Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie

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Spezielle Themen
Lerntheoretische Grundlagen
der kognitiven Verhaltenstherapie
Hans Reinecker
Übersicht
Einleitung
Klassisches Konditionieren
Operantes Konditionieren
Kognitive Aspekte beim Lernen
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178
183
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Einleitung
Zentral für Prozesse des Lernens ist auch die Annahme
ihrer Allgemeinheit: Auch wenn wir verschiedene Ebe-
Die Grundlage jeder Form von wissenschaftlicher Psy-
nen menschlichen Verhaltens sehen, sind diese durch
chotherapie besteht in Prozessen des Lernens: Das be-
Prozesse des Lernens entstanden und können durch
deutet eine Veränderung von Verhalten im weitesten
entsprechende Gesetzmäßigkeiten in ihrem Auftreten
Sinne des Wortes und umschließt konkrete beobacht-
verändert werden. Dieses Prinzip wird auch als „Konti-
bare Reaktionen ebenso wie Gewohnheiten, Einstel-
nuitätsannahme“ bezeichnet. Im Wesentlichen werden
lungen, kognitive Schemata und Muster sowie Über-
folgende grundlegende Prozesse des Lernens ange-
zeugungen und Beliefs. In vielen früheren Charakteri-
nommen:
sierungen von Verhaltenstherapie etwa in den 50er-
1. Klassisches Konditionieren nach dem Prinzip
Jahren des vergangenen Jahrhunderts ging die Auffassung so weit, dass „Verhaltenstherapie als angewandte
der Kontiguität
2. Operantes Konditionieren nach dem Prinzip
des Effekts
Lernpsychologie“ aufgefasst worden war, wobei Ver-
3. Prozesse der kognitiven Vermittlung einer
halten damals noch in einem sehr engen Sinne ver-
Veränderung
standen worden war.
Unbestritten ist, dass die kognitive Verhaltenstherapie
Die folgende Darstellung orientiert sich an den Grund-
seit jeher ein besonders enges Verhältnis zu Theorien
prinzipien dieser Einteilung. Dabei soll bereits hier da-
des Lernens aufweist; dabei ist völlig klar, dass auch
rauf verwiesen werden, dass eine strikte Trennung die-
andere Konzepte der Psychologie ihre Bedeutung für
ser Prozesse bei genauer Betrachtung weder möglich
die Psychotherapie besitzen, z. B. Aspekte der Motiva-
noch sinnvoll ist: In der Praxis greifen diese Prozesse
tion, der Emotionstheorien, von kognitiven Theorien,
vielmehr ineinander und es ist oft nicht einfach, etwa
der Entwicklungspsychologie usw. Etwas vereinfacht
bei pathologischen Mustern genau diejenigen Lernpro-
ausgedrückt könnte man festhalten: „Normale“ ebenso
zesse zu benennen, die in ätiologischer Hinsicht für
wie pathologische Verhaltensweisen sind auf der
deren Ausformung ausschlaggebend waren.
Grundlage von fehlgeleiteten Lernprozessen entstanden – in der Therapie kommt es darauf an, dass durch
konkretes Lernen diese pathologischen Muster wieder
rückgängig gemacht werden.
Psychiatrie und Psychotherapie up2date 4
ê 2010 ê DOI
http://dx.doi.org/10.1055/s-0030-1248394
ê VNR 2760512010047430142
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Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
Zu beachten ist, dass der NS bzw. CS zunächst lediglich
Glossar
eine Orientierungsreaktion (OR) hervorruft und dass er
+
C: Konsequenz (C Darbietung positiver Reize,
−
seinen Hinweis- bzw. Signalcharakter erst durch mehr-
C/ Entfernung positiver Reize; C Darbietung
fache Koppelung mit einem (emotional bedeutsamen)
aversiver Reize, C/− Entfernung aversiver Reize)
Reiz (UCS) erhält.
+
CER: konditionierte emotionale Reaktion
CS: konditionierter Hinweisreiz
Damit der konditionierende Hinweis (CS) seine Sig-
NS: neutraler Stimulus
nalfunktion erwerben kann ist eine spezielle Form
OR: Orientierungsreaktion
der Koppelung von CS und relevantem Stimulus er-
R: Verhalten
forderlich, was Prinzip der Kontiguität genannt
S: Situation
wird.
Sd: Hinweisreiz
UCR: unkonditionierte Reaktion
UCS: für den Organismus relevanter Hinweisreiz
Kontiguität meint eine räumlich-zeitliche Koppelung
der beiden Reize; diese stellt die Voraussetzung dafür
dar, dass einer der beiden Stimuli (CS) Hinweischarakter auf den anderen, in der Regel biologisch relevanten
Stimulus (UCS) erlangen kann (Abb. 2).
Klassisches Konditionieren
Für das Leben und Überleben des Individuums und der
Ganz allgemein meint klassisches Konditionieren einen
Art ist dieses grundlegende Lernprinzip von höchster
Lernvorgang, bei dem ein zunächst neutraler Stimulus
Bedeutung: Lernen nach dem Prinzip des klassischen
(NS) durch mehrfache Koppelung mit einem für den
Konditionierens meint eine Fähigkeit des Organismus,
Organismus relevanten Stimulus (UCS) zu einem kon-
sich in der Umgebung zu orientieren und zu lernen,
ditionierten Hinweisreiz (CS) für eben diesen UCS bzw.
welche Merkmale wichtige Hinweise auf positive (CS+)
für eine unkonditionierte Reaktion (UCR) wird (Abb. 1).
bzw. aversive (CS−) Ereignisse geben. In einem grundlegenden Beitrag zu dieser Thematik hat R. Rescorla [1]
verdeutlicht, dass diese Fähigkeit zum einen universell
UCS
UCR
(z. B. lauter Knall)
(z.B. Erschrecken/
Angst)
für Organismen ist und dass sie im Humanbereich alles
andere als einen einfachen oder passiven Prozess darstellt.
Koppelung
Kontiguität und Kontingenz
NS
(z. B. Lichtsignal)
In älteren Untersuchungen zum klassischen Konditionieren galt Kontiguität zwischen Reizen als unabdingCS
CR
ehem. NS
(Lichtsignal)
Abb. 1
(Erschrecken/
Angst)
Prinzipien der klassischen Konditionierung.
bare Voraussetzung: Untersuchungen zum Inter-Stimulus-Intervall zeigten recht deutlich, dass Lernen bei
sehr kurzen Intervallen in optimaler Weise erfolgen
kann, während dies bei längeren (bereits mehrere Sekunden) Intervallen nicht mehr möglich ist. Vereinfacht gesagt kann der CS bei längeren Intervallen nicht
zeitlicher Verlauf
mehr die Funktion eines Hinweisreizes übernehmen,
weil in der Zwischenzeit bereits andere Reize aufgetre-
UCS
ten sind, die im Prinzip ebenso gut geeignet wären, als
Hinweisreize zu dienen.
CS1
simultane Konditionierung
Bereits in den 60er-Jahren des vergangenen JahrhunCS2
Spurenkonditionierung
derts gelang Garcia und Mitarbeitern der Hinweis, dass
Lernen auch dann erfolgen kann, wenn CS und UCR
CS3
Abb. 2
Rückwärtskonditionierung
sind: Garcia verabreichte Ratten Wasser mit Sacharingeschmack (CS) und bestrahlte die Tiere anschließend
Prinzip der Kontiguität am Beispiel dreier Varianten.
Psychiatrie und Psychotherapie up2date 4
nicht unmittelbar gekoppelt, sondern zeitlich verzögert
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Spezielle Themen
Lernen
Grundlegende Prinzipien
█
sprochene Patientin lernt etwa zu differenzieren, in
welchen Situationen (z. B. hinsichtlich der Uhrzeit)
Generalisierung: Dieses Prinzip meint, dass nach ei-
ein Einkauf im Supermarkt mit Angst (CR) verbun-
nem Lernvorgang nicht nur ein spezifischer Stimulus
(CS), sondern auch ähnliche Hinweisreize die Funk-
den sein könnte und in welchen dies nicht der Fall
tion eines Auslösers für eine unkonditionierte (UCS)
bzw. konditionierte (CS) Reaktion bekommen können. Zum Beispiel: Für eine Agoraphobikerin werden
viele unterschiedliche Reize zu Auslösern für ihre
Angstreaktion, obwohl der ursprüngliche Auslöser
vielleicht mit einem überfüllten Bus (CS) und einer
damit erfolgten ersten Angstattacke (UCR) gekoppelt war.
█
Diskrimination: Damit Lernen nicht übergeneralisiert, stellt die Diskrimination gewissermaßen den
gegenteiligen Prozess zur Generalisierung dar: Organismen lernen zu differenzieren, welche CS Hinweise auf UCS bzw. UCR darstellen. Die oben ange-
mit Röntgenstrahlen (UCS). Die zeitlich stark verzöger-
█
ist.
Löschung: Die mehrfache Darbietung eines CS ohne
den UCS führt zu einer Abnahme der konditionierten
Reaktion (CR). Auch hier handelt es sich um einen
aktiven Lernprozess: Der Organismus lernt, dass der
CS seine Funktion als Prädiktor für einen UCS verliert. Prozesse der Löschung von Vermeidungsverhalten spielen bei vielen therapeutischen Strategien
eine zentrale Rolle, etwa bei der Anwendung von
Konfrontationsverfahren: Dort macht der Patient die
konkrete Erfahrung, dass ein CS (z. B. ein Besuch im
Kino) nicht mehr mit dem Auftreten einer Panikreaktion (UCR) verbunden ist.
Prozesse des Lernens
te unkonditionierte Reaktion UCR (Übelkeit und Erbrechen) führte dazu, dass die Ratten bei zukünftigen Ver-
Lernen meint im Prinzip eine Veränderung des Verhal-
suchsdurchgängen vermieden von dem Wasser zu
tens im Repertoire des Organismus. Damit dies passie-
trinken. Die Tiere hatten offenbar gelernt, dass der Ge-
ren kann, müssen mehrere grundlegende Prinzipien
schmack des Wassers einen relevanten Hinweisreiz auf
zusammenspielen (s. o.).
die (z. T. 30 Minuten) verzögerte aversive Reaktion
darstellt. Da die beiden Reize aus derselben Modalität
stammten (Geschmack bzw. Übelkeit), konnte eine
Wichtige Variablen des Lernens
Koppelung auch über lange Zeiträume hinweg erfolgen; der CS besitzt in diesem Falle offenbar relevanten
Lernen nach dem Prinzip des klassischen Konditionie-
Informationsgehalt. Mit anderen Worten: Die Tiere
rens beinhaltet eine Koppelung von Reizen, wobei einer
hatten gelernt, „… was zu was führt!“
der Reize (CS) Hinweischarakter für einen weiteren relevanten Reiz (UCS) erlangt. In der Regel sind für einen
Beim klassischen Konditionieren werden nicht nur
solchen Lernprozess mehrere Durchgänge erforderlich.
