Einige haben eine zentrale Bedeutung.
Die Eltern zum Beispiel und die Geschwister.
Vielleicht auch noch die Großeltern und andere Verwandte, wie Onkel und Tanten.
Andere Leute stehen nicht so im Vordergrund, sie sind eher im Hintergrund. Der Postbote oder der
Nachbar drei Häuser weiter, der Verkäufer im Supermarkt oder der Arzt.
Wenn man dieses Szenarium mit einem griechischen Theater vergleicht, so gibt es hier wie dort die
handelnden Personen, die dramatis personae und andere, die den Chor bilden.
Und wieder sind wir bei Mead.
Die handelnden Personen nennt Mead "Signifikant Andere". Ihre Zahl ist begrenzt.
In der attischen Tragödie standen nie mehr als drei Schauspieler auf der Bühne.
Die Signifikant Anderen sind die Menschen, mit denen das Kind am häufigsten zusammen ist, und
zu denen es die stärksten Gefühlsbeziehungen hat.
Für alles was mit dem Kind geschieht, ist es wichtig, wer oder was seine Signifikant Anderen sind.
Sie sind die Welt des Kindes.
Und hier zeigt sich auch ein besonderes Problem unserer heutigen Gesellschaft: die
Patchworkfamilien und die Kinder, die ohne Vater aufwachsen.
Ihnen fehlen wichtige Signifikant Andere.
Sie haben nur eine geringe Chance, diese Rollen zu erleben und zu spielen.
Vielleicht sollte man das nicht dramatisieren, aber festgehalten werden sollte doch, dass hier, in einem
solchen Fall, ein Defizit besteht.
Die Rollen beider Eltern sind eben wichtig auf dem dornigen Weg in die Gesellschaft, auf dem Weg
erwachsen zu werden.
Auf dem langen Weg der Sozialisation gibt es dann eine entscheidende Phase.
Am Anfang der Sozialisation sagt sich das Kind: "Mami will nicht, dass ich mich schmutzig
mache". Irgendwann sagt das Kind: "Man macht sich nicht schmutzig".
Das Kind hat entdeckt, dass auch andere so denken wie die Mutter. Das Kind hat den
"Generalisierten Anderen" entdeckt.
Die persönlichen Befehle und Verbote der Mutter sind zur allgemeinen Norm geworden.
Die Gesellschaft hat ihr Ziel erreicht.
Die Software der gesellschaftlichen Werte und Normen ist auf die individuelle Festplatte des Kinds
geladen und funktioniert auch ohne Verbindung mit den normgebenden Instanzen – offline
gewissermaßen
Diesen Prozess bezeichnen wir als "Internalisierung" und das, was wir auf der Festplatte nun haben,
bezeichnen wir als Gewissen.
Das Gewissen ist das Programm der Befehle und Verweigerungen, die ursprünglich mal von außen
gekommen sind.
Es fing einmal damit an, dass ein Signifikanter Anderer sagte "Tu das!" oder "Lass das!" und
daraus wurden dann sehr viel mehr als nur 10 Gebote.
Wenn man eine hyperkritische Einstellung zum Leben hat, kann man die Internalisierung als eine
Form der Dressur sehen.
Aber die Internalisierung erlaubt uns eben auch die Teilhabe an der Außenwelt und gibt uns ein
reiches Innenleben.
Nur durch die Internalisierung der Stimmen anderer, können wir mit uns selbst sprechen. Hätte uns
nie ein Signifikant Anderer angesprochen, so wäre auch in unserem Inneren trübes Schweigen.
Nur durch andere können wir zu uns selbst finden und bekommen ein signifikantes Verhältnis zu uns
selbst.
Man sollte also vorsichtig bei der Wahl seiner Eltern sein.
Unter einem solchen Gesichtspunkt stellt sich auch das zur Zeit heftig diskutierte Problem, das arme
Kinder nur geringere Bildungschancen haben in einem ganz anderen Licht dar. Wenn der Signifkant
Andere keinen Wert in der Bildung oder im Erfolg sieht, wird auch das Kind einen solchen Wert nicht
erkennen. Da kann man noch so lange davon reden, man müsse die Begabungsreserven einer
Gesellschaft ausschöpfen.
7 Die gesellschaftliche Konstruktion von Kindheit
Die gesellschaftliche Konstruktion von Kindheit
Kindheit, wie wir sie heute kennen, ist ein Produkt der bürgerlichen Welt.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Kindheit zu einem besonders geschützten Lebensstadium
geworden ist.
Es ist eine moderne Entwicklung, dass man Kindheit überhaupt als gesonderte Lebensphase wichtig
nimmt.