Assoziationen zwischen einem CS und einem UCS,
In einigen wenigen Fällen, z. B. bei massiven Traumata,
sondern auch Verknüpfungen mit Kontextbedingungen
reicht eine einmalige Koppelung, damit ein CS verläss-
geschaffen.
lichen Hinweischarakter auf eine konditionierte Reaktion bekommt. Man spricht in diesem Falle von „One-
Stimuli, die mit dem Erwerb neuen Verhaltens ver-
Trial Learning“, das in der Regel auch ausgesprochen
bunden sind, werden später zu Auslösern konditio-
löschungsresistent ist.
nierter Reaktionen, auch wenn der ursprüngliche
CS oder UCS nicht vorhanden ist.
Ob ein Reiz sich eignet, zu einem CS für einen UCS bzw.
für eine UCR zu werden, hängt auch davon ab, welche
Besonders deutliche Befunde dazu gibt es aus der For-
vorherige Erfahrung der Organismus mit diesem Reiz
schung zur Drogenabhängigkeit [2]. Wenn man abhän-
hatte.
gigen Personen die Droge nicht zugänglich macht, dann
lösen Merkmale des Kontextes (z. B. Hantieren mit dem
Wenn ein spezifischer Reiz bereits vor der Koppe-
Besteck; olfaktorische Stimuli) ihrerseits eine – wenn
lung mit dem UCS häufig dargeboten wurde, dann
auch schwächere – konditionierte Reaktion aus.
eignet er sich kaum noch als CS für einen spezifischen UCS – man spricht in diesem Falle von latenter
Hemmung.
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Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
Rückwärtskonditionieren. Seit den ersten Versuchen
█
Merkmale des Erwerbs von Phobien (z. B. „one-trial
█
Irrationalität von Phobien (das Wissen um die Unge-
zur klassischen Konditionierung ist umstritten, ob ein
Lernprozess auch erfolgen kann, wenn der CS nach dem
learning“),
UCS erfolgt. Dieser Prozess wird als Rückwärtskondi-
fährlichkeit beeinflusst den Prozess der Konditionie-
tionieren bezeichnet. Einige Hinweise aus Studien bei
Patienten mit Panikstörungen bzw. bei generalisierter
rung nicht),
█
Angst deuten auf die Relevanz dieses Prozesses hin: Das
Grübeln über die Relevanz des UCS bzw. der UCR (z. B.
Aspekte der Zusammengehörigkeit von CS und UCS
(speziell hinsichtlich derselben Modalität) und
█
die besondere Löschungsresistenz von Phobien.
einer Panikattacke oder eines befürchteten schlimmen
Ereignisses die eigene Familie betreffend) kann zu ei-
Die Theorie der Preparedness stellt aus heutiger Sicht
nem Prozess der Stabilisierung der Angst führen: Die
eine wichtige Bereicherung der Theorie des Erwerbs
Betroffenen schließen aus ihren physiologischen Reak-
von Ängsten im Wege über klassisches Konditionieren
tionen ebenso wie aus ihren Gedanken auf eine mögli-
dar, auch wenn damit verschiedene Probleme durchaus
che Gefährdung, wodurch die Angstreaktion stabilisiert
offen bleiben [5], speziell die Thematik der empirischen
wird („ex consequentia reasoning“).
Fundierung evolutionärer Hypothesen.
Evaluatives Konditionieren. Durch mehrfache Koppelung mit einer angstauslösenden Situation kann ein
Genetische und Persönlichkeitsvariablen
vorher neutraler Reiz selbst die Funktion einer emotional bedeutsamen Qualität bekommen. Dies spielt be-
Ähnliche Überlegungen wie für evolutionär relevante
sonders bei Patienten mit posttraumatischen Belas-
Variablen gelten auch für individuelle Unterschiede
tungsreaktionen eine wichtige Rolle: Stimuli, die im-
beim klassischen Konditionieren: Bereits I. P. Pawlow
plizit mit der traumatischen Situation verknüpft waren
hatte für diese Unterschiede die spezifische Balance
(z. B. Gerüche) werden für die Betroffenen zu Auslösern
zwischen Erregungs- und Hemmungsprozessen gel-
konditionierter Reaktionen. Diese sind offenbar beson-
tend gemacht. H. J. Eysenck hat dies aufgegriffen und
ders löschungsresistent, auch wenn die ursprüngliche
die Merkmale der Introversion sowie der Labilität für
traumatische Reaktion bereits gelöscht wurde [3].
Fehlkonditionierungen verantwortlich gemacht: Eine
wichtige Rolle spielt dabei das Konstrukt des Neurotizismus, d. h. einer hohen Reaktivität des autonomen
Evolutionäre Aspekte des Lernens
Nervensystems auf äußere Reize. Dafür wird eine physiologische Grundlage im limbischen System ange-
Speziell in der Theorie der Ätiologie von Phobien wur-
nommen, wo Informationen aus der Umgebung emo-
den einige wichtige Annahmen des klassischen Kondi-
tional konnotiert werden.
tionierens infrage gestellt. Das betrifft zum einen die
sog. Äquipotenzannahme, d. h. die Tatsache, dass alle
Erhöhte Konditionierbarkeit als genetisches oder
neutralen Stimuli gleichermaßen geeignet wären, als
Persönlichkeitsmerkmal stellt einen wichtigen Fak-
CS Phobien auszulösen. Zum anderen wurde die Selek-
tor hinsichtlich der Entwicklung einer Angststö-
tivität von Phobien betont: Phobien sind keineswegs
rung dar.
auf alle Situationen gleich verteilt. Während Ängste vor
Schlangen, Spinnen, Dunkelheit etc. sehr häufig sind,
Eine spezielle Rolle spielen Faktoren der persönlichen
gibt es kaum Phobien vor Türklinken, Bügeleisen oder
Disposition etwa bei der Entstehung bzw. Bewältigung
anderen elektrischen Geräten, obzwar gerade letztere
von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD):
objektiv durchaus gefährlich sein können.
Hier wird immer wieder beobachtet, dass unterschiedliche Personen trotz gleicher Traumatisierung (z. B.
Zur Lösung der genannten Probleme wurde u. a. die
bei einem Erdbeben) in unterschiedlichem Maße eine
Theorie der Preparedness formuliert: Gemeint ist damit
PTSD ausbilden. Dafür sind nicht so sehr Merkmale des
die Tatsache, dass Lernen vor einem biologisch-evolu-
Traumas, sondern eben prädisponierende Merkmale
tionären Hintergrund zu sehen ist. So war es für den
der Konditionierbarkeit als relevant anzuführen.
prätechnologischen Menschen ausgesprochen sinnvoll,
Zusammenhänge zwischen evolutionär bedeutsamen
Störungen spielen aber nicht nur im Kontext der leich-
Situationen als UCS und relevanten Hinweisreizen
ten Konditionierbarkeit eine Rolle: Viele psychische
möglichst rasch und stabil zu erlernen [4]. Spezielle
Probleme und Störungen kommen offenbar auch da-
Charakteristika der Theorie der Preparedness sind
durch zustande, dass extravertierte und besonders la-
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Spezielle Themen
bile Personen bestimmte relevante Zusammenhänge
100%
nicht erlernen. Hier sorgen kortikale Hemmungspro-
Auftretenswahrscheinlichkeit
konditionierten Verhaltens
zesse dafür, dass effizientes Lernen – also die Bildung
von Verknüpfungen – unterbleibt.
Speziell der letztgenannte Bereich ist im Kontext von
menschlichen Interaktionen von großer Bedeutung,
etwa im Bereich von sogenannten „antisozialen Persönlichkeiten“, bei denen Lernprozesse, etwa im Bereich von Empathie, nur sehr schwer auszuformen
sind.
zeitlicher Verlauf
(bzw. Versuchsdurchgänge ohne Verstärkung)
Löschung und Löschungstheorien
Abb. 3
Das Prinzip der Löschung beschreibt denjenigen Pro-
█
Prinzip der Löschung / Wegfall des Verstärkers.
Frustrationstheorie: Hier werden motivationale As-
zess, bei dem die alleinige Darbietung eines CS ohne
pekte benannt. Durch das Ausbleiben des Verstärkers
den UCS zu einer Abnahme einer vorher erlernten
(UCS bzw. UCR) kommt es demnach zu einer Frus-
konditionierten Reaktion (CR) führt.
tration und zur Abnahme der ursprünglichen konditionierten Reaktion.
In der Regel handelt es sich bei der Löschung um
█
Erwartungstheorie: Lernen besteht in der Bildung
einen sehr langsamen Prozess, der viele Versuchs-
von Erwartungen über Zusammenhänge zwischen
durchgänge erforderlich machen kann.
Stimuli (CS und UCS). Im Prozess der Löschung erfolgt durch den Wegfall von UCS eine Voraussetzung
Im Kontext der therapeutischen Praxis bedeutet das,
für die Bildung neuer Erwartungen – nämlich der
dass Patienten viele Übungen (in der natürlichen Situa-
(begründeten) Vermutung, dass die Darbietung von
tion) benötigen bis sie lernen, dass der CS seine Funk-
oder Konfrontation mit einem CS nicht zu einem UCS
tion als Prädiktor für einen UCS bzw. CR verloren hat:
bzw. einer CR führt (s. a. unten: Erwartungstheorie
Wenn ein Patient mit klaustrophobischen Ängsten
des Lernens).
durch mehrfache Übungen erlebt hat, dass die Fahrt
im Aufzug oder im überfüllten Bus nicht zu Angst und
In der Forschung zum Prozess der Löschung wurde
Panik (CR) führt, kann sie dies zunächst auf „Glück“
vielfach darüber diskutiert, ob Löschung einfach eine
oder „Zufall“ attribuieren. Erst vielfache Übungen füh-
Umkehrung des Lernprozesses darstellt: Während
ren deshalb zu stabilem Lernen, das man dann als
beim Lernen Verknüpfungen geschaffen werden, er-
Löschung bezeichnet (Abb. 3).
folgt bei der Löschung eine Abschwächung bzw. Unterbleiben dieser Verknüpfungen. Neuere Überlegungen
Zur Erklärung der Abschwächung der konditionierten
[3] sprechen dafür, dass Löschung nicht bloß eine Um-
Reaktion kann man verschiedene Theorien heranzie-
kehrung des Lernens, sondern einen eigenständigen
hen [6]:
█
Theorie der Hemmung: Hier wird angenommen, dass
Prozess darstellt. Für diese Position sprechen:
█
die konditionierte (Angst-)Reaktion durch eine anta-
█
█
der sog. Erneuerungseffekt: Löschung scheint demnach stark kontextabhängig zu sein, d. h. in einem
gonistische Reaktion (z. B. Entspannung) gehemmt
neuen Kontext tritt die „gelöschte“ Reaktion wiede-
wird.
rum auf.