Es ist z.B. relativ neu, dass in allen modernen Gesellschaften Kinder von der Strafgesetzgebung
ausgenommen sind.
Früher sah man Kinder als kleine Erwachsen an, die für ihr Tun und Handeln voll verantwortlich
waren. Das erkennt man u.A. daran, das Kinder noch im 18. Jahrhundert ebenso gekleidet waren wie
die Erwachsenen.
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Erst als die Kindheit dann als eine besondere Lebensphase gewertet wurde, zog man Kinder anders
als Erwachsene an.
Besonders drastisch zeigt sich die Wahrnehmung der Kindheit als Schutz- und Schonraum im
Sinneswandel, dass man Kinder als sexuell "unschuldig" betrachtet und z.B. Filme erst ab einem
gewissen Alter für Kinder frei gibt.
Sexualität und Kindheit werden rigoros getrennt.
"Das ist noch nichts für Kinder" sagt man heute.
Ein kluger Soziologe meinte vor kurzem, dass "Antisemitismus" und "Sexualität mit Kindern" zur Zeit
die beiden mächtigsten und unverbrüchlichsten Tabus in unserer Gesellschaft sind. Schon geringe
Verstöße dagegen werden hart geahndet. Dabei sollten wir als Soziologen aber immer im Augen
behalten, dass diese Tabus einem zeitlichen Wandel unterliegen.
Unsere Tabus waren nicht immer gültig. Und umgekehrt: Tabus, die noch vor einiger Zeit
unverbrüchlich schienen, sind heute verschwunden und wer auf ihnen beharrt, gibt sich der
Lächerlichkeit preis.
Der Soziologe Peter Berger berichtet aus dem 17. Jahrhundert von einem Tagebuch des königlichen
Leibarztes von Ludwig den XIII (1601 – 1643) in Frankreich.
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Als der kleine Ludwig noch kein Jahr alt war, spielte die Amme schon mit seinem Penis und dies nicht
im Geheimen oder ganz verschwiegen.
Jedermann am Hofe fand das amüsant.
Die Dienstboten und auch die Mutter hatten ihr Vergnügen daran.
Bald hatte der Kleine selbst Spaß daran und er zeigte sein Geschlecht unaufgefordert allen anderen
und ließ es sich küssen.
Mit vier Jahren führte eine Hofdame den kleinen Jungen an das Bett der Mutter und erklärte ihm:
Monsieur, hier sind sie gemacht worden.
Ludwig wurde schon mit 14 Jahren vermählt und der Leibarzt bemerkt trocken, er habe nicht
dazulernen müssen.
8 Verschiedene Welten der Kindheit
Verschiedene Welten der Kindheit
Ludwig hatte eine ganz andere Kindheitswelt als andere Kinder.
Für uns etwas schockierend und ungewöhnlich, aber es wäre falsch, sie mit unseren Maßstäben zu
messen. Es wäre auch falsch - für Soziologen ein Kunstfehler -, wollten wir die heutigen
Kindheitswelten als in irgendeiner Weise höher stehend oder kindgerechter ansehen.
Sie wissen noch nicht, welche Veränderungen Sie noch erleben werden bis sie sechzig oder siebzig
sein werden.
Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit werden Sie dann über die Gesellschaft klagen und meinen, so, wie
Sie Ihre Kindheit erlebt haben, sei es die richtige Form gewesen.
Ein bekanntes Beispiel für verschiedene Kinderwelten ist der Unterschied zwischen Athen und
Sparta.
Die Athener hatten ein Erziehungsziel:
aus den Knaben sollten abgerundete Persönlichkeiten werden, die von Dichtung und Philosophie
ebenso viel verstanden, wie von der Kriegskunst. Von Mädchenerziehung war damals nicht die Rede.
Die Athener gestalteten die Kinderwelt der Knaben deshalb so, dass die kleinen Jungen in einem
beständigen Wettbewerb standen. In körperlicher, geistiger und ästhetischer Hinsicht.
Sparta hatte ein anderes Erziehungsziel
In Sparta lag das Gewicht auf Disziplin, Gehorsam und Tapferkeit – also Tugenden der Soldaten
und in vielem vergleichbar mit der Erziehung in Preußen.
Verglichen mit Athen, erzogen die Spartaner ihre Kinder sehr streng, ja grausam.
Sie ließen z.B. ihre Kinder hungern, damit sie lernten, ihre Nahrung zu stehlen.
Es war also sehr viel angenehmer ein kleiner Junge in Athen zu sein, als in Sparta.
Soziologisch ist das jedoch nicht von Bedeutung.