Abnahme der Generalisierung: Im Lernprozess hatte
█
Spontanerholung: Löschung ist dann rückgängig zu
die Person ihre Ängste auf immer mehr Situationen
machen, wenn die CS in einem veränderten zeitli-
generalisiert, durch Löschung erfolgt eine Einengung
chen Kontext wieder auftritt. Löschung ist damit of-
auf spezifischere Stimuli (Diskrimination).
fenbar nicht nur hinsichtlich der Situation, sondern
Theorie der Interferenz: Durch den CS werden nicht
auch zeitlich abhängig.
nur zugehörige CRs, sondern auch alternative Reaktionen ausgelöst. Diese interferieren mit der ur-
Diese Phänomene entsprechen vielfach auch therapeu-
sprünglichen Angstreaktion. In der therapeutischen
tischer Erfahrung: Patienten berichten oft in neuen Si-
Praxis ist dies relevant für den Aufbau von angstin-
tuationen oder nach langer Zeit von einem neuerlichen
kompatiblen Alternativen (z. B. Selbstsicherheit).
Auftreten ihrer Problematik.
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Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
Durch therapeutische Konfrontationsübungen ist
hen oder Spinnen). Als Argument wird vielfach ange-
eine pathologische Angstreaktion keineswegs ein
führt, dass sich Betroffene nicht an einschlägiges Ler-
für allemal gelöscht, d. h. aus dem Repertoire der
nen erinnern können. Craske verweist darauf, dass
Person „verschwunden“, sondern es bedarf weiter-
manche Ängste (z. B. vor Fremden, lauten Geräuschen,
hin einschlägiger Übungen, um die Angstreaktion
bestimmten Tieren etc.) so weit verbreitet sind, dass
zu bewältigen.
man in entwicklungspsychologischer Hinsicht durchaus von angeborenen Ängsten sprechen kann. In klinischer Hinsicht betreffen diese Ängste allerdings nur
Offene Fragen und neuere Entwicklungen
eine Minorität hinsichtlich des Behandlungsbedarfs.
Die zentrale Schlussfolgerung liegt darin, in nicht asso-
Es wurde bereits mehrfach darauf verwiesen, dass es
ziativen Merkmalen eine Art Vulnerabilität für die ra-
sich bei klassischem Konditionieren um einen sehr
sche Ausbildung von Ängsten im Falle der Konfronta-
komplexen und auf mehreren Ebenen ablaufenden
tion mit einschlägigen Stimuli unter Stressbedingun-
Prozess handelt. Lernen setzt ein plastisches Nerven-
gen zu sehen.
system voraus, in dem neue Verknüpfungen gebildet
und alte Muster überformt werden können. Beim Ler-
Interozeptives Konditionieren. Beim klassischen
nen emotional relevanten Verhaltens ist von einer Be-
Konditionieren können nicht nur externe Reize die
teiligung des kortikalen Erregungs- und Hemmsystems
Funktion eines CS übernehmen; vielfach fungieren
auszugehen [7] ebenso wie von Veränderungen der
auch interne Reize als Stimuli für einen erwarteten
Repräsentation im Gedächtnissystem inklusive ein-
UCS. Ein spezielles Beispiel bilden Panikstörungen:
schlägiger neurobiologischer Systeme (z. B. im Erre-
Hier ist das Fehlen externer Auslöser ein entscheiden-
gungssystem durch Glutamatrezeptoren bzw. im
des Kriterium der Problematik, d. h. Patienten können
Hemmsystem durch Glukokortikoide).
für ihre Panikattacken keine Auslöser benennen und sie
fühlen sich gerade deshalb besonders belastet (keine
In diesem Abschnitt sollen schlaglichtartig einige
Möglichkeit der Vermeidung). In neueren Modellen zur
wenige neuere Entwicklungen und offene Fragen an-
Panik [9] wird internen Reizen die Funktion eines Aus-
gesprochen werden, die sich bei der Betrachtung des
lösers einer speziellen Bewertung und einer Aufschau-
klassischen Konditionierens auftun.
kelung von Angst und Panik zugeschrieben („Teufelskreis der Angst“). Die Wahrnehmung des eigenen
Hierarchische Struktur des Lernens. Klassisches Kon-
Herzschlags etwa dient hier als CS für den Beginn des
ditionieren beinhaltet das aktive Lernen von Beziehun-
Kreislaufes – und hinsichtlich der erlebten Verknüp-
gen zwischen Ereignissen. Der Organismus nimmt eine
fung mit einer Panikattacke (UCR bzw. CR). Die thera-
Diskrepanz zwischen einem Zustand der Umgebung
peutische Implikation besteht in der Konfrontation mit
und der internen Repräsentation dieses Zustandes
internen Reizen ebenso wie die Vermittlung von Stra-
wahr – und er reagiert in entsprechender Weise darauf
tegien einer realistischen Bewertung eigener körperli-
[1]. Speziell in der Hypothesentheorie des Lernens wird
cher Reaktionen. Dass es sich hierbei möglicherweise
betont, dass es sich hier auch um eine Konditionierung
um eine Art Rückwärtskonditionierung handelt (d. h.
höherer Ordnung handelt. Eine besondere Rolle spielt
die Patienten im Nachhinein in der Herzrate einen Prä-
dabei die Sprache als „zweites Signalsystem“: Begriffe
diktor für ihre Panik suchen und finden) spielt dabei
bekommen durch die Assoziation mit emotional be-
anscheinend keine Rolle. Auch bei Musikern stellt die
deutsamen Situationen (UCS) oder Reaktionen (UCR)
Herzrate in der Phase der Erregung nachträglich einen
selbst eine emotionale Bedeutung. So lösen nicht nur
CS für ihre Angst dar und sie hält diese langfristig auf-
eine konkrete Spinne oder das Bild einer Spinne, son-
recht („Lampenfieber“ bzw. Auftrittsängste gelten des-
dern bereits das Wort „Spinne“ bei Phobikern ein-
halb als besonders resistent).
schlägige emotionale und physiologische Reaktionen
Rückkehr von Angst. Von großer Relevanz ist aller-
(CRs) aus.
dings die Annahme einer „Rückkehr von Angst“ [10]
Nicht assoziative Faktoren des Lernens. Speziell in
bzw. das Phänomen der Rekonsilidierung (spez. unter
der Forschung zu Angststörungen wird vielfach geltend
Stressbedingungen). Rekonsilidierung [11] meint, dass
gemacht, dass es möglicherweise Ängste gibt, die nicht
es zu einer nachträglichen Stabilisierung von Angstre-
durch Lernen entstanden sind [8]. Verwiesen wird da-
aktionen (speziell bei posttraumatischen Belastungs-
bei auf angeborene Ängste, z. B. Trennungsangst (z. T.
störungen, aber auch bei komplexen Phobien) kommt,
auch Ängste von Kleinkindern vor Wasser, großen Hö-
wenn Personen unter Stressbedingungen erneut mit
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Spezielle Themen
Klassisches Konditionieren [1]
█
gibt uns Hinweise auf Prozesse der Veränderung
durch Erfahrung ganz allgemein. Obwohl klassisches
█
Bereich der Wahrnehmungs- und Gedächtnispsy-
Die genaue Analyse des klassischen Konditionierens
chologie.
Konditionieren natürlich nur einen von verschiede-
Klassisches Konditionieren hat ganz praktische Implikationen: Dabei springen die Anwendungen im
nen Lernprozessen ausmacht, bildet seine Analyse
Bereich der Verhaltenstherapie als erstes ins Auge
eine Art Muster für unser Verständnis der Interak-
(etwa Ansätze der Gegenkonditionierung oder von
tion von Organismus und Umwelt.
Klassisches Konditionieren wird neuerdings auch
Konfrontationsverfahren). Aber auch die Reaktionen
von Kognitions- und Neurowissenschaftern aufge-
Phänomen der stressbezogenen Analgesie oder die
griffen, z. B. im Zusammenhang mit konnektionis-
Immunsuppression durch Lernprozesse sind hier zu
tischen oder parallelen Verarbeitungsmodellen im
nennen.
█
des Organismus auf die Drogenwirksamkeit, das
ehemals traumatischen Stimuli konfrontiert werden.
Darbietung
Entfernung
positiver
Stimulus (C+)
positive Verstärkung
Folge: R
Bestrafung/Löschung
Folge: R¯
aversiver
Stimulus (C–)
Bestrafung
Folge: R¯
negative Verstärkung
Folge: R
Hier scheint eine Interaktion mit Stresshormonen
ebenso relevant wie eine Konditionierung und möglicherweise auch kognitive Aspekte im Sinne einer
nachträglichen Information über die Gefährlichkeit
der Situation.
Abb. 4
Skinner-Schema.
Operantes Konditionieren
ten und Konsequenzen, entscheidend ist allein, ob eine
Die wichtigsten Untersuchungen zum operanten Kon-
Verhaltenskonsequenz die Fähigkeit besitzt, die zu-
ditionieren stammen von B. F. Skinner [12], obgleich
künftige Auftrittswahrscheinlichkeit von Verhalten zu
es bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wichtige
beeinflussen.
Vorarbeiten u. a. von Thorndike oder Tolman gab. Zentral für diese Lernform ist das „Law of Effect“, d. h. das
Therapeutisch gesehen ist es wichtig, eine Lernum-
Prinzip, dass Verhaltensweisen durch ihre Konsequen-
gebung zu schaffen, die es dem Individuum erleich-
zen gesteuert werden.
tert, Hinweise auf Verstärkung (bzw. auch auf Bestrafung) zu erkennen.
Positive Konsequenzen erhöhen, negative Konsequenzen senken die Auftrittswahrscheinlichkeit
von Verhalten.
Relevanz für die therapeutische Praxis
Nach Skinner ist ein positiver Verstärker ein Reiz, der
Aus der Perspektive der therapeutischen Praxis geht es
die zukünftige Auftrittswahrscheinlichkeit von Verhal-
darum
ten derselben operanten Klasse erhöht, wenn er kon-
█
wird. Die Möglichkeiten von Verhaltenskonsequenzen
Verhalten im Repertoire eines Individuums erst
auszuformen / aufzubauen
tingent auf das entsprechende Verhalten dargeboten
█
Verhalten in seiner Häufigkeit zu reduzieren bzw.
zu eliminieren (z. B. aggressives Verhalten)
in dem von Skinner entworfenen Schema sind in Abb. 4
Verhalten zu stabilisieren
dargestellt.
█
Wichtig ist es festzuhalten, dass positive wie negative
Eine besondere Rolle spielt dabei die übergeordnete
(!) Verstärkung zu einer Erhöhung, Bestrafung bzw.
Strategie des Kontingenzmanagements: Das meint die
Löschung zu einer Senkung der Verhaltensrate führen.
systematische Darbietung von positiven Reizen (C+)
Die Beziehung zwischen dem Verhalten (R) einerseits
bzw. die Entfernung von aversiven Reizen (C/−) für er-
und den Konsequenzen (C) andererseits ist bei Skinner
wünschtes Verhalten oder die Entfernung von positi-
in der Art einer funktionalen Verknüpfung zu sehen: Er
ven Reizen (C/+) bzw. die Darbietung von aversiven Rei-
macht dabei keinerlei Aussagen über den inhaltlichen
zen (C−) für unerwünschtes Verhalten. Welches Verhal-
(oder gar kausalen) Zusammenhang zwischen Verhal-
ten dabei als „erwünscht“ bzw. „unerwünscht“ anzu-
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Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
Variablen der Verstärkung
█
Kontingenzen: Damit sind die Beziehungen zwischen
█
█
Verstärkerpläne: Wenn dem Verhalten in jedem Falle
eine bestimmte Konsequenz folgt, spricht man von
dem Verhalten und seinen Konsequenzen gemeint.
Die Konsequenzen sollten dem Verhalten unmittelbar folgen, damit der Organismus den Zusammen-
kontinuierlicher Verstärkung. Sie ist besonders effizient beim Aufbau von Verhalten. Intermittierende
hang zwischen R und C erkennen kann [13]. Dieses
Verstärkung meint eine Prozedur, bei der nicht je-
Prinzip der Unmittelbarkeit von Konsequenzen auf
dem Verhalten, sondern nur gelegentlich (nach
das Verhalten hat vermutlich auch biologisch-evolu-
Quote oder nach Zeit) eine Konsequenz folgt. Ver-
tionäre Relevanz. Beim Aufbau von Verhalten in der
halten, das nach einem flexiblen Verstärkungsplan
Therapie muss dies unbedingt berücksichtigt wer-
aufrechterhalten wird, erweist sich als besonders
den.
Primäre und sekundäre Verstärker: Reize (C) die ohne
█
löschungsresistent.
Diskriminationslernen: Verstärkung findet immer un-
einen vorherigen Lernprozess ihre Wirkung auf das
ter bestimmten Reizbedingungen statt. Organismen
Verhalten zeigen nennt man primäre Verstärker
lernen in der Regel sehr rasch, welche Stimuli mit
(z. B. Nahrung), Reize, die ihre Wirksamkeit erst
durch einen Prozess der Koppelung mit einem pri-
Stimuli aversive Konsequenzen folgen (SΔ).
Verstärkung verknüpft sind (SD) bzw. auf welche
mären Verstärker ihre Wirksamkeit zeigen, werden
als sekundäre Verstärker bezeichnet (z. B. Lob).
sehen ist ergibt sich nicht aus einer bloßen Beobach-
100%
tung des Verhaltens selbst, sondern erfordert eine präzise Analyse von Zielen unter Berücksichtigung normativer Aspekte.
Lernkurven und das Erlernen
von Kontingenzen
Der Verlauf des Lernens wird in besonders anschauli-
Wahrscheinlichkeit korrekter
Verhaltensweisen
184
cher Form in sog. Lernkurven beschrieben. Dabei könzeitlicher Verlauf bzw. Versuchsdurchgänge
nen Häufigkeit und Verlauf von einzelnen Verhaltensweisen im zeitlichen Verlauf beschrieben werden.
Abb. 5
[14].
Asymptotische Lernkurve bei operanter Konditionierung
Ein besonders interessantes Phänomen bildet der Verlauf von operantem Verhalten, das kontinuierlich oder
C+
auch intermittierend verstärkt wird (Abb. 5).
C–
C+
C+
C–
Organismen lernen demnach ein bestimmtes Verhalten
durchaus bis hin zu einem stabilen Niveau – allerdings
C–
nicht zu 100 %: Dies ist nach allgemeiner Ansicht [14]
bilität von Verhalten. Organismen zeigen trotz der Verstärkung andere (problemlösende) Verhaltensweisen,
C–
C+
eine wichtige Voraussetzung für die zukünftige Flexi-
C+
R1
C–
die möglicherweise auch (höhere) Verstärkung erfahren könnten.
C+
C–
C–
C+
C–
Ein weiterer wichtiger Umstand betrifft die Tatsache,
dass einem spezifischen Verhalten in der Regel nicht
nur eine einzelne Konsequenz nachfolgt, sondern dass
das Verhalten in eine breite Palette von natürlichen
Kontingenzen eingebettet ist (Abb. 6).
Psychiatrie und Psychotherapie up2date 4
ê 2010
Rn
C–
natürliche Kontingenzen
Abb. 6 Lernen von Kontingenzen, d. h. von Beziehungen zwischen
Reaktionen und Umweltbedingungen [13].
Spezielle Themen
Operantes Lernen ist deshalb als ein sehr komplexer
Tritt bei einer Person etwa hinsichtlich der zweiten Be-
und auch aktiver Prozess zu sehen, bei dem sich das
dingung ein aktueller Verstärkerverlust – etwa durch
Individuum in der Umgebung orientiert: Die Ausfor-
den Tod eines Partners – auf, so ist für die Person eine
mung von Verhalten erfolgt danach, welches Muster
Art Vakuum an sonst vorhandenen Verstärkern gege-
an Kontingenzen in Relation zu einem spezifischen
ben. Das führt zu einer Reduktion an aktueller Verstär-
Verhalten für den Organismus ein Optimum ergibt [13].
kung für bisherige Verhaltensweisen durch den Prozess
der operanten Löschung (s. u.).
Operantes Lernen in der Ätiologietheorie
Die Theorie des Verstärkerverlustes hat eine Fülle an
empirischen Studien ebenso ausgelöst wie auch ver-
Speziell zur Erklärung der Aufrechterhaltung von (pa-
schiedene Ergänzungen und Differenzierungen erfah-
thologischem) Verhalten spielt die Analyse von Konse-
ren. Eine der wichtigsten war die Theorie der erlernten
quenzen des Verhaltens eine wichtige Rolle.
Hilflosigkeit [16], wonach depressives Verhalten in
erster Linie durch aversive Konsequenzen aufrechter-
Viele Verhaltensmuster des Alltags ebenso wie z. T.
halten wird, die unabhängig vom Verhalten der Person
bizarre Verhaltensweisen werden durch ihre un-
– also unkontrollierbar sind.
mittelbaren Konsequenzen aufrechterhalten.
Neben den vielen Studien erwies sich die Theorie auch
Dazu zählen der Konsum von psychotropen Substanzen
als ausgesprochen fruchtbar für die Therapie der De-
ebenso wie delinquentes Verhalten, aber auch Essstö-
pression: Zentral ist demnach die Vermittlung von so-
rungen oder Ängste, bei denen die Konsequenzen der
zialen Fertigkeiten um in den Genuss von Verstärkern
natürlichen Umgebung zumindest mit zur Aufrechter-
zu gelangen, sowie die schrittweise Vermittlung von
haltung beitragen.
subjektiver Kontrolle über Kontingenzen des Verhaltens.
Beispiel: Unabhängig von Faktoren der Entstehung
einer agoraphobischen Problematik eines Patienten
werden das Schonverhalten, das Klagen über Be-
Operante Löschung
schwerden und der soziale Rückzug durch die Unterstützung der Umgebung mitstabilisiert – im Sinne von
+
−
positiver (C ) oder negativer (C/ ) Verstärkung.
Das Prinzip der Löschung spielt bei der operanten Konditionierung ebenso eine Rolle wie im klassischen
Konditionieren. Die Begrifflichkeit ist dabei durchaus
Verstärkerverlusthypothese der Depression. Ein be-
verwirrend. Im klassischen Konditionieren meint die
sonders augenfälliges Beispiel für die Erklärung patho-
Löschung den Wegfall eines Verstärkers (CS→UC/S),
logischen Verhaltens durch operante Faktoren bildet
während im operanten Konditionieren der Wegfall des
die Verstärkerverlusthypothese der Depression [15].
Verstärkers ein Ausbleiben von C+ meint (R→C/+). In bei-
Depressives Verhalten ist dadurch gekennzeichnet,
den Fällen kommt es zu einer Reduktion der Verhal-
dass es spezifische Unterschiede in der Häufigkeit ein-
tensrate. Als Spezialfall bei der operanten Löschung ist
zelner Verhaltensmuster im Kontrast zu gesunden Per-
zu beachten, dass die Löschungskurve (Abb. 3) abhän-
sonen gibt: Aktives Verhalten, berufliche Initiativen,
gig von der vorherigen Lerngeschichte zu sehen ist.
soziale Interaktionen sind bei Depressiven reduziert,
Während kontinuierlich verstärktes Verhalten sehr
während Rückzug, Klageverhalten etc. häufig auftreten.
rasch zu löschen ist, benötigt intermittierend verstärk-
Lewinsohn nahm nun an, dass das Auftreten „depressi-
tes Verhalten z. T. mehrere 100 Versuchsdurchgänge bis
ver“ Verhaltensweisen durch eine Kombination folgen-
es zu einer stabilen Reduktion der Verhaltensrate
der Bedingungen zustande kommt und aufrechterhal-
kommt (s. dazu auch die Ausführungen zu Spezialpro-
ten wird durch:
blemen bei Löschung). Zur Erklärung kann man auf die
█
prinzipiell vorhandene bzw. zugängliche Verstärker –
Erwartungstheorie der Löschung verweisen: Bei inter-
im Wesentlichen abhängig auch von der individuel-
mittierend verstärktem Verhalten erwartet der Orga-
len Lerngeschichte,
nismus nicht in jedem Falle eine Verstärkung, sodass
█
aktuell zugängliche Verstärker und
das Verhalten auch beim mehrfachen Ausbleiben von
█
Fähigkeiten der Person, in den Genuss der Verstärker
C+ immer wieder gezeigt wird.
zu gelangen (z. B. soziale Fertigkeiten).