Entscheidend ist vielmehr, dass die spartanische Sozialisation ganz andere Persönlichkeiten
entstehen ließ, als die der Athener. Für die jeweiligen Gesellschaftswerte und –normen waren jedoch
beide Erziehungssysteme sinnvoll.
So ist es für einen Soziologen auch durchaus sinnvoll, nach der Verschiedenheit der
Sozialisationstypen in der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik Deutschland zu fragen – und
zwar ohne Werturteil oder den Versuch, das eine oder das andere System als überlegen zu
kennzeichnen.
Hat es wirklich keinen Einfluss, dass Kinder in der DDR ihre Kindheit viel häufiger in Kindergärten
verlebten als in Westdeutschland?
Heute breitet sich das westliche Kindheitskonzept rapide über die ganze Welt aus.
Man denke nur an die Ächtung der Kinderarbeit.
Wir kaufen keine Teppiche mehr, an denen Kinder gearbeitet haben.
Wir entsetzen uns über Kinderprostitution in Thailand. Und dabei werten wir immer auf der Grundlage
unserer erlebten Sozialisation.
Wie wir schon bei den Gusi-Müttern gesehen haben, ist es aber unter soziologischen Gesichtspunkten
relativ unergiebig, sich bei der Analyse solch fremder Phänomene nur auf das einzelne Phänomen zu
konzentrieren und die Markrowelt zu vernachlässigen, die die Normen in den Köpfen der Menschen
geschaffen hat.
Die Sozialisation in unserem Teil der Welt zeichnet sich durch eine noch nie da gewesene Zartheit
und Sorge für jedes kindliche Bedürfnis aus.
Und wir, die wir mit diesen Normen groß geworden sind und sie internalisiert haben, halten diese
Normen für selbstverständlich.
Wir halten sie für die Natur des Menschen und fühlen uns denen überlegen, die mit anderen Normen
leben - selbst wenn die anderen damit zufrieden sind.
Und wenn Sie sich recht erinnern, hat schon Veblen das Phänomen des Ethnozentrismus
beschreiben und Elias hat das Überlegenheitsgefühl des Abendlandes auf die spezifische Art der
Zivilisationsentwicklung in diesem Teil der Welt zurückgeführt.
9 Meads Konzeption von I and Me
Meads Konzeption von I and Me
Sozialisation ist also der Begriff mit dem beschrieben wird, wie Kinder in eine - in ihre - soziale Welt
eingeführt werden.
Bei der Sozialisation ist aber noch ein zweiter Aspekt von Bedeutung.
Das Kind wird nicht nur in eine soziale Welt eingeführt, sondern auch in sein Innerstes.
Was sich dabei in seinem Innersten abspielt, hat Mead durch die begrifflichen Unterscheidung von “I“
und “Me“ recht plausibel ausgedrückt.
Ich hatte schon darauf hingewiesen, dass Kinder - und überhaupt Menschen - mit sich selbst sprechen
können. Sie alle kennen diese Art der stummen Selbstgespräche:
"Soll ich oder soll ich nicht?"
Mead sagt nun, dass sich hier zwei Arten des Ichs unterhalten, das eigentliche “Ich“ oder “I“ und das
“Ich in mir“
Das “Ich“ ist die spontane Form des Menschen, das spontane Empfinden, Lust und Freude,
Schmerz und Kummer.
Das “Ich in mir“, ist dagegen der Teil, der von der Gesellschaft geformt ist und herausgebildet ist.
Beide stehen in einem steten Wechselverhältnis zueinander.
Das “I“ in Ihnen sagt vielleicht:
“Bei diesem herrlichen Wetter wäre ich viel lieber in den Alpen und würde Ski laufen"
und das von der Gesellschaft gebildete “Me“ sagt sich:
“Ich brauche den Schein, ich bin vernünftig, ich will was lernen, also bleibe ich hier“.
Sie alle kennen diesen Kampf und Sie alle kennen auch die Kinder, bei denen das “Me“ noch nicht so
recht entwickelt ist und die nur das tun, was ihnen gerade gefällt.
Besonders drastisch ist dieser Kampf der beiden Ichs, wenn der junge Mensch den Reiz des anderen
Geschlechts entdeckt.
Das junge männliche “Ich“ sagt beim Anblick eines hübschen Mädchens: “Mach schon, pack sie
dir“ und das “Ich in ihm“ sagt; “Bloß nicht, das tut man nicht“. Immerhin ist man ja zur
Tanzstunde gegangen um das “Ich in mir“ zu festigen, damit es das spontane “Ich“ in Schach hält.
Der sozialisierte Teil also von der Gesellschaft geformte Teil des Selbst wird auch als Identität
bezeichnet.