Psychiatrie und Psychotherapie up2date 4
ê 2010
185
Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
tuation steigen zunächst Angst und Unruhe unmittelbar an. Da es sich dabei um eine für den Patienten be-
Erwartung des Klienten:
kontinuierlicher Anstieg,
extrem hohe Angst
Subjektives Ausmaß der Angst
186
sonders unangenehme Situation handelt, versucht er
diese bald zu vermeiden (R→C/−) mit der Konsequenz,
dass die Angst und Unruhe unmittelbar absinken (negative Verstärkung!), das Vermeidungsverhalten aber
dadurch stabil aufrechterhalten wird. Im Grunde kann
tatsächlicher Verlauf:
Angst sinkt nach gewisser Zeit
er nie die konkrete Erfahrung machen, dass es zu dem
von ihm erwarteten Anstieg von Angst und Unruhe
(→ C−) gar nicht kommt, wenn er in der Situation verbleibt. Die einzige Möglichkeit diese Erfahrung zu ma-
Vermeidung:
Angst sinkt
unmittelbar ab
chen besteht in dem Prinzip der Konfrontation (mit der
aversiven Situation) und der Reaktionsverhinderung
(des Vermeidungsverhaltens).
Beginn der
Konfrontation
Abb. 7
zeitlicher Verlauf
Anstieg und Abfall der Angst bei Konfrontation mit Reaktionsverhinderung.
CS
UCS
(= Stimulus)
(=Verstärker)
Unterschiede von klassischem und
operantem Konditionieren
Die Unterscheidung von klassischem und operantem
Konditionieren spielte in frühen Untersuchungen zu
den Lerntheorien eine wichtige Rolle. Vertreter der
jeweiligen Richtung versuchten das klassische bzw. das
R
C+
(= Reaktion)
(=Verstärker)
zeitlicher Verlauf
klassische
operante
Konditionierung
operante Konditionieren als das grundlegende Prinzip
zu sehen. Dabei gibt es inzwischen gute Argumente für
die Trennung der beiden Lernprozesse auf der Grundlage theoretischer Überlegungen oder betroffener Organsysteme. In der Praxis ist es allerdings kaum möglich, mit einem der beiden Modelle allein auszukommen [17]. Auch bei klassisch konditionierten Reaktio-
Abb. 8
Differenzierung zwischen klassischer und operanter Konditionierung.
nen erfolgt eine Konsequenz der Umwelt (C) und auch
eine operante Reaktion erfolgt immer in einer Situation
Löschung von Vermeidungsverhalten. Vermeidungs-
(S). Aus heutiger Sicht ist eine Differenzierung ange-
verhalten (z. B. bei phobischen oder zwanghaften Stö-
bracht, wie sie in Abb. 8 verdeutlicht wird.
rungen) ist dadurch gekennzeichnet, dass es durch das
Ausbleiben einer (erwarteten) aversiven Konsequenz
Die entscheidende und für die Praxis relevante Diffe-
aufrechterhalten wird (R→C/−). Das Verhalten ist in der
renzierung zwischen den beiden Lernformen besteht
Regel äußerst stabil im Repertoire des Patienten, weil
darin, dass der Organismus im klassischen Konditio-
er nie die konkrete Erfahrung machen kann, dass die
nieren eine Verknüpfung zwischen Stimuli herstellt
aversive Konsequenz auch ausbleibt, wenn er in der
(CS→UCS), während er im operanten Konditionieren
Situation bleibt bzw. wenn er auf das Vermeidungsri-
eine Verknüpfung zwischen dem eigenen Verhalten
tual verzichtet. In therapeutischer Hinsicht hat dies
und spezifischen Konsequenzen leistet (R→C). Zu be-
die Konsequenz, dass der Patient nur durch die Kon-
achten ist auch die jeweilige zeitliche Relation: Im
frontation mit der (vermeintlich aversiven) Situation
klassischen Konditionieren erfolgt der Verstärker vor,
und durch Unterlassen des Vermeidungsrituals die
im operanten Konditionieren nach der Reaktion des
konkrete Erfahrung machen, dass die von ihm erwar-
Organismus. Die „doppelte“ Verwendung für den Be-
teten Konsequenzen auch bei der Bewältigung der
griff „Verstärker“ mag zunächst verwirrend sein: Im
Situation ausbleiben (Abb. 7).
klassischen Konditionieren handelt es sich um den UCS,
im operanten Konditionieren um eine Konsequenz des
Die Abszisse in Abb. 7 kennzeichnet den zeitlichen Ver-
Verhaltens in Form von C+. Es ist deshalb durchaus
lauf, die Ordinate den Anstieg von Angst und Unruhe
konsequent, von klassischem Konditionieren als S-S-
einerseits und die Tendenz zur Vermeidung anderer-
Lernen, bei operantem Konditionieren hingegen von
seits. Bei der Konfrontation mit einer gefürchteten Si-
R-S-Lernen zu sprechen.
Psychiatrie und Psychotherapie up2date 4
ê 2010
Spezielle Themen
2-Faktoren-Theorie des Lernens
UCS
zusammenwirken, wird am Beispiel der 2-FaktorenTheorie besonders deutlich [18]. In der Darstellung des
klassischen Konditionierens wurde bereits darauf hin-
UCR
(=Verstärker)
Wie eng klassisches und operantes Konditionieren
1. Faktor:
klassische
Konditionierung
(z. B. Angst)
NS
(z. B. Autofahren)
gewiesen, dass wir uns die Entstehung von Angst als
CS
Koppelung von Stimuli vorstellen können (CS→UCS):
CR
(Autofahren)
(Angst)
Dabei erwirbt ein vorher neutraler Stimulus die Funktion eines Auslösers für eine Furcht- oder Schmerzreaktion (UCR bzw. CR) – dies bildet den ersten Faktor im
Modell (Abb. 9). Diese konditionierte Reaktion würde
nach dem Prinzip der Löschung sehr rasch wieder
rückgebildet, da in der Regel nicht mehrere Koppelun-
SD
(Angst)
`R
(Vermeidung)
gen von CS und UCS erfolgen.
Da Angststörungen aber sehr stabil sind, muss für die
CER
(diskriminativer
Hinweisreiz)
2. Faktor:
operante
Konditionierung
Abb. 9
2-Faktoren-Theorie des Lernens [16].
Aufrechterhaltung ein 2. Faktor ins Spiel kommen: Der
CS wird zum diskriminativen Hinweisreiz (SΔ) für die
Personen aber auch von Gegenständen sein. Patienten,
aversive Situation (UCS) und ebenso aversive Reaktion
die unter agoraphobischen Ängsten leiden, berichten
(CR) – in der Regel eine konditionierte emotionale Re-
etwa, dass sie sich deutlich sicherer fühlen, wenn sie
aktion, deshalb CER. Der Hinweisreiz löst unmittelbar
die Medikamente bei der Autofahrt im Handschuhfach
Flucht- und Vermeidungsverhalten aus und diese Re-
mitführen oder wenn sie das Mobiltelefon mit der Not-
aktion wird unmittelbar negativ verstärkt (C/−), weil die
rufnummer griffbereit haben.
erwartete aversive Reaktion ausbleibt. Durch die Vermeidung kann der Organismus nicht mehr die konkrete
Erfahrung machen, dass das Vermeidungsverhalten die
Kognitive Aspekte beim Lernen
Funktion von „abergläubischem Verhalten“ besitzt,
weil es durch den Wegfall einer (niemals überprüften)
Lernen wird zu Recht als aktiver Prozess auf unter-
aversiven Situation aufrechterhalten wird.
schiedlichen Ebenen betrachtet. Veränderungen auf
neurologischer und neurobiologischer Ebene sind da-
Für Angststörungen ist nun besonders zu beachten,
bei ebenso zu berücksichtigen wie Veränderungen von
dass nicht nur externe Stimuli (z. B. Höhen, Menschen-
einfachen bis hin zu komplexen Verhaltensmustern
ansammlungen) die Funktion von konditionierten
und kognitiven Ereignissen, Prozessen und Strukturen.
Auslösern für Vermeidung übernehmen können. Kon-
Bereits in den frühen klassischen Lerntheorien (z. B. bei
ditionierte emotionale Reaktionen beinhalten immer
Tolman) wurde auf das Konstrukt der Erwartungen als
eine Reihe von körperlichen Aspekten, die ihrerseits
wichtige Erklärung für den Prozess des Lernens ver-
zu diskriminativen Hinweisreizen für die Vermeidung
wiesen.
werden können (z. B. erhöhter Herzschlag, Schwitzen).
Im Rahmen kognitiver Theorien in der Psychologie
Vielfach kann der Betroffene auslösende Stimuli gar
ganz allgemein gewinnen auch kognitive Modelle zur
nicht explizit benennen, im Sinne einer Automati-
Erklärung von Lernprozessen besondere Bedeutung.
sierung lösen sie jedoch das Vermeidungsverhalten
Im Folgenden werden einige zentrale Aspekte näher
ganz stabil aus.
betrachtet.
Eine wichtige Ergänzung des 2-Faktoren-Modells bildet
die Theorie der Sicherheitssignale [10]. Patienten lernen
Modelllernen
nicht nur, welche Stimuli ein aversives Ereignis (UCS
oder CR) vorhersagen, sondern auch, in welchen Situa-
Ob Modelllernen ein eigenständiges Lernprinzip dar-
tionen die Angst ausbleibt oder reduziert wird. Stimuli,
stellt, ist nach wie vor umstritten. Ebenso diskutiert
die mit dem Wegfall von Angst assoziiert sind, erwer-
wird die Frage, ob das Modelllernen eher in den Bereich
ben den Charakter von Sicherheitssignalen. Dies kön-
der klassischen oder der kognitiven Lerntheorien ein-
nen zufällige Stimuli wie die Anwesenheit anderer
zuordnen sei. Unbestritten ist allerdings, dass viele
Psychiatrie und Psychotherapie up2date 4
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C–
(negative
Verstärkung)
187
188
Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
Modelllernen
Wichtige grundlegende Prozesse
█
zelne Elemente verändert und ggf. neu kombiniert
werden können.
Prozesse der Aufmerksamkeit: Ein Beobachter muss
ein Modell bzw. relevante Merkmale desselben
wahrnehmen und diese Verhaltensmuster in Rela-
█
weisen auch selbst motorisch umzusetzen (z. B.
tion zu eigenen Lernerfahrungen setzen.
█
Merkmale gespeichert werden.
█
komplizierte Bewegungen im Sport).
Voraussetzung ist ferner ein Prozess des Behaltens
bzw. der Speicherung von Information: Hier handelt
es sich um einen aktiven Prozess, bei dem relevante
Prozesse der symbolischen Codierung setzen eine Art
Motorische Reproduktionsprozesse beinhalten die
Fähigkeit des Individuums, beobachtete Verhaltens-
█
Aspekte der Motivation spielen beim Modelllernen
insofern eine wichtige Rolle, als die Selektion der
jeweiligen Beobachtung und Reproduktion entsprechend motivationaler Bedingungen erfolgt.
Transformation der Information voraus, wobei ein-
Personen zeigen in einer Situation spezifische ErwarSituation
Verhalten
Ergebnis
tungen darüber, welches Verhalten sich als wirksam
hinsichtlich eines Zieles herausstellen könnte (spezifisches Diskriminationslernen). Zusätzlich bilden sich
Erwartung der
Selbsteffizienz
Erwartung der
Verhaltenseffektivität
Erwartungen hinsichtlich der Frage, welche Auswirkungen das neue Verhalten (im Sinne einer Rückkoppelung) auf die Situation und die neue Steuerung des
Abb. 10
Prinzip der Self-Efficacy [19].
Verhaltens haben kann.
komplexe Verhaltensweisen gewissermaßen „direkt“
Prozesse des Modelllernens sind als Grundlagen der
durch Beobachtung nachgeahmt bzw. übernommen
Verhaltenstherapie in zweierlei Hinsicht bedeutsam:
werden – und dafür wurde der Begriff geprägt.
1. Zur Erklärung der Entstehung von Störungen: Pathologische Muster werden teilweise „direkt“ im Wege
Unter Modelllernen versteht man ganz allgemein
des Modelllernens übernommen. Viele Belege dazu
die Tatsache, dass Personen ihr eigenes Verhalten
gibt es für aggressives Verhalten (s. Rolle der Mas-
als Folge der Beobachtung des Verhaltens einer an-
senmedien), aber auch für Alkoholkonsum, Essver-
deren Person (= Modell) in Richtung dieses beob-
halten oder suizidales Verhalten (s. z. B.: „Werther“).
2. Zur Klärung des Merkmals der therapeutischen Be-
achteten Verhaltens ändert.
ziehung: Therapeuten sind für Patienten in jedem
Mit „Beobachtung des Verhaltens“ meint man nicht nur
Falle auch Modelle für sozial-kompetentes Verhalten.
die direkte Beobachtung in der Realität, sondern auch
Auch konkrete Hilfestellung für die Bewältigung
Beschreibungen, verbale oder symbolische Darstellun-
psychischer Probleme erfolgt vor dem Hintergrund
gen. Ein entscheidendes Argument für Modelllernen
der Modellfunktion des Therapeuten.
als eigenständiges Prinzip bildet die Differenzierung
von Aneignung und Durchführung („learning vs. per-
Ganz allgemein spielen Ansätze des Modelllernens bei
formance“): Viele Verhaltensweisen werden durch Be-
einer ganzen Reihe therapeutischer Methoden in der
obachtung erworben, aber nicht unmittelbar auch in
Verhaltenstherapie eine wichtige Rolle: Zu nennen sind
die Realität umgesetzt.
beispielsweise Strategien von Trainings in Selbstsicherheit und sozialer Kompetenz, bei denen Betroffene im
Zur Erklärung der Prozesse beim Modelllernen wird
Wege über Modelllernen von Therapeuten einerseits
in besonderer Weise auf sozial-kognitive Lerntheorien
und von Mitgliedern der Gruppe andererseits effiziente
verwiesen – dies obwohl viele Untersuchungen auf
Strategien zur Bewältigung komplexer sozialer Interak-
Modelllernen auch im infrahumanen Bereich (z. B. bei
tionssituationen erlernen können.
Primaten) hinweisen. Im Rahmen dieser Theorien wird
auf die oben angesprochenen Prozesse Bezug genommen. Sehr deutlich wird dies an der Theorie der SelfEfficacy von A. Bandura [19] (Abb. 10).
Psychiatrie und Psychotherapie up2date 4
ê 2010
Spezielle Themen
Konflikt und Konfliktmodelle
M
Überlegungen zur Relevanz von Konflikten für die EntStärke der Verhaltenstendenz
t
en
di
ra
-G
en
eid
stehung psychischer Störungen gehen z. T. bereits auf
I. P. Pawlow zurück: Neben der Darbietung massiver
aversiver Reize als ätiologische Faktoren (im Sinne der
klassischen Konditionierung) verwies er auf die Relevanz von Konflikten als Nährboden „neurotischer“ Entwicklungen: Er ließ seine Versuchstiere in Lernexperimenten eine Diskrimination zwischen positiven (Hinweis auf C+, Futter) und aversiven Reizen (Hinweis auf
Konfliktsituation
(meist anhaltend,
chronisch)
Auf
suc
hen
-
Gra
die
nt
C−, elektrischer Schlag) erlernen. Die Tiere erlernten
diese Differenzierung sehr rasch anhand von Hinweisreizen (SD, heller Kreis) bzw. (SΔ, helle Ellipse). Wenn
¬ Nähe zum Ziel
die beiden Hinweisreize einander angenähert wurden,
konnten die Tiere die Differenzierung (ab einem Ach-
Abb. 11
Konflikte als Grundlage für die klassische Konditionierung.
senverhältnis der Ellipse von 8 : 9) nicht mehr leisten –
und sie gerieten in einen für sie nicht mehr lösbaren
Konflikt.
levanz von Konfliktmodellen für die Grundlagen der
Verhaltenstherapie:
█
Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Theorien
Eine Ausdifferenzierung und theoretische Fundierung
zur Entstehung psychischer Störungen explizit Bezug
von Konfliktmodellen erfolgte später durch K. Lewin. Er
auf Konflikttheorien nehmen: Eine lange andauern-
kennzeichnete einen Konflikt „… als eine Situation, in
de, belastende Konfliktsituation stellt einen vielfach
der gleichzeitig entgegengerichtete, dabei aber annä-
prädisponierenden Faktor für die Entwicklung von
hernd gleich starke Kräfte auf das Individuum einwir-
Ängsten, depressivem Rückzug oder somatoformen
ken“ [20]. Lewin hat in der Folge verschiedene Arten
von Konflikten unterschieden, wobei der „Annähe-
Beschwerden dar.
█
Für den Prozess der Therapie selbst sind Konflikte
rungs-Vermeidungs-Konflikt“ eine besondere Bedeu-
von besonderer Relevanz: Der Patient steht bereits
tung besitzt (Abb. 11).
vor Beginn der Therapie vor der Frage, ob er sich auf
den therapeutischen Prozess mit durchaus angeneh-
Beim Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt zeigt eine
men Perspektiven (z. B. Bewältigung der Alkoholpro-
Person eine starke Annäherung an eine Situation, mit
blematik) einlassen sollte. Im Verlauf der Therapie
der Zeit bildet sich auch eine gewisse Vermeidungs-
ist er ständig mit dem Konflikt zwischen alten, ge-
tendenz aus, weil das Ziel bei näherer Betrachtung
wohnten (aber problematischen) Verhaltensmustern
durchaus auch unangenehme Komponenten besitzt.
und dem Aufwand des Erlernens von Alternativen
Im Kreuzungsbereich von Annäherungs- und Vermeidungstendenz ist die Situation für die Person nicht lös-
konfrontiert.
█
In der Theorie der Selbstregulation und -kontrolle
bar. Diese Konfliktsituation muss man sich für den Hu-
spielt der Aspekt von Konflikten eine wichtige Rolle:
manbereich als zumeist chronisch und dynamisch vor-
Selbstkontrolle ist dadurch gekennzeichnet, dass sich
stellen: Der Konflikt in einer belastenden Partnerschaft
die Person in einem Konflikt zwischen kurz- und
zu verbleiben (z. B. der Kinder wegen) oder sich zu
langfristigen Konsequenzen befindet, wobei diese
trennen ist zumeist mit massiven emotionalen Belas-
Konsequenzen jeweils unterschiedliche Attraktivität
tungen verknüpft.
besitzen.
Diese Belastungen und die Konflikthaftigkeit beinhalten in der Regel mehrere Ebenen (kognitiv,
Netzwerktheorien
emotional, Verhalten) und bilden vielfach den
Nährboden für pathologische Reaktionsmuster.
Lernen bedeutet nicht nur eine Veränderung konkreter Verhaltensweisen und -muster, sondern auch
Gerade Konflikttheorien verdeutlichen, dass eine strik-
eine Prüfung und ggf. Veränderung interner Reprä-
te Trennung in behaviorale und kognitive Modelle we-
sentationen.
nig sinnvoll ist. Sehr deutlich wird das auch an der Re-
Psychiatrie und Psychotherapie up2date 4
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189
190
Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
Konfliktmodelle
Einschränkungen und Besonderheiten
█
Es wäre deshalb verfehlt, Konflikte als rein kognitives
Geschehen aufzufassen.
Auf die Problematik des dynamischen Verlaufs von
Annäherungs- und Vermeidungstendenz wurde bereits verwiesen. Konflikte im menschlichen Bereich
█
In allen theoretischen Erörterungen zu Prozessen
sind keineswegs als so linear und klar verlaufend zu
des Lernens wurde die aktive Rolle von Personen be-
sehen wie dies in Abb. 6 suggeriert werden könnte.