Jede Gesellschaft hält ein ganzes Repertoire an Identitäten bereit: kleiner Junge, kleines Mädchen,
Mutter, Vater, Dozent, Bankräuber, General.
Einige Identitäten werden einem schon bei der Geburt zugeschrieben, andere ergeben sich aus der
Situation und eine dritte Gruppe von Identitäten wird uns schließlich zur Wahl angeboten, z.B. Student
oder Banklehrling.
Aber gleichgültig, ob die Identität zugeschrieben oder erworben ist, die Identität muss sich das
Individuum durch Interaktion zu eigen machen.
Andere sind es, die einen so oder so identifizieren müssen. Nur wenn andere eine Identität
bestätigen, wird sie für das Individuum Wirklichkeit.
Identität ist also das Ergebnis des Zusammenwirkens von Identifizierung und Selbstidentifikation.
Es reicht nicht zu sagen, man sei Napoleon, andere müssen das schon bestätigen, damit eine
Identität draus wird. Nur wird sich leider niemand finden lassen, der die ersehnte Identifizierung
vornimmt und so wird man zum Psychotiker.
Das Spiel von Identifizierung und Selbstidentifikation gilt – wie gesagt - auch für Identitäten, die
sich Menschen erfinden.
Es gibt z.B. Männer, die für ihr Leben gerne Frauen wären. Sie tun viel, um ihre männliche Identität in
eine weibliche umzukonstruieren. Das wichtige daran ist aber, dass es mindestens einige Menschen
geben muss, die sie als Frauen identifizieren.
Andere müssen uns immer unsere Identität bestätigen.
Man kann unmöglich für lange Zeit jemand sein, wenn man dabei nur auf sich selbst angewiesen ist.
Ganze Gruppen und ganze Völker lassen sich nach ihren Identitäten unterscheiden.
So erkennt man einen Amerikaner nicht nur an seinem typisch amerikanischen Aussehen, sondern
auch an Eigenschaften, die vielen von ihnen gemeinsam sind – und das heißt eben an ihrer typisch
amerikanischen Identität mit den fundamentalen amerikanischen Werten wie Selbstbestimmung,
individuelle Leistung, Karriereorientierung.
Die Sozialisation hat amerikanischen Menschen die amerikanische Sozialisations-Software auf die
Festplatte in ihnen gespielt, ihnen allen eine amerikanische Identität gegeben.
Und diese Identität unterscheidet sie eben von Arabern und Menschen im alten Europa – falls es so
etwas gibt.
Das hat nicht mit Rassismus zu tun, sondern ist nichts anderes als eine kühle soziologische Analyse
des Sozialisationsprozesses.
Es hat auch nicht mit Rassismus zu tun, die eine Identität wegen ihrer Nähe oder gerade Entfernung
von unserer eigenen Identität sympathischer zu finden, als andere Identitäten.
Man kann durchaus, ohne schlechtes Gewissen Ostfriesen sympathischer finden als Thüringer – oder
umgekehrt.
10 Sekundäre Sozialisation
Sekundäre Sozialisation
Sozialisation ist nie abgeschlossen!
Auch wenn ein Kind zu einem Teil dieser Gesellschaft geworden ist, geht der Prozess weiter.
Soziologen unterscheiden deshalb zwischen primärer und sekundärer Sozialisation.
Die sekundäre Sozialisation umfasst alle Vorgänge, die einen Menschen in eine spezielle soziale
Welt einführen.
In die Welt der Steuerbeamten oder Künstlers, in die Welt der Zahnärzte oder Metzger.
Die Berufsausbildung ist also unter diesem Gesichtspunkt ein Teil der sekundären Sozialisation.
In der Regel schließt sich die sekundäre Sozialisation nahtlos an die primäre an.
Das muss aber nicht so sein.
Entschließt sich z.B. jemand, der aus einer atheistischen und kommunistischen Familie kommt,
Priester zu werden, dann wird er einen Teil seiner, in der der primären Sozialisation erworbenen,
Identität aufgeben müssen.
Das gilt aber nicht nur für solch dramatische Ereignisse.
Identitätssprünge können auch durch Krankheiten eintreten oder durch Wechsel des Wohnortes.
Denken Sie z.B. an die polnischen Bauern in Chicago, die Park und Znaniecki untersucht haben.
Die Sozialisation verknüpft also immer die Mikro- mit der Makrowelt. Die Gesellschaft mit dem
Individuum.
Zuerst verhilft sie dem Einzelnen zur Hinwendung auf andere, dann bezieht sie den Einzelnen in eine
komplexe gesellschaftliche Welt ein.
Ob uns das gefällt oder nicht, diese Beziehung hält ein Leben lang an.
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