█
Letztlich sind Konflikte und Belastungen immer auch
in Relation zu Prozessen der Bewältigung zu sehen:
tont. Personen sind nicht nur passiver „Spielball“ von
Konflikte beinhalten immer mehrere Ebenen: Von
besonderer Relevanz ist sicher die emotional-moti-
Konfliktsituationen, sie versuchen vielmehr eine aktive Lösung der Problematik – auch wenn diese Lö-
vationale Ebene, die darüber hinaus durch ihre Dau-
sungsversuche vielfach in eine weitere Verstrickung
er (Chronizität) eine besondere Belastung darstellt.
führen (z. B. durch Vermeidung).
Nach neueren Vorstellungen sind diese propositional
dauerhafter Wirksamkeit sein, wenn sich der Patient
repräsentiert und in Netzwerken organisiert [21, 22]
auf den emotionalen Aspekt seiner Befürchtungen ein-
(s. a. Abb. 12).
lässt („emotional processing“). Darüber hinaus erfordert eine stabile Veränderung auch eine Intervention
Implikationen des Netzwerkmodells von Kognitionen
auf der Ebene der netzwerkartigen Struktur, in der pa-
und Emotionen bestehen darin, im Verlauf der Therapie
thologische Informationen über Bewertungen, Stimuli
nicht nur eine stabile Veränderung von Verhaltens-
und Reaktionen gespeichert sind.
mustern anzustreben, sondern auch den internen Repräsentationen entsprechende Beachtung zu schenken.
Langfristig wirksame Veränderung pathologischer
Muster erfolgt demnach nicht allein durch eine Um-
Vermittlung von Information / Plausible
Modelle
strukturierung des Verhaltens (d. h. auf behavioraler
Ebene), sondern auch durch eine Veränderung kogni-
Aus heutiger Sicht kann man sich die Entstehung psy-
tiver / emotionaler Muster („emotional processing“ im
chischer Störungen (z. B. von pathologischer Angst als
Sinne von Foa und Kozak [23]).
Resultat des Zusammenwirkens verschiedener Faktoren vorstellen, nämlich
Praktisch gesehen erfordert dies ein therapeutisches
█
Vorgehen auf unterschiedlichen Ebenen: Zum einen
kann der Patient eine Veränderung seiner Befürchtun-
tion (klassisches Konditionieren),
█
gen und Bewertungen am besten durch einen Test in
der Realität vornehmen (z. B. im Rahmen eines Kon-
durch pathologisches Lernen im Sinne von Assoziadurch Lernen anhand von Konsequenzen des Verhaltens (operantes Konditionieren),
█
frontationsverfahrens). Dieses wird aber nur dann von
durch Modelllernen, gewissermaßen im Sinne einer
direkten Übernahme von Mustern,
█
durch direkte Vermittlung von Information (z. B.:
Schlangen sind gefährlich! An Angst kann man
Informationen
über
Stimuli
Beine
Spinne
giftig
sterben!).
Speziell der letztgenannte Aspekt wird zu Recht als Er-
haarig
kriecht
klärung für Ängste herangezogen, bei denen die Person
weder selbst noch im Wege über das stellvertretende
Lernen Kontakt oder Erfahrung mit der entsprechen-
Informationen
über
Reaktionen
„Hilfe!“
Flucht
vermeiden
den Situation hatte.
Lernen aber ist und bleibt ein aktiver Prozess auf meh-
weglaufen
reren Ebenen, wobei immer auch kognitive Aspekte
(auch im Sinne von sekundären „beliefs“) mit zur Auf-
Informationen
über
Bedeutungen
Abb. 12
rechterhaltung der Problematik beitragen. Gerade die
Angst
Gefahr
Ekel
Entwicklung „kognitiver Theorien“ und ihre nachgewiesene Wirksamkeit zur Behandlung eines inzwischen breiten Spektrums an psychischen Störungen
Netzwerkmodell.
Psychiatrie und Psychotherapie up2date 4
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Spezielle Themen
Netzwerkmodell
Unterscheidung verschiedener Ebenen
█
oder auch durch bloße Information haben Situatio-
im Laufe der Erfahrung, dass bestimmte Reize mit
emotionalen Bedeutungen verbunden sind. Diese
nen und Worte eine spezifische Bedeutung erhalten,
sind relativ stabil gespeichert und können bei Kon-
█
Wege über klassisches Konditionieren (Assoziation)
Informationen über Bedeutungen: Menschen lernen
█
die ebenfalls im Netzwerk verankert ist.
Information über Reaktionen: Dies ist als prädispo-
frontation mit einem internen oder externen Reiz
nierende Struktur für Verhaltensprogramme anzu-
sehr rasch abgerufen werden (z. B.: Wahrnehmung
sehen, die bei relevanten Stimuli sehr rasch aktiviert
des eigenen Herzschlages→Gefahr→Tod).
Informationen über Situationen: Situationen werden
werden (z. B. Flucht- und Vermeidungsprogramme).
symbolisch (verbal / propositional) gespeichert. Im
verdeutlicht, dass kognitive Aspekte in der Therapie
nicht nur als „Beiwerk“ gesehen werden dürfen, son-
Selbstbeobachtung
(Ist-Zustand)
dern dass man ihnen ganz gezielt Rechnung tragen
Rückkoppelung
sollte. In der kognitiven Verhaltenstherapie bietet sich
dies in folgenden Bereichen an.
Selbstbewertung
(Standards, SollZustand)
Rückkoppelung
Selbstregulation und Selbstkontrolle
Selbstverstärkung
(anhand des
Ist « Soll-Vergleichs)
Im Modell der Selbstregulation wird explizit davon
ausgegangen, dass Menschen in der Lage sind,
eigenes Verhalten selbst zu beobachten, dieses
Abb. 13
Modell der Selbstregulation nach Kanfer.
Verhalten in Relation zu eigenen Standards zu setzen und sich selbst Konsequenzen für das Erreichen
über eine sog. O-Variable. Mittlerweile ist klar, dass
oder Nichterreichen der Standards zu verabreichen
nicht nur somatische Bedingungen große Bedeutung
(Abb. 13).
für den Ablauf des Verhaltens haben, sondern auch die
Lerngeschichte, inkl. kognitiver Muster, Annahmen,
Im funktionalen Modell des menschlichen Verhaltens
Standards usw. Aufgabe der funktionalen Analyse ist
wurde bereits von Skinner die Variable des Organismus
es deshalb, diese Muster ebenfalls zu erfassen, weil sie
eingeführt: Situationen lösen nicht direkt spezifische
nicht selten die entscheidende Ebene einer Problema-
Reaktionen aus, sondern es erfolgt eine Vermittlung
tik ausmachen.
Kognitive Aspekte in der Therapie
█
Direkte Vermittlung von korrekter Information [10]:
Hintergrund unseres theoretischen Wissens einer-
Die Vermittlung von fachlich korrekter Information,
z. B. auch über aktuelle Gefahren oder über die
seits und der individuellen Lernbedingungen der
Funktion von körperlichen Prozessen kann einen
ten bietet diese Form der Intervention bereits eine
erster Schritt zur Bewältigung darstellen, oder auch
erste Erleichterung und motiviert zu einer weiteren
Person andererseits zu vermitteln. Für viele Patien-
Informationen im Zusammenhang mit Erkrankun█
gen.
Vermittlung von plausiblen Modellen über Entste-
█
Bewältigung der Problematik.
Kognitive Therapie im engeren Sinne: Diese Strategie
geht weit über die im ersten Punkt angesprochene
hung und ggf. Veränderung einer Problematik: Pa-
Vermittlung von Information hinaus. Verschiedene
tienten sind zu Beginn der Therapie zunächst beson-
Modelle kognitiver Therapien haben unterschiedli-
ders daran interessiert, wie man sich die Entstehung
einer Problematik erklären kann („Warum habe ich
che Schwerpunkte. Gemeinsam ist ihnen der Aspekt,
dass kognitive Einstellungen, Bewertungen, Verzer-
diese Ängste?“). Hier ist es Aufgabe des Therapeu-
rungen direkt zum Gegenstand der Intervention
ten, dem Patienten eine plausible Information über
die mögliche Entstehung der Problematik vor dem
werden (z. B. durch die Strategie der Disputation,
des sokratischen Dialogs usw.).
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192
Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
Reaktion
Selbstkontrolle I
(„Widerstehen einer
Versuchung“)
kurzfristige
Konsequenz
Selbstkontrolle II
(„heldenhaftes
Verhalten“)
C+
C+
C–
R1
Abb. 14
scheiden [24].
chung“) geht es darum, dass sich eine Person dagegen
entscheidet, eine Verhaltensweise mit prinzipiell hoher
C+
Wahrscheinlichkeit und unmittelbarer positiver Ver-
C–
C+
C–
Im erstgenannten Konflikt („Widerstehen einer Versu-
C–
Konflikt II
R0
fliktsituation gegen aktuelle Kontingenzen zu ent-
C–
Konflikt I
R0
des Individuums voraus, sich anhand einer Kon-
C+
C+
R1
Das Prinzip der Selbstkontrolle setzt die Fähigkeit
langfristige
Konsequenz
C–
stärkung zu realisieren – zugunsten eines Verhaltens,
das erst langfristig positive Konsequenzen nach sich
zieht. Im 2. Fall („Heldenhaftes Verhalten“) entscheidet
sich die Person für Verhalten trotz aktueller kurzfristiger negativer Konsequenz – zugunsten eines Verhaltens, das auch erst langfristig positive Konsequenzen
Das Prinzip der Selbstkontrolle.
zur Folge hat.
Beispiel: Bei einer depressiven Patientin bedürfen die
In der Forschung wurde zu Recht auf das „Paradoxon
Muster des sozialen Rückzugs, das Weinen, Klagen,
der Selbstkontrolle“ verwiesen: Rein lerntheoretisch
Suizidtendenzen etc. einer genauen Erfassung. Dane-
betrachtet ist es durchaus als paradox anzusehen, dass
ben ist es aber ausschlaggebend, die kognitiven Muster
und warum sich Menschen für den Verzicht auf kurz-
und Schemata der Patientin zu erheben (z. B. „Ich bin
fristige positive und für das Ertragen einer kurzfristig
nichts wert!“; „Ich darf meine Wünsche und Bedürf-
aversiven Konsequenz entscheiden.
nisse nicht äußern!“).
Gerade in der therapeutischen Praxis ist es notwendig,
Einen Sonderfall der Selbstregulation nimmt das Kon-
diese Prinzipien der Selbstkontrolle zu kennen und in
strukt der Selbstkontrolle ein: Selbstkontrolle ist im
Verhaltensanalyse, Therapieplanung und Umsetzung
Kontrast zur Selbstregulation dadurch gekennzeichnet,
zu berücksichtigen (z. B. hinsichtlich der Motivation für
dass sich die Person mit ihren Handlungstendenzen in
die Abstinenz bei einem drogenabhängigen Jugendli-
einem Konflikt befindet. Dabei werden zumeist folgen-
chen).
de beiden Typen von Konflikten angeführt (Abb. 14).
█
Widerstehen einer Versuchung
█
heldenhaftes Verhalten
Kernaussagen
Lernen bedeutet ganz allgemein einen Prozess der
Veränderung von Verhalten im Verlauf der Entwicklung
█
Verhaltens durch gedankliche Muster, im Speziellen
eines Organismus. Verhaltenstherapie beinhaltet eine
durch Bewertungen, Wahrnehmung und Speiche-
Veränderung pathologischen Verhaltens in Richtung
therapeutischer Ziele, deshalb bilden die einzelnen
Kognitive Lernprozesse beinhalten eine Steuerung des
█
rung von Inhalten.
Zentral für kognitive Verhaltenstherapie ist insbe-
Prinzipien des Lernens eine zentrale Grundlage. Im
sondere eine funktionale Betrachtungsweise, wonach
Einzelnen meint dies:
Klassisches Konditionieren: Hier erwirbt ein vorher
eine präzise Beschreibung des Verhaltens und seiner
█
█
vorausgehenden, begleitenden und nachfolgenden
neutraler Stimulus die Funktion eines Auslösers für
Bedingungen entscheidend für eine Veränderung
einen vorherigen UCS (Prinzip der Stimulussubstitu-
ist. In der Verhaltenstherapie geht es demnach da-
tion).
rum, diese Bedingungen zu beeinflussen, um damit
auch das (pathologische) Verhalten zu verändern.
Operantes Konditionieren: Nach dem Gesetz des Effekts werden zukünftige Verhaltensweisen durch
die aktuellen Kontingenzen gesteuert.
Psychiatrie und Psychotherapie up2date 4
ê 2010
Spezielle Themen
Über den Autor
8 Craske M. Origins of Phobias and Anxiety Disorders: Why more
women than men? Amsterdam: Elsevier, 2003
9 Margraf J, Schneider S. Panik. Angstanfälle und ihre Behand-
Hans Reinecker
lung. Berlin: Springer, 1990
10 Rachman SJ. Fear and courage. 2nd ed. New York: W. H. Free-
Prof. Dr. phil. Hans Reinecker. Jahrgang 1947. 1967–1973 Studium
der Psychologie in Salzburg. Promotion 1973. Habilitation 1980. Seit
1982 Lehrstuhl Klinische Psychologie / Psychotherapie an der Universität in Bamberg. Aufbau und Leitung
der Psychotherapeutischen Ambulanz für Forschung und Lehre. Leitung des Ausbildungsinstitutes CIP
Bamberg.
man, 1990
11 LeDoux JE. Emotion, memory, and the brain. Scientific American 2002; 12: 62–71
12 Skinner BF. Science and human behavior. New York: Macmillan, 1953
13 Timberlake WF. Reconceptualizing reinforcement: A causalsystem approach to reinforcement and behavior change. In:
Donohue WO, Krasner L, Eds. Theories of behavior therapy.
Washington, D. C.: American Psychological Association, 1995
14 Kimble GA. Hilgard and Marquisʼ Conditioning and Learning.
New York: Appleton-Century-Crofts, 1961
15 Lewinsohn PM. Clinical and theoretical aspects of depression.
In: Calhoun KS, Adams HE, Mitchell KM, Eds. Innovative meth-
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. Hans Reinecker
Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Psychologie III
Markusplatz 3
96047 Bamberg
Telefon: +49/(0)951/863-1884
E-Mail: [email protected]
ods in psychopathology. New York: J. Wiley, 1974
16 Seligman MEP. Erlernte Hilflosigkeit. 4. Aufl. Weinheim: Beltz
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17 Kanfer FH, Phillips JS. Lerntheoretische Grundlagen der Verhaltenstherapie. München: Kindler, 1975
18 Mowrer OH. Learning theory and behavior. New York: J. Wiley,
1960
19 Bandura A. Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavior
change. Psychological Review 1977; 84: 191–215
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Literatur
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is. American Psychologist 1988; 43: 151–160
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3 Michael T, Ehlers A. Lernpsychologische Grundlagen
der Kognitiven Verhaltenstherapie. In: Margraf J, Schneider S,
Hrsg. Lehrbuch der Verhaltenstherapie. 3. Aufl. Berlin: Springer, 2009
Leipzig: Hirzel, 1931
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23 Foa EB, Kozak M. Emotional processing of fear: Exposure to
corrective information. Psychological Bulletin 1986; 99: 20–
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24 Kanfer FH, Reinecker H, Schmelzer D. SelbstmanagementTherapie. Ein Lehrbuch für die klinische Praxis. 4. Aufl. Berlin:
Springer, 2005
4 Seligman MEP. On the generality of the laws of learning. Psychological Review 1970; 77: 406–418
5 McNally RJ. Preparedness and phobias: A review. Psychological
Bulletin 1987; 101: 283–303
6 Reinecker H. Grundlagen der Verhaltenstherapie. 3. Aufl.
Weinheim: Beltz PVU, 2005
7 Mineka S, Zinbarg R. A Contemporary learning theory perspective on the etiology of anxiety disorders: Itʼs not what you
thought it was. American Psychologist 2006; 61: 10–26
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Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
CME-Fragen
Die folgenden Fragen beziehen sich auf den vorangehenden Beitrag. Sie können uns die entsprechenden Antworten entweder online unter http://cme.thieme.de oder durch das CME-Teilnahmeheft
hinten in dieser Zeitschrift zukommen lassen. Jeweils eine Antwort ist richtig.
Die Vergabe von CME-Punkten ist an die korrekte Beantwortung der Multiple-Choice-Fragen
gebunden.
1
Was meint man mit Kontinuitätsan-
A
nahme des Lernens?
Normales ebenso wie pathologisches Verhalten sind auf der Grundlage derselben Lernprinzipien
entstanden.
B
Verhalten muss kontinuierlich aufgebaut werden.
C
Beim Lernen ist von einem Kontinuum von klassischem und operantem Konditionieren auszugehen.
D
Einmal gelerntes Verhalten bleibt im Repertoire kontinuierlich bestehen.
E
Normales und pathologisches Verhalten sind im Organismus kontinuierlich verteilt.
Was meint das Prinzip der Kontigui-
A
CS und UCS stammen aus derselben Modalität.
tät im klassischen Konditionieren?
B
Der CS übernimmt die Funktion des UCS.
C
Raum-zeitliche Koppelung von CS und UCS.
D
Für Lernen muss zwischen CR und UCR eine Kontingenz bestehen.
E
Kontiguität und Kontingenz meinen dasselbe Prinzip.
Was bedeutet das Prinzip der Lö-
A
CS und CR werden gemeinsam dargeboten.
schung im klassischen Konditionie-
B
CR und UCR werden unabhängig dargeboten.
ren?
C
Löschung bedeutet die Tendenz zur Spontanremission bei Phobien.
D
Löschung heißt pathologische Reaktionen rückgängig zu machen.
E
CS ohne Darbietung des UCS.
Was bedeutet das Prinzip der Pre-
A
Prinzipien des Lernens sind universell.
paredness im klassischen Konditio-
B
Lernen ist vor einem biologisch-evolutionären Hintergrund zu sehen.
nieren?
C
Der Organismus muss auf das Lernen vorbereitet sein.
D
Evolution ist unabhängig von Lernprozessen zu sehen.
E
Lernen verläuft im infrahumanen Bereich analog zum Humanbereich.
Was meint interozeptives Konditio-
A
Somatische Reize können die Funktion eines CS übernehmen.
nieren?
B
Interne Reize werden durch Lernprozesse verknüpft.
C
Psychosomatische Erkrankungen sind durch Lernen veränderbar.
D
Die Wahrnehmung körperlicher Reize ist die Voraussetzung für die Verknüpfung von CS und UCS.
E
Internale Reize sind den Prozessen des Lernens nicht unterworfen.
Was meint das Gesetz des Effekts im
A
Verhalten ist nur wirksam, wenn positive Verstärker folgen.
operanten Konditionieren?
B
Effektives Verhalten wird immer verstärkt.
C
Verhaltensweisen werden durch ihre Konsequenzen gesteuert.
D
Langzeiteffekte des Verhaltens sind nicht wirksam.
E
Strategien auf der Grundlage von Lernprinzipien gelten als effektiv.
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3
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CME
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| Psychiatrie und Psychotherapie up2date
CME-Fragen
Lerntheoretische Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
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Was meint das Prinzip der negativen
A
erhöht die zukünftige Auftrittswahrscheinlichkeit von Verhalten
Verstärkung?
B
ist mit Bestrafung gleichzusetzen
C
sollte im Bereich von Psychotherapie immer unterbleiben
D
ist wirkungslos
E
senkt die zukünftige Auftrittswahrscheinlichkeit von Verhalten
Was ist die Theorie des Verstärker-
A
erklärt die Entstehung von Angststörungen
verlusts?
B
bildet eine Erklärung für die Löschung von Vermeidungsverhalten
C
erklärt die Auftrittshäufigkeit von Verhalten
D
gilt heute als nicht mehr aktuell
E
bildet eine Erklärung zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Depressionen
Wofür kann Modelllernen eine
A
für das Zusammenwirken von klassischem und operantem Konditionieren
Erklärung bieten?
B
für die direkte Übernahme komplexer (pathologischer) Verhaltensmuster
C
für die Tatsache, dass Menschen ohne direkte Instruktion lernen können
D
für die Häufigkeit aggressiven Verhaltens bei Jugendlichen
E
für die differenzielle Ausformung pathologischen Verhaltens
Was ist für Selbstkontrolle kenn-
A
Dass Selbstregulation begrenzt ist.
zeichnend?
B
Dass Personen „Willensstärke“ besitzen.
C
Dass Personen in der Lage sind, eigenes Verhalten zu steuern.
D
Das Vorliegen eines Konfliktes zwischen kurz- und langfristigen Konsequenzen des Verhaltens.
E
Dass kurzfristige Konsequenzen bedeutsamer sind als langfristige.
